Fluide (Auszug)

Gleich wird sie mich rufen. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Am Fuß der Treppe hatten sich unter den gut fünfzehn Paar Schuhen zarte braune Pfützen gebildet. Vielleicht waren sie auch schon zu einer großen Pfütze verschmolzen. Sind die Kacheln an dieser Stelle schüßig, frage ich mich dann. Oder liegt es an dieser besonderen Anziehungskraft, die Wassermoleküle für einander empfinden, dass sie sich immer suchen, zusammenfinden, zusammenfließen. Es ist grundsätzlich schwer, Flüssigkeiten zu trennen. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich werde noch ein paar Minuten lang versuchen, ihr Rufen nicht zu hören. Stattdessen starre ich in den Garten, auf den Wallnussbaum – er ist nur marginal größer geworden, vielleicht hatten sie ihn in den letzten Jahren immer wieder geschnitten. Ich erinnere mich daran, dass er hätte gefällt werden müssen, da seine Wurzeln bis zum Fundament des Hauses vorgedrungen waren. Dabei war der Baum ja schon vor uns da. Vielleicht sogar schon vor dem Haus. Dann empfinde ich wieder diesen Ärger von damals. Immer sollen die Dinge weichen, die uns umgeben, ausweichen sollen sie uns, dabei bewegen wir uns wie freie Radikale, also unkontrolliert, unberechenbar und verlangen im Gegenzug, dass alles andere unseren störrischen Bewegungen weicht. „Emma! Emma, kommst du!“ wird sie rufen. Ich würde irgendwann doch nachgeben müssen. Am Fuß der Treppe würde sie mich erwarten. Sie würde im Türrahmen stehen zwischen Eingangsbereich und Küche. Wortlos würde sie mir den Schrubber entgegenstrecken. Mit dem Mund geht es, wenn man einfach die Lippen schließt. Oder eben mit dem Schrubber, wenn ich den versüfften Lappen mit leichtem Druck mehrmals über die weißen Kacheln schiebe. Hauptsache keiner der Gäste bekommt die bräunliche Pfütze zu Gesicht. Warum zwingst du sie auch, sich die Schuhe auszuziehen, würde ich fragen, während sie kontrollierend im Türrahmen verharrt. Dann würde sie laut ausatmen. Wegnistens heute, würde sie mir entgegnen. Dabei würde sie versuchen, streng zu klingen aber sie war noch niemals besonders gut darin, das Flehen in ihrer Stimme zu verbergen. Da war immer so eine Not, sobald sie das Wort ergriff. Ein sanftes Unwohlsein. Wenigstens heute könntest du das lassen, würde sie mich anflehen. Aber es nützt nichts. Ich falle darauf nicht mehr rein.

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Fluide (Auszug)

Ein Soziopath ist ein

Als du mich geschrieben hast, wie hat es sich angefühlt, jedes Wort für sich meine ich, das Sezieren meiner Sprache, meines Sprechens, wie hat es sich an ge fühlt, als wir, erinnerst du dich, unsere Hände hielten im Schlaf ohne uns zu berühren, wohl, das habe ich jetzt ver-standen; im Stegreif ich zu sein, wie hat es sich angefühlt, mich zu öffnen, den Ver-schluss – uns bleibt ja immer noch Prag hast du gesagt oder eine andere Stadt mit P, uns, habe ich gesagt, was ist das, habe ich gefragt, erinnerst du dich, wie hat es sich angefühlt, nichts zu sein, nicht ich zu sein, nicht zu sein und all diese anderen Dinge, die noch so m i t s c h w i n g e n, ja, du hast mich schon richtig verstanden, ich weiß, das nächste du steht schon im Anschlag, sie sind ja auch nicht schwer zu finden, sie laufen ja gerade so auf der Straße einem über die Beine, also vor die Füße, vor die Flinte, vor die Linse und KLICK und gut ja, dann sitzt du eben in meinem Rücken, also auf dem Lesesessel neben meinem Schreibtisch und klickst Dinge in dein Smartphone, Worte auch, Sprache, also Sprechen, meine Worte meine Fiktion, hörst du, ein Soziopath ist ein Mensch, der ein völliges Fehlen von Empathie mit einem tiefgehenden Anspruchsdenken verbindet, er fühlt keinen Schmerz außer dem eigenen, also meinen, also deinen Schmerz in diesem Wirrwarr, du ich wir, hast du das gesagt oder ich oder du und ich, da ist immer eine Konjunktion zwischen uns, schon wieder alles so nah, so nah an der Sprache, an den Worten, unaussprechlich, du oder ich oder wir, also nicht ausgesprochen, nicht buchstabiert oder wenigstens Wort für Wort, also gestillt, nicht befriedigt, gewogen in Stille, aufgewogen die Worte, verbannt in Sprache dieses Gefühl, du in meinem Rücken auf dem Sessel neben meinem Schreibtisch blätterst in den alten Ausgaben der Philosophischen Rundschau, suchst verzweifelt nach meinem Namen darin, suchst überhaupt nur nach Namen, jaja, ich verstehe schon, einen Namen hat man nur, weil andere in rufen, suchst also nicht nach mir, hast du jemals gesucht, etwas gesucht in unseren Worten, im Auseinandersprechen der Phoneme, im Auseinanderbrechen. Einsam rollt eine Traube durch die S-Bahn.

Ein Soziopath ist ein

….Alice

Wir wollen es nicht wissen. Wir wollen nicht wissen, was der andere denkt. Ein Meer von Einsamkeiten steht mit uns still// wo wir anklopfen. „Leg das Buch weg.“ Ich lege das Buch weg. Ein Selbstportrait bedeutet, mit sich selbst klar kommen – mein Blick geht rüber in die Fenster – Paare. Sich so von Wort zu Wort hangeln. Aber Worte sind Worte. Ein ganzer Stapel an Papier und jedes Wort gehört mir – mir alleine. „Hör zu –“ aber ich bin doch schon längst da. „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ Ja. Es bedarf einer Klarstellung – aber die einzige noch mögliche Klarstellung, wäre die Begegnung – die Worte werden jetzt nur zerfahrener und Beziehungen entwickeln sich um die Menschen herum. Und in jedem Menschen, den ich sehne, sehne ich nach einem Teil von mir. Ich will meinen rosa Stoffhasen zurück. Aber ich bekomme ihn nicht zurück. Statt dessen wurden mir Decken da gelassen – Decken und kleine Einsamkeiten. Und ich will – ich will mich an deine Schulter legen – ich will dich in meinen Arm nehmen – weil ich froh bin, dass du noch da bist. Aber du bist nicht da. „Wo ist mein Hase?“ – „Jetzt tust du es schon wieder – immer vermischt du die Ebenen.“ Dann lege ich die Stirn so lange in Falten, bis sie zu mir sprechen – am Ende kann man sich immer darauf zurück ziehen, dass man sich eigentlich gar nicht kennt. „Komisch oder?“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Komisch oder? Es reicht eine Sekunde – dann ist alle dagewesene Intimität einfach vergessen. Manchmal finde ich Menschen komisch.“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Es reicht eine Sekunde und man sieht plötzlich nur noch das Erbärmliche – jeder Mensch hat auch etwas Erbärmliches.“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Ich rede gar nicht mehr mit dir – hör nicht zu.“ – „Siehst du – du vermischt die Ebenen. Du tust so, als wären deine Geschichten real und das Reale nur Geschichten – du schreibst alles brav auf, verwischt die Gedanken mit ein paar lyrischen Worten – und dann glaubst du, ich hätte deinen Hasen weg geworfen.“ – „Aber er ist weg.“ – und dann werden sie laut – wenn die Worte fehlen. Ich bleibe am Fenster stehen, schaue auf Licht und Paare: Ich habe meine ganzen Ichs verbraucht – ich brauche jetzt mans und wirs und dus – aber die sind auch rar. Und einen rosa Stoffhasen, den er wahrscheinlich wütend zerstückelt hat – oder einfach in den Müll geworfen. Erbärmlich. Dann reiß ich meine Brust auf – einfach Brustaufreißen – hier – das bin ich. Worte sind langsames entlassen der Seele – Worte und Bewegungen und Tanzen und Dasein. Hier – kannst es zerkratzen oder zerreissen oder nur darüber lachen. „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ Ja. Ja. Ja.

….Alice

experiment I

Ich – Ich – Ich – Ich – Also ich – Ich. Ich kann mich nicht sehen.

Chaotisch – in meinem Kopf ist prinzipiell Chaos, ich bin selten mit mir zufrieden.

Meine Unzufriedenheit wird nicht wahrgenommen, die meistens Menschen mögen mich schnell, vertrauen mir schnell, weil ich sehr offen und herzlich bin.

Wärme strahlt aus meinem Gesicht – dachte ich immer.

Ich lasse mich gern fallen – wenn der Moment dann kommt – Kleidung ist für mich, sich auszudrücken – sie zeigt auch meine momentane Stimmung.

Man hält mich oft für oberflächlich, verwöhnte, reiche Modegöre. Das empfinde ich dann als Demütigung – ich empfinde genau das Gegenteil.

Manchmal stelle ich mir vor, jemand zerkratzt mir das Gesicht – ich werde zu erst geschminkt, alles wird schön zu recht gemacht – ich trage ein weit schwingendes, ausgefallenes Kleid und wenn dann alles fertig ist, wenn ich fertig präpariert bin, kommt einer und zerkratzt mir das Gesicht, reißt mir die Kleider vom Leib, reißt alles herunter und ich bleibe nackt und zerkratzt und blutend auf dem Boden liegen.

Also Ich.

Ich kann oft nicht los lassen – ich will es aber ich kann nicht. Ich hatte noch niemals einen Orgasmus. Ich brauche lange, bis ich mich in einer Situation oder mit einem Menschen wirklich wohl fühle – meistens ist, als würde ich die ganze Zeit neben mir stehen – mir dabei zu schauen, wie ich da sitze, wie alles um mich herum passiert – ohne mein zutun – ohne mich. Auch beim Sex – da sehe ich mir oft von oben zu – dann komme ich mir lächerlich vor.

Ich. Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin ein Mensch der sehr zurückhaltend ist, vorsichtig, nach außen wirke ich sehr extrovertiert und quirrlich aber eigentlich bin ich recht kontakt scheu. Ich bin er geizig und habe einen starken Trieb in mir, meine ziele zu erreichen. Moment jedoch entdecke ich einen Menschen in mir, der sich sehr nach Entschleunigung sehnt.

Das sind dann immer Situationen oder Momente, in denen ich stolpere, unbeholfen bin – eigentlich müsste alles sitzen, alles gut sein und dann stolpere ich oder ich lasse alles fallen und der ganze Raum dreht sich nachmir um und hinter den Fenstern sind mit einem Mal Mauern und die Tür ist abgesperrt und der ganze Raum starrt mich an – starrt mich einfach an.

Ich.

Ich bin spontan, wirke sehr selbstbewusst. Manchmal fehlt mir die innere Ruhe – obwohl ich sehr ruhig bin aber manchmal merke ich, wie mir das fehlt, einfach mal ruhig zu sein – sich nicht nach Draußen zu vermitteln – einfach mal nicht erreichbar zu sein. Ich versuche durch körperliche Nähe, Intimität auf zu bauen – ich brauche die Berührung – ich muss berührt werden und ich muss berühren um einen Menschen richtig wahr nehmen zu können. Fühlung – alles – mit einem Mensch tanzen – dann habe ich das Gefühl, ihn verstehen zu können – oder es ist eben wie Kommunikation – es ist ein Gespräch – eben ein Gespräch durch Bewegung.

Also ich.

Ich denke nicht viel darüber nach, wie ich nach Außen wirke – das spürt man ja auch einfach, ob jemand einen annimmt, wahr nimmt oder eben nicht – aber ich mache mir keine Gedanken darüber, aus welchem Grund ich jetzt nicht angenommen wurde. Das ist dann halt so.

Ich bin voller Wiedersprüche – konfus. Verschlossen und offen zu gleich und vielleicht auch ein wenig lustig. Doch – sehr lustig.

Oft werde ich für arrogant gehalten oder einfach introvertiert – aber auch für cool. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe Angst vor Berührung. Ich habe Angst. Ich schließe meine Türen ab – ich schalte mein Handy aus – ich bete, dass mich niemand anruft – ich will alleine sein. Aber wenn dann wirklich niemand klingelt, wenn niemand anruft, frage ich mich, warum ich so alleine bin – warum niemand da ist, der anruft, der klingelt. Ich bin allein. Es klingelt nicht. Niemand ruft an. Die Vorhänge sind zugezogen, kein Licht kommt in den Raum – ich weiß nicht, ob es Tag ist oder Nacht – es ist einfach – es ist Zeit und niemand ruft an, niemand klingelt, niemand weiß, wo ich wohne, niemand sieht, dass ich zuhause bin. Ich bin niemand.

Ich.

Ich glaube, ich bin ein netter Mensch. Seltsame Frage – der erste Eindruck ist wahrscheinlich reserviert – Reserviertheit – mit der Zeit wird es dann wärmer – ich komme eigentlich mit fast jedem gut klar.

Ich werde häufig falsch eingeschätzt – ich bin dann eher erstaunt, verdutzt aber weniger gekränkt.

Ich habe dieses Bild von mir, dass ich gut alleine klar komme, dass ich gut alleine sein kann, dass ich gerne alleine bin – und eigentlich ist das auch so. Ich bin allein – ich lebe allein, mit meiner Einrichtung, nach meinem Sauberkeitsempfinden und mit schönen Möbeln – ich habe dieses Bild von mir, dass es gut so ist, dass es super so ist – dass es so ist, dass ich gerne alleine bin. Aber manchmal weiß ich nicht, ob dieses Bild wirklich von Innen kommt. Manchmal weiß ich nicht, ob ich das bin – ob ich dieser Mensch bin, der alleine ist oder ob ich einfach alleine bin – ob eben niemand mit mir zusammen sein will, zusammen leben will – mich in seinem Leben haben will. Ob mein Leben dann nicht doch von Außen bestimmt ist.

Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin eher ein ruhiger Mensch, zurückhaltend – introvertiert vielleicht – aber eigentlich nicht, brauche Zeit.

Äußerungen, Bewegungen – darüber denke ich oft nach – wie wirkt das, welche Reaktionen bekomme ich darauf – es passiert oft, dass sich eine Schublade öffnet – das sind vielleicht auch nicht die Menschen, mit denen ich befreundet bin aber man will auch so nicht in irgendwelchen Schubladen oder Kategorien stecken – nur weil man eine bestimmte Handbewegung vollzogen hat oder die Stimme ein Stück zu hoch war.

Es gibt immer ein Außen, es gibt Erwartungen – es gibt bestimmte Kategorien und ich weiß, wenn ich mich selbst darin bewege, ändere ich nichts daran – es führt nur dazu, dass diese Kategorien aufrecht erhalten bleiben – also sie bleiben und sie sind mir wie Grenzen, an denen ich mich orientieren kann – aber es sind auch Grenzen und Teile meines Ichs bleiben daran hängen, kommen irgendwie zum erliegen. Es immer so ein Drahtseilakt zwischen mir und dem, was erwartet wird – oder eben dem, wie es ist – wie es normal ist.

Also ich.

Ich bin ein junger Mensch. Ein glücklicher Mensch. Ein kleiner Mensch. Ein Mensch in Berlin.

Meine Außenwahrnehmung schwankt so zwischen abweisend und herzlich.Ich habe Angst davor, mit meiner Sprache an eine Grenze zu kommen – nicht mehr weiter zu kommen – mich nicht vermitteln zu können. Ich habe Angst davor, zu verschwinden, wenn meine Sprache zum erliegen kommt. Was ich nicht vermitteln kann, das ist auch nicht denkbar. Ich habe Angst vor diesem undenkbaren Moment – weil es irgendwie auch bedeutet, dass Teile meines Seins in diese Unvermittelbarkeit über gehen.

Ich.

Ich glaube ich bin schöner, wenn ich mich nicht bewege. Auch nehme ich oft statische Positionen ein – verharre in einem Moment mit nur minimalistischen Verschiebungen meiner Gesichtszüge. Ich will nicht, dass man mich sieht – also, dass man irgendetwas in mir sieht oder eben auf mir – das Innen auf mir sieht oder durch mich hin durch sehen. Manchmal fühle ich mich wie so eine Marmorstatue und ich versuche so zu bleiben – in einer Haltung.

Ich. Ich sehe mich nicht.

Ich bin ein Leser. Ich bin ein Mensch der schwierige Entscheidungen vermeidet

Keine Ahnung, wie ich nach Außen wirke, aber es ist bestimmt falsch.

Ich sehe oft Leere, die meine Begegnung in anderen hinterlässt. Das Ich ist eine Konstruktion – man ist eine Konstruktion. Man ist eine diffuse Masse aus dem, was man ist, was man sein will, was man glaubt zu sein, was man glaubt in Anderen auszulösen – aber das sind viele Schritte zur Selbstinszenierung – wir inszenieren uns den ganzen Tag – ich bin eine Inszenierung dessen, was ich gerne wäre. Also bin ich es nicht. Aber wir sind es nie.

Also ich.

Ich denke ich bin ein vielseitiger Mensch, der kontinuierlich an sich arbeitet. Ich werde als angenehme, ruhige, lockere Person wahrgenommen und komme generell gut mit Menschen klar.

Ich habe Angst davor, meine Ängste nicht besiegen zu können und auch davor, ein Versager zu sein.

Es ist mir unangenehm, andere Menschen zu enttäuschen – oder dieses Gefühl eben der Enttäuschung, wenn man etwas nicht geschafft hat – ein Ziel nicht erreicht hat und dann steht man vor seinen Freunden als Versager da. Wenn man Träume hat oder ein Ziel und man erreicht es nicht – wenn meine Freunde dass dann mit bekommen und auf mich herunter schauen und genau wissen, ich habs nicht geschafft, ich habs nicht hin bekommen – ich bin ein totaler Looser.

Ich sehe mich nicht – ich kann mich in mir nicht sehen. Meine Abbildungen bleiben mir leer – da kommt keine Geschichte, da spielt nichts – da erzählt nichts.

Wen schaue ich an? Also wen schaue ich an?

Sich in die Haare greifen, den Blick senken – wohin mit dem Blick – es ist anstrengend, sich selbst ausgesetzt, es fehlt Nähe, es fehlt die Stimmung – keine Fühlung.

Ich. Also ich. Ich sehe mich nicht.

experiment I

auf weißen lilien

Ich bin der Mensch mit der Kapuze, der sich fragt, was unsere Blicke zu bedeuten haben und ob du schon weißt, wo dein Abend heute endet. Ich wünsche mir Nähe. Und das ist kein Euphemismus für seelenlosen Sex. – Nähe. Ich bin der Typ mit den Blicken, die lange Schatten nach sich ziehen – in die Frau mit Augenringen und Zigarettenstummel im Mundwinkel, die wieder einen Stapel Spielkarten fallen gelassen hat – aber sie lässt sie liegen, diesmal lässt sie sie liegen. Sind wir das und er zeigt auf eine Leinwand. Sind wir das, fragt der Autor und zwinkert in den Spiegel. Sind wir das? Also sind wir das? Also wirklich – sind wir das? Also sind wir das? Sind wir diese ekelhaften Wesen – wie sie so durch die Gegend straucheln und Worthülsen in die Luft blasen – kleine Euphemismen – sind wir das? 20h bei mir. Bleiches Gesicht. Sicherheitswort: türklinkengesicht. Schreib: Ja, ich will dass du mich gehirnfickst und mich benutzt, Meister. Ich will deine Schülerin sein. – Wenn ich nicht ich wäre, würde ich Sie heiraten – also sie, also mich. Aber ich bin ich. Und was zu diesem Zeitpunkt gesagt werden muss: <3 – wann und wo und wie geht es weiter, also geht es weiter – also geht es weiter? Wo und wann und wie geht es weiter, also geht es weiter – also geht es weiter? Gehirnficken. Ihr habt doch alle ein Rad ab. Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du dich so fühlst. Aber vermutlich kann ich nicht mehr als das. Hilflos. Ihr Worthülsen – so durch die Luft geblasen, so geblasen eben – Gedankenlos. Nähe und Gehirnficken – Nähe und Euphemismen und jede Nähe ist ein Euphemismus für Sex und jedes Nähe wollen ist kleine Schwächen in die Welt schicken und jedes Ruhe wollen ist schwach sein – schwach sein und jedes Einsame ist eigentlich brauche ich Sex und jedes an die Wand starren ist ein Euphemismus für an die Wand starren – also an die Wand starren du Irrer. Ich bin der Typ, der dir noch eine Geschichte schuldet und der Typ, der dich begräbt mit Worten und der Typ, der schreibt, wenn ich nicht ich wäre, würde ich dich heiraten, und ich bin der Typ der Scheiße schreibt, wenn er betrunken ist und ich bin der Typ, der an die Wand starrt und fragt, sind wir das und ich bin der Typ, der hilflos schreibt und ich bin der Typ, der dir mit seinen Worten ins Hirn kotzt – also wirklich: sind wir das? Sind wir dieser erbärmliche Haufen an Worthülsen, an leeren Versprechungen gegen die Einsamkeit, an rum vögeln mit großen Euphemismen – also Euphemismus vögeln mit diesem peinlichen rum Gelaber. Kleine zusammengerissene Aufrisse. In dir bin ich dann für eine Nacht etwas Anderes – ein Anderer in dir und der Blick geht hoch gegen die Wand – sind wir das? Also sind wir das? Sind wir das? Wirklich – sind wir das? Sind wir das? So entlang der Hülle – so entlang der Oberfläche – so entlang der obersten Hülle – so entlang und jedes weitere Wort füttert die Neurosen – so entlang der Hülle und du bist so schön, wenn du lächelst – so schön für eine Nacht ohne Euphemismus und zähl die Worte, bis wir rüber gehen und zähl die Worte bis es vorbei ist und zähl die Worte bis es ein Lächeln ist und was riecht so gut an dir? Mein Kopfkissen hat noch eine Woche nach dir gerochen – und zähl die Worte, bis du endlich aufhörst zu reden und zähl die Worte – zähl die Worte, zähl die nutzlosen Worthülsen, zähl die Euphemismen, zähl die Scheiße, die man so labert, wenn man voll ist oder auf MDA oder auf Koks und zähl dich einfach durchs Leben mit rumhuren auf irgendwelchen Clubtoiletten – sind wir das? Sind wir diese erbärmlichen Schatten von Dasein – sind wir das? Sich an der obersten Schicht abarbeiten – schön oben bleiben, schön bleiben – und Nähe ist ein Euphemismus für Nähe – also oben, oben auf der Hülle ein wenig nah sein, ein wenig. In diesem Blick – also in diesem Blick – genau in diesem Blick für kein Euphemismus, in diesem Blick die Wand hoch sind wir das, in diesem Blick wenn ich nicht ich wäre, in diesem Blick Gehirnficken – in diesem Blick kann ich nicht schön sein – in diesem Blick der oben bleibt, der nur die Hülle will, der vorbei schaut, der weg schaut, der kaputt schaut, der tot schaut, der tötet. Das bin ich nicht. Da ist kein Ich. Also Tschüss.

auf weißen lilien

écriture automatique II (schreibmaschine)

vielleicht sind wir auch einen augenblick ruhig – stehen still, warten einen moment – im inneren passieren auch dinge – der druck der tasten ihr nachlassen – manchmal verliert es sich, im inneren dann kommt das klingeln, man ist geworfen – rausgeworfen aus dem fluss – es flusst nicht – ein moment dasein – es hängt, ruhe kehrt ein, beruhigt sich – verruhen kann man auch, dann hat man etwas vorbeiziehen lassen, ist ihm nicht nachgelaufen – hat vielleicht nicht einmal bemerkt, dass es vergangen ist – erst viel später wirm ihm das fehlen auffallen – es hält nicht, erst viel später fällt es auf – aber auch nicht wirklich – es wird nur als stimmung wahrgenommen – nicht das fehlen an sich, nicht der gegenstand – einfach nur eine stimmung – ein stimmchen würde er sagen und es geht, es geht ihm um das zurück nehmen, sich zurück nehmen, sich aus der welt nehmen – dann könne man gleich einfach nicht da sein. aber man ist da – das ist das problem – reine vorhandenheit – wofür – das in – in welchem kontext – aber warum kontext – das ist nur das verlangen nach normativität, um das eigene dasein zu erklären, regeln um das dasein überhaupt zu ertragen, wenn es kein erklären gibt – ertragen. normativität und dann kunstworte – feiheit ist ein kunstwort – wie xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx – gezwängt – das verlieren sich in der enge der worte – sie sind einsam die worte, wie sie immer schräger ins papier fallen und sich selbst nicht mehr begreifen – sie bleiben ein – einfach bis zur grenze der seite. grenzen ….grenzen. menschen sind grenzen – menschen sind grenzen der eigenen subjektivität. freiheit. Solange man ein subjekt ist, kann es keine freiheit geben.

 

schreibmaschine
schreibmaschine
écriture automatique II (schreibmaschine)