….Alice

Wir wollen es nicht wissen. Wir wollen nicht wissen, was der andere denkt. Ein Meer von Einsamkeiten steht mit uns still// wo wir anklopfen. „Leg das Buch weg.“ Ich lege das Buch weg. Ein Selbstportrait bedeutet, mit sich selbst klar kommen – mein Blick geht rüber in die Fenster – Paare. Sich so von Wort zu Wort hangeln. Aber Worte sind Worte. Ein ganzer Stapel an Papier und jedes Wort gehört mir – mir alleine. „Hör zu –“ aber ich bin doch schon längst da. „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ Ja. Es bedarf einer Klarstellung – aber die einzige noch mögliche Klarstellung, wäre die Begegnung – die Worte werden jetzt nur zerfahrener und Beziehungen entwickeln sich um die Menschen herum. Und in jedem Menschen, den ich sehne, sehne ich nach einem Teil von mir. Ich will meinen rosa Stoffhasen zurück. Aber ich bekomme ihn nicht zurück. Statt dessen wurden mir Decken da gelassen – Decken und kleine Einsamkeiten. Und ich will – ich will mich an deine Schulter legen – ich will dich in meinen Arm nehmen – weil ich froh bin, dass du noch da bist. Aber du bist nicht da. „Wo ist mein Hase?“ – „Jetzt tust du es schon wieder – immer vermischt du die Ebenen.“ Dann lege ich die Stirn so lange in Falten, bis sie zu mir sprechen – am Ende kann man sich immer darauf zurück ziehen, dass man sich eigentlich gar nicht kennt. „Komisch oder?“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Komisch oder? Es reicht eine Sekunde – dann ist alle dagewesene Intimität einfach vergessen. Manchmal finde ich Menschen komisch.“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Es reicht eine Sekunde und man sieht plötzlich nur noch das Erbärmliche – jeder Mensch hat auch etwas Erbärmliches.“ – „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ – „Ich rede gar nicht mehr mit dir – hör nicht zu.“ – „Siehst du – du vermischt die Ebenen. Du tust so, als wären deine Geschichten real und das Reale nur Geschichten – du schreibst alles brav auf, verwischt die Gedanken mit ein paar lyrischen Worten – und dann glaubst du, ich hätte deinen Hasen weg geworfen.“ – „Aber er ist weg.“ – und dann werden sie laut – wenn die Worte fehlen. Ich bleibe am Fenster stehen, schaue auf Licht und Paare: Ich habe meine ganzen Ichs verbraucht – ich brauche jetzt mans und wirs und dus – aber die sind auch rar. Und einen rosa Stoffhasen, den er wahrscheinlich wütend zerstückelt hat – oder einfach in den Müll geworfen. Erbärmlich. Dann reiß ich meine Brust auf – einfach Brustaufreißen – hier – das bin ich. Worte sind langsames entlassen der Seele – Worte und Bewegungen und Tanzen und Dasein. Hier – kannst es zerkratzen oder zerreissen oder nur darüber lachen. „Ich weiß nicht, wo dein Hase ist.“ Ja. Ja. Ja.

….Alice

experiment I

Ich – Ich – Ich – Ich – Also ich – Ich. Ich kann mich nicht sehen.

Chaotisch – in meinem Kopf ist prinzipiell Chaos, ich bin selten mit mir zufrieden.

Meine Unzufriedenheit wird nicht wahrgenommen, die meistens Menschen mögen mich schnell, vertrauen mir schnell, weil ich sehr offen und herzlich bin.

Wärme strahlt aus meinem Gesicht – dachte ich immer.

Ich lasse mich gern fallen – wenn der Moment dann kommt – Kleidung ist für mich, sich auszudrücken – sie zeigt auch meine momentane Stimmung.

Man hält mich oft für oberflächlich, verwöhnte, reiche Modegöre. Das empfinde ich dann als Demütigung – ich empfinde genau das Gegenteil.

Manchmal stelle ich mir vor, jemand zerkratzt mir das Gesicht – ich werde zu erst geschminkt, alles wird schön zu recht gemacht – ich trage ein weit schwingendes, ausgefallenes Kleid und wenn dann alles fertig ist, wenn ich fertig präpariert bin, kommt einer und zerkratzt mir das Gesicht, reißt mir die Kleider vom Leib, reißt alles herunter und ich bleibe nackt und zerkratzt und blutend auf dem Boden liegen.

Also Ich.

Ich kann oft nicht los lassen – ich will es aber ich kann nicht. Ich hatte noch niemals einen Orgasmus. Ich brauche lange, bis ich mich in einer Situation oder mit einem Menschen wirklich wohl fühle – meistens ist, als würde ich die ganze Zeit neben mir stehen – mir dabei zu schauen, wie ich da sitze, wie alles um mich herum passiert – ohne mein zutun – ohne mich. Auch beim Sex – da sehe ich mir oft von oben zu – dann komme ich mir lächerlich vor.

Ich. Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin ein Mensch der sehr zurückhaltend ist, vorsichtig, nach außen wirke ich sehr extrovertiert und quirrlich aber eigentlich bin ich recht kontakt scheu. Ich bin er geizig und habe einen starken Trieb in mir, meine ziele zu erreichen. Moment jedoch entdecke ich einen Menschen in mir, der sich sehr nach Entschleunigung sehnt.

Das sind dann immer Situationen oder Momente, in denen ich stolpere, unbeholfen bin – eigentlich müsste alles sitzen, alles gut sein und dann stolpere ich oder ich lasse alles fallen und der ganze Raum dreht sich nachmir um und hinter den Fenstern sind mit einem Mal Mauern und die Tür ist abgesperrt und der ganze Raum starrt mich an – starrt mich einfach an.

Ich.

Ich bin spontan, wirke sehr selbstbewusst. Manchmal fehlt mir die innere Ruhe – obwohl ich sehr ruhig bin aber manchmal merke ich, wie mir das fehlt, einfach mal ruhig zu sein – sich nicht nach Draußen zu vermitteln – einfach mal nicht erreichbar zu sein. Ich versuche durch körperliche Nähe, Intimität auf zu bauen – ich brauche die Berührung – ich muss berührt werden und ich muss berühren um einen Menschen richtig wahr nehmen zu können. Fühlung – alles – mit einem Mensch tanzen – dann habe ich das Gefühl, ihn verstehen zu können – oder es ist eben wie Kommunikation – es ist ein Gespräch – eben ein Gespräch durch Bewegung.

Also ich.

Ich denke nicht viel darüber nach, wie ich nach Außen wirke – das spürt man ja auch einfach, ob jemand einen annimmt, wahr nimmt oder eben nicht – aber ich mache mir keine Gedanken darüber, aus welchem Grund ich jetzt nicht angenommen wurde. Das ist dann halt so.

Ich bin voller Wiedersprüche – konfus. Verschlossen und offen zu gleich und vielleicht auch ein wenig lustig. Doch – sehr lustig.

Oft werde ich für arrogant gehalten oder einfach introvertiert – aber auch für cool. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe Angst vor Berührung. Ich habe Angst. Ich schließe meine Türen ab – ich schalte mein Handy aus – ich bete, dass mich niemand anruft – ich will alleine sein. Aber wenn dann wirklich niemand klingelt, wenn niemand anruft, frage ich mich, warum ich so alleine bin – warum niemand da ist, der anruft, der klingelt. Ich bin allein. Es klingelt nicht. Niemand ruft an. Die Vorhänge sind zugezogen, kein Licht kommt in den Raum – ich weiß nicht, ob es Tag ist oder Nacht – es ist einfach – es ist Zeit und niemand ruft an, niemand klingelt, niemand weiß, wo ich wohne, niemand sieht, dass ich zuhause bin. Ich bin niemand.

Ich.

Ich glaube, ich bin ein netter Mensch. Seltsame Frage – der erste Eindruck ist wahrscheinlich reserviert – Reserviertheit – mit der Zeit wird es dann wärmer – ich komme eigentlich mit fast jedem gut klar.

Ich werde häufig falsch eingeschätzt – ich bin dann eher erstaunt, verdutzt aber weniger gekränkt.

Ich habe dieses Bild von mir, dass ich gut alleine klar komme, dass ich gut alleine sein kann, dass ich gerne alleine bin – und eigentlich ist das auch so. Ich bin allein – ich lebe allein, mit meiner Einrichtung, nach meinem Sauberkeitsempfinden und mit schönen Möbeln – ich habe dieses Bild von mir, dass es gut so ist, dass es super so ist – dass es so ist, dass ich gerne alleine bin. Aber manchmal weiß ich nicht, ob dieses Bild wirklich von Innen kommt. Manchmal weiß ich nicht, ob ich das bin – ob ich dieser Mensch bin, der alleine ist oder ob ich einfach alleine bin – ob eben niemand mit mir zusammen sein will, zusammen leben will – mich in seinem Leben haben will. Ob mein Leben dann nicht doch von Außen bestimmt ist.

Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin eher ein ruhiger Mensch, zurückhaltend – introvertiert vielleicht – aber eigentlich nicht, brauche Zeit.

Äußerungen, Bewegungen – darüber denke ich oft nach – wie wirkt das, welche Reaktionen bekomme ich darauf – es passiert oft, dass sich eine Schublade öffnet – das sind vielleicht auch nicht die Menschen, mit denen ich befreundet bin aber man will auch so nicht in irgendwelchen Schubladen oder Kategorien stecken – nur weil man eine bestimmte Handbewegung vollzogen hat oder die Stimme ein Stück zu hoch war.

Es gibt immer ein Außen, es gibt Erwartungen – es gibt bestimmte Kategorien und ich weiß, wenn ich mich selbst darin bewege, ändere ich nichts daran – es führt nur dazu, dass diese Kategorien aufrecht erhalten bleiben – also sie bleiben und sie sind mir wie Grenzen, an denen ich mich orientieren kann – aber es sind auch Grenzen und Teile meines Ichs bleiben daran hängen, kommen irgendwie zum erliegen. Es immer so ein Drahtseilakt zwischen mir und dem, was erwartet wird – oder eben dem, wie es ist – wie es normal ist.

Also ich.

Ich bin ein junger Mensch. Ein glücklicher Mensch. Ein kleiner Mensch. Ein Mensch in Berlin.

Meine Außenwahrnehmung schwankt so zwischen abweisend und herzlich.Ich habe Angst davor, mit meiner Sprache an eine Grenze zu kommen – nicht mehr weiter zu kommen – mich nicht vermitteln zu können. Ich habe Angst davor, zu verschwinden, wenn meine Sprache zum erliegen kommt. Was ich nicht vermitteln kann, das ist auch nicht denkbar. Ich habe Angst vor diesem undenkbaren Moment – weil es irgendwie auch bedeutet, dass Teile meines Seins in diese Unvermittelbarkeit über gehen.

Ich.

Ich glaube ich bin schöner, wenn ich mich nicht bewege. Auch nehme ich oft statische Positionen ein – verharre in einem Moment mit nur minimalistischen Verschiebungen meiner Gesichtszüge. Ich will nicht, dass man mich sieht – also, dass man irgendetwas in mir sieht oder eben auf mir – das Innen auf mir sieht oder durch mich hin durch sehen. Manchmal fühle ich mich wie so eine Marmorstatue und ich versuche so zu bleiben – in einer Haltung.

Ich. Ich sehe mich nicht.

Ich bin ein Leser. Ich bin ein Mensch der schwierige Entscheidungen vermeidet

Keine Ahnung, wie ich nach Außen wirke, aber es ist bestimmt falsch.

Ich sehe oft Leere, die meine Begegnung in anderen hinterlässt. Das Ich ist eine Konstruktion – man ist eine Konstruktion. Man ist eine diffuse Masse aus dem, was man ist, was man sein will, was man glaubt zu sein, was man glaubt in Anderen auszulösen – aber das sind viele Schritte zur Selbstinszenierung – wir inszenieren uns den ganzen Tag – ich bin eine Inszenierung dessen, was ich gerne wäre. Also bin ich es nicht. Aber wir sind es nie.

Also ich.

Ich denke ich bin ein vielseitiger Mensch, der kontinuierlich an sich arbeitet. Ich werde als angenehme, ruhige, lockere Person wahrgenommen und komme generell gut mit Menschen klar.

Ich habe Angst davor, meine Ängste nicht besiegen zu können und auch davor, ein Versager zu sein.

Es ist mir unangenehm, andere Menschen zu enttäuschen – oder dieses Gefühl eben der Enttäuschung, wenn man etwas nicht geschafft hat – ein Ziel nicht erreicht hat und dann steht man vor seinen Freunden als Versager da. Wenn man Träume hat oder ein Ziel und man erreicht es nicht – wenn meine Freunde dass dann mit bekommen und auf mich herunter schauen und genau wissen, ich habs nicht geschafft, ich habs nicht hin bekommen – ich bin ein totaler Looser.

Ich sehe mich nicht – ich kann mich in mir nicht sehen. Meine Abbildungen bleiben mir leer – da kommt keine Geschichte, da spielt nichts – da erzählt nichts.

Wen schaue ich an? Also wen schaue ich an?

Sich in die Haare greifen, den Blick senken – wohin mit dem Blick – es ist anstrengend, sich selbst ausgesetzt, es fehlt Nähe, es fehlt die Stimmung – keine Fühlung.

Ich. Also ich. Ich sehe mich nicht.

experiment I

auf weißen lilien

Ich bin der Mensch mit der Kapuze, der sich fragt, was unsere Blicke zu bedeuten haben und ob du schon weißt, wo dein Abend heute endet. Ich wünsche mir Nähe. Und das ist kein Euphemismus für seelenlosen Sex. – Nähe. Ich bin der Typ mit den Blicken, die lange Schatten nach sich ziehen – in die Frau mit Augenringen und Zigarettenstummel im Mundwinkel, die wieder einen Stapel Spielkarten fallen gelassen hat – aber sie lässt sie liegen, diesmal lässt sie sie liegen. Sind wir das und er zeigt auf eine Leinwand. Sind wir das, fragt der Autor und zwinkert in den Spiegel. Sind wir das? Also sind wir das? Also wirklich – sind wir das? Also sind wir das? Sind wir diese ekelhaften Wesen – wie sie so durch die Gegend straucheln und Worthülsen in die Luft blasen – kleine Euphemismen – sind wir das? 20h bei mir. Bleiches Gesicht. Sicherheitswort: türklinkengesicht. Schreib: Ja, ich will dass du mich gehirnfickst und mich benutzt, Meister. Ich will deine Schülerin sein. – Wenn ich nicht ich wäre, würde ich Sie heiraten – also sie, also mich. Aber ich bin ich. Und was zu diesem Zeitpunkt gesagt werden muss: <3 – wann und wo und wie geht es weiter, also geht es weiter – also geht es weiter? Wo und wann und wie geht es weiter, also geht es weiter – also geht es weiter? Gehirnficken. Ihr habt doch alle ein Rad ab. Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du dich so fühlst. Aber vermutlich kann ich nicht mehr als das. Hilflos. Ihr Worthülsen – so durch die Luft geblasen, so geblasen eben – Gedankenlos. Nähe und Gehirnficken – Nähe und Euphemismen und jede Nähe ist ein Euphemismus für Sex und jedes Nähe wollen ist kleine Schwächen in die Welt schicken und jedes Ruhe wollen ist schwach sein – schwach sein und jedes Einsame ist eigentlich brauche ich Sex und jedes an die Wand starren ist ein Euphemismus für an die Wand starren – also an die Wand starren du Irrer. Ich bin der Typ, der dir noch eine Geschichte schuldet und der Typ, der dich begräbt mit Worten und der Typ, der schreibt, wenn ich nicht ich wäre, würde ich dich heiraten, und ich bin der Typ der Scheiße schreibt, wenn er betrunken ist und ich bin der Typ, der an die Wand starrt und fragt, sind wir das und ich bin der Typ, der hilflos schreibt und ich bin der Typ, der dir mit seinen Worten ins Hirn kotzt – also wirklich: sind wir das? Sind wir dieser erbärmliche Haufen an Worthülsen, an leeren Versprechungen gegen die Einsamkeit, an rum vögeln mit großen Euphemismen – also Euphemismus vögeln mit diesem peinlichen rum Gelaber. Kleine zusammengerissene Aufrisse. In dir bin ich dann für eine Nacht etwas Anderes – ein Anderer in dir und der Blick geht hoch gegen die Wand – sind wir das? Also sind wir das? Sind wir das? Wirklich – sind wir das? Sind wir das? So entlang der Hülle – so entlang der Oberfläche – so entlang der obersten Hülle – so entlang und jedes weitere Wort füttert die Neurosen – so entlang der Hülle und du bist so schön, wenn du lächelst – so schön für eine Nacht ohne Euphemismus und zähl die Worte, bis wir rüber gehen und zähl die Worte bis es vorbei ist und zähl die Worte bis es ein Lächeln ist und was riecht so gut an dir? Mein Kopfkissen hat noch eine Woche nach dir gerochen – und zähl die Worte, bis du endlich aufhörst zu reden und zähl die Worte – zähl die Worte, zähl die nutzlosen Worthülsen, zähl die Euphemismen, zähl die Scheiße, die man so labert, wenn man voll ist oder auf MDA oder auf Koks und zähl dich einfach durchs Leben mit rumhuren auf irgendwelchen Clubtoiletten – sind wir das? Sind wir diese erbärmlichen Schatten von Dasein – sind wir das? Sich an der obersten Schicht abarbeiten – schön oben bleiben, schön bleiben – und Nähe ist ein Euphemismus für Nähe – also oben, oben auf der Hülle ein wenig nah sein, ein wenig. In diesem Blick – also in diesem Blick – genau in diesem Blick für kein Euphemismus, in diesem Blick die Wand hoch sind wir das, in diesem Blick wenn ich nicht ich wäre, in diesem Blick Gehirnficken – in diesem Blick kann ich nicht schön sein – in diesem Blick der oben bleibt, der nur die Hülle will, der vorbei schaut, der weg schaut, der kaputt schaut, der tot schaut, der tötet. Das bin ich nicht. Da ist kein Ich. Also Tschüss.

auf weißen lilien

écriture automatique II (schreibmaschine)

vielleicht sind wir auch einen augenblick ruhig – stehen still, warten einen moment – im inneren passieren auch dinge – der druck der tasten ihr nachlassen – manchmal verliert es sich, im inneren dann kommt das klingeln, man ist geworfen – rausgeworfen aus dem fluss – es flusst nicht – ein moment dasein – es hängt, ruhe kehrt ein, beruhigt sich – verruhen kann man auch, dann hat man etwas vorbeiziehen lassen, ist ihm nicht nachgelaufen – hat vielleicht nicht einmal bemerkt, dass es vergangen ist – erst viel später wirm ihm das fehlen auffallen – es hält nicht, erst viel später fällt es auf – aber auch nicht wirklich – es wird nur als stimmung wahrgenommen – nicht das fehlen an sich, nicht der gegenstand – einfach nur eine stimmung – ein stimmchen würde er sagen und es geht, es geht ihm um das zurück nehmen, sich zurück nehmen, sich aus der welt nehmen – dann könne man gleich einfach nicht da sein. aber man ist da – das ist das problem – reine vorhandenheit – wofür – das in – in welchem kontext – aber warum kontext – das ist nur das verlangen nach normativität, um das eigene dasein zu erklären, regeln um das dasein überhaupt zu ertragen, wenn es kein erklären gibt – ertragen. normativität und dann kunstworte – feiheit ist ein kunstwort – wie xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx – gezwängt – das verlieren sich in der enge der worte – sie sind einsam die worte, wie sie immer schräger ins papier fallen und sich selbst nicht mehr begreifen – sie bleiben ein – einfach bis zur grenze der seite. grenzen ….grenzen. menschen sind grenzen – menschen sind grenzen der eigenen subjektivität. freiheit. Solange man ein subjekt ist, kann es keine freiheit geben.

 

schreibmaschine
schreibmaschine
écriture automatique II (schreibmaschine)

Prager Briefe

Und am Ende eines Lebens sind wir all diese Menschen und kennen keinen von ihnen.

Prag also. Die Dissonanz eines Menschen – überhaupt Dissonanzen. Angekommen in Prag über Schienen und dem schleichenden Gefühl eins Vierspänners unter den Füßen, unter den Sitzen – angekommen in Prag und eingereiht in die abgehackten Bewegungen der Touristenschwärme mit hoch gehaltenen Kameras und Blitzgeräten bei über dreißig Grad und Sonnenschein. Es ist ein Kommen und Gehen. Ein Scheiden und oft kein – Wiedersehen. Schreibt Kafka irgendwann um Ende 1900. Zwischen den Gassen und Touristen spürt man dann die Enge – oder man meint sie zu spüren – oder ich ja – Kafka schreibt auch „Wenn ich aber selbst nicht zwischen »man« und »ich« unterscheide, wie darf ich mich dann über die anderen beklagen.“ Ich spüre sie die Enge, nicht nur wegen der Gassen – auch wegen der Touristen, wie sie sich blind treiben lassen, so aneinander gedrückt und schwitzend und weil ich nicht allein unterwegs sein kann – weil ich jeden meiner Gedanken erklären muss, bevor ich ihn endlich aufschreiben kann. Und dann geh ich um die Ecke und plötzlich hängt da einer mitten in die Luft und ich denke: ja – genau das – genau dieses Gefühl – nur so in die Luft zu hängen und sonst nichts. Auf der Brücke dann dieses Gefühl, bei all dem Ramsch – als hätte Kafka das voraus gesehen – bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als sich runter zu stürzen – oder zumindest darüber zu schreiben. Aber ich bin selbst nur einer von ihnen – nur so ein Schaulustiger, den es nach einer Zeit sehnt, die schon lange nicht mehr ist und machen wir uns nichts vor, die es niemals gab – den es nach einer Seele sehnt, nach einer so gequälten Seele – Neugier also und irgendwie egoman. Überhaupt – vor Prag noch dieses Gespräch geführt – Gespräche über den Schriftsteller als Egoman und wie mir das alles egal geworden ist – aber in seinem Blick sehe ich das Verletzte, wie ich Teile seines Charakters genommen habe, wie ein Puzzle – aber die Trennung zwischen Fiktionalem – lassen wir das.

Es stürmt. Ich höre Eels. Direkt neben meinem Fenster fallen die Ziegel vom Dach. Urlaub ist nicht meine Zeit, nicht mein Rhythmus. Um zehn steht Andrej vor dem Hotel – Prag ist seine Stadt und wir bewegen uns galanter durch die engen Gassen, die vor hundert Jahren, vor der Assanierung noch um einiges enger waren – manchmal nicht einmal ein Meter zwischen den Fenstern von einem Haus zu dem anderen. Die Synagogen gehen über ins Rathaus – nichts ist für sich, alles nur Konglomerat – und selbst der Friedhof wächst über seine Mauern hinaus. Kafka schreibt, die Zeit geht rückwärts und er meint die hebräische Uhr. Wir bewegen uns dann von Geschichte zu Geschichte – jetzt Regen und ein zarter Wind umspielt meine Knöchel, wie ich sie so aus dem Fenster strecke. Den ganzen Tag in Kommunikation begriffen, kann ich meine Gedanken nicht ordnen – wir überqueren die Brücke – Menschen – Masse – seltsam, wie eine enge Stadt dann eine solche bleiben muss – als wäre es ihr eingeschrieben. Vielleicht wie in der Strafkolonie und die gerechte Strafe ist das Einschreiben der eigenen Bestimmung mit jedem Touristenschritt auf gekipptem Kopfstein. Wie muss sich Kafka gefühlt haben, als er dann in der Weite und Leere Berlins ankommt. Wir überqueren den Fluss – vorbei an der John Lennon Wand und über ein kleines Brückchen, dessen Geländer übervoll ist von diesen Schlössern, die Liebespaare anbringen – übervoll – hier also auch wieder: Enge. Kein Raum. Kein Nichts. Jede noch so kleine Fläche wird mit Sein gefüllt. Wird mit Sein zugedrückt – erdrückt. Wir laufen dann hoch zum Schloss – Prager Fenstersturz – Panorama und Historie. Langsam spüre ich etwas – aber ich weiß noch nicht, was es wird. Das Licht in dem Hotelzimmer ist zu grell – die gelegentlichen Blitze lassen mich aufschrecken. Sein erdrückt. Das ist wohl der Gedanke, der mir gerade bleibt.

In Prag fliegen die Vögel auch nachts. Etwas hat sie aufgescheucht – sie bilden stroboskopartig bewegte Punkte, wie sie immer und immer wieder von einem Lichtkegel in den nächsten fliegen, orientierungslose Kreise, bis sie dann irgendwann vielleicht auf die Ziegel finden. So auf der Brücke und gegenüber das Schloss hell erleuchtet. Du gehörst nicht zum Schloss. Du gehörst nicht zum Dorf. Du bist Niemand – nein – du bist jemand: Du bist ein Fremder. Prager Briefe also. Prag 3 um genau zu sein und ein kubistisch geformtes Grab mit kleinen Steinen und Münzen – auf einigen Steinen haben sie dann Sätze geschrieben – Kafka, ich werde dich lesen – steht auf einem Stein. Auf dem anderen nur Danke für dein Werk. Es überkommt mich dann – Tränen und schnell schreibe ich auf einem Blatt aus meiner Kladde ein paar Zeilen – ich habe es nämlich endlich begriffen: Ja – vielleicht widert es mich an, mich in diese Heerschar von Schaulustigen einzureihen, wie sie so die Plätze abarbeiten und ihre kleinen Fotos und Videos schießen – ja wirklich – aber: Geist ist nur im Gefäß des Seins – also letztlich des Bewusstseins. Es gibt sie nicht mehr, die Orte, die Kafka kannte – es gibt sie auch nicht mehr, diese Stimmung – sie lässt sich nicht abrufen, nicht in dieser Stadt, denn diese Stadt – mit all ihren Fluten, Bombardements, Assanierungen und nicht zuletzt der Sowjetunion – das alles hat die Stadt überlebt – aber sie musste sich immer und immer wieder neubauen – auf sich selbst versteht sich – also Haus über Haus über Haus – der Schutt, das Alte, dass wonach ich suche, das liegt längst vergraben. Wo Kafka einst einige Jahre am Stück lebte, ist nun ein Haus sowjetischer Manier, in welches nun das Interkontinental eingezogen ist. Absurd. Was ich also spüre und was mich in den letzten Tagen so verwirrt hat, ist das Getrampel – ich spüre, wie es verloren gegangen ist. Aber der Geist bleibt – es bleibt die Größe, so lange sie in mir ist, oder in anderen – eben im Bewusstsein. Es geht nicht um die Orte – Zeit und Raum sind wandelbar – was bleibt – ja – das geschriebene Wort eben und sein Wirken im Geist. Aber es läuft Gefahr im Versuch des Erhalten-wollens verloren zu gehen. Beschreibung eines Kampfes trifft es da sehr gut – einmal das sehen, was Kafka sah, während er an seinem Schreibtisch saß und aus dem Fenster blickte – einmal diesen Blick aus dem Fenster. Es ist dieses unbändige verlangen, durch die Augen der Anderen, des Anderen blicken zu können und letztlich auch sich selbst zu sehen – man sieht sich nicht. Man kann sich nur fühlen – erfühlen und fühlt doch nichts. Prager Briefe also, aber ich habe nichts zu schreiben – nur Schwingungen. Hier bin ich Tourist. Eigentlich nur Touristen – wie in Heidelberg und man kann sich nur zwischen ihnen bewegen, unter ihnen – nur Mitsein – kein Dasein. Heidegger also. Das ist ein wichtiger Punkt. So sitzen im Café ist dann auch schon eine Daseinsform. Es hat Tradition. Mit blankem Oberkörper durch die Altstadtgässchen – Touristen sind ordinär – sie vergessen gerne, dass es auch Menschen gibt, die in dieser Stadt leben. Und vielleicht macht es mich sogar noch traurig, aber nicht traurig genug. Sternschnuppen sind also Momente – ja? Man kann sie nicht erinnern – ja? Tränen also am Grab und rückwärts durchs Museum – erst das Schloss und dann das Leben – Hier beginnt der Roman Das Schloss. Das Schloss und Schlösser an der Brücke – alles überfüllt. Vielleicht ist es auch nur das, was ich sehen will – das schreibt der andere. Ich schreibe nicht. Und ein unglaublich guter Duft und wie ich ihn dann inhaliere so auf die Decke gestreckt – ganz langsam – manchmal zieht ein Hauch rüber und meine Nüstern weiten sich – auch das gibt es nur im Augenblick, nur im Moment und niemals in der Erinnerung. Vielleicht habe ich es nun begriffen – ich suche durch die Erinnerung nach Augenblicken, statt mich auf das Momenthafte einzulassen und irgendwie ist dieses Unterfangen ja zum Scheitern verurteilt. Aber es gibt all diese Orte nicht mehr und das ist das eigentlich Absurde. Ziegel sind vom Dach gefallen – Sturm und Flut und unser Boden – Türme, die von einander weg driften. Die Häuser stehen erst ein mal ein paar Jahre leer, wegen der Statik – auch das Museum bricht unter sich zusammen – es ist eine Stadt im beständigen Verfall – Bahnlinien auf hölzernen Schienen die Stockwerke entlang – Zerfall ist vielleicht auch ein gutes Stichwort – Enge und Zerfall. Dann noch der Aufgehangene – der Hängende. Es sind Figuren wie auf Tarotkarten. Der moderne Mensch bewegt sich auf dem Segway. Ich gebe mein ganzes Geld im Café aus – wie die Bücher. Wie der Kleine bei Sehgers in Marseilles. Ich trinke sogar Wasser im Café – das ist sehr Touristisch. Ich warte auf ein Zeichen aber manche Sätze am Ende eines Briefes verwirren mich vielleicht – ich lasse mich leicht verwirren – wenn ich das Gefühl nicht einschätzen kann. Dann kommen sie aus Blickrichtung. Neben mir der verzweifelte Versuch eines in die Jahre gekommenen Künstlers eine junge Asiatin zu beeindrucken. Die Winkel sind mir nun klarer, seit ich die Innenhöfe sehen durfte – erinnert mich an das Stadtrandgericht im Prozess – wie so AlteNeue Synagoge ins Rathaus übergeht – wie das Zimmer des Malers dann in das Gericht übergeht – so eben – alles geht ineinander über, nichts steht für sich. Dann seine sanfte, leicht gezwungene Schrift mit den kleinen Ausfällen im K und im S vielleicht. Ein paar Spiegelungen später – mit der Hand schreiben fällt schwer – Gedanken ordnen sich in der Hand auch anders. Aber irgendwie verstehe ich jetzt besser.

Prager Briefe

vakant (2/12)

Ihr Blick geht über den Tisch – dann lächelt sie: „Mich macht diese Vorstellung irgendwie traurig.“ An ihren langen Fingern ist noch etwas Russ und die glatte Fläche des Tisches färbt sich leicht Grau, wie sie langsam die Tabakkrümel von der Kante streicht. Mir bleibt nur ein Zucken mit den Schultern. Unter dem gekräuselten Pony kann ich kaum ihre Augen sehen. „Vergänglichkeit meinst du?“ Ihre Locken wippen ein wenig mit dem Kopf. Ich weiß, sie stört die Küchenbeleuchtung – zu hell, sagt sie dann, viel zu hell und nichts kann mehr versteckt werden, dann lächelt sie wieder, ich mag die Schatten – würde sie sagen. Ihr Blick folgt den Tabakkrümel gegen die Tischkante. „Ja.“ sagt sie „Oder einfach die Vorstellung, dass es irgendwann einfach vorbei sein soll.“ Ihre Tasse ist mittlerweile leer aber der kleine Löffel klirrt gegen das Keramik, bei ihrem Versuch noch einen Tropfen heraus zu bekommen. Eigentlich hätte ich sie ganz herein bitten sollen. Aber es war wie immer so ein Moment dazwischen – als sie dann endlich vor der Tür stand. Irgendwann gähnte ich immer. Während der Regen so gegen die Scheiben prasselt, sehe ich ihren Kopf schräg in meine Richtung – so aus den Augenwinkeln. Und sie denkt, wann sagt er endlich etwas. „Willst du noch einen Tee?“ Ihre Locken wippen. Ein paar Sekunden Ruhe mit dem Rauschen des Wasserkochers und zum Scherz bewege ich meine Lippen, ohne Laute von mir zu geben – aber sie sieht nur die Tabakkrümel. „Bist du ein Geschichtenerzähler?“ fragt sie in den stillen Raum mit der Nase im dampfenden Wasser und ich verstehe sie nicht, kneife die Augen zusammen – „Naja – jemand der so aus dem Moment heraus eine Gesichte erzählen kann – so von Anfang bis Ende mit Spannungsbogen – so jetzt, in diesem Moment z.B. – kannst du das?“ Ihr Lippen öffnen sich für den leichten Hauch gegen die Tasse. Dann lächelt sie wieder. „Ich glaube, du bist kein Geschichtenerzähler.“ Und sie denkt, es war so viel besser – als wir noch kein Wort gesprochen hatten. Und sie denkt, ich gehe jetzt – auch wenn es regnet. „Eigentlich ist das die falsche Perspektive.“ sage ich nach einer Weile und ihre Tasse ist schon wieder leer. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihren Kopf schräg gegen mich. „Du betrachtest es immer aus der Perspektive der Vergänglichkeit aber ich glaube, man muss es aus der Perspektive des Entstehens sehen.“ Etwas in ihr runzelt die Stirn. Sie denkt, ich gehe jetzt – aber ihre rußigen Finger bleiben auf der Tischfläche liegen – schwer. „Eigentlich ist das Leben wie ein Regen – so ein ewiger Regen – mal mehr, mal weniger – aber kontinuierlicher Regen – und jedes Dasein ist wie Tropfen und der Tropfen kommt auf und fließt dann langsam eine Fläche entlang und in diesem Fluss, in diesem langsamen Entgleiten, entlässt er seine Spur auf der Fläche. Natürlich – mit jedem Moment die Fläche entlang, mit jedem Millimeter Spur, verliert der Tropfen an Masse aber diese Masse ist nicht wirklich verloren – sie ist ja in der Spur und selbst wenn der Tropfen dann irgendwann verschwunden ist, bleibt doch seine Spur und die Ahnung um ihn. Und wie der Tropfen also seine Spur auf die Fläche entlässt, so entlässt jeder Mensch sein Dasein in die Welt – jeder Moment des Lebens hinterlässt eine Spur in der Welt, in anderen Menschen – immer – und am Ende ist man nicht einfach vorbei, sondern man ist in der Welt. Zerstreut – aber man ist.“ Grau, als sie dann geht. Berlin.

vakant (2/12)