Kampf oder Flucht

Ich weiß nichts von Flucht, obgleich ich in flüchtiger Unachtsamkeit als Dauerhaftes ins Unstete geboren wurde. Aus dem Leib einer Mutter, die vor lauter Ärzteflucht beinahe verblutet wäre in diesem Sozialismus. Sie wollte in eine Beziehung flüchten; mein Vater in bessere Verhältnisse. Es passte. In Georgien waren wir die Deutschen, in Israel die Georgier in Deutschland die Juden. In Deutschland die Juden. Als mich David heute fragte, ob ich in seinem Video über das jüdische Café in der Raumerstraße auftreten könnte, war mein erster Gedanke, dass ich den darauffolgenden Antisemitismus auf meiner Timeline nicht ertragen werde. Dass ich schwach bin. Dass ich mich mehr und mehr zurückgezogen hatte. Ob es nicht normal ist, würde ich ihn fragen, irgendwann einfach los zu schreien und nie wieder damit aufzuhören. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Es heißt doch immer: Kampf oder Flucht. Dabei denken wir Flucht immer als eine Bewegung von einem Ort zu einem anderen. Es gibt aber auch eine Flucht ins Innere. Zugegeben auch das ist ein Ort und seine Grenzen wogen immerzu zwischen unglaublicher Nähe und unglaublicher Ferne, sind manchmal gar luzide, manchmal dicht geschnürt. Wenn sich das Ich ins Innere flüchtet, zieht es sich ganz und gar zusammen, so sehr, bis es keinen Raum mehr einnimmt, keine Zeit mehr verdrängt: Stillstand. Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Ich bin stillgestanden, würde ich ihm antworten. Ich habe die Hashtags gemutet und ein paar Accounts stummgeschaltet, ich habe keine Artikel mehr angeklickt und bin allen Zeitungen entfogt, ich habe die WhatsApp-Gruppen-Chats nicht mehr gelesen. Ich habe mich nicht in deinem Video gezeigt.

Ben schreibt auf OkC „The most private thing I’m willing to admit: I sometimes doubt humanity“ ich antworte ihm: Guess thats pretty normal these times. Auf mein „The most private thing I’m willing to admit: Most of the time I’m feeiling disconnected“ antwortet er: That’s wonderfully honest and direct.

Aber ich kann deine Frage einfach nicht vergessen: Wann also hatte es angefangen und was hattest du dagegen gemacht. Du hattest sie ja erst viel später gestellt, als ich schon längst wusste, was passieren wird. Während dieser langen Zeit meines Still-stehens habe ich nie über Flucht nachgedacht. Ich dachte, so viel Vergangenheit kann gar nicht Gegenwart werden. So wie man einfach Zigaretten raucht ohne an die Zukunft zu denken. Ich weiß also nicht, wie es heute im volljährigen 21. Jh. möglich ist, Unfreiheit zu fordern. Sich selbst die Fesseln einer Nation anzulegen. Heinrich Böll nannte sie Wölfe. Ich nenne sie Blaumiesen, weil sie mich an den Yellow Submarine Film erinnern.

Wenn du schon solche Fragen stellst, dann möchte ich von dir wissen, welcher Ort besser ist. Ob nicht jeder Ort gleichsam ein Vermissen aller anderen Orte ist. Dass man eben nicht vergessen kann, egal wo man hingeht. Dass die Nachbilder für immer bleiben. Eingebrannte Desktop-Schimmer in Tymons Augen, während wir den Kanal entlang spazieren und er mir erzählt, dass er nach Talin ziehen wird. Ich nicke. Ich zähle im Kopf seine restlichen Tage durch, ein paar sind es noch, das beruhigt mich. Ich behaupte, ich könnte ja für ein paar Monate nach Wien gehen oder nach Prag, ich hätte schon immer mal in Prag leben wollen. Ob das nicht viel zu viel Distanz ist, hätte ich ihn fragen sollen, so ganz allgemein, sich in Worten verstecken und glauben, man würde eine Sprache sprechen. Wir sind noch eine Weile still nebeneinander her gelaufen. Das war schön.

Wenn man einmal in sich gegangen ist, scheint es keinen Weg vorwärts zu geben – oder wie sollte ich vorwärtsgehen in die Hashtags und Clickbaits. Wie sollte ich vorwärtsgehen in diese Sprache, so sehr ver-gangen, also in die falsche Richtung gegangen oder über die eigenen Füße gestolpert, als könne man nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig gehen. Jetzt siehst du, dass es keinen Weg vorwärts gab.

Weißt du, wenn man die Deutschen fragt, was ihre Großeltern im Nationalsozialismus gemacht haben, dann behaupten 95 %, ihre Familie bestünde aus Widerstandskämpfern. Das stand in einer Studie aber ich finde sie gerade nicht. Ich google „Behauptung Widerstandskämpfer NS Zeit“ aber da kommen nur Wikipedia-Artikel und es langweilt mich, sie mir genauer anzuschauen – ich weiß das doch alles. Ich weiß es doch. Ich hab doch einen Körper, eine Haut, ich spüre sie doch die Stimmen und Blicke, ich nehme doch Raum ein, ich bin doch da.

Das Problem ist doch, dass wir keine Flucht aus der Vergangenheit erzählen können. Denn so lange es die Flucht in der Gegenwart gibt, ist sie mehr als ein flüchtiger Augenblick, als das rasche durchklicken einiger Tweets, ein wenig Empören, ein paar Beleidigungen, ist das jetzt schon der Shistorm. Danke, denke ich, dass ihr mich damals aus dem Sozialismus gerettet habt, dass ich nicht von der israelischen Armee eingezogen wurde. Zum Glück ist meine Mutter damals im Krankenhaus nicht verblutet. Damit ich jetzt sein kann. In diesem 2018, konfrontiert mit der Frage, ob es schlimmer ist, als das 2017 oder das wirklich schlimme 2016. „Leute es ist 2018“ lese ich immer wieder auf Twitter. Ja! Ich weiß! Und trotzdem weiß ich nichts über Flucht. Stattdessen denke ich an meine georgische Oma. In ein paar Jahren wird sie tot sein. Ich sollte sie vielleicht noch mal besuchen.


Text aus 19 Tweets für ##penmarathon & auf Soundcloud

Kampf oder Flucht

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

Von außen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen – er griff ja auch nach meiner Hand. Dass wir uns darauf nicht geeinigt hatten, blieb mir im Hals stecken. Dass ich schnell noch ein anderes Date brauchte, also einen anderen Begleiter, Partner, dass ich schnell in eine andere Richtung gehen musste, so als könnte ich nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig laufen, dass ich thomasesque in jede Lücke gleichzeitig wie Wunden fühlte, kontinuierliches Suchen nach dem Fehlen im Überfluss, dass ich in dauerhafter Erwartung des Schlimmsten schwelgte, während er mit dem Daumen über meine Fingerknöchelchen strich; während er diese Geste an mich wand, zählte ich all die anderen Gesten, die ausgebliebenen, legte heimlich Listen an in meinem Kopf, Abzählreime einer Gewissheit, mich schleunigst reduzieren zu müssen, wenn ich doch nur meine Fingerknöchel nach innen wenden könnte, wenn ich mich doch nur kantianisch invers – ist dir aufgefallen, dass streicheln und streichen sich sehr ähnlich sind, also über die Oberflächen streichen, streicheln, wir er nach meiner Hand griff. Von aussen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen. Dabei folgte ich einer zarten mattblauen Linie. Sie bahnte sich mit einem Mal aus der Mitte meines Körpers heraus einen Weg durch den Raum hinaus aus seinem Bett, auf der Straße in langsamen Wellenbewegungen hatte ich kaum Mühe ihr zu folgen. Im Gegenteil: die meiste Strecke über trug sie mich. Ein Trugbild also. Hätte ich sitzen bleiben können? Niemals. Die mattblaue Linie strömte ja gerade zu aus der Mitte meines Körpers.


Histoboy (wochenlages Sexting, als wir uns dann endlich treffen, beichtet er, dass er totale Versagensängste hat, in den nachfolgenden Nachrichten wird er teilweise echt gemein, ich breche Kontakt ab, er schreibt mir immer mal wieder via Instagram, wie sehr er alles bereut und mir gerne zeigen würde, dass er ein besserer Mensch ist)

Drummerboy (wir starrten uns eine Stunde lang entgeistert an, dann wollte er unbedingt meinen Tee bezahlen)

Wienfilmboy (heftiges Rumgeknutsche im Roses, schreckliche Wohnung im Speckgürtel Wiens, bezeichnete das Akzeptieren meiner Abfuhr zu Sex als „Gentlemanlike“)

Feuerwehrboy (mein erster G-Punkt-Orgasmus, sweeter Typ, intellektuell nicht kompatibel)

Borderlinetyp (Sex war okay, Typ etwas dramatisch auf der Suche nach seiner Femme fatal)

Musicalboy (sein Bart roch nach alter Wäsche, nach ein paar Minuten Sexversuch abgebrochen, weil wenig zugewandt)

Modeltyp (wir haben Fotos gemacht, er hat nur über sich geredet, hübscher Körper aber kein Interesse an Sex)

Artyboy (sein letzter Abend in Berlin, Roses, 7-Songs- für eine einsame Insel Challenge, sehr intensiver, rougher Sex, wir liken uns noch gegenseitig auf Instagram)

Augsburgboy (sehr anregende Gespräche auf MDA, totale Hipsterwohnung mit leeren Bilderrahmen an der Wand, Schallplatten, seltsame Musik, mittelmäßiger Sex, halbes Jahr später halbherziger booty call)

Gutersextyp (interessante Gespräche, eigentlich kein Interesse an Sex aber dann war es doch ziemlich guter Sex, trotteliges Lonleywoolf-Verhalten seinerseits im Nachgang)

Weinhandlungstyp (spontane nächtliche Drogensession in seinem Weinladen, als er sagte, Homosexuelle sollten nicht heiraten, Interesse verloren, danach seltsame Nachrichten, er hätte sich noch niemals so lebendig gefühlt, Kontakt abgebrochen)

Celloboy (nach erstem Date im Park Kontakt verloren, dann wieder aufgenommen, nette Nacht, guter Sex, danach Kontakt wieder verloren)

Neuroboy (regelmäßige Treffen zum quatschen und ins Kino gehen (Tarkowksi-Fan), keine Dates)

Marsboy (nahm mir beim ersten Date die Weinkarte aus der Hand um sie mir vom ersten bis zum letzten Wein vorzulesen, roch nach mehrfach getrocknetem Schweiß, Kontakt abgebrochen)

Valentiaboy (Sex im Meer/am Strand, ganz nette Nacht, Typ lebt in Wien, haben noch Kontakt)

Barcelonaboy (Date beginnt mit seiner Behauptung, nicht interessiert zu sein an ONS, dann super flirty, mittelmäßiger Sex, danach hatte er meine Nummer geblockt)

Santiagoboy (gemeinsam am Meer MDA genommen, getanzt, er tippt in Googletranslate „Ich will wissen, wie es sich anfühlt, eine Künstlerin zu küssen“ aber ich hab gekniffen)

Juraboy (schlechter, betrunkener Sex nach Lesung, irgendwann abgebrochen und gegangen)

Parisboy (drei Dates, nette Gespräche, mittelmäßiger Sex dann Abbruch mit seinen Worten „I can’t feel the magic“)

Dreitageboy (nach Kaffeetrinkdate Verabredung zum Sex am Abend, während des Sex sagte er die ganze Zeit „du bist so nass“, als ich es abbrechen will, stellt er fest, dass das Kondom verrutscht ist, nächtliche Wanderung zur Apotheke)

Barkeeperboy (nettes erstes Date in der Ringbahn, dann Drinks & okayer Eisprungsex, unsicher ob weiteres Interesse)

Kinkytyp (über mehrere Tage spannendes Sexting, er will unbedingt poppers nehmen während des Sex, wir treffen uns nachts zum spontanen Sex im Park, ist okay aber langweiliger als es die Nachrichten hätten vermuten lassen)

Politikboy (interessanter offener Typ, spontan Sex im Park, hat sich nicht weiter entwickelt)

Frischboy (Sex & Gespräche waren okay, aber ich glaube, er wollte nur Gras von mir abgreifen)


Allerdings besteht streichen ja oft darin, etwas zu hinterlassen oder etwas zu löschen – manches Streichen ist auch so verlorenes eine-einzelne-Stelle-abtragen, immer wieder und wieder bis die Stelle ganz taub geworden. Als er also nach meiner tauben Hand griff, von außen betrachtet, lief ich ihm nach durch diese mir unbekannten Straßen. Wie fühlen sich eigentlich die Finger, wenn sie immer nur über ein und die selbe Stelle streichen, die ja selbst nur ein und die selbe Stelle sind. Wer trägt da eigentlich wen ab. Wer trägt da eigentlich wen. Wer erträgt.

Es sind ja nicht mal die Worte, die ich nicht finde – ganze Sprachen sind es.

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

My self-summary

My self-summary
Favorite thing about the place I live
Me, a Haiku
Most people that know me would say I’m
Favorite memory from my childhood
Things I am not
Mostly I think, it doesn’t matter, if I’m really doing something or just writing about it.
What I’m doing with my life
Current goal
One day, I would like to
I’d like to be known for my
If money were no concern, this is what I would be doing
My dream job is
Author & Photographer
I’m really good at
I like to make
I could probably beat you at
My patronus
I want to be better at
My worst quality
be skeptical
The first thing people notice about me
My style can be described as
I love this about myself
My go-to dance
My golden rule
My weirdest quirk
very dark voice, supe nervous, clumsy, talking too much stuid things, absent
Favorite books, movies, shows, music, and food
My favorite bands in high school
The tastiest thing I’ve ever consumed
A book everyone should read
These are my teams
A movie I’ve watched over and over and over again
Kafka, Mayröcker, Benn, Pessoa

Radiohead, The Cure, Sonic Youth, Tocotronic

Stalker, Clockwork Orange, Eternity and a day

Lasagne, Icecream, Coffee with 42er

Six things I could never do without
If I could only eat one food for the rest of time it would be
This item makes me feel at home
My partner should be
I couldn’t function without these apps
I value
coffee, books, gin
I spend a lot of time thinking about
I like to take pictures of
My favorite conspiracy theory
Last video I watched on YouTube
The last show I binged
I should spend less time
WHY & WTF
On a typical Friday night I am
A perfect day
Best day of my life so far
Ideal weekend routine
When I die, I will
On a typical Wednesday I am
mostly dying inside
The most private thing I’m willing to admit
The last time I was embarrassed
This is the saddest song ever written
My biggest regret
My relationship with my mother
If I were sent to jail, I’d be arrested for
Most of the time I’m feeiling disconnected
You should message me if
What I’m actually looking for
Before I go on a date with someone I need to know that
I will never date someone that
My worst date
For our first date, let’s
you are open for something more than ONS and can deal with an independent woman who hates being invited to dinner or drinks or whatever, really wanted to pay for myself.
My self-summary

Fluide (Auszug)

Gleich wird sie mich rufen. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Am Fuß der Treppe hatten sich unter den gut fünfzehn Paar Schuhen zarte braune Pfützen gebildet. Vielleicht waren sie auch schon zu einer großen Pfütze verschmolzen. Sind die Kacheln an dieser Stelle schüßig, frage ich mich dann. Oder liegt es an dieser besonderen Anziehungskraft, die Wassermoleküle für einander empfinden, dass sie sich immer suchen, zusammenfinden, zusammenfließen. Es ist grundsätzlich schwer, Flüssigkeiten zu trennen. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich werde noch ein paar Minuten lang versuchen, ihr Rufen nicht zu hören. Stattdessen starre ich in den Garten, auf den Wallnussbaum – er ist nur marginal größer geworden, vielleicht hatten sie ihn in den letzten Jahren immer wieder geschnitten. Ich erinnere mich daran, dass er hätte gefällt werden müssen, da seine Wurzeln bis zum Fundament des Hauses vorgedrungen waren. Dabei war der Baum ja schon vor uns da. Vielleicht sogar schon vor dem Haus. Dann empfinde ich wieder diesen Ärger von damals. Immer sollen die Dinge weichen, die uns umgeben, ausweichen sollen sie uns, dabei bewegen wir uns wie freie Radikale, also unkontrolliert, unberechenbar und verlangen im Gegenzug, dass alles andere unseren störrischen Bewegungen weicht. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich würde irgendwann doch nachgeben müssen. Am Fuß der Treppe würde sie mich erwarten. Sie würde im Türrahmen stehen zwischen Eingangsbereich und Küche. Wortlos würde sie mir den Schrubber entgegenstrecken. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. Oder eben mit dem Schrubber, wenn ich den versüfften Lappen mit leichtem Druck mehrmals über die weißen Kacheln schiebe. Hauptsache keiner der Gäste bekommt die bräunliche Pfütze zu Gesicht. Warum zwingst du sie auch, sich die Schuhe auszuziehen, würde ich fragen, während sie kontrollierend im Türrahmen verharrt. Dann würde sie laut ausatmen. Wegnistens heute, würde sie mir entgegnen. Dabei würde sie versuchen, streng zu klingen aber sie war noch niemals besonders gut darin, das Flehen in ihrer Stimme zu verbergen. Da war immer so eine Not, sobald sie das Wort ergriff. Ein sanftes Unwohlsein. Wenigstens heute könntest du das lassen, würde sie mich anflehen. Aber es nützt nichts. Ich falle darauf nicht mehr rein.

Fluide (Auszug)

Ein Soziopath ist ein

Als du mich geschrieben hast, wie hat es sich angefühlt, jedes Wort für sich meine ich, das Sezieren meiner Sprache, meines Sprechens, wie hat es sich an ge fühlt, als wir, erinnerst du dich, unsere Hände hielten im Schlaf ohne uns zu berühren, wohl, das habe ich jetzt ver-standen; im Stegreif ich zu sein, wie hat es sich angefühlt, mich zu öffnen, den Ver-schluss – uns bleibt ja immer noch Prag hast du gesagt oder eine andere Stadt mit P, uns, habe ich gesagt, was ist das, habe ich gefragt, erinnerst du dich, wie hat es sich angefühlt, nichts zu sein, nicht ich zu sein, nicht zu sein und all diese anderen Dinge, die noch so m i t s c h w i n g e n, ja, du hast mich schon richtig verstanden, ich weiß, das nächste du steht schon im Anschlag, sie sind ja auch nicht schwer zu finden, sie laufen ja gerade so auf der Straße einem über die Beine, also vor die Füße, vor die Flinte, vor die Linse und KLICK und gut ja, dann sitzt du eben in meinem Rücken, also auf dem Lesesessel neben meinem Schreibtisch und klickst Dinge in dein Smartphone, Worte auch, Sprache, also Sprechen, meine Worte meine Fiktion, hörst du, ein Soziopath ist ein Mensch, der ein völliges Fehlen von Empathie mit einem tiefgehenden Anspruchsdenken verbindet, er fühlt keinen Schmerz außer dem eigenen, also meinen, also deinen Schmerz in diesem Wirrwarr, du ich wir, hast du das gesagt oder ich oder du und ich, da ist immer eine Konjunktion zwischen uns, schon wieder alles so nah, so nah an der Sprache, an den Worten, unaussprechlich, du oder ich oder wir, also nicht ausgesprochen, nicht buchstabiert oder wenigstens Wort für Wort, also gestillt, nicht befriedigt, gewogen in Stille, aufgewogen die Worte, verbannt in Sprache dieses Gefühl, du in meinem Rücken auf dem Sessel neben meinem Schreibtisch blätterst in den alten Ausgaben der Philosophischen Rundschau, suchst verzweifelt nach meinem Namen darin, suchst überhaupt nur nach Namen, jaja, ich verstehe schon, einen Namen hat man nur, weil andere in rufen, suchst also nicht nach mir, hast du jemals gesucht, etwas gesucht in unseren Worten, im Auseinandersprechen der Phoneme, im Auseinanderbrechen. Einsam rollt eine Traube durch die S-Bahn.

Ein Soziopath ist ein

Überschriebene Zärtlichkeit

Schau sie dir an, bloß ein Gegenstand, den du in die Hand nehmen kannst, von der einen zur anderen Sekunde verwandelt sie sich, manchmal ist sie ein Stein, manchmal eine Vase, manchmal ein laut schriller Wecker, der an die Wand geschlagen in viele einzelne, metallische Teile zerspringt, zerreißt, auf den Boden verteilt liegt sie da, du stolperst über sie, in deine nackten Füße bohrt sie sich, silbern klirrende Schraube, sie ist das Blut unter deinen Füße, im langsamen Sich-Verteilen, zwischen die Ritzen des alten Holzfußbodens zerfließend, sich in die Struktur des Materials imprägnieren, eiserner Geschmack, der Geruch von Dornen, ein Laut an Dürre – war da etwas, du schaust dich um. Sie ist verschwunden.

Überschriebene Zärtlichkeit

Allein gehe ich

Allein gehe ich ins Kino, ohne ein Ticket gekauft zu haben. Auf den nächsten Film muss ich zwei Stunden warten – daher setze ich mich ins Fenster des Kinos und beobachte Passanten. Der französische Film aus den 40ern erzählt die Geschichte von Christine, gefangen in ihren Erinnerungen an eine längst vergangene Liebe und dem Möglichkeitsraum aller falschen Entscheidungen. Während ich versuche, der Handlung des Films zu folgen, schweifen meine Gedanken ab, mein Kopf bleibt mehr bei mir, als Christine in die Vergänglichkeit des Augenblicks zu folgen. Ich starre zwar auf die Leinwand, vor meinem inneren Augen jedoch läuft ein anderer Film und von mir weitestgehend unbemerkt fließen Tränen meine Wange hinab.

Wie zu erwarten sitzt ein hübscher Mann zwei Sitze weiter und bemerkt meine Traurigkeit. Ohne eine Frage zu stellen, sucht er in seinem Beutel nach Taschentüchern und reicht mir eines. Das ist nett. Vielleicht. Als der Film vorbei ist, fragt er, ob alles okay sei. Ich nicke. Er fragt, ob mir der Film gefallen habe. Ich muss zugeben, dass ich der Handlung kaum folgen konnte. Dann fragt er, ob wir an der Kinobar noch … und so weiter jajaja, wir trinken Kaffee, also ich Kaffee, er ein Bier, es ist natürlich okay für mich aber etwas irritiert mich, erst als wir im hellen Scheinwerferlicht der Kinobar stehen, fällt mir auf, dass sein Gesicht kaum Farbe hat, nein, es ist sehr bleich und seine Kleider, nun zwar verfügen sie über zahlreiche Schattierungen aber letztlich sind sie grau bis schwarz. Ich frage ihn, ob das nur mein Eindruck ist oder … aber er winkt direkt ab, schnappt sich meine Hand und zieht mich rennend aus dem Kino; SIEHST DU DAS, schreit er und zeigt mit seinem linken Zeigefinger über den Eingang des Kinos. Da steht in großen Lettern Ein Fenster in Sarahs Herzen. Ich schaue an meinem Körper herab und da ist tatsächlich ein Fenster auf der Höhe meiner Brust, welche gängig als die Stelle beschrieben wird, unter welcher das Herz angesiedelt ist, also unter dem Brustbogen, unter den Knochen und zwischen den Lungenflügeln, pulsierend, ein Fenster, ja und es steht sogar offen aber da es mir schwerfällt, in dieser Perspektive mit dem eigenen Kopf in die eigene Brust zu schauen, bitte ich den netten Mann mit dem Taschentuch, einen Blick hineinzuwerfen und mir mitzuteilen, was ihn dort erwartet aber er schüttelt vehement den Kopf – schau doch, sagt er, es ist verschlossen, siehst du das nicht? Nein nein, ich sehe doch ganz genau, dass es offen ist, versichere ich ihm, ich kann doch den Rahmen des Fensters sehen und die Klinke, die wundersamerweise im Inneren liegt; daher wundert es mich, dass es überhaupt so weit offen steht. Meine Neugierde ist so groß, dass ich den netten Taschentuchmann einfach stehen lasse, um im Kino den Waschraum aufzusuchen. Kurz hinter dem Eingang werde ich von einem Kinomitarbeit aufgehalten; ich müsse mir zuerst ein Ticket kaufen. Hier schauen Sie, sage ich und zeige ihm meine Karte, ich war schon drin. Nein nein, sagt er, das Datum auf dem Ticket sei gestern, das zähle nicht, die nächste Vorstellung sei in zwei Stunden, dann könne ich rein. Na gut, sage ich und setze mich zum Warten ins Fenster, beobachte Passanten.

Allein gehe ich

Wie verkauft sich das Selbst?

Sex versus Liebe, Selbstdarstellung versus wahre Gefühle – Tinder polarisiert. Manche behaupten gar, die App habe eine ganze Generation beziehungsunfähig gemacht. Schade, dass die Kritik an der angeblich so oberflächlichen App selbst so oberflächlich ist, findet Sarah Berger.

Onlinedating ist in den wenigen Jahren der digitalen Revolution von der Mega-Creep-Veranstaltung zum schnellen Lieferservice für Sex avanciert – so die mediale Berichterstattung. Es wurden zahlreiche Artikel geschrieben, Einspieler produziert, Diskussionsrunden geführt, die das Für und Wider dieser Veräußerung des Selbst unter kapitalistischen Prinzipien ausleuchten.

Nicht selten ist die Sprache von der „Sexapp“, fällt das Gespräch auf Tinder – ein Kichern geht durch die Runde, alle Anwesenden schauen verschämt auf den Boden. Niemand will so richtig zugeben, die App zu nutzen – ähnlich peinlich wie das Kaufen von Kondomen?

Über eine Millionen Menschen sind im deutschsprachigen Raum bei der App angemeldet und verwenden sie regelmäßig. Und wären sich alle dieser Nutzer einig darüber, dass dieses „Tinder“ ausschließlich dem Zugang zu schnellem, unverbindlichen Sex dienlich ist, gäbe es keinen Gesprächsstoff. […]

Beitrag zum Thema Onlinedating für Zeitfragen im Deutschlandfunk Kultur.

 

Wie verkauft sich das Selbst?