Totalitärer Feminismus

Feminismus_Sarah Berger

I masturbate on your tears. Totalitärer Feminismus will eat you alive. Bye.

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follow me into the hole to enter dystopia wonderland

plötzlich sprang Pauline auf & sagte:

wir sind nicht nur in der zeit stehengeblieben, Jeanne, wir sind auch z u r üc k g e g a n g e n, wir sind in diese hütte abgestiegen wie in eine zeitkapsel, haben uns vom festland getrennt, sind in diese einsame insel gezogen, in uns Jeanne, wir sind einfach in uns e i n g e z o g e n, im zenit der individualität begriffen, & haben der restlichen welt den rücken gekehrt, wir haben sie verlassen, wir tun so, als würde sie nicht existieren, als wäre die scheiße nicht ein weiteres mal passiert, nein, uns ist ja gar nichts passiert, uns ging es irgendwie gut, wir hatten geld, nicht unbedingt viel aber ausreichend um im restaurant zu essen, um drinks zu trinken, um uns gras zu kaufen, ab und zu koks und mdma, um in clubs zu gehen und tagsüber ins café, um uns bücher zu kaufen & streamingdienste zu abonnieren, wir hatten auch zeit, zeit ins kino zu gehen, im sommer mit dem tretboot über den kanal zu fahren, auf den balkonen unserer freunde zu sitzen, bier zu trinken & über die heikle politische lage zu diskutieren, wir diskutierten ja wirklich viel, wir sprachen darüber, wir schrieben auf der suche nach verbündeten gesellschaftskritische tweets & ausführliche facebook-kommentare über unsere politischen positionen, über unsere wahrnehmungen der gegenwart, äusserten unsere meinungen zum geschehen, unsere ängste und hoffnungen, wir stritten uns auch, mit freunden genauso wie mit fremden, im internet, überall aber all das, das sein auf der einen seite und das wollen auf der anderen, diese seltsame verständnislosigkeit: wie kann es sein, dass uns das wieder & wieder passiert, dass wir keine solidargemeinschaft sind, dass wir, uns selbst ins neoliberale korsette gezwängt, in das äußerste menschliche grauen blicken, ins totale versagen des miteinanders, wie können wir da nicht als wahnsinnige durch die straßen rennend uns die seele aus dem leib schreien, nein, wir halten es nicht aus, wir halten uns nicht aus, also träumen wir vom inneren exil, wir träumen vom wahren einer facette zur tarnung der inneren rebellion, wir lassen unseren widerstand nur partiell entweichen, kontrolliert auf friedlichen demonstrationen, mit der ankündigung, im öffentlichen raum aufmerksamer zu sein für solidarische akte, im bemühen um mehr umsichtigkeit, aber nichts von alle dem heilte die wunde, die frühen anzeichen nicht gesehen zu haben, längst zu spät zu sein, die maschinerie war am laufen, alles wiederholte sich, wir haben versagt, Jeanne, wir haben versagt, wir sind teil dieser zivilisierten menschheit, die sich selbst so sehr hasst, dass sie sich immer und immer wieder zerfrisst & an den gebeinen, die im hals stecken bleiben, elendig erstickt, das sind wir Jeanne, widerlich & erbärmlich, wie wir sind, haben wir uns in dieses domizil versteckt, unsere kleine zeitmaschine, in der wir sitzen & bücher lesen, unsere gedanken aufschreiben, unsere philosophien austauschen & unsere künste, es ist hübsch & gemütlich, niemand stört uns in unserem verdrängen, endlich haben wir unsere ruhe von all dem, endlich sind wir frei davon, frei, Jeanne, endlich sind wir frei.

follow me into the hole to enter dystopia wonderland

Ein Tag am See

Es sind diese Hampelmänner- und Zirkusclown-Momente der Vorstellung, man hatte sich ja gerade erst durch die Menge in die vorderste Reihe gedrängt, gekämpft hatte man für diesen aller vordersten Platz direkt an der Manege, entgegen allem bettlägrigem Phlegmatismus, entgegen all dieser unsichtbaren Gewichte – die Freunde, die anrufen und wirklich wissen wollen, wie es dir geht, die sich Mühe gemacht haben, die dir eine Freude machen wollen, die an deiner Wohnungstür stehen und die 20 Tüten voller Pfand- und Glasflaschen wegbringen wollen, die sich neben dich legen, dir die Unterarminnenseiten streicheln, weil das deine Lieblingsstelle ist, weil das die einzige Stelle deines Körpers ist, an der du noch etwas spürst, dein Mund ist dir in die Unterarme gerutscht, dein Mund, deine Augen, deine Flügel, alles ist dir in die Unterarme gerutscht und um irgendwie mit dir in Kontakt treten zu können, streicheln sie deine Unterarminnenseite und erzählen dir Geschichten aus dem Leben, diesem Zaubertrick, denkst du aber bleibst still, stumm, du verziehst den Mund zu einem Lächeln, du willst sie nicht in Sorge versetzen, deine Freunde, du bleibst einfach liegen, lässt dir die Unterarminnenseite streicheln, lässt es über dich ergehen, wartest, dass es endlich wieder ruhig wird, dass es nachts wird, Dunkelheit, endlich darfst du allein sein, endlich fragt niemand mehr, wie es dir geht, niemand mehr kommt, um deine Wohnung aufzuräumen, du musst nur lange genug leben, du musst sie nur überleben, dann wird es ruhig um dich, endlich, dann kannst du für immer schlafen – also hast du dich aus der Horizontalen gequält, an den Rand der Manege hast du dich gequält, starrst jetzt auf Wasser, dunkelgrünes Wasser, ein paar Enten schwimmen auf dich zu, sie sind auf der Suche nach Brotkrummen ja, auf der Suche nach einem Weg vielleicht, wer weiß schon, was in dem Kopf einer Ente vorgeht oder in dem Kopf der Frau, die gerade mit blanker Brust zart in das Ohr ihres Liebhabers säuselt:

What the hell am I doing here?

I don’t belong here

… schon seit einer Weile zupft er an der Gitarre, hatte sie erst ein paar Minuten lang stimmen müssen, während sie noch Betty angerufen hatte und Lydia, die leider nicht zum spontan anberaumten Dinner in die Klatsche kommen kann, ja genau, dieses kleine süße Mexikanische Lokal in der Raumerstraße, er würde wohl etwas länger bleiben, sie hätte ihn jetzt unter Vertrag genommen, ja, sie lacht, sie schüttelt sich, sie äussert ihr Bedauern, er sei ja Mexikaner und er solle sich wohlfühlen ja … go up with your voice, sagt er und singt es ihr zum sechsten oder siebten Mal vor, immer wieder singt er ihr die richtige Harmonie vor:

And I wish I was special

You’re so fuckin‘ special

… die ungelenke Neugierde einer dunkelbraunen Deutschen Dogge durchbricht die Harmonik, bahnt sich ihren Weg über die gelbe Decke, gerade noch so retten sie den frisch zubereiteten Salat vor der brachialen Kraft:

– Der spielt, sorry, sagt der Hundebesitzer, sich gerade noch durch das Gestrüpp kämpfen.

– Messi! Messi hier, hier her! Messi komm, ruft er seine Verlegenheit zu verbergen, doch der Hund ist bereits jaulend vor Freude ins Wasser gegangen.

Sein Date hatte die falschen Schuhe angezogen. Sie hatte nicht damit gerechnet, an den See gefahren zu werden. Sie dachte, das erste Date verlief ganz gut, wir waren Essen bei einem schicken Koreaner und hatten ein paar Drinks im Haus am See, er hatte alles bezahlt, selbst die Taxifahrt hatte er bezahlt. Angekommen an ihrer Wohnungstür sagte sie, sie könne ihn heute Abend nicht mit herein bitten aber sie würde sich auf das nächste Mal sehr freuen.

Er schlug dann einen Ausflug vor, wollte das Ziel aber nicht verraten. Stattdessen fuhr er mit einem Drive Now Cabriolet vor. Begleitet von einem breiten Grinsten offenbarte er ihr lediglich, dass sie Badesachen mit nehmen müsse. Erst als sie im Auto saß, bemerkte sie die große, hellbraune Deutsche Dogge auf der Rückbank:

– Das ist Messi, ich dachte, ihr könnt euch mal kennen lernen, sagte er.

Jetzt sitzen sie auf kleinen weißen Handtüchern platziert zwischen dicken Baumwurzeln und Gestrüpp. Der hochgewachsene aber junge Hund springt immer wieder ins Wasser, um dann in fast horizontaler Lage des Körpers einem gelben Ball hinterher zu schwimmen.

– Sollen wir uns auch bisschen abkühlen, fragt er.

Sie nickt. Sie hatte den schönen Bikini angezogen, den, der etwas zu eng sitzt, der in mattem Beige optimal zum dunklen Grün des Wassers passte. Würden sie erst nebeneinander schwimmen, gäbe es mit Sicherheit die eine oder andere Möglichkeit, sich aus Versehen zu berühren.

Er ist schon tiefer ins Wasser eingedrungen, er wirft zum zweiten oder dritten Mal den gelben Ball, das beflissene Bemühen dieses Tieres gegen die Widrigkeiten des Wassers amüsieren ihn. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Zufriedenheit, hatte er doch einen Hund, der sich wirklich bemühte, einen kämpferischen Hund – da waren sie sich sehr ähnlich, groß und kräftig gebaut, sich durchsetzend, der Typ mit dem netten Gesicht, so nannten man ihn, ja, er hatte dieses nette Gesicht, dieses sympathische Gesicht, dem man nichts abschlagen konnte aber innerlich war er hart, zielstrebig und sie war gut darin, die zwei drei Kilo zu viel unter ihren schicken Klamotten zu verstecken. Aus diesem Grund traf er sich mit seinen Dates gerne am See oder im Schwimmbad oder im Liquidrom.

Messi hatte seinen Job gut gemacht. Er hatte den gelben Ball erfolgreich abgegeben. Als er gerade dazu ansetzte, den Ball ein weiteres Mal zu werfen, sprang auch sie endlich mit Oberkörper voran ins Wasser – selbst den Kopf tauchte sie ein – und begab sich in ein Wettschwimmen mit Messi um den gelben Ball. Er lachte. Es dauerte sehr lange 15 Sekunden. Sie hatte es geschafft. Sie war als erste beim gelben Ball angekommen.

Während sie neben Messi dem gelben Ball entgegen schwamm, fragte sie sich, ob es noch ein schlimmeres Date hätte geben können. Vielleicht Fahrrad fahren. Darin war sie besonders schlecht und bei einem anderen Date, einige Monate zuvor, wollte ihr Begleiter unbedingt mit dem Rad den Kanal entlang fahren und nach 200 oder 300 Meter schlitterte sie bereits durch den Schotter und riss sich zarte Naben in den rechten Oberschenkel. Daraufhin schrieb sie ihm nicht mehr zurück.

Er reagiert nicht, als sie ihm erzählte, dass Messi seinen schweren Kopf gegen den ihren gedrückt hatte, um an den Ball zu kommen, dass er seine Vorderbeine gegen ihre Schultern gedrückt hatte, dass er sie dabei in seiner unbeholfenen Art unter Wasser gedrückt hatte, dass sie nur schwer nach Luft schnappen konnte, dass sie sich gerade so aus diesem Gefecht befreien konnte. Er lachte:

– Ja, Messi ist ganz schön stark.

Obwohl er diesmal den Ball nicht geworfen hatte, war Messi schon wieder dabei, in die Mitte des Sees zu schwimmen.

I’ve no such misconceptions

But when you need me be assured I won’t be far away

er spielt noch immer Gitarre, während sie das Schlauchboot aufpumpt.

I did my best, it wasn’t much

I couldn’t feel, so I tried to touch

– Messi, ruft er, Messi jetzt komm, komm her!

Messi ist zwanzig oder dreißig Meter in den See geschwommen. Immer wieder ruft er ihn aber der Hund macht keine Anstalten zurück ans Ufer zu schwimmen. Verlegen dreht er sich zuerst zu den anderen Menschen dann zu ihr um:

– Sonst ist er nicht so, eigentlich hört er ganz gut, ich weiß nicht, was heute mit ihm los M E S S I K O M M J E T Z T M E S S I

Die Eindeutigkeit des Lebens ausserhalb, denkst du, ziehst die Kopfhörer über die Ohren. Du siehst noch, wie sie das Schlauchboot in die Mitte des Sees paddelt, während er Gitarre spielt:

Fall out of love again

Your dreams all end

Dir entgeht der ertrinkende Hund.

Ein Tag am See

Sein Zimmer für mich allein

„Dann wache ich in dieser fremden Wohnung auf und das Erste, was ich tue, ist, die Bücher aus dem Regal zu ziehen, nicht weil mich die Bücher interessieren, sondern weil ich wissen will, was der Typ dahinter versteckt. „Ich stehe nicht so auf One-Night-Stands“, hat er gesagt und „Schon okay, bleib.“ Auf dem Küchentisch, der zugleich Schreib- und Esstisch ist, liegt freundlich drapiert ein Handtuch – es ist frisch, ich habe daran gerochen –, daneben stehen die French Press und die Kaffeedose. „Du kannst meine Zahnbürste benutzen, wenn dir das nicht unangenehm ist, aber wir haben uns ja auch geküsst“, hat er gesagt. Drängend strömt der Geruch von abgestandenem Sex aus dem Schlafzimmer, Reste abgetragener Hautpartikel … Riecht es so oder ich? Ist das mein Geruch? Sie ähneln sich sehr, die Gerüche, egal wo ich aufwache. Ich lehne am französischen Balkon. Wer gießt die Pflanzen, wenn er verreist ist? Die Asche meiner Zigarette landet die neun oder zehn Stockwerke tiefer – ich stelle mir das Ganze als Kamerafahrt vor und vielleicht mit Musik.“

Auszug aus: Sarah Berger: Sein Zimmer für mich allein (Shortstory, erhältlich im FROHMANN Verlag)

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Sein Zimmer für mich allein

In den Museen liegen Trümmer von dir

Wir lagen also im Unkraut auf dem Rücken und die Sonne ging gerade besonders orangefarben unter, besonders klar war das Licht und ich sagte, es sei doch seltsam, dass wir „ich sehe dich“ sagen, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass wir die Anderen ganz und gar wahrnehmen, also dass wir zumindest davon überzeugt sind, dabei ist das Sehen von allen Sinnen derjenige, der die meiste Distanz lässt. Der Wind zog gerade so über deinen Körper, ist es dir auch aufgefallen, dass ich einen Schatten von Mohn spürte, als würde dieser leichte Wind gerade zu durch ein Feld wehen aber orangener Mohn oder gelber, nicht roter schaukelt zart durch meine Sinne, direkt in meinen Kopf schaukelte es – hier hätte ich nach deiner Hand greifen sollen oder zumindest hätte ich dich fragen können, ob ich danach greifen darf, wo doch schon die für den Augenblick der Begegnung zusammengeschlossenen Fahrräder wirkten wie ein Versprecher oder eine Drohung. Ich fragte dich, warum du dich von Formaten einschränken lässt, 30×45 oder 60×90, ich schaue mir einfach das Bild an und schneide mir das Format zurecht, von welchem das Bild spricht aber du hast eine ganz andere Sprache, du siehst ein anderes Gesicht, wenn du durch die Kamera blickst, alles sieht ganz anders aus für dich als für mich.

Ich esse Nektarinen wie ich Aschenbecher anstarre zwischen Faszination und Ekel aber ich bin Teil dieses Mensch-Seins, erzähle ich dir und du lachst. Ja, ich habe mich in den Worten vergriffen und den Faden verloren, immer wieder also reden wir über einige meiner letzten Dates, ein paar von den Kriegsgeschichten hatte ich mitgebracht, dass ich mir niemals meine Finger in ein Stück Obst gerieben habe als währe es meine zwei Schamlippen, mein Kitzler und du wundertest dich: das seien die Deutschen Bezeichnungen für das weibliche Geschlechtsorgan … ich nickte, ich sagte, es gibt keinen positiven, keinen schönen Ausdruck für meine Freiheit. Ich habe mich nie davor geziert, mich selbst zu berühren. Ob du dich einfach auf die Couch gegenüber setzen könntest, mir entgegen, hatte ich dich gefragt, ob du dir einfach einen runter holen kannst, während du mir beim Masturbieren zuschaust. Ich wollte einfach nur alles sehen. Wir saßen dann eine Weile so da, betrachteten uns.

Das Alleinsein heute wie ein schlechter Geschmack im Mund beim Erwachen; ob ich eine Person sei, die man vermisse, hattest du gefragt oder wolltest es vielleicht und ich hatte diesen albernen Reflex im Mund, mich an mir zu verschlucken. Dann beginnt wieder das Zucken durch meinen ganzen Körper und ich frage mich, ob ich mich erkennen würde in einer dieser Geschichten, die vergangene Liebhaber über mich erzählen, würde mir ein Fremder eine dieser Geschichten erzählen.

In den Museen liegen Trümmer von dir

Kampf oder Flucht

Ich weiß nichts von Flucht, obgleich ich in flüchtiger Unachtsamkeit als Dauerhaftes ins Unstete geboren wurde. Aus dem Leib einer Mutter, die vor lauter Ärzteflucht beinahe verblutet wäre in diesem Sozialismus. Sie wollte in eine Beziehung flüchten; mein Vater in bessere Verhältnisse. Es passte. In Georgien waren wir die Deutschen, in Israel die Georgier in Deutschland die Juden. In Deutschland die Juden. Als mich David heute fragte, ob ich in seinem Video über das jüdische Café in der Raumerstraße auftreten könnte, war mein erster Gedanke, dass ich den darauffolgenden Antisemitismus auf meiner Timeline nicht ertragen werde. Dass ich schwach bin. Dass ich mich mehr und mehr zurückgezogen hatte. Ob es nicht normal ist, würde ich ihn fragen, irgendwann einfach los zu schreien und nie wieder damit aufzuhören. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Es heißt doch immer: Kampf oder Flucht. Dabei denken wir Flucht immer als eine Bewegung von einem Ort zu einem anderen. Es gibt aber auch eine Flucht ins Innere. Zugegeben auch das ist ein Ort und seine Grenzen wogen immerzu zwischen unglaublicher Nähe und unglaublicher Ferne, sind manchmal gar luzide, manchmal dicht geschnürt. Wenn sich das Ich ins Innere flüchtet, zieht es sich ganz und gar zusammen, so sehr, bis es keinen Raum mehr einnimmt, keine Zeit mehr verdrängt: Stillstand. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Ich bin stillgestanden, würde ich ihm antworten. Ich habe die Hashtags gemutet und ein paar Accounts stummgeschaltet, ich habe keine Artikel mehr angeklickt und bin allen Zeitungen entfogt, ich habe die WhatsApp-Gruppen-Chats nicht mehr gelesen. Ich habe mich nicht in deinem Video gezeigt.

Ben schreibt auf OkC „The most private thing I’m willing to admit: I sometimes doubt humanity“ ich antworte ihm: Guess thats pretty normal these times. Auf mein „The most private thing I’m willing to admit: Most of the time I’m feeiling disconnected“ antwortet er: That’s wonderfully honest and direct.

Aber ich kann deine Frage einfach nicht vergessen: Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Du hattest sie ja erst viel später gestellt, als ich schon längst wusste, was passieren wird. Während dieser langen Zeit meines Still-stehens habe ich nie über Flucht nachgedacht. Ich dachte, so viel Vergangenheit kann gar nicht Gegenwart werden. So wie man einfach Zigaretten raucht ohne an die Zukunft zu denken. Ich weiß also nicht, wie es heute im volljährigen 21. Jh. möglich ist, Unfreiheit zu fordern. Sich selbst die Fesseln einer Nation anzulegen. Heinrich Böll nannte sie Wölfe. Ich nenne sie Blaumiesen, weil sie mich an den Yellow Submarine Film erinnern.

Wenn du schon solche Fragen stellst, dann möchte ich von dir wissen, welcher Ort besser ist. Ob nicht jeder Ort gleichsam ein Vermissen aller anderen Orte ist. Dass man eben nicht vergessen kann, egal wo man hingeht. Dass die Nachbilder für immer bleiben. Eingebrannte Desktop-Schimmer in Tymons Augen, während wir den Kanal entlang spazieren und er mir erzählt, dass er nach Talin ziehen wird. Ich nicke. Ich zähle im Kopf seine restlichen Tage durch, ein paar sind es noch, das beruhigt mich. Ich behaupte, ich könnte ja für ein paar Monate nach Wien gehen oder nach Prag, ich hätte schon immer mal in Prag leben wollen. Ob das nicht viel zu viel Distanz ist, hätte ich ihn fragen sollen, so ganz allgemein, sich in Worten verstecken und glauben, man würde eine Sprache sprechen. Wir sind noch eine Weile still nebeneinander her gelaufen. Das war schön.

Wenn man einmal in sich gegangen ist, scheint es keinen Weg vorwärts zu geben – oder wie sollte ich vorwärtsgehen in die Hashtags und Clickbaits. Wie sollte ich vorwärtsgehen in diese Sprache, so sehr ver-gangen, also in die falsche Richtung gegangen oder über die eigenen Füße gestolpert, als könne man nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig gehen. Jetzt siehst du, dass es keinen Weg vorwärts gab.

Weißt du, wenn man die Deutschen fragt, was ihre Großeltern im Nationalsozialismus gemacht haben, dann behaupten 95 %, ihre Familie bestünde aus Widerstandskämpfern. Das stand in einer Studie aber ich finde sie gerade nicht. Ich google „Behauptung Widerstandskämpfer NS Zeit“ aber da kommen nur Wikipedia-Artikel und es langweilt mich, sie mir genauer anzuschauen – ich weiß das doch alles. Ich weiß es doch. Ich hab doch einen Körper, eine Haut, ich spüre sie doch die Stimmen und Blicke, ich nehme doch Raum ein, ich bin doch da.

Das Problem ist doch, dass wir keine Flucht aus der Vergangenheit erzählen können. Denn so lange es die Flucht in der Gegenwart gibt, ist sie mehr als ein flüchtiger Augenblick, als das rasche durchklicken einiger Tweets, ein wenig Empören, ein paar Beleidigungen, ist das jetzt schon der Shistorm. Danke, denke ich, dass ihr mich damals aus dem Sozialismus gerettet habt, dass ich nicht von der israelischen Armee eingezogen wurde. Zum Glück ist meine Mutter damals im Krankenhaus nicht verblutet. Damit ich jetzt sein kann. In diesem 2018, konfrontiert mit der Frage, ob es schlimmer ist, als das 2017 oder das wirklich schlimme 2016. „Leute es ist 2018“ lese ich immer wieder auf Twitter. Ja! Ich weiß! Und trotzdem weiß ich nichts über Flucht. Stattdessen denke ich an meine georgische Oma. In ein paar Jahren wird sie tot sein. Ich sollte sie vielleicht noch mal besuchen.


Text aus 19 Tweets für ##penmarathon & auf Soundcloud

Kampf oder Flucht

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

Von außen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen – er griff ja auch nach meiner Hand. Dass wir uns darauf nicht geeinigt hatten, blieb mir im Hals stecken. Dass ich schnell noch ein anderes Date brauchte, also einen anderen Begleiter, Partner, dass ich schnell in eine andere Richtung gehen musste, so als könnte ich nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig laufen, dass ich thomasesque in jede Lücke gleichzeitig wie Wunden fühlte, kontinuierliches Suchen nach dem Fehlen im Überfluss, dass ich in dauerhafter Erwartung des Schlimmsten schwelgte, während er mit dem Daumen über meine Fingerknöchelchen strich; während er diese Geste an mich wand, zählte ich all die anderen Gesten, die ausgebliebenen, legte heimlich Listen an in meinem Kopf, Abzählreime einer Gewissheit, mich schleunigst reduzieren zu müssen, wenn ich doch nur meine Fingerknöchel nach innen wenden könnte, wenn ich mich doch nur kantianisch invers – ist dir aufgefallen, dass streicheln und streichen sich sehr ähnlich sind, also über die Oberflächen streichen, streicheln, wir er nach meiner Hand griff. Von aussen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen. Dabei folgte ich einer zarten mattblauen Linie. Sie bahnte sich mit einem Mal aus der Mitte meines Körpers heraus einen Weg durch den Raum hinaus aus seinem Bett, auf der Straße in langsamen Wellenbewegungen hatte ich kaum Mühe ihr zu folgen. Im Gegenteil: die meiste Strecke über trug sie mich. Ein Trugbild also. Hätte ich sitzen bleiben können? Niemals. Die mattblaue Linie strömte ja gerade zu aus der Mitte meines Körpers.


Histoboy (wochenlages Sexting, als wir uns dann endlich treffen, beichtet er, dass er totale Versagensängste hat, in den nachfolgenden Nachrichten wird er teilweise echt gemein, ich breche Kontakt ab, er schreibt mir immer mal wieder via Instagram, wie sehr er alles bereut und mir gerne zeigen würde, dass er ein besserer Mensch ist)

Drummerboy (wir starrten uns eine Stunde lang entgeistert an, dann wollte er unbedingt meinen Tee bezahlen)

Wienfilmboy (heftiges Rumgeknutsche im Roses, schreckliche Wohnung im Speckgürtel Wiens, bezeichnete das Akzeptieren meiner Abfuhr zu Sex als „Gentlemanlike“)

Feuerwehrboy (mein erster G-Punkt-Orgasmus, sweeter Typ, intellektuell nicht kompatibel)

Borderlinetyp (Sex war okay, Typ etwas dramatisch auf der Suche nach seiner Femme fatal)

Musicalboy (sein Bart roch nach alter Wäsche, nach ein paar Minuten Sexversuch abgebrochen, weil wenig zugewandt)

Modeltyp (wir haben Fotos gemacht, er hat nur über sich geredet, hübscher Körper aber kein Interesse an Sex)

Artyboy (sein letzter Abend in Berlin, Roses, 7-Songs- für eine einsame Insel Challenge, sehr intensiver, rougher Sex, wir liken uns noch gegenseitig auf Instagram)

Augsburgboy (sehr anregende Gespräche auf MDA, totale Hipsterwohnung mit leeren Bilderrahmen an der Wand, Schallplatten, seltsame Musik, mittelmäßiger Sex, halbes Jahr später halbherziger booty call)

Gutersextyp (interessante Gespräche, eigentlich kein Interesse an Sex aber dann war es doch ziemlich guter Sex, trotteliges Lonleywoolf-Verhalten seinerseits im Nachgang)

Weinhandlungstyp (spontane nächtliche Drogensession in seinem Weinladen, als er sagte, Homosexuelle sollten nicht heiraten, Interesse verloren, danach seltsame Nachrichten, er hätte sich noch niemals so lebendig gefühlt, Kontakt abgebrochen)

Celloboy (nach erstem Date im Park Kontakt verloren, dann wieder aufgenommen, nette Nacht, guter Sex, danach Kontakt wieder verloren)

Neuroboy (regelmäßige Treffen zum quatschen und ins Kino gehen (Tarkowksi-Fan), keine Dates)

Marsboy (nahm mir beim ersten Date die Weinkarte aus der Hand um sie mir vom ersten bis zum letzten Wein vorzulesen, roch nach mehrfach getrocknetem Schweiß, Kontakt abgebrochen)

Valentiaboy (Sex im Meer/am Strand, ganz nette Nacht, Typ lebt in Wien, haben noch Kontakt)

Barcelonaboy (Date beginnt mit seiner Behauptung, nicht interessiert zu sein an ONS, dann super flirty, mittelmäßiger Sex, danach hatte er meine Nummer geblockt)

Santiagoboy (gemeinsam am Meer MDA genommen, getanzt, er tippt in Googletranslate „Ich will wissen, wie es sich anfühlt, eine Künstlerin zu küssen“ aber ich hab gekniffen)

Juraboy (schlechter, betrunkener Sex nach Lesung, irgendwann abgebrochen und gegangen)

Parisboy (drei Dates, nette Gespräche, mittelmäßiger Sex dann Abbruch mit seinen Worten „I can’t feel the magic“)

Dreitageboy (nach Kaffeetrinkdate Verabredung zum Sex am Abend, während des Sex sagte er die ganze Zeit „du bist so nass“, als ich es abbrechen will, stellt er fest, dass das Kondom verrutscht ist, nächtliche Wanderung zur Apotheke)

Barkeeperboy (nettes erstes Date in der Ringbahn, dann Drinks & okayer Eisprungsex, unsicher ob weiteres Interesse)

Kinkytyp (über mehrere Tage spannendes Sexting, er will unbedingt poppers nehmen während des Sex, wir treffen uns nachts zum spontanen Sex im Park, ist okay aber langweiliger als es die Nachrichten hätten vermuten lassen)

Politikboy (interessanter offener Typ, spontan Sex im Park, hat sich nicht weiter entwickelt)

Frischboy (Sex & Gespräche waren okay, aber ich glaube, er wollte nur Gras von mir abgreifen)


Allerdings besteht streichen ja oft darin, etwas zu hinterlassen oder etwas zu löschen – manches Streichen ist auch so verlorenes eine-einzelne-Stelle-abtragen, immer wieder und wieder bis die Stelle ganz taub geworden. Als er also nach meiner tauben Hand griff, von außen betrachtet, lief ich ihm nach durch diese mir unbekannten Straßen. Wie fühlen sich eigentlich die Finger, wenn sie immer nur über ein und die selbe Stelle streichen, die ja selbst nur ein und die selbe Stelle sind. Wer trägt da eigentlich wen ab. Wer trägt da eigentlich wen. Wer erträgt.

Es sind ja nicht mal die Worte, die ich nicht finde – ganze Sprachen sind es.

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen