Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt

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Sehnen, die sich langsam lösen,
in die Nacht gespannt.
Woran denkst du – dass meine Seele umschlägt
in Verlangen.

Sehnen, das sich langsam löst,
in das Bereits gedehnt.
Die stillen Momente – die stillen Momente
sind das.

Bevor die Nacht geht,
stirbt Ich.
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An welchem Todestag wurdest du geboren

Ich kann vor mir selbst nicht fliehen. Das heißt: Vor niemandem – fliehen, fliehen.
Außer im Tod.
Die ultimative Flucht.
Und dann ist man immer so traurig. Die und der ist tot, gestorben, Krebs oder Drogen oder Selbstmord. An welchem Todestag wurdest du geboren.

Ich rechne immer mit dem Schlimmste. Also Stille, Stillstand, Tod.
Aber am ehesten noch Stille. Und Stille ist schlimmer als Tod – denn immer dort, wo etwas sein könnte, dort ist das Schreckliche.

 

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Schau nicht auf die Zeit, schau nur: Hast du dich schon komplett zu Ende gedacht, oder kommt da noch etwas. Versuchst du immer noch verzweifelt einen Weg durch dich selbst zu finden. So auf Zehenspitzen gegen den Verfall.
Und die Schuld, die Apfelschuld. Die Apfelschuld immer um sich selbst zu wissen – sich wissen. Sich Wahrheit wissen. Und zu wissen, wie viel zu viel ich bin.

Nicht noch ein innerer Monolog der berlinerischen Beziehungsunfähigkeit.
Beziehungsunfähigkeit ist simples: Du nicht. Rumgewippe mit den Beinen – die Kokser und Koketteriemenschen.

»Wie bekomm ich das jetzt rund und von mir ab. Wie werde ich denn jetzt zu dem Menschen, bei dem auch mal jemand bleiben will – so einfach da bleiben, einfach sein.« – Sirenengesänge, Klagelieder.

Ich bin schon wieder so komplett aufgerieben – ich hasse mich. Ich hasse meinen Körper und mein ganzes Dasein. Ich hasse es, ich zu sein. Ich weiß, dass das eine Krankheit ist – und irgendwie ist es nicht echt aber sehr real. Ich hasse es, dass andere Menschen so simpel in zwischenmenschliche Situationen hinein und eben so simpel wieder heraus driften können. Und ich nicht. An mir bleibt alles haften. Jeder bleibt haften. IN ÖSTERREICH BEDEUTET ANGREIFEN BERÜHREN. An mir bleibt dieses Vorbeigehen haften – das Passieren meiner Person, obgleich ich nicht passiere. Also ich passiere nicht – in dir nicht und dir und dir und dir nicht. Und ich kann es nur aus der Perspektive derer sehen, die vorbeigehen. Ich sehe mich dann als „es war schön, aber“ – und die Aberliste ist lang. Aber ich habe kein Gefühl, aber da ist noch Jemand anderes, aber ich hänge noch an Jemand anderem, aber ich kann mich nicht festlegen, aber so bin ich halt, aber, aber, aber. Und ich, ich, ich, ich ich – ich bin zu viel. Komplett offen zu viel.

Das Selbstbewußtsein ist an und für sich, indem, und dadurch, daß es für ein anderes an und für sich ist, d.h. es ist nur als Anerkanntes.

Kapitel Zwei ist dann: Ekel.

Ja, das ist auch irgendwie albern. Mir ist das selbst peinlich – so offen zu sein und sensibel und so überhaupt nichts trennen zu können und absolut keine Distanz zu haben. Ja, ich hasse es, keine Distanz zu haben – zur Welt oder den Menschen oder mir selbst. Ich bin all dem viel zu nah. Ich bin all dem viel zu nah, es sei denn, ich bin leer – Leere bedeutet, von allem so weit entfernt zu sein, dass ich absolut nichts spüre. Es gibt diese zwei Zustände in mir. Die Leere hasse ich auch.

Ich will ja auch raus aus diesem Körper – und mir. Ich verstehe das, morgens.
Zum wievielten Mal neben einem Typen aufgewacht und alles ist.

»Ich kann nur noch zu Bitter Sweet Symphony weinen.« – »Meine Exfreundin wollte immer, dass ich sie zu Bitter Sweet Symphony in den Arsch ficke.«
Immer sagen sie, es sei so schön mit mir – oder dann diese Abschiede in der U-Bahn. Tschüss. Eine Umarmung als würde man sich am Abend wieder sehen oder zumindest in ein paar Tagen oder einer Woche, aber in Wahrheit sehen wir uns nie wieder.

Keine Geschichte. Nur Enden.
Ich sterbe so im Kopf vor mich hin. Heiße Nervosität. Ich habe mir sehr erfolgreich 1000 Km entfernte Sehnsuchtsorte eingerichtet. Wohin jetzt mit meinem Verlangen/Ekel/Ich/Ich/Ich.

Also: An welchem Todestag wurdest du geboren.

 

An welchem Todestag wurdest du geboren

Dialektik

„Wow!“ sage ich. „Das ist … quasi … das genaue Gegenteil von mir.“ Im Vergleich zu ihm ist mein emotionales Gedächtnis elephantenartig, wahrscheinlich habe ich noch nie „Wahrscheinlich habe ich noch nie irgendetwas vergessen.“ sage ich. Voll übertrieben. „Voll übertrieben. Aber irgendwie auch nicht. Ich habe schon ein sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis – vor allem auf emotionaler Ebene. Irgendwie ist das faszinierend, was du beschrieben hast, ja – aber irgendwie kann ich es auch nicht glauben.“ Ich meine, das bedeutet ja auch – „Das bedeutet ja auch irgendwie, also – dann wäre ja unsere Wahrnehmung jeweils so verschieden, dass wir ähm nie wirklich miteinander ja auskommen können. Bei mir ist es wirklich das genaue Gegenteil. Ich denke ich erinnere mich mind. 15 Jahre zurück an Situationen, Gefühle, Dialoge – wie sich meine Gefühle innerhalb einer Beziehung verändert haben, ich spüre das ja jetzt z.B. auch wenn ich an meinen ersten Freund denke, Georg, damals mit 14 15 und als er nach ein paar Monaten eine neue Freundin hatte, wenn ich daran denke, spüre ich genau diesen Schmerz von damals quasi genau jetzt wieder – und ich weiß noch alles aus dieser Zeit, auch an Telefonate kann ich mich erinnern und am besten kann ich mich an Bücher erinnern, ja – also wann ich sie gekauft habe und warum und wer dabei war oder ob ich alleine war und wo natürlich und wann ich sie das erste Mal gelesen habe und wo und wie ich mich dabei gefühlt habe und mit wem ich das Buch verbinde. Ich verbinde fast jedes Buch mit einer Person oder einer Zeit, einer bestimmte Situation und es wirkt immer so, als wäre ich furchtbar nachtragend – nicht. Ich meine, also – ich meine, wenn ich mich wirklich noch daran erinnern kann, wie mein 15 Jähriger ähm Hanselfreund von damals mich verlassen hat und wie ich mich dabei gefühlt habe und ja ich hatte ihm irgendwann vor dem Abi auch wieder verziehen aber ich kann mich ja an jedes einzelne Gefühl zu ihm erinnern, das ist einfach in meinem Kopf und wandert – hier: ich meine hier irgendwo zwischen Kehle und Zwerchfell, da sind bei mir die Gefühle, oder – bei dir auch? Du musst doch auch irgendwelche Gefühle haben oder ist das immer nur situativ und wie das, wenn du dich nie erinnern kannst, dann muss ich dir doch furchtbar nachtragend vorkommen aber ich bin es gar nicht, wirklich nicht – ich habe einfach nur so ein gutes und detailliertes Gedächtnis, also auch ein tiefes Gedächtnis und ähm, ich kann ganz schön verloren gehen in meinem Kopf – wie ist das bei dir, ich meine, wie kann es sein oder wie kommt es dann überhaupt dazu, dass dir ein Mensch irgendwann mal etwas bedeutet, Liebe – kannst du dann überhaupt lieben oder verliebst du dich immer wieder neu, vergisst du das dann auch, wenn du dich verliebt hast? Das ist doch Wahnsinn – ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen wie du, wie du denkst und fühlst und wie deine, deine Freundschaften und so, wie das dann aussiehst, warum du überhaupt mit Menschen interagierst oder was dir das bringt, ob du das brauchst. Ich meine, brauchst du dann überhaupt menschliche Nähe oder Freunde – wenn du das eh immer alles vergisst, fühlst du dich überhaupt einsam. Ich meine, was fühlst du dann überhaupt, wer bist du dann und ist es anstrengend oder passiert es einfach so – ich kann mir das gar nicht vorstellen. Bei mir passiert immer alles einfach so, also auch Erinnerungen sind einfach so da. Ich finde das echt krass, warum ist das so, warum kann ich mich an alles erinnern und du dich an nichts und krass, du wirst auch dieses Gespräch vergessen und alles, das ist so seltsam – also nicht du, ich meine du bist wie du bist aber dass es so krasse Unterschiede gibt ist doch seltsam, dass wir uns mit unseren Gedächtnissen so diametral verhalten, dass das überhaupt so ist, dass wirklich jeder Mensch so komplett anders ist – ich meine jeder Mensch ist wirklich ein Individuum, eine so in sich geschlossene Einheit, Einzigartigkeit und klar, man kann Teile aus sich heraus lassen, Kommunikation und Wahrnehmung aber ich werde nie komplett wissen, wer du bist und wie du mich siehst oder die Welt und alles, ich werde das nie erfahren, ich werde das nie fühlen, ich werde das nie sein und also sind wir abgeschlossen, isoliert – also wir sind wirklich Individuen und dann frage ich mich, wie das sein kann, dass wir uns immer in so Kategorien einteilen lassen, verstehst du – also wir denken uns und die anderen oder überhaupt, sagen wir generell denken wir uns immer in Schubladen, Kategorien aber genau das gibt es ja nicht, das ist, das soll die Gleichung vereinfachen bzw. die Ungleichung weil wir uns eben nicht gleichen, weil jeder anders ist als ich, nicht-ich, weil jeder nicht-ich ist und es gibt diese Kategorien gar nicht, Schubladen, das sind Mechanismen der Vereinfachung weil wir mit diesem krassen Gedanken nicht klar kommen, dass jeder Mensch komplett anders ist und dass jeder Mensch etwas Fremdes ist und dass macht mir scheiße noch mal verdammte Angst, also ich habe Angst, du nicht – also ich habe Angst, also ich habe Angst, dass mich niemals irgendwer verstehen wird, dass ich für immer einsam bin und alleine und dass ich niemals irgendwen wirklich verstehe, dass das, wovon ich denke, dass es Verstehen ist, dass das nur eine Illusion ist, genau so wie die Schubladen, dass alles nur Illusion ist, dass ich mir die ganze Zeit etwas vormachen, also wir alle, dass wir alle uns eigentlich nur etwas vormachen und dass wir uns in Wahrheit überhaupt gar nicht verstehen, also quasi so wie mit Fremdsprachen nur dass halt jeder seine ganz eigene Sprache spricht und wir denken nur, wir würden beide Deutsch sprechen und es ist ja auch Deutsch, weil es die gleichen Worte sind aber ich weiß ja nicht, welche Bedeutung die Worte für dich haben und ich weiß nicht, ob meine Bedeutung der Worte, so wie ich es verstehe, ob das bei dir ankommt und dass ist doch scheiße und vielleicht reden wir die ganze Zeit nur aneinander vorbei aber keiner merkt es oder wir reden nur Quatsch oder verstehen alles ganz falsch aber es fällt niemandem auf und was, was machen wir denn da, also ich meine, wenn wir erkannt haben, dass es nur das Singuläre gibt, das Einzigartige, dass sich Menschen nicht in Kategorien einteilen lassen, dass es immer nur um dieses eine ganz besondere ganz spezielle Individuum geht, welches uns gerade gegenüber sitzt – also du, dass es nur um dich geht, dass es gerade nur dich gibt – also dich und mich aber eben für mich jetzt nur dich, dass es nur dich gibt, dass ich dich anfassen kann, dass ich dir zuhören kann, dass wir uns austauschen können – aber halt ganz langsam, mit viel Geduld und Vertrauen und mit viel Nachfragen und Überprüfen, ob man überhaupt das Gleiche meint, wenn man z.B. Baum sagt – was siehst du, wenn du an Baum denkst – ich sehe da immer, witzig, ich sehe da immer diesen einen Baum im Kindergarten, ich kann nicht mal sagen, was das für ein Baum ist – er war groß und man konnte das Zeug essen, was von ihm runter gefallen ist im Herbst aber keine Kastanien, eher so klein, schmal, nussig – ich weiß nicht, ich habe das schon lange nicht mehr gesehen aber das ist immer das erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an Baum denke – auf jeden Fall, wenn wir so sind, wenn wir das tun, wenn wir sehr viel Geduld haben und Zeit, dann kommen wir uns allmählich näher – so geistig oder seelisch oder halt vom Inneren her, oder, dann kommen wir uns nahe, indem wir uns dem Gegenüber also ich dir und du mir, indem wir uns öffnen, immer weiter öffnen und all unsere Ängste verlieren und dann, dann entsteht zwischen uns beiden etwas Neues, etwas dass nicht nur du und nicht nur ich ist – also etwas zwischen uns, dieses Wir, etwas Drittes, auch etwas Abgeschlossenes, weil es nur zwischen uns beiden ist aber dann entsteht etwas Drittes nur zwischen uns und ich glaube, ich glaube das ist es, ich glaube, mehr ist es nicht, mehr gibt es nicht, mehr Verstehen kann es nicht geben oder genau das ist Verstehen oder so, also vielleicht genau diese Erkenntnis – und zu erkennen, dass gerade die Unterschiede uns zusammen bringen … ja, genau und nicht das Gemeinsame.“

Dialektik

WISH YOU WERE HERE

Aber ich weiß, dass mich keiner mehr will. Ich weiß es – ich weiß nur nicht, warum. Ich weiß, dass ich alleine bin, das weiß ich – jeden Tag weiß ich das. Ich weiß das, es ist Wahrheit – du sagst immer: WAHRHEIT. Ja, es ist wahr, ich bin allein – jeden Tag – ich bin so allein, dass mich mittlerweile das Geräusch der Lüftung stört und ich habe sie schon komplett runter gedreht, weiter runter geht es nicht, ich kann sie nicht ausschalten, es geht nicht weiter runter, sie ist eigentlich schon nahezu lautlos, quasi nichts aber ich bin so allein, dass mich selbst dieses Nichts an Geräusch, dieses Nichts an Anwesenheit stört und ich weiß, wenn ich den Lüftungskasten öffne, oder wenn ich einfach den Strom kappe, ist sie aus – dann ist auch das weg, ich kappe den Strom, alles ist ruhig. Das weiß ich natürlich. Das bin ich. Aber was ich nicht weiß, warum – warum sammle ich diese ganzen Dinge, Worte, Handschriften, Screenshots von netten Worten oder irgendwas – warum sammle ich das. Ich schaue es mir z.b. nie an – ich weiß nicht, wie viele von diesen Screenshots ich habe, besitze – also die halt da sind auf irgendwelchen Festplatten oder in irgendwelchen Clouds von irgendwelchen Menschen die mir irgendwann mal irgendwas Nettes, Freundliches, irgendwas geschrieben haben – das weiß ich nicht mal, also warum b e s i t z e ich das dann – was besitze ich da, was ist das, Datenmüllschwachsinn aber er ist da und egal, jedes Mal drücke ich: Screenshot und wieder und wieder und wieder und wieder. Und ich würde das noch nicht mal irgendjemandem zeigen, ich würde nicht mal zeigen: Schau mal, voll nett … nichts davon, nein – das ist doch peinlich. Mir ist das peinlich aber wenn ich niemandem meine Sammlung an netten, freundlichen Screenshots zeigen kann, also wenn niemand all das jemals zu Gesicht bekommt, ist es dann überhaupt da – ich schaue es mir ja nicht an, ich weiß nicht mal, wo die alle sind, die ganzen Screenshots und wenn ich mir die nicht anschaue und ich die niemandem zeige, ich dieses ganze gute Zeug niemandem zeige, existiert es dann überhaupt, b e s i t z e ich es dann und was b e s i t z e ich da – was ist das. Wer sind diese Menschen, sind das Menschen, können sie sich daran erinnern, wie sie mir das geschrieben haben und wissen sie, dass ich einen Screenshot gemacht habe, soll ich jetzt immer „Screenshot“ schreiben, wenn mir irgendwas gefällt, ist es das – ist das das neue danke, danke aber das ist mir unangenehm aber ich drück es schnell weg, ich mache schnell einen Screenshot und dann verschwindet es in irgendeinem Ordner irgendwo auf irgendeiner Festplatte. Das ist die Wahrheit. Also genau das und warum will mich keiner mehr – also ich bin nicht hässlich, oder vielleicht doch. Wahrscheinlich. Und dumm, und habe keinen Humor, und kann nicht tanzen – ich kann mich nicht bewegen, ja. Ich liege nur rum. Ich kann nicht lachen – ich lache nie. Ich habe noch nie gelacht und ich heule immer aber am meisten Nachts, ich bin sehr frigide, reserviert und zurückgezogen – keine Leidenschaft, keine Zärtlichkeit und so. … Schau … und das ist ein unmöglicher Mensch – so einen Menschen kann es nicht geben. SO BIN ICH NICHT – ich bin irgendwas, irgendwas dazwischen, irgendwas ohne Attribute, ohne Hashtag, ohne Inhalt einfügen. Aber ICH BIN. Ich bin da. Ich bin da für dich. Und dann das – diese SMS, nachts, Worte – WISH YOU WERE HERE – aber die Radioheadversion … immer wieder schickst du mir diesen Song oder eine Textzeile oder ein Zitat aus dem Zauberberg und so ein kleiner Drei. Aber du bleibst nie stehen. Du gehst immer an mir vorbei – da ist immer noch ein Leben neben mir, etwas anderes – also ich, ich bin der Ausschnitt, das Fenster, das Andere. Das wo du mal eben schnell reinschaust, wenn du dein Eigenes nicht mehr tragen kannst, ertragen kannst, wenn du mal Abwechslung brauchst, was anderes – dann schreibst du mir WISH YOU WERE HERE. Aber du sagst nie: Ja. Du rufst nach dem ersten Date nie an. Du küsst mich niemals zum Abschied. Du schreibst nur WISH YOU WERE HERE – aber du hast kein Verlangen nach mir. Warum hast du kein Verlangen nach mir. Warum willst du nie mehr. Ich meine mehr – mehr als dieses WISH YOU WERE HERE aber die Radioheadversion – mehr, mehr, mehr als einfach alles irgendwie so ein bisschen und eigentlich gar nichts. Schwebe. Ich will dich. Ich will dich – mit dir zusammen sein, dich sehen, dich anfassen – ich will, dass du hier bist. Ich will, dass du ein paar Tage bleibst, bleiben willst, dass du mir vorschlägst, ein paar Tage zu bleiben, ohne Diskussion, ohne aushandeln zu müssen, wann wir uns wieder sehen und dann dieses beschissene Gefühl, immer dieses beschissene Gefühl, viel zu viel zu sein, immer für alle viel zu viel zu sein, dass einfach mein reines Dasein und dich wollen, dass das schon viel zu viel ist. Wie kann das zu viel sein – ich tu doch nichts, ich bin doch NUR DA. Aber das ist schon alles zu viel für dich – was weiß ich, ich verstehe es nicht – was daran verunsichert dich. Was für eine Krankheit bin – was für eine Krankheit ist das, statt Ja immer nur vielleicht zu sagen oder gar nichts, einfach gar nichts mehr zu sagen, nicht mehr zu antworten, tagelang, wochenlang – nicht mehr zu antworten immer dann, wenn ich wieder zu viel bin, immer dann, Stille. Nichts, nichts davon verstehe ich. Dann ist monatelang Stille und irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, ich habe mich daran gewöhnt, dass du ruhig bist, still bist, dass da nichts passieren wird, dass ich eine Krankheit bin, das „ja, aber Mädchen“ – okay, ich habe es verstanden, ehrlich. Ich verstehe es nicht aber ich habe verstanden. Ich lasse dich in Ruhe. Echt. Ich lasse dich in Ruhe, ich will nichts mehr von dir, ich verschwinde einfach, ich ziehe mich komplett zurück und ich kann mich so weit zurückziehen, bis ich nicht mehr existiere. Ich existiere nicht mehr. Okay. … Ruhe. Endlich Ruhe. Endlich Stille. Die Lüftung ist aus – ich habe die Sicherung rausgehauen und jetzt ist Ruhe. Endlich. Alles. Ruhig. Endlich. Tage. Monate. Ich bin verschwunden. Ich existiere nicht mehr. Alles okay, ich bin weg – aber dann vibriert mein Handy: WISH YOU WERE HERE.

WISH YOU WERE HERE

Sehnsucht

Ich saß heute von 9 bis 15 Uhr im Sessel und habe gelesen. In regelmäßigen Abständen habe ich aus dem Fenster geschaut. Viele Baufahrzeuge, Jogger, Leben. Ich will nicht mehr rauchen, weil mir meine Lunge weh tut aber das Verlangen danach ist groß. Nicht nur körperlich. Ich habe endlich einen Balkon also sollte ich auch endlich rauchen dürfen. Ich sehe mich als Person, die raucht. Aber ich rauche schon seit 15 Jahren und ich habe das Gefühl, bald tot zu sein.

Sehnsucht