IN EINEM ZUSTAND AUSSERHALB DER ZEIT

Blicke ich auf, schaue ich mir die Menschen an, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich wirklich einsam fühlen – ich meine, verloren, sinnlos, so dass es ihnen mehr als ein Mal am Tag in den Sinn kommt: Ich bin einsam, ich bin sinnlos, ich bin ekelhaft usw.. Ich kann mir das nicht vorstellen. Die meisten Menschen wirken so gut eingebetet in das Leben – ich meine das Leben an sich. Als hätten sie sich wirklich dazu entschieden. Als könnten sie sich an diese Entscheidung erinnern. Als wäre das Leben eine Glaskugel, feinsäuberlich einsortiert in Regale ähneln sie Dutyfree Ginflaschen in Flughafenshops. Jede Glaskugel ist ein Unikat. Sie sind beschriftet mit dem zukünftigen Namen der Person und versehen mit ein paar Details aus dem Kommenden – Kindheit, Jugend, mittlere Jahre, Alter, Lebensende, Eltern, Familie, Freunde, seelische und körperliche Verfasstheit, Geschlecht, Nationalität, gesellschaftliche Stellung bzw. Entwicklung innerhalb der gesellschaftlichen Klassen – nicht sehr ausführlich aber ausgestattet mit den wichtigsten Informationen, vielleicht auch mit ein paar Bildern der Person in verschiedenen Stadien der Entwicklung. Ein Blick in die Glaskugel zeigt kleine, ausgewählte Szenen aus dem zukünftigen Leben – nur um sich einen guten Überblick zu schaffen, aber doch auch mit der Lust des Voyeuristen werden Kugeln aus dem Regal genommen, geschüttelt, betrachtet, geschüttelt, zurück gestellt – der Zustand ausserhalb der Zeit ist randvoll, das Gedränge ist manchmal unerträglich.

Die meisten Menschen wirken so, als hätten sie sich viel Zeit gelassen bei der Auswahl ihres Lebens, als hätten sie sich mehrere Kugeln aus dem Regal genommen, jedes Leben ganz genau studiert und eine wohlbedachte Entscheidung getroffen. „Schauen sie hier,“ sagt einer im Zustand ausserhalb der Zeit, „dieses Leben hat einen Sprung.“ Die Lebensverkäuferin kommt schon angelaufen: „Oh, da haben Sie Recht.“ Sie nimmt das Leben aus dem Regal, entfernt beim Polieren der durchscheinenden Fläche ein paar Fingerabdrücke und stellt es zu den Leben zum halben Preis. Was kostet überhaupt so ein Leben? Billig ist es nicht aber dafür werden beim Kauf eines Leben viele Bonuspunkte angerechnet.

Nach einer Weilen werden die Leben zum halben Preis in den Container für unwerte Leben aussortiert und zurück in die Lebensmanufaktur gebracht. Lebensdesigner und Lebensberater kontrollieren gemeinsam die demolierten, ungewollten Leben – manche davon sind nicht zu retten, sie werden niemals gelebt und enden in der Entlebung; andere wiederum lassen sich reparieren und werden in einem neuen Design zurück in den Zustand ausserhalb der Zeit gebracht und häufig als noch viel begehrtere Leben recht zügig verkauft. Am Blackfriday gibt’s zwei Leben zum Preis von einem und mit einem Haufen gesammelter Bonuspunkt besteht die Möglichkeit, ein einzigartiges Leben aus einzelnen Komponenten nach Wahl zusammenzustellen.

Eine helle, freundliche Stimme teilt dir mit: Bitte beachten Sie, dass Ihr Leben beginnt, sobald es zerschlagen wird. Jedes Leben kann nur einmalig zerschlagen und dann weder zusammengesetzt noch zurückgegeben oder umgetauscht werden. Ein zerschlagenes Leben endet ausschließlich mit dem Tod der Person unabhängig davon, wie lange das Leben andauert. Bitte bestätigen Sie, dass Sie die AGB’s gelesen haben und damit einverstanden sind. Willkommen in Ihrem neuen Leben! Während des gesamten Lebens empfehlen wir, den Sitzgurt geschlossen zu halten. Wir hoffen, Sie genießen Ihr Leben, bei Fragen und Anregungen steht Ihnen unser geschultes Personal jederzeit zur Verfügung. Sind Sie sich sicher, dass sie dieses Leben leben wollen? Dann drücken Sie jetzt: Ja!

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IN EINEM ZUSTAND AUSSERHALB DER ZEIT

Match Deleted

Ein ganz unliterarischer Text und doch steht die Literatur im Mittelpunkt: Ab heute kann mein Buch Match Deleted – Tinder Shorts erworben werden, erschienen im Frohmann Verlag. Am besten bestellt ihr über GeniaLokal, denn damit unterstützt ihr direkt auch die örtlichen Buchhändlerinnen, die freuen sich.

Das Buch erscheint in der Reihe „Kleine Formen“ im Frohmann Verlag und enthält eine Sammlung an Aphorismen, kurzen Gedichten und Kurzgeschichten, die ich im Laufe der letzten zwei Jahre auf den Plattformen Facebook, Twitter und Instagram angedacht habe. Inhaltlich dreht sich alles um die Frage, ob und wie wir gegenwärtig zueinander finden, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Kommunikation, Ich im Kontrast/Kampf/Zweifel zum Anderen, zwischenmenschliche Alltagskonfusionen, Liebe und natürlich auch Tinder als digital-medialer Vermittler dieser Themenkomplexe – erzählt durch den Blick einer weiblichen Figur, changierend an der Grenze zwischen ästhetisierter Autobiographie und Fiktionalität.

Christiane Frohmann verfolgt schon seit einigen Jahren meine literarische Arbeit über die verschiedenen sozialen Medien und sah in den Texten über Dating einen Schwerpunkt gesetzt, um welchen herum sich mein Schreiben gut anordnen ließ. Als Schriftstellerin nutze ich mein gesamtes Umfeld auch literarisch, zum Beispiel habe ich schon vor Tinder oft Chatdialoge geschrieben, die dann in Theaterstücken oder Romanen auftauchen, denn für mich ist das eine gängige Kommunikationsform und daher wichtiger Bestandteil meines Lebens, ergo fließt es auch in meine künstlerische Arbeit. Die Idee zum Buchprojekt entstand dann mit dem vorhandenen Material. Mein persönlicher Zielgedanke ist die Erörterung oben genannter Themen in einem tragisch-komischen Stil, also im pointierten oder überspitzten Herausstellen bestimmter Kommunikationsformen, dem gegenwärtigen Aneinander-Vorbei statt Aufeinander-Zu, der Frage, ob sich das Ich immer nur durch den Anderen generiert usw.

Ein paar Worte über das Buch hatte ich schon in Interviews mit Jetzt.de und detektor.fm verloren und nun ja, jetzt ist es da. Ich freue mich.

Match Deleted
Match Deleted – Tinder Shorts von Sarah Berger

 

 

 

Match Deleted

Die abgeschnittene Frau (Roman/Auszug)

Ich will mich nicht hineinbegeben in diese Fragen, also zum Beispiel, warum ich hier aufgewacht bin, statt in meinem eigenen Bett oder warum in Wohnungen mit Durchgangszimmer das Schlafzimmer immer erst am Ende der Wohnung ist, warum erst die ganze Wohnung durchquert werden muss oder warum nur Männer allein am Tresen einer Bar sitzen können, ohne allein zu sein. Aber ich glaube, Tom ist glücklich Irgendwie sind sie alle glücklich. Es ist so ein seltsames Glück – dieses Glück, jetzt. Dieses Glück, einfältige Dinge zu tun – das ist gemein. Ich tippe einfältig in die Googlesuche: so, dass man sehr unkritisch ist und alles bedenkenlos glaubt oder ernst nimmt. Gut, dann nicht einfältig, das passt nicht. Ich meine eben dieses JETZT, JETZT, JEZT. Vielleicht passt einfältig doch – ich meine, was ist dieses Rumsitzen und Trinken. Das ist doch unkritisch, bedenkenlos. Das ist da sein – jetzt sein, nicht denken, tun. Ich habe das Iphone noch in der Hand, also klappere ich die Apps ab, ein paar neue Nachrichten gibt es schon, Glückwünsche und so. Warum habe ich überhaupt angefangen, die zu retweeten – es nervt und wirkt arrogant – also es ist arrogant. Ich weiß nicht, was mir unangenehmer ist: Arrogant zu sein oder arrogant zu wirken. Ich tippe arrogant in die Googlesuche: mit einer sehr eingebildeten und überheblichen Art, die auf andere oft verletzend wirkt. Auch falsch. Vielleicht besser selbstverliebt oder nur auf sich selbst bezogen oder egozentrisch oder egomanisch oder narzisstisch oder freut sich nicht JEDER über Glückwünsche. Ich tippe die alle nacheinander in die Googlesuche. Egozentrisch ist spannend: so, dass man die eigene Person als Mittelpunkt betrachtet und alles auf das eigene Ich bezieht. Aber das passt alles nicht – es gibt kein Wort, dass zum Ausdruck bringt, dass ich mich eine Sekunde lang freue, den Retweetbutton drücke und mich danach ob meiner Selbstverliebtheit und ja doch, Arroganz – es fühlt sich nach Arroganz an, in Grund und Boden schäme. Dafür gibt es kein Wort in der Deutschen Sprache. Und überhaupt: Ich. Mir ist das auch peinlich, dass die mich irgendwie mögen – oder sich zumindest verpflichtet fühlen. Ja, es ist eher dieses Gefühl der Verpflichtung, was fremde Menschen dazu bewegt, fremden Menschen zu gratulieren. Und bei mir ist es Arroganz, weil jeder Retweet suggeriert: Schau mal, schon wieder jemand, der mir zum Geburtstag gratuliert, schau dir all diese Glückwünsche an. Very easy. Aufmerksamkeit. Mein Name in jeder Timeline – mein Gesicht, mein Name, alles. Ich. Alles voll mit meinem Ich. Irgendwie ist das geil und irgendwie ist das peinlich – aber ich weiß nicht, vielleicht ist es – es ist nur peinlich, weil ich es geil finde. Und dann wache ich in dieser fremden Wohnung auf und das erste, was ich mache, ist die Bücher aus dem Regal zu ziehen, nicht weil mich die Bücher interessieren, sondern weil ich wissen will, was der Typ hinter seinen Büchern versteckt.

Die abgeschnittene Frau (Roman/Auszug)

jede sekunde

Hallo. Ich bin der hermeneutische Zirkel, die Tautologie jeder Wahrheit, die sich selbst erzählende Geschichte, das Punctum jeder Idiosynkrasie, das Ende einer jeden Sprache, Babylon 3.0, die Verwirrung, das Schweigen, das Gestammel, der Heidegger-Bindestrich (bringt dich hier nicht weiter, es gibt kein Sezieren mehr, es gibt nur noch die totale Formlosigkeit), ich bin das Denken über meine Gegenwart hinaus gefangen in der Gegenwart, Herr Hegel, damit haben Sie nicht gerechnet, mit dieser Kaskade an sich selbst generierenden Zuschreibungs-Generationen, als Sie die Gegenwart zur Vernunft riefen, ich bin all diese Identifikationen, diese Nullsummenspiele der Zeit, diese lächerlichen Gefühle, nein, Befindlichkeiten, keine Gefühle, Befindlichkeiten, die zur Moral gerufen werden, die der Ursprung einer jeden dieser einen Moral sind, also das Ich aber nicht als Allgemeines sondern als Spezielles, als Eigenartiges, als Spezifikum, eine Kreatur der Kontravalenz, der Ekel, das Individuum, eine Schablone, ein Schattenbild, die Individualität ist Copy&Paste, das bin ich, die sich selbst beißende Schlange in einem Meer aus sich selbst beißenden Schlangen – zuerst war es nur ein Knabbern, also ein zartes, nein zärtliches Knabbern wie unter Liebhabern, wie jedes Kind, das noch nicht der Sinnlosigkeit des Daseins anheim gefallen ist, noch wunderbare Fragen stellt: Warum ist der Himmel blau, warum fliegen Libellen, warum sagt die Frau so komische Dinge, warum bin ich einsam – dann wurde aus dem Knabbern, also aus der Liebe, die Liebe selbst gebar die Angst, auch vor der Kindheit, also vor der Geburt an sich, vor dem Geworfensein, vor dem Verlust dieser Verbindung, eiskalt durchgeschnitten das Kabel zum Muttermund, für immer in die Suche geworfen, ich bin das Trauma, der Traum aus dem Dunkeln des Ursprungs, aus dieser einen letzten Frage, ein biochemischer Vorgang, ein rot aufflammendes Areal im Gehirn, Synapsen beim Starren auf die Screens, während wir Innenleben in die unterschiedlichsten Gefäße kippen, ist aus dem Knabbern schon lange ein Verschlingen geworden, ich bin die Schlange, die sich selbst verschlingt, homo fere individuationis ad placitum institutas, das bin ich, das einzige wahre pepetuum mobile, ich fange immer und immer wieder von vorne an, obgleich ich verstanden habe, ich habe verstanden, dass der Sinn im Sinnlosen besteht, dass ich die Wiederholung bin, jeder wähnt sich selbst am Ende der Geschichte, denn wie bitte soll die Welt weiter gehen ohne mich, wo ich doch das Einzige bin, also das Einzige, worauf ich mich beziehen kann, ohne mich kann es nicht weiter gehen, das bin ich, die letzte Frage, also 7,5 Milliarden Fragen bin ich, ich bin die Durchlässigkeit, die Sollbruchstelle, die Öffnung, der Versuch nach Nähe in der Negation, wir nennen das Kommunikation statt Selbstgespräch, wir nennen das Gesellschaft statt Monaden, wir nennen das sozial statt immanent, ich bin das Zweck-verfehlte-Denken, gefangen im repetierenden Akt der Selbstidentifikation, ich bin die Mise-en-abyme meiner selbst, immer und immer wieder und wieder und wieder, ich bin am Ende.

Entschuldigung, Herr Pfleger, da ist eine Fliege in meinen Multivitaminsaft geflogen.

Monolog aus Das Ende, Drama
jede sekunde

Im Krass Bösen Wolf (Auszug)

Ich meine, was ist guter Sex, was ist schlechter Sex – das ist immer so eine Gratwanderung und höchst individuell (es ist sogar anzunehmen, dass es für ihn relativ guter Sex war). Ich spreche also nur für mich.

Es war insofern schlechter Sex, da es rein vom taktilen Vermögen dieses Mannes nicht besonders ausgefallen, sagen wir, eher simpel und unkreativ angelegt war. Es war schlechter Sex, weil es, betrachtet vom zeitlichen Aspekt, von wenig Ausdauer getragen war. Sagen wir, all das ist noch verkraftbar. All das würde ich als mittelmäßigen Sex bezeichnen oder positiv: als ausbaufähigen Sex. Oder sagen wir: Ich halte sehr viel schlechten Sex nach diesen Kriterien aus, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser erste Moment von sexueller Interaktion noch nicht alles ist. Also wem mache ich was vor: Dieses Ding von wegen hochintensiver, extremer Anziehungskraft und BAM fucking in heaven … ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat oder wer das zum Ideal erhoben hat, aber angekommen auf dem Boden der Tatsachen (sprich nach 15 Jahren promiskuitiver Sexualität), ist es eben nicht mehr als ein Ideal oder ich häng mich mal an Lacan und nenne es Phantasma, wobei man natürlich einwenden könnte, dass wir aufgrund unserer psychischen Konstitution sowieso nur in Phantasmen leben und auch dieses sexuelle Phantasma – egal, ich verliere mich in komischen Gedanken. Es war schlechter Sex (und das ist, denke ich, der eigentlich Grund und irgendwie passt er auch zu dieser Sache mit den Phantasmen): Es hatte absolut nichts mit mir zu tun.

Gut, gehen wir zurück zum Ausgangspunkt: Sex mit einem Fremden ist immer irgendwie – speziell. Natürlich. Man ist sich fremd (hier kramt jetzt irgendwer diesen Spruch aus, dass man sich ja vor jedem ausziehen kann, aber wirklich nackt ist man nur, wenn man die Seele offenbart, oder so – ich hasse diesen Spruch) aber das wirklich Schlimmste an schlechtem Sex ist, wenn es ein einziges Aneinander-vorbei, statt eines irgendwie Aufeinander-zu ist. Ich meine, ja klar, jeder spult so sein Programm ab, sein Standardrepertoire an Handlungen, Gesten, letztlich auch Bewegungen nach dem, was einen am meisten interessiert am Anderen (bei mir ist es tatsächlich gar nicht unbedingt der Schwanz, weil Schwänze sind banal und ja, unästhetisch, bei mir sind es eher: die Schultern, die Schlüsselbeine, die Beckenknochen, der Arsch), also so eine gewisse Selbstbezüglichkeit im ersten sexuellen Kontakt, würde ich sagen, ist ganz normal und nicht ausschlaggebend für meine Bewertung. Aber es gibt auch diese Form von Sex, bei welcher ich nach ein paar Minuten spüre, dass der Andere mich nicht spürt, es ist im Endeffekt erweiterte Selbstbefriedigung. Es spielt also keine Rolle, ob ich anwesend bin oder nicht, oder sagen wir: Ich bin das erregende Moment aber nicht Subjekt der Leidenschaft. Viel schlimmer: Ich werde dann durch die Selbst-Leidenschaft des Anderen negiert.

In solch einer Situation verliere ich dann schnell das Interesse am gegenwärtigen Sex. Ich kann dann weder mit meinem Kopf, noch mit meinem Körper etwas für mich selbst tun. Dann bleibt nur noch die Wahl zwischen einfach liegen bleiben und warten, bis er fertig ist oder die ganze Nummer abbrechen, peinliches Schweigen, weil was soll ich dem Mann sagen: Sorry, das war ja furchtbar … dann fängt er an zu heulen oder so, auch stressig. In diesem speziellen Fall habe ich einfach gewartet, bis es vorbei war, weil es auch an sich nicht so schlimm war, sondern einfach – ja, traurig. Es war richtig trauriger Sex und eigentlich müsste meine Geschichte an dieser Stelle enden, aber hier endet sie noch nicht.

Fortsetzung folgt im Literatur Quickie.

Im Krass Bösen Wolf (Auszug)