ES IST HALT SO (HEIDEGGERHÜTTEN)

Ich starre in den Schwarzwald.

Eine knappe Stunde hatten wir mit dem Auto gebraucht, um vom Parkplatz des Philosophischen Seminars zur Hütte zu gelangen, ausreichend Zeit für Prof. Dr. Andreas Herrmann, mir weitschweifig den Wertherschen Fügungsbruch zu erläutern, der darin bestehe, das eigene Unvermögen gegenüber der Welt in ein Unvermögen der Welt gegenüber einem umzudeuten:

Werther, der kleine Junge, warf ich ein, aber Prof. Herrmann schien mich nicht gehört zu haben, denn er fuhr in ungebremster Emphase fort.

Das Genie Werther überlasse sich spontanen Eingebungen, gebe sich jeder noch so kleinen Gefühlsregung hin, weil es sich der Natur verpflichtet fühle, nicht wahr, und dann erreiche es aber nichts, also nicht das höchste Glück, das Glück des von Natur aus begnadeten Genies, sondern liefere sich dem Chaos der Natur aus, laufe Gefahr, davon verschlungen zu werden, sich darin gänzlich aufzulösen, willkommen also im Wahnsinn – er lachte donnernd –, nicht wahr, Werther drohe eben immer schon der Wahnsinn, diese Bedrohung werde nur deutlicher, je einsamer und je unverstandener er sich fühlt. Die Beschäftigung mit Werther erinnere ihn auch daran, dass er ja schon lange erwäge, ein Buch über »Genie« zu schreiben. Oder über »das Geniale«.

Ich starrte in den Schwarzwald, nickte den vorbeiziehenden Weidewiesen zu, den dunklen Tannen und Fachwerkhäusern. Er würde den Besprechungstermin gerne in die Hütte verlegen, auch mir würde der Kontakt mit der Natur sicherlich gut tun, hatte Prof. Herrmann befunden. Hätte ich allerdings gewusst, dass dieses »erste Sondierungstreffen« ohne meine Kommilitonen Jens, Diddi und Francesco stattfinden würde, wäre ich niemals mitgefahren, würde ich jetzt nicht in den Schwarzwald starren.

Es ist halt so, hallte es durch meinen Kopf, immer wieder. Es ist halt so. Es ist halt so. Es ist halt so. Ich hatte diesen Satz in den letzten Monaten so häufig gehört, ihn in Chats gelesen, das eine oder andere Mal auch selbst ausgesprochen, dass mir seine Bedeutung abhanden gekommen war. Es ist halt so. Im beharrlichen Repetieren hatte sich der Satz in seine Bestandteile aufgelöst, auseinander driftende Wörter, klaffende Distanzen, Leeren, in die man stolperte.

Es ist halt so. Tristan hatte es gesagt.

Es ist halt so. Jens hatte es gesagt

Es ist halt so. Hayo hatte es gesagt.

Es ist halt so. Es ist halt so. Es ist halt so. Jens, Diddi und Francesco hätten es jetzt gesagt, wären sie dagewesen.

Es hatten so viele Menschen diesen Satz gesagt, und so viele Menschen würden ihn, ohne zu zögern, noch sagen – er hätte wahr sein können.

Dabei vertrat doch gerade Prof. Herrmann vor allen anderen die These eines inhärent solipsistischen Realitätsverständnisses. In seinen Seminaren und seinen Vorlesungen, aber auch in seinen der Popphilosophie zuzurechnenden Abhandlungen über Realität als Sinnfelder oder Ich-Projektionen – es waren viele, und sie waren alle in respektierten Verlagen erschienen – wurde er nicht müde, für eine realistische Ontologie oder einen ontologischen Realismus einzutreten. Auch eher private Zusammentreffen, wie etwa die gemeinsamen Essen nach außerordentlichen Vorträgen, die Kaffeepausen zwischen den Seminaren, die Mittagessen in der Mensa und die allabendlichen gemütlichen Runden in der Kneipe Zum verrückten Studenten ließ er nicht verstreichen, ohne darüber zu dozieren.

Einige Wochen zuvor hatte ich in seinem Büro gesessen und ein an der Tür angebrachtes Poster angestarrt, das den slowenischen Philosophen Žižek als eine Art Superman karikierte, während ich versuchte, zu verstehen, wie mehrere Auszüge meiner Arbeit über die Unterscheidung von Subjekt-Ich und Objekt-Ich (Urteil und Sein) im Verhältnis zum inszenierten Charakter der Sexualität zwischen Akt und Pornographie (Note 1,3) in eine seiner Veröffentlichungen gelangen konnten.

Als ich damals meiner Verwunderung Ausdruck verliehen hatte, es konnte sich ja nur um einen Fehler handeln, ein versehentliches Kopieren, das zuvor niemandem aufgefallen war, hörte ich den Satz zum ersten Mal. Es ist halt so. Auch hörte ich zum ersten Mal, dass man dieses offene Geheimnis weniger als konkrete Aneignung, denn als Ehrenbezeugung auffassen müsse. Es wäre ja sowieso ein Irrglaube, betonte Prof. Herrmann, dass wir uns gegenseitig wirklich und wahrhaftig verstehen könnten. Nein! Wir wären ja auch nur als Schatten unserer wechselseitigen Reflexionen überhaupt seiend, wobei »seiend« auch hier natürlich wieder ein problematischer Begriff wäre. Ich verstünde nur offensichtlich noch nicht, inwiefern seine Aneignung keine eigentliche Kopie meiner Arbeit wäre, sondern als eine Art erhabener Interpretation zu verstehen wäre.

Da war eine leichte Verachtung in Tristans zustimmendem Nicken, als er »Glückwunsch« sagte und auch im Unterton, als er hinzufügte, dass meine Einbindung ins Team der Neuausgabe des Philosophischen Wörterbuchs ihn nicht überrasche und ich mich schon mal auf eine Einladung in die Heideggerhütte freuen dürfe. Die Mitwirkung von Jens, Diddi und Francesco kommentierte Tristan nicht.

Es ist halt so. Die Abgeschiedenheit der Hütte und der Satz in meinem Kopf lösen eine schmerzliche Empfindung aus. Prof. Herrmann, »Andreas«, bittet mich, nicht so traurig zu schauen, es wäre doch ganz wunderbar hier, all diese Ruhe, ja, Stille sogar, nur durchsetzt von den Lauten der Natur; endlich könne er sich wieder denken hören. Ich solle einfach ein paar Mal tief durchatmen und mich auf die inspirierende Kraft der Natur einlassen. Andreas sagt auch, das wäre schon alles in Ordnung, er meint das Klappsofa als einzige Schlafmöglichkeit für uns beide, er meint die knapp 20 Quadratmeter große Hütte, er meint die Abgeschiedenheit.

Die Enge der Hütte, die Abwesenheit meiner Kommilitonen beim »ersten Sondierungstreffen«, dass mein Dozent seine Arbeitsmaterialien im Büro liegengelassen hat, wirklich alles unterstreicht gerade in aufblitzender Erkenntnis den »kreativen Prozess«, mit dem der Corpus des Philosophischen Wörterbuchs notwendigerweise auf den aktuellen Stand der Diskurse zu bringen ist. Der Schmerz der Abgeschiedenheit verdoppelt sich beim wiederholten erfolglosen Versuch, ein Netz zu finden – WhatsApp, Facebook, Twitter sind hier ebenso abwesend wie Jens, Diddi und Francesco. In der Heideggerhütte ist kein digitales Selbstgespräch vorgesehen. Es ist halt so.

Andreas schlägt vor, ich solle mich auf dem Klappsofa entspannen, denn wenn er die Ohnmacht einer jeden Naturerfahrung durch das Kaleidoskop synthetischer Bewusstseinserweiterung betrachte, würde dies seinen analytischen Blick außerordentlich schärfen. Er lobt jetzt nacheinander seine Entscheidung, gerade mich ins Team geholt zu haben und im Vorfeld unserer kleinen Reise eine stattliche Menge Kokain besorgt zu haben, hach, endlich, das Expandieren des Selbst über die enge körperliche Grenze hinweg, ein Aufbäumen, ein sich durchdringendes Ich, langsames Driften in die Zeitlosigkeit. Ob sie mir nicht auch seltsam vorkäme: diese Jetzt-Zeit. So banal mit ihren Regeln und Gesetzen. Nirgends dürfe noch geraucht werden, überall seien Kinder mit ihren auf die Zukunft gedrehten Aktivitätskorsetten, alles, wirklich alles sei entweder schon gedacht worden oder wenigstens bereits geschehen … Gegenwart in Stillstand geronnen – in diesem Moment findet seine mit der hektischen Gestikulation eines großen Geistes beschäftigte Hand endlich ihren expandierenden Platz auf meinem linken Oberschenkel. Ich gehe in die Leere zwischen den Wörtern.

Nichts war philosophisch je so deutlich zu erkennen gewesen, in allen Schattierungen und Lichtreflexionen vorgezeichnet, wie Prof. Dr. Andreas Hermanns klägliches Bemühen, nein, das mühevolle Halten, Heben, Schütteln, Streicheln seines in Schlaffheit erstarrten Schwanzes (der offensichtlich analytisch weiter war) … nichts regte sich. Die Koksschwere zog ihn in den Abgrund. Er hätte mir so gerne ins Gesicht gespritzt, jammerte mein Dozent jetzt.

Jens würde nicht fragen, Diddi würde nicht fragen, und auch Francesco würde nicht fragen, warum nur ihre Namen im Paratext der neuen Ausgabe des Philosophischen Wörterbuchs erwähnt wurden. Frau Schütter vom Studierendenwerk würde fragen, warum ich im letzten Semester keine Seminare besucht hätte, denn mit zwei fehlenden Hauptseminarscheinen konnte man kein zusätzliches Semester Bafög beziehen. Ich würde sagen, dass ich die Seminare zwar besucht, aber keine Hausarbeiten geschrieben hätte. Es ist halt so, würde ich schließen und mit den Schultern zucken.

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ES IST HALT SO (HEIDEGGERHÜTTEN)

Kampf oder Flucht

Ich weiß nichts von Flucht, obgleich ich in flüchtiger Unachtsamkeit als Dauerhaftes ins Unstete geboren wurde. Aus dem Leib einer Mutter, die vor lauter Ärzteflucht beinahe verblutet wäre in diesem Sozialismus. Sie wollte in eine Beziehung flüchten; mein Vater in bessere Verhältnisse. Es passte. In Georgien waren wir die Deutschen, in Israel die Georgier in Deutschland die Juden. In Deutschland die Juden. Als mich David heute fragte, ob ich in seinem Video über das jüdische Café in der Raumerstraße auftreten könnte, war mein erster Gedanke, dass ich den darauffolgenden Antisemitismus auf meiner Timeline nicht ertragen werde. Dass ich schwach bin. Dass ich mich mehr und mehr zurückgezogen hatte. Ob es nicht normal ist, würde ich ihn fragen, irgendwann einfach los zu schreien und nie wieder damit aufzuhören. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Es heißt doch immer: Kampf oder Flucht. Dabei denken wir Flucht immer als eine Bewegung von einem Ort zu einem anderen. Es gibt aber auch eine Flucht ins Innere. Zugegeben auch das ist ein Ort und seine Grenzen wogen immerzu zwischen unglaublicher Nähe und unglaublicher Ferne, sind manchmal gar luzide, manchmal dicht geschnürt. Wenn sich das Ich ins Innere flüchtet, zieht es sich ganz und gar zusammen, so sehr, bis es keinen Raum mehr einnimmt, keine Zeit mehr verdrängt: Stillstand. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Ich bin stillgestanden, würde ich ihm antworten. Ich habe die Hashtags gemutet und ein paar Accounts stummgeschaltet, ich habe keine Artikel mehr angeklickt und bin allen Zeitungen entfogt, ich habe die WhatsApp-Gruppen-Chats nicht mehr gelesen. Ich habe mich nicht in deinem Video gezeigt.

Ben schreibt auf OkC „The most private thing I’m willing to admit: I sometimes doubt humanity“ ich antworte ihm: Guess thats pretty normal these times. Auf mein „The most private thing I’m willing to admit: Most of the time I’m feeiling disconnected“ antwortet er: That’s wonderfully honest and direct.

Aber ich kann deine Frage einfach nicht vergessen: Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Du hattest sie ja erst viel später gestellt, als ich schon längst wusste, was passieren wird. Während dieser langen Zeit meines Still-stehens habe ich nie über Flucht nachgedacht. Ich dachte, so viel Vergangenheit kann gar nicht Gegenwart werden. So wie man einfach Zigaretten raucht ohne an die Zukunft zu denken. Ich weiß also nicht, wie es heute im volljährigen 21. Jh. möglich ist, Unfreiheit zu fordern. Sich selbst die Fesseln einer Nation anzulegen. Heinrich Böll nannte sie Wölfe. Ich nenne sie Blaumiesen, weil sie mich an den Yellow Submarine Film erinnern.

Wenn du schon solche Fragen stellst, dann möchte ich von dir wissen, welcher Ort besser ist. Ob nicht jeder Ort gleichsam ein Vermissen aller anderen Orte ist. Dass man eben nicht vergessen kann, egal wo man hingeht. Dass die Nachbilder für immer bleiben. Eingebrannte Desktop-Schimmer in Tymons Augen, während wir den Kanal entlang spazieren und er mir erzählt, dass er nach Talin ziehen wird. Ich nicke. Ich zähle im Kopf seine restlichen Tage durch, ein paar sind es noch, das beruhigt mich. Ich behaupte, ich könnte ja für ein paar Monate nach Wien gehen oder nach Prag, ich hätte schon immer mal in Prag leben wollen. Ob das nicht viel zu viel Distanz ist, hätte ich ihn fragen sollen, so ganz allgemein, sich in Worten verstecken und glauben, man würde eine Sprache sprechen. Wir sind noch eine Weile still nebeneinander her gelaufen. Das war schön.

Wenn man einmal in sich gegangen ist, scheint es keinen Weg vorwärts zu geben – oder wie sollte ich vorwärtsgehen in die Hashtags und Clickbaits. Wie sollte ich vorwärtsgehen in diese Sprache, so sehr ver-gangen, also in die falsche Richtung gegangen oder über die eigenen Füße gestolpert, als könne man nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig gehen. Jetzt siehst du, dass es keinen Weg vorwärts gab.

Weißt du, wenn man die Deutschen fragt, was ihre Großeltern im Nationalsozialismus gemacht haben, dann behaupten 95 %, ihre Familie bestünde aus Widerstandskämpfern. Das stand in einer Studie aber ich finde sie gerade nicht. Ich google „Behauptung Widerstandskämpfer NS Zeit“ aber da kommen nur Wikipedia-Artikel und es langweilt mich, sie mir genauer anzuschauen – ich weiß das doch alles. Ich weiß es doch. Ich hab doch einen Körper, eine Haut, ich spüre sie doch die Stimmen und Blicke, ich nehme doch Raum ein, ich bin doch da.

Das Problem ist doch, dass wir keine Flucht aus der Vergangenheit erzählen können. Denn so lange es die Flucht in der Gegenwart gibt, ist sie mehr als ein flüchtiger Augenblick, als das rasche durchklicken einiger Tweets, ein wenig Empören, ein paar Beleidigungen, ist das jetzt schon der Shistorm. Danke, denke ich, dass ihr mich damals aus dem Sozialismus gerettet habt, dass ich nicht von der israelischen Armee eingezogen wurde. Zum Glück ist meine Mutter damals im Krankenhaus nicht verblutet. Damit ich jetzt sein kann. In diesem 2018, konfrontiert mit der Frage, ob es schlimmer ist, als das 2017 oder das wirklich schlimme 2016. „Leute es ist 2018“ lese ich immer wieder auf Twitter. Ja! Ich weiß! Und trotzdem weiß ich nichts über Flucht. Stattdessen denke ich an meine georgische Oma. In ein paar Jahren wird sie tot sein. Ich sollte sie vielleicht noch mal besuchen.


Text aus 19 Tweets für ##penmarathon & auf Soundcloud

Kampf oder Flucht