Dating 2018

Match Deleted

(c) Sarah Berger, März 2018

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Überschriebene Zärtlichkeit

Schau sie dir an, bloß ein Gegenstand, den du in die Hand nehmen kannst, von der einen zur anderen Sekunde verwandelt sie sich, manchmal ist sie ein Stein, manchmal eine Vase, manchmal ein laut schriller Wecker, der an die Wand geschlagen in viele einzelne, metallische Teile zerspringt, zerreißt, auf den Boden verteilt liegt sie da, du stolperst über sie, in deine nackten Füße bohrt sie sich, silbern klirrende Schraube, sie ist das Blut unter deinen Füße, im langsamen Sich-Verteilen, zwischen die Ritzen des alten Holzfußbodens zerfließend, sich in die Struktur des Materials imprägnieren, eiserner Geschmack, der Geruch von Dornen, ein Laut an Dürre – war da etwas, du schaust dich um. Sie ist verschwunden.

Überschriebene Zärtlichkeit

Allein gehe ich

Allein gehe ich ins Kino, ohne ein Ticket gekauft zu haben. Auf den nächsten Film muss ich zwei Stunden warten – daher setze ich mich ins Fenster des Kinos und beobachte Passanten. Der französische Film aus den 40ern erzählt die Geschichte von Christine, gefangen in ihren Erinnerungen an eine längst vergangene Liebe und dem Möglichkeitsraum aller falschen Entscheidungen. Während ich versuche, der Handlung des Films zu folgen, schweifen meine Gedanken ab, mein Kopf bleibt mehr bei mir, als Christine in die Vergänglichkeit des Augenblicks zu folgen. Ich starre zwar auf die Leinwand, vor meinem inneren Augen jedoch läuft ein anderer Film und von mir weitestgehend unbemerkt fließen Tränen meine Wange hinab.

Wie zu erwarten sitzt ein hübscher Mann zwei Sitze weiter und bemerkt meine Traurigkeit. Ohne eine Frage zu stellen, sucht er in seinem Beutel nach Taschentüchern und reicht mir eines. Das ist nett. Vielleicht. Als der Film vorbei ist, fragt er, ob alles okay sei. Ich nicke. Er fragt, ob mir der Film gefallen habe. Ich muss zugeben, dass ich der Handlung kaum folgen konnte. Dann fragt er, ob wir an der Kinobar noch … und so weiter jajaja, wir trinken Kaffee, also ich Kaffee, er ein Bier, es ist natürlich okay für mich aber etwas irritiert mich, erst als wir im hellen Scheinwerferlicht der Kinobar stehen, fällt mir auf, dass sein Gesicht kaum Farbe hat, nein, es ist sehr bleich und seine Kleider, nun zwar verfügen sie über zahlreiche Schattierungen aber letztlich sind sie grau bis schwarz. Ich frage ihn, ob das nur mein Eindruck ist oder … aber er winkt direkt ab, schnappt sich meine Hand und zieht mich rennend aus dem Kino; SIEHST DU DAS, schreit er und zeigt mit seinem linken Zeigefinger über den Eingang des Kinos. Da steht in großen Lettern Ein Fenster in Sarahs Herzen. Ich schaue an meinem Körper herab und da ist tatsächlich ein Fenster auf der Höhe meiner Brust, welche gängig als die Stelle beschrieben wird, unter welcher das Herz angesiedelt ist, also unter dem Brustbogen, unter den Knochen und zwischen den Lungenflügeln, pulsierend, ein Fenster, ja und es steht sogar offen aber da es mir schwerfällt, in dieser Perspektive mit dem eigenen Kopf in die eigene Brust zu schauen, bitte ich den netten Mann mit dem Taschentuch, einen Blick hineinzuwerfen und mir mitzuteilen, was ihn dort erwartet aber er schüttelt vehement den Kopf – schau doch, sagt er, es ist verschlossen, siehst du das nicht? Nein nein, ich sehe doch ganz genau, dass es offen ist, versichere ich ihm, ich kann doch den Rahmen des Fensters sehen und die Klinke, die wundersamerweise im Inneren liegt; daher wundert es mich, dass es überhaupt so weit offen steht. Meine Neugierde ist so groß, dass ich den netten Taschentuchmann einfach stehen lasse, um im Kino den Waschraum aufzusuchen. Kurz hinter dem Eingang werde ich von einem Kinomitarbeit aufgehalten; ich müsse mir zuerst ein Ticket kaufen. Hier schauen Sie, sage ich und zeige ihm meine Karte, ich war schon drin. Nein nein, sagt er, das Datum auf dem Ticket sei gestern, das zähle nicht, die nächste Vorstellung sei in zwei Stunden, dann könne ich rein. Na gut, sage ich und setze mich zum Warten ins Fenster, beobachte Passanten.

Allein gehe ich

Wie verkauft sich das Selbst?

Sex versus Liebe, Selbstdarstellung versus wahre Gefühle – Tinder polarisiert. Manche behaupten gar, die App habe eine ganze Generation beziehungsunfähig gemacht. Schade, dass die Kritik an der angeblich so oberflächlichen App selbst so oberflächlich ist, findet Sarah Berger.

Onlinedating ist in den wenigen Jahren der digitalen Revolution von der Mega-Creep-Veranstaltung zum schnellen Lieferservice für Sex avanciert – so die mediale Berichterstattung. Es wurden zahlreiche Artikel geschrieben, Einspieler produziert, Diskussionsrunden geführt, die das Für und Wider dieser Veräußerung des Selbst unter kapitalistischen Prinzipien ausleuchten.

Nicht selten ist die Sprache von der „Sexapp“, fällt das Gespräch auf Tinder – ein Kichern geht durch die Runde, alle Anwesenden schauen verschämt auf den Boden. Niemand will so richtig zugeben, die App zu nutzen – ähnlich peinlich wie das Kaufen von Kondomen?

Über eine Millionen Menschen sind im deutschsprachigen Raum bei der App angemeldet und verwenden sie regelmäßig. Und wären sich alle dieser Nutzer einig darüber, dass dieses „Tinder“ ausschließlich dem Zugang zu schnellem, unverbindlichen Sex dienlich ist, gäbe es keinen Gesprächsstoff. […]

Beitrag zum Thema Onlinedating für Zeitfragen im Deutschlandfunk Kultur.

 

Wie verkauft sich das Selbst?

IN EINEM ZUSTAND AUSSERHALB DER ZEIT

Blicke ich auf, schaue ich mir die Menschen an, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich wirklich einsam fühlen – ich meine, verloren, sinnlos, so dass es ihnen mehr als ein Mal am Tag in den Sinn kommt: Ich bin einsam, ich bin sinnlos, ich bin ekelhaft usw.. Ich kann mir das nicht vorstellen. Die meisten Menschen wirken so gut eingebetet in das Leben – ich meine das Leben an sich. Als hätten sie sich wirklich dazu entschieden. Als könnten sie sich an diese Entscheidung erinnern. Als wäre das Leben eine Glaskugel, feinsäuberlich einsortiert in Regale ähneln sie Dutyfree Ginflaschen in Flughafenshops. Jede Glaskugel ist ein Unikat. Sie sind beschriftet mit dem zukünftigen Namen der Person und versehen mit ein paar Details aus dem Kommenden – Kindheit, Jugend, mittlere Jahre, Alter, Lebensende, Eltern, Familie, Freunde, seelische und körperliche Verfasstheit, Geschlecht, Nationalität, gesellschaftliche Stellung bzw. Entwicklung innerhalb der gesellschaftlichen Klassen – nicht sehr ausführlich aber ausgestattet mit den wichtigsten Informationen, vielleicht auch mit ein paar Bildern der Person in verschiedenen Stadien der Entwicklung. Ein Blick in die Glaskugel zeigt kleine, ausgewählte Szenen aus dem zukünftigen Leben – nur um sich einen guten Überblick zu schaffen, aber doch auch mit der Lust des Voyeuristen werden Kugeln aus dem Regal genommen, geschüttelt, betrachtet, geschüttelt, zurück gestellt – der Zustand ausserhalb der Zeit ist randvoll, das Gedränge ist manchmal unerträglich.

Die meisten Menschen wirken so, als hätten sie sich viel Zeit gelassen bei der Auswahl ihres Lebens, als hätten sie sich mehrere Kugeln aus dem Regal genommen, jedes Leben ganz genau studiert und eine wohlbedachte Entscheidung getroffen. „Schauen sie hier,“ sagt einer im Zustand ausserhalb der Zeit, „dieses Leben hat einen Sprung.“ Die Lebensverkäuferin kommt schon angelaufen: „Oh, da haben Sie Recht.“ Sie nimmt das Leben aus dem Regal, entfernt beim Polieren der durchscheinenden Fläche ein paar Fingerabdrücke und stellt es zu den Leben zum halben Preis. Was kostet überhaupt so ein Leben? Billig ist es nicht aber dafür werden beim Kauf eines Leben viele Bonuspunkte angerechnet.

Nach einer Weilen werden die Leben zum halben Preis in den Container für unwerte Leben aussortiert und zurück in die Lebensmanufaktur gebracht. Lebensdesigner und Lebensberater kontrollieren gemeinsam die demolierten, ungewollten Leben – manche davon sind nicht zu retten, sie werden niemals gelebt und enden in der Entlebung; andere wiederum lassen sich reparieren und werden in einem neuen Design zurück in den Zustand ausserhalb der Zeit gebracht und häufig als noch viel begehrtere Leben recht zügig verkauft. Am Blackfriday gibt’s zwei Leben zum Preis von einem und mit einem Haufen gesammelter Bonuspunkt besteht die Möglichkeit, ein einzigartiges Leben aus einzelnen Komponenten nach Wahl zusammenzustellen.

Eine helle, freundliche Stimme teilt dir mit: Bitte beachten Sie, dass Ihr Leben beginnt, sobald es zerschlagen wird. Jedes Leben kann nur einmalig zerschlagen und dann weder zusammengesetzt noch zurückgegeben oder umgetauscht werden. Ein zerschlagenes Leben endet ausschließlich mit dem Tod der Person unabhängig davon, wie lange das Leben andauert. Bitte bestätigen Sie, dass Sie die AGB’s gelesen haben und damit einverstanden sind. Willkommen in Ihrem neuen Leben! Während des gesamten Lebens empfehlen wir, den Sitzgurt geschlossen zu halten. Wir hoffen, Sie genießen Ihr Leben, bei Fragen und Anregungen steht Ihnen unser geschultes Personal jederzeit zur Verfügung. Sind Sie sich sicher, dass sie dieses Leben leben wollen? Dann drücken Sie jetzt: Ja!

IN EINEM ZUSTAND AUSSERHALB DER ZEIT