Sehnsucht

Ich saß heute von 9 bis 15 Uhr im Sessel und habe gelesen. In regelmäßigen Abständen habe ich aus dem Fenster geschaut. Viele Baufahrzeuge, Jogger, Leben. Ich will nicht mehr rauchen, weil mir meine Lunge weh tut aber das Verlangen danach ist groß. Nicht nur körperlich. Ich habe endlich einen Balkon also sollte ich auch endlich rauchen dürfen. Ich sehe mich als Person, die raucht. Aber ich rauche schon seit 15 Jahren und ich habe das Gefühl, bald tot zu sein.

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Sehnsucht

häshtäg allein

häshtäg allein
häshtäg stundenlange peinliche chats auf tinder, facebook, twitter
häshtäg gin tonic
häshtäg wütend
häshtäg betrunken verbraucht super fucking wütend
häshtäg schlaflos
häshtäg traurig allein einsam scheiße ich sterbe du bringst mich um
häshtäg tot
häshtäg superwoman weint nicht alles cool alles kein problem ich bekomm alles hin ich kann alles ich kann alles unter einen hut brigen ich bin glücklich
häshtäg superwoman
hästhäg stark
hästhäg ich kann das ich habe keine gefühle
hästhäh kein gefühl
hästhäg mein leben ist großartig
häshtäg selfie
hästhäg ich liebe alles ich habe spaß
häshtäg allein
häshtäg wer ist die scheiß bitch auf dem selfie mit dir
häshtäg scheiße
häshtäg ich sterbe
häshtäg warum bleibst du nicht über nacht was ist so scheiße falsch häshtäg daran morgens neben mir aufzuwachen und mich häshtäg in den arm zu nehmen und häshtäg einfach da zu sein häshtäg dasein häshtäg scheiße häshtäg einsam häshtäg allein häshtäg gin tonic häshtäg ich sterbe häshtäg warum bist du niemals da aber immer häshtäg online und postest selfies mit dir und deiner neuen hästhäg freundin häshtäg warum bist niemals da warum bist du niemals häshtäg für mich da warum sagst du niemals häshtäg ich liebe dich ich meine häshtäg was ist so verdammt schwer daran häshtäg einfach mal da zu sein einfach mal häshtäg zu antworten einfach mal sein häschtäg scheiß handy in die hand zu nehmen es heißt doch häshtäg handy weil man es in die häshtäg hand nimmt und dann antwortet also nimm das scheiß häshtäg handy in die hand sonst häshtäg mache ich es mir jetzt selbst ich häshtäg masturbiere auf die scheiß häshtägs selfies von dir und deiner neuen freundin häshtäg erbärmlich häshtäg allein häshtäg tot

 

Inspiriert durch Falk  Richters "Never Forever".
Zuerst veröffentlich auf Ello.
häshtäg allein

Dieser Hunger Hunger

Plötzlich war da dieser Druck – innen, ganz tief innen. Ich denke, es hatte schon viel früher begonnen aber weil ich meine Eingeweide kaum spüren kann, habe ich diesen Druck zuerst nicht wahrgenommen und irgendwann war da so ein leichtes Ziepen, so ein leichte Verstimmung im Inneren und das wurde immer stärker, immer lauter drückte es von Innen an die äußere Schicht – an die Muskulatur, an die Haut. Ich denke, es hat in der Mitte begonnen – in der Mitte des Rumpfes dort, wo alle Gefühle sind. Dann hat es sich in alle Richtungen ausgebreitet – in manchen Richtungen kam es nicht weit, eben nur bis zum Bauchnabel oder nur bis zur Wirbelsäule aber runter ging es bis in die Zehen und hoch – ja hoch, hoch geht es bis in die Kehle und dann bis in den Mund und irgendwann ist es auf den Lippen angekommen und dann – dann bin ich in den Bus gestiegen. Dann bin ich einfach weggefahren. Immer. Ich meine diesen Ekel. Ich will von diesem Ekel sprechen – kennen den nicht alle, frage ich mich. Kennen den nicht alle oder ist das allein meines, bin ich damit alleine. Manchmal kommt es mir so vor, als würde niemand ihn kennen – als wären die Menschen um mich herum, eben alle anderen – als wären alle anderen Facebookprofile. Da steht nichts von den schlechten Tagen, da sind keine Bilder von Fressflashes und wie ich vier alte Laugenstangen, vier sehr alte, harte Laugenstangen panisch vor Hunger – aber es ist kein echter Hunger, es ist nur dieses Gefühl von Hunger, dieser Hunger Hunger, dieser Hunger, der eh immer da ist – wie ich also panisch vor Hunger die Haut abpule von diesen harten Laugenstangen, erst mit den Fingern, dann mit den Zähnen und ernsthaft darüber nachdenke, einfach die harten Laugenstangen ganz zu essen, also erst zaghaft daran zu knabbern aber dann immer fester und immer mehr davon abbeiße, abreiße , also runterwürge und im Hals fühlt es sich schon so, als würde irgendwas feststecken aber ich weiß, das ist nur so ein Gefühl, da steckt nicht wirklich etwas fest, das ist nur so ein falsches Gefühl und ich kann einfach weiter alles runterwürgen, ich muss nicht mal richtig kauen – bis die Laugenstangen weg sind und dann würge ich die vier harten Brezeln auch noch runter und weil ich dann immer noch Hunger habe und das Gefühl im Hals einfach falsch ist, reiße ich die Kühlschranktür auf und stopfe den Käse hinter her – der ist wenigstens weich und Karotten, den anderen Käse und die rohen Zucchini und ja, alles – bis nichts mehr da ist – bis nichts mehr da ist von mir, bis ich mich ganz und gar taub gefressen habe, taub und aufgefressen und bis ich endlich verschwunden bin. Ich bin nicht mehr da. Ruhe. Kurze Ruhe. Aber dann ist da dieser Druck, langsam – ich verschwinde nicht, nein – statt dessen werde ich immer größer, immer mehr, immer mehr Menschenmasse und dann, wenn ich so richtig richtig viel geworden bin weil ich so richtig richtig viel gefressen habe, bin ich endlich so richtig ekelhaft, so richtig angeekelt von mir selbst und der Kühlschranktür und den alten, vergammelten Laugenstangen und dem rohen Ei und Fleisch und alles, alles und ich – angeekelt. Ekel. Dann kann ich mich endlich hassen. Hassenwerte Menschenmasse.

Dieser Hunger Hunger

Glückskekse

Das Herz schlägt noch. Aber sonst nichts. Ich spüre da nichts mehr – ich hebe den Arm in die Luft aber da ist nichts – ich sehe ihn: Ja, das ist mein Arm, mein rechter Arm – es kann nur meiner sein, alles andere wäre unlogisch aber ich spüre nichts, da wo mein Arm sein müsste, da ist nichts ja, ja das ist mein Körper, das kann nur mein Körper sein aber da, da wo mein Körper sein müsste, da ist nichts. Ich schaue an mir herunter – da ist nichts. Natürlich sehe ich alles – es ist schlecht zu übersehen. Ich spüre es nur nicht. Ich spüre meine Körper nicht mehr. Ich muss aufhören, Glückskekse zu essen – das macht mich einfach nicht glücklich. Ich muss aufhören, diese Zettel zu sammeln – sie wiederholen sich nach einem relativ kurzen Intervall. Ich hatte mit einem längeren Intervall gerechnet. Ich dachte, es müssten mind. fünfzig verschiedene Texte sein – auf fünfzig unterschiedliche Glückskekstexte kann man schon kommen, in der Glückskekstextefabrik. Das ist eine erwartbare Leistung des menschlichen Verstandes. Ich glaube, es sind nur so zwanzig. Zwanzig Ratschläge. Ich habe sie nicht gezählt. Aber es ist eine überschaubare Menge. Mir kommt der Text zwar bekannt vor, aber ich schmeiß den kleinen Zettel dann trotzdem in die Schachtel zu den Handschriften. Ich mache das jetzt nicht mehr. Ich schmeiß die Zettel lieber gleich weg. Ich kaufe mir auch keine Glückskekse mehr – es gibt sie in so Großpacks: Zwanzig, fünfzig, hundert Stück und mit steigender Menge sinkt der Einzelpreis. Das ist verlockend. Aber wenn mich in hundert Glückskeksen nur zwanzig verschiedene Ratschläge erwarten, kann ich mir auch nur zwanzig kaufen oder gar keine – weil ich jetzt schon jeden Ratschlag kenne. Es gibt keinen Zettel, der jetzt hilfreich wäre – z.B. Träume nicht von Lähmung, lähme deine Träume oder Verliere nicht dein Lebensgefühl, alles wird Gut … in einem stand nur Alles Gute und ich habe mir vorgestellt, ich saß gar nicht auf der Couch, als ich diesen Glückskeks aß – ich stand auf einem Hochhaus – auf einem der hässlichen am Potsdamerplatz und ich habe mein Leben von diesem Glückskeks abhängig gemacht – wenn er mir irgendeine Form von Hoffnung geben kann, springe ich nicht – das ist der Deal. Und dann öffne ich den Keks und auf dem Zettel steht: Alles Gute. Todesurteil. Okay. Das war der Deal. Wie viele sich schon der Glückskekse wegen umgebracht haben – wie viele wohl schon solche Deals eingegangen waren – wie viele schon von den Glückskeksen so ein letztes Zeichen ihrer eigenen Sinnhaftigkeit erwartet haben – und dann stand da: Alles Gute. Und was denkt der Glückskekstextschreiber – dachte er, das sei ein netter Ratschlag. Es ist doch nett seinen Lesern Alles Gute zu wünschen – das freut doch jeden, dachte er sich. Aber er hat nicht mit den Hochhausspringern gerechnet. Niemand rechnet mit den Hochhausspringern. Niemand der Ich verstehe dich sagt, rechnet mit den Hochhausspringern. Niemand der Ich werde immer für dich da sein sagt, rechnet mit den Hochhausspringern. Niemand der Du wirst immer ein wichtiger Mensch für mich sein sagt, rechnet mit den Hochhausspringern. Damit rechnet man einfach nicht – sie werden nicht einkalkuliert. Sie existieren ja dann auch nicht mehr – also wahrscheinlich ist es egal. Eingeflossen in die Rechnung sind von Anfang an nur die Menschen, die dann unterm Strich auch noch da sind – die dann weiterhin die Glückskekse kaufen im Zwanziger-, Fünfziger- und Hunderterpack – denen nicht auffällt, dass sich die Sprüche wiederholen und dass das Intervall wirklich sehr kurz ist. Niemand rechnet mit den Menschen, die dann nicht mehr da sind – die man halt nicht verstanden hat. Es hat auch niemand damit gerechnet, dass ich wirklich springen würde. Auch jetzt – du hast auch nicht damit gerechnet – ich würde dir jetzt gerne einen Glückskeks reichen – so ein kleine, banale Weisheit zur Aufheiterung. Sorry. Ich habe keine mehr – ich habe aufgehört, die Zettel zu sammeln. Ich habe keine Großpackung mehr gekauft. Alles Gute, hat der Keks gesagt, Alles Gute. Das Herz schlägt noch. Aber sonst nichts.

Glückskekse