BEFINDLICHKEITSPROSA

Norah stört. Alles an ihr erinnert mich an meine Mutter. Das braune Kleid soll verdecken, dass sie fett geworden ist. Sie isst. In die Couch gedrückt, vor dem Laptop irgendeine Serie schauen und dann die dritte, die vierte Portion. Ich zähle mit. Ich weiß nicht, warum sie isst. Das braune Kleid liegt auf dem Essen wie blauer Morgenmantel und ohne Sehnen im Blick, ohne Blick fragt sie nur: „Hast du mich noch lieb?“ und diese Frage brennt sich durch meine Haut, durch etwas – ich will nicht Leben und jede Sekunde stört mich, jede Bewegung – nichts mehr Leichtes nur Schritte gegen die Schwerkraft auf berstenden Holzdielen. Dann verlasse ich das Haus, nur um sie nicht sehen zu müssen, dieses unendliche Loch, wie bodenlos alles in ihr fällt. Keine Reflexion, kein Rückhall, nur Fallen. Tiefes Fallen und die Frage, was darin ist noch liebenswert, wenn da nichts mehr ist – dieser Schatten in die Ecken gedrückt und alles, jede Bewegung sagt nur Ja – zu allem was ich tue, egal. Und ich kann tun, was ich will – ich kann ficken, ohne zu lieben, ich kann auf der Couch sitzen und um Ruhe bitten, während meine Gedanken um die Einbildungskraft kreisen, kann sie in die Ecke drängen und ihren aufgeblähten Körper widerlich nennen, kann ihr sagen, wie sie mich anwidert in ihren leeren Bewegungen – wie Hiob sitzt sie am Küchentisch und alle meine Worte fallen nur in dieses Loch, widerliches kleines Geschöpf im braunen Kleid und ich hasse sie, für all diese Ruhe, für all dieses Nichts aus ihr, wie sie über dem Smartphone lehnt und schweigt. Ich soll ihr Gedichte vorlesen, aber sie sagt nichts. Ich soll sie durch den Park tragen und ihr meine Eindrücke schildern im Museum, aber sie sagt nichts. Ich soll meine Bücher zwischen ihre sortieren, Philosophie und Literatur getrennt aber sie liest nicht einmal mehr – hat sie je gelesen? Ich erinnere mich nicht, wie sie auf der Wiese liegt und das Buch immer nur auf dem Bauch und der Blick und die tiefe Stimme und all das ist jetzt in die Couch gedrückt und isst und verschwindet ins Badezimmer stundenlang und isst dann wieder und fragt unentwegt: „Hast du mich noch lieb?“ Sie sagt Nöl – schon immer – ganz schnell Nöl, Nöl, Nöl – also es heißt doch No-el – es sind doch zwei Vokale also sprich sie doch auch aus. Und die Kerben sollen zeigen, wie unglücklich sie mit mir war – also warum, wenn du so unglücklich bist, warum hast du dann vor dem Seminar auf mich gewartet, hast mich dann das Schloss hoch getrieben nur um mir Vorwürfe zu machen, dass du meinetwegen nachts weinst, schlägst Kerben in deinen Nachttisch und willst mich doch wieder haben? Dann weine eben nicht, mach die Musik aus und sei ruhig. Und ich will gehen, wirklich – verlasse das Haus um sie zu vergessen, will keinen Abend, keinen Moment länger dieses Getier in die Couch gedrückt ertragen müssen. Will überhaupt keinen Menschen mehr – nur hier – Einbildungskraft – Kant, Hegel – Exposé – notwendig ist allein das Schreiben, jetzt noch mehr denn je – wo mein Leben nur noch leer ist und sie will mich einschließen, in sich einschließen, in dieser Wohnung einschließen – bürgerliches Experiment nenne ich das, mit abends dann Tagesschau auf der Couch und dem Getier in der Küche stehend kochen, Abend für Abend und Abend – mit ihrem Rücken und ich will es tot ficken, will es zerstören aber Hiob bleibt – auch das Köpfchen geneigt, lässt er sich nicht aus dem Ohr schütteln – irgendwie so was. „Erzähl mir von deiner Arbeit.“ sagt sie und versteht es doch nicht – versteht gar nichts – warum hat sie Philosophie studiert? Sie versteht ja nichts, labert nur von der Seele und von Moral sowieso: Dieses hohe moralische Empfinden, urteilt immer alles ab, liest angestrengt Kant unten in der Bibliothek am Tisch neben Heinrich und ich schreib ihr dann die Hausarbeiten in saubere Sprache – verwechselt jeden Begriff, kann keinen Satz sprechen ohne „ich weiß nicht“ anzuhängen – ich weiß nicht, ihr ganzes Dasein ist wie ein Rückzug und die Kerben im Nachttisch nützen jetzt auch nichts – wie sie dann im Bett saß und weinte, weinte weil ich ihr nicht reichte – so ein quatsch, will ich sagen – DU REICHST DIR DOCH SELBST NICHT. Dann philosophiert sie so ein wenig rum – warum müsse man sich selbst genug sein um mit anderen zusammen sein zu können – ja, man – dann lies doch einfach mal Hegel du Viech. Tiefe, tiefe Nacht in deinen Augen und Liebe ist es erst, wenn man in dem anderen nichts mehr sucht. Ich merkt es manchmal gar nicht – dann ist der Augenblick vergangen. Ich ist vielleicht sitzen geblieben, hat noch den letzten Klang vernommen. Vielleicht ist Ich stehen geblieben, hat gegen die Spiegelung seiner selbst hinter die Scheibe geblickt – ein paar Worte in die Kladde geschrieben – dann ist Ich weiter gelaufen. Ich merkt es manchmal gar nicht – wie viel Ich ist. Ich ist selten für sich – wie Ich in kleinen Spiegelungen vergeht – zergeht. Was sind Wochen gegen Worte? Was jetzt fehlt, ist eine Antwort auf die kleinen Druckstellen, die Ich hinterlässt, wenn Ich ruhig bleibt. Nichts sagen. Ich legt sich auf sich – also auf Ich – Selbstbewusstsein auf Selbstbewusstsein – manchmal rutscht Ich in eine andere Sprache – verspricht sich. Gegen die Welt – gegen die Druckstellen. Ich wünscht sich, nichts zu sagen – schweigen zu können, um sich nicht zu verschenken. Aber Ich verschenkt sich – jeder Moment verschenken ist ein Moment Ich. Präsenz. Dann steht Ich zwischen weißen Wänden – weiße Wände und ein Gefühl von Bahnhofshalle – toten Stille sagt Ich. Spürt Ich es? Spürt Ich die kleinen Welten, wie sie so gebannt auf glattes Papier von den Wänden starren? „Auch Künstler müssen Miete bezahlen.“ sagt Ich und lacht. Warum eigentlich? Zwischen den Füßen zieht es sich langsam zusammen. Ich öffnet eine Seite – ab dem Moment, wenn Ich für einen Menschen ein Dokument öffnet, bedeutet er etwas. Dann sieht Ich sich – als Spiegelung in Glas, in glasigen Blicken, zurückgeworfen auf sich – ist Bedeutung? Also ist Bedeutung? Hörst du den Klang meiner selbst? Langsam legt sich die Zeit in die Ecken. Nichts passiert – nicht in Berlin, nicht in Heidelberg – aber ich habe auch keine Lust, irgendwas zu arbeiten, keine Lust auf irgendwelche Jobs und Norahs Schritte auf berstenden Holzdielen und auch noch die kleinste Ungereimtheit wird Anlass für laute Worte, wird Anlass ja – Hass – Berlin – nur – wegen – ihr – nur ihretwegen. Wäre ich in Heidelberg gewesen, hätte ich zu Mutter fahren können, als sie von ihren Schmerzen sprach – ich – hätte – da sein – können. Aber ich war hier – zwischen grünen Wänden und Büchern sortiert – drei Ausgaben Schellings Freiheitsschrift und ihre kleine, in sich gezogene Schrift auf jedem Schmutztitel mit Kaufdatum und erstem Lesedatum. Von Heidelberg aus währen es nur eineinhalb Stunden Fahrt gewesen – verstehst du das? Ich wäre da gewesen. Ich hätte jetzt einen Job – ich könnte in Ruhe arbeiten. Stattdessen bin ich hier – ich bin dein Gefangener, festgesetzt in dieses Altbauloch mit grünen Wänden und braunem Kleid, dass verdecken soll, dass du fett geworden bist, weil du ein Liter Eis am Tag verdrückst und absolut nichts tust, außer in dein Smartphone zu starren – sprechen sie mit dir? Widerliches Viech. Ich muss hier raus.

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