Totalitärer Feminismus

Feminismus_Sarah Berger

I masturbate on your tears. Totalitärer Feminismus will eat you alive. Bye.

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Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

Von außen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen – er griff ja auch nach meiner Hand. Dass wir uns darauf nicht geeinigt hatten, blieb mir im Hals stecken. Dass ich schnell noch ein anderes Date brauchte, also einen anderen Begleiter, Partner, dass ich schnell in eine andere Richtung gehen musste, so als könnte ich nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig laufen, dass ich thomasesque in jede Lücke gleichzeitig wie Wunden fühlte, kontinuierliches Suchen nach dem Fehlen im Überfluss, dass ich in dauerhafter Erwartung des Schlimmsten schwelgte, während er mit dem Daumen über meine Fingerknöchelchen strich; während er diese Geste an mich wand, zählte ich all die anderen Gesten, die ausgebliebenen, legte heimlich Listen an in meinem Kopf, Abzählreime einer Gewissheit, mich schleunigst reduzieren zu müssen, wenn ich doch nur meine Fingerknöchel nach innen wenden könnte, wenn ich mich doch nur kantianisch invers – ist dir aufgefallen, dass streicheln und streichen sich sehr ähnlich sind, also über die Oberflächen streichen, streicheln, wir er nach meiner Hand griff. Von aussen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen. Dabei folgte ich einer zarten mattblauen Linie. Sie bahnte sich mit einem Mal aus der Mitte meines Körpers heraus einen Weg durch den Raum hinaus aus seinem Bett, auf der Straße in langsamen Wellenbewegungen hatte ich kaum Mühe ihr zu folgen. Im Gegenteil: die meiste Strecke über trug sie mich. Ein Trugbild also. Hätte ich sitzen bleiben können? Niemals. Die mattblaue Linie strömte ja gerade zu aus der Mitte meines Körpers.


Histoboy (wochenlages Sexting, als wir uns dann endlich treffen, beichtet er, dass er totale Versagensängste hat, in den nachfolgenden Nachrichten wird er teilweise echt gemein, ich breche Kontakt ab, er schreibt mir immer mal wieder via Instagram, wie sehr er alles bereut und mir gerne zeigen würde, dass er ein besserer Mensch ist)

Drummerboy (wir starrten uns eine Stunde lang entgeistert an, dann wollte er unbedingt meinen Tee bezahlen)

Wienfilmboy (heftiges Rumgeknutsche im Roses, schreckliche Wohnung im Speckgürtel Wiens, bezeichnete das Akzeptieren meiner Abfuhr zu Sex als „Gentlemanlike“)

Feuerwehrboy (mein erster G-Punkt-Orgasmus, sweeter Typ, intellektuell nicht kompatibel)

Borderlinetyp (Sex war okay, Typ etwas dramatisch auf der Suche nach seiner Femme fatal)

Musicalboy (sein Bart roch nach alter Wäsche, nach ein paar Minuten Sexversuch abgebrochen, weil wenig zugewandt)

Modeltyp (wir haben Fotos gemacht, er hat nur über sich geredet, hübscher Körper aber kein Interesse an Sex)

Artyboy (sein letzter Abend in Berlin, Roses, 7-Songs- für eine einsame Insel Challenge, sehr intensiver, rougher Sex, wir liken uns noch gegenseitig auf Instagram)

Augsburgboy (sehr anregende Gespräche auf MDA, totale Hipsterwohnung mit leeren Bilderrahmen an der Wand, Schallplatten, seltsame Musik, mittelmäßiger Sex, halbes Jahr später halbherziger booty call)

Gutersextyp (interessante Gespräche, eigentlich kein Interesse an Sex aber dann war es doch ziemlich guter Sex, trotteliges Lonleywoolf-Verhalten seinerseits im Nachgang)

Weinhandlungstyp (spontane nächtliche Drogensession in seinem Weinladen, als er sagte, Homosexuelle sollten nicht heiraten, Interesse verloren, danach seltsame Nachrichten, er hätte sich noch niemals so lebendig gefühlt, Kontakt abgebrochen)

Celloboy (nach erstem Date im Park Kontakt verloren, dann wieder aufgenommen, nette Nacht, guter Sex, danach Kontakt wieder verloren)

Neuroboy (regelmäßige Treffen zum quatschen und ins Kino gehen (Tarkowksi-Fan), keine Dates)

Marsboy (nahm mir beim ersten Date die Weinkarte aus der Hand um sie mir vom ersten bis zum letzten Wein vorzulesen, roch nach mehrfach getrocknetem Schweiß, Kontakt abgebrochen)

Valentiaboy (Sex im Meer/am Strand, ganz nette Nacht, Typ lebt in Wien, haben noch Kontakt)

Barcelonaboy (Date beginnt mit seiner Behauptung, nicht interessiert zu sein an ONS, dann super flirty, mittelmäßiger Sex, danach hatte er meine Nummer geblockt)

Santiagoboy (gemeinsam am Meer MDA genommen, getanzt, er tippt in Googletranslate „Ich will wissen, wie es sich anfühlt, eine Künstlerin zu küssen“ aber ich hab gekniffen)

Juraboy (schlechter, betrunkener Sex nach Lesung, irgendwann abgebrochen und gegangen)

Parisboy (drei Dates, nette Gespräche, mittelmäßiger Sex dann Abbruch mit seinen Worten „I can’t feel the magic“)

Dreitageboy (nach Kaffeetrinkdate Verabredung zum Sex am Abend, während des Sex sagte er die ganze Zeit „du bist so nass“, als ich es abbrechen will, stellt er fest, dass das Kondom verrutscht ist, nächtliche Wanderung zur Apotheke)

Barkeeperboy (nettes erstes Date in der Ringbahn, dann Drinks & okayer Eisprungsex, unsicher ob weiteres Interesse)

Kinkytyp (über mehrere Tage spannendes Sexting, er will unbedingt poppers nehmen während des Sex, wir treffen uns nachts zum spontanen Sex im Park, ist okay aber langweiliger als es die Nachrichten hätten vermuten lassen)

Politikboy (interessanter offener Typ, spontan Sex im Park, hat sich nicht weiter entwickelt)

Frischboy (Sex & Gespräche waren okay, aber ich glaube, er wollte nur Gras von mir abgreifen)


Allerdings besteht streichen ja oft darin, etwas zu hinterlassen oder etwas zu löschen – manches Streichen ist auch so verlorenes eine-einzelne-Stelle-abtragen, immer wieder und wieder bis die Stelle ganz taub geworden. Als er also nach meiner tauben Hand griff, von außen betrachtet, lief ich ihm nach durch diese mir unbekannten Straßen. Wie fühlen sich eigentlich die Finger, wenn sie immer nur über ein und die selbe Stelle streichen, die ja selbst nur ein und die selbe Stelle sind. Wer trägt da eigentlich wen ab. Wer trägt da eigentlich wen. Wer erträgt.

Es sind ja nicht mal die Worte, die ich nicht finde – ganze Sprachen sind es.

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

My self-summary

My self-summary
Favorite thing about the place I live
Me, a Haiku
Most people that know me would say I’m
Favorite memory from my childhood
Things I am not
Mostly I think, it doesn’t matter, if I’m really doing something or just writing about it.
What I’m doing with my life
Current goal
One day, I would like to
I’d like to be known for my
If money were no concern, this is what I would be doing
My dream job is
Author & Photographer
I’m really good at
I like to make
I could probably beat you at
My patronus
I want to be better at
My worst quality
be skeptical
The first thing people notice about me
My style can be described as
I love this about myself
My go-to dance
My golden rule
My weirdest quirk
very dark voice, supe nervous, clumsy, talking too much stuid things, absent
Favorite books, movies, shows, music, and food
My favorite bands in high school
The tastiest thing I’ve ever consumed
A book everyone should read
These are my teams
A movie I’ve watched over and over and over again
Kafka, Mayröcker, Benn, Pessoa

Radiohead, The Cure, Sonic Youth, Tocotronic

Stalker, Clockwork Orange, Eternity and a day

Lasagne, Icecream, Coffee with 42er

Six things I could never do without
If I could only eat one food for the rest of time it would be
This item makes me feel at home
My partner should be
I couldn’t function without these apps
I value
coffee, books, gin
I spend a lot of time thinking about
I like to take pictures of
My favorite conspiracy theory
Last video I watched on YouTube
The last show I binged
I should spend less time
WHY & WTF
On a typical Friday night I am
A perfect day
Best day of my life so far
Ideal weekend routine
When I die, I will
On a typical Wednesday I am
mostly dying inside
The most private thing I’m willing to admit
The last time I was embarrassed
This is the saddest song ever written
My biggest regret
My relationship with my mother
If I were sent to jail, I’d be arrested for
Most of the time I’m feeiling disconnected
You should message me if
What I’m actually looking for
Before I go on a date with someone I need to know that
I will never date someone that
My worst date
For our first date, let’s
you are open for something more than ONS and can deal with an independent woman who hates being invited to dinner or drinks or whatever, really wanted to pay for myself.
My self-summary

Fluide (Auszug)

Gleich wird sie mich rufen. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Am Fuß der Treppe hatten sich unter den gut fünfzehn Paar Schuhen zarte braune Pfützen gebildet. Vielleicht waren sie auch schon zu einer großen Pfütze verschmolzen. Sind die Kacheln an dieser Stelle schüßig, frage ich mich dann. Oder liegt es an dieser besonderen Anziehungskraft, die Wassermoleküle für einander empfinden, dass sie sich immer suchen, zusammenfinden, zusammenfließen. Es ist grundsätzlich schwer, Flüssigkeiten zu trennen. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich werde noch ein paar Minuten lang versuchen, ihr Rufen nicht zu hören. Stattdessen starre ich in den Garten, auf den Wallnussbaum – er ist nur marginal größer geworden, vielleicht hatten sie ihn in den letzten Jahren immer wieder geschnitten. Ich erinnere mich daran, dass er hätte gefällt werden müssen, da seine Wurzeln bis zum Fundament des Hauses vorgedrungen waren. Dabei war der Baum ja schon vor uns da. Vielleicht sogar schon vor dem Haus. Dann empfinde ich wieder diesen Ärger von damals. Immer sollen die Dinge weichen, die uns umgeben, ausweichen sollen sie uns, dabei bewegen wir uns wie freie Radikale, also unkontrolliert, unberechenbar und verlangen im Gegenzug, dass alles andere unseren störrischen Bewegungen weicht. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich würde irgendwann doch nachgeben müssen. Am Fuß der Treppe würde sie mich erwarten. Sie würde im Türrahmen stehen zwischen Eingangsbereich und Küche. Wortlos würde sie mir den Schrubber entgegenstrecken. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. Oder eben mit dem Schrubber, wenn ich den versüfften Lappen mit leichtem Druck mehrmals über die weißen Kacheln schiebe. Hauptsache keiner der Gäste bekommt die bräunliche Pfütze zu Gesicht. Warum zwingst du sie auch, sich die Schuhe auszuziehen, würde ich fragen, während sie kontrollierend im Türrahmen verharrt. Dann würde sie laut ausatmen. Wegnistens heute, würde sie mir entgegnen. Dabei würde sie versuchen, streng zu klingen aber sie war noch niemals besonders gut darin, das Flehen in ihrer Stimme zu verbergen. Da war immer so eine Not, sobald sie das Wort ergriff. Ein sanftes Unwohlsein. Wenigstens heute könntest du das lassen, würde sie mich anflehen. Aber es nützt nichts. Ich falle darauf nicht mehr rein.

Fluide (Auszug)

Ein Soziopath ist ein

Als du mich geschrieben hast, wie hat es sich angefühlt, jedes Wort für sich meine ich, das Sezieren meiner Sprache, meines Sprechens, wie hat es sich an ge fühlt, als wir, erinnerst du dich, unsere Hände hielten im Schlaf ohne uns zu berühren, wohl, das habe ich jetzt ver-standen; im Stegreif ich zu sein, wie hat es sich angefühlt, mich zu öffnen, den Ver-schluss – uns bleibt ja immer noch Prag hast du gesagt oder eine andere Stadt mit P, uns, habe ich gesagt, was ist das, habe ich gefragt, erinnerst du dich, wie hat es sich angefühlt, nichts zu sein, nicht ich zu sein, nicht zu sein und all diese anderen Dinge, die noch so m i t s c h w i n g e n, ja, du hast mich schon richtig verstanden, ich weiß, das nächste du steht schon im Anschlag, sie sind ja auch nicht schwer zu finden, sie laufen ja gerade so auf der Straße einem über die Beine, also vor die Füße, vor die Flinte, vor die Linse und KLICK und gut ja, dann sitzt du eben in meinem Rücken, also auf dem Lesesessel neben meinem Schreibtisch und klickst Dinge in dein Smartphone, Worte auch, Sprache, also Sprechen, meine Worte meine Fiktion, hörst du, ein Soziopath ist ein Mensch, der ein völliges Fehlen von Empathie mit einem tiefgehenden Anspruchsdenken verbindet, er fühlt keinen Schmerz außer dem eigenen, also meinen, also deinen Schmerz in diesem Wirrwarr, du ich wir, hast du das gesagt oder ich oder du und ich, da ist immer eine Konjunktion zwischen uns, schon wieder alles so nah, so nah an der Sprache, an den Worten, unaussprechlich, du oder ich oder wir, also nicht ausgesprochen, nicht buchstabiert oder wenigstens Wort für Wort, also gestillt, nicht befriedigt, gewogen in Stille, aufgewogen die Worte, verbannt in Sprache dieses Gefühl, du in meinem Rücken auf dem Sessel neben meinem Schreibtisch blätterst in den alten Ausgaben der Philosophischen Rundschau, suchst verzweifelt nach meinem Namen darin, suchst überhaupt nur nach Namen, jaja, ich verstehe schon, einen Namen hat man nur, weil andere in rufen, suchst also nicht nach mir, hast du jemals gesucht, etwas gesucht in unseren Worten, im Auseinandersprechen der Phoneme, im Auseinanderbrechen. Einsam rollt eine Traube durch die S-Bahn.

Ein Soziopath ist ein

Überschriebene Zärtlichkeit

Schau sie dir an, bloß ein Gegenstand, den du in die Hand nehmen kannst, von der einen zur anderen Sekunde verwandelt sie sich, manchmal ist sie ein Stein, manchmal eine Vase, manchmal ein laut schriller Wecker, der an die Wand geschlagen in viele einzelne, metallische Teile zerspringt, zerreißt, auf den Boden verteilt liegt sie da, du stolperst über sie, in deine nackten Füße bohrt sie sich, silbern klirrende Schraube, sie ist das Blut unter deinen Füße, im langsamen Sich-Verteilen, zwischen die Ritzen des alten Holzfußbodens zerfließend, sich in die Struktur des Materials imprägnieren, eiserner Geschmack, der Geruch von Dornen, ein Laut an Dürre – war da etwas, du schaust dich um. Sie ist verschwunden.

Überschriebene Zärtlichkeit