Es ist wie es ist – mir ist es gut.

[…]

Ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Es ist wie es ist – mir ist es gut. Henry am Telephon sagt nur, geh verlass das Haus, geh in ein Antiquariat, beweg dich – wie sich bewegen – ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Versuch einen Schlussstrich zu ziehen, sagte Henry am Telephon. Schlussstrich ins Nichts. Dann habe ich mich in den Ring gesetzt, bin die ganze Runde gefahren – zwei Mal, drei Mal. „Versuch einen Schlussstrich zu ziehen Norah, endlich – endgültig.“ Nach der zweiten oder dritten Runde im Ring dann ausgestiegen – irgendwo durch die Straßen, fünf Stockwerke Häuser und kein Himmel in Sicht.

[…]

 Ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Was macht ihr nur ohne Himmel? – wollte ich diese große Stadt fragen und Henry am Telephon, ich solle mich beruhigen, spazieren gehen – es sei doch nun endlich vorbei, sagte er. Endlich, sagte er. Sie sprachen ja nicht mit mir, beide, monatelang. Erst im Frühjahr dann mit Henry im Romanischen Garten – endlich, sagt er jetzt. Ja – endgültig jetzt. Angeblich hatte Noel am Küchentisch geweint, aber das glaube ich nicht – ich wünschte es mir aber er weint ja nur um sich. Und was waren seine Tränen gegen – ich ging dann hier die Straße entlang und erinnerte mich wage – irgendwo hier, hier waren wir auch schon mal. Ein Sturm und graue Wortgestalten – Zeit, es braucht nur Zeit, sagt Henry. Zeit – ich will das nicht. Und er zieht an mir vorbei – in Gedanken, alles. Wird auch jetzt noch angehimmelt – von unten, immer. Nehmen wir es von der Geraden her und seien verzweifelt oder blind und taub und stumm. Dein Bild hat sich in mir festgebrannt – hat sich auf meine Seele gelegt, mein Bild und wie es in deinen Augen fällt – dieses Konstrukt in mir – angelegtes Du und Du – so und nicht weniger für diesen Moment, für diesen kleinen Augenblick Erinnerung an deine Züge, an dein Lächeln, an deine zurückgezogenen Lippen, Hände, alles wehrte sich ja gegen mein Eindringen, gegen diesen meinen Moment dich festzuhalten, wollte belassen bleiben – doch schon der erste Augenaufschlag, das erste Eindringen in diesen Moment hervorquellende Seele – es ist verloren an die Installation, vermengt sich nach Außen, ja veräussert sich – „Bleib ruhig!“ sagt Henry. Und wenn die Psyche ein Schmetterling ist dann ist in mir sein Gefängnis – denn hier bist du nach meinen Möglichkeiten, nur so und jeder Versuch es zu wenden bleibt zwecklos – an diesen dunklen Ort rührt nichts. Und darin soll man sich dann erkennen? In diesem Umschlag allein – „Du redest wirres Zeug!“ sagt Henry am Telephon und ich steige aus der S-Bahn und laufe durch Straßen ohne Himmel. Dann irgendwann, hier war ich schon mal, mit Noel, vor ein paar Wochen – ein kleines Antiquariat, klein und dunkel mit unfreundlichem Verkäufer und Büchern bis unter die Decke, das Übliche. „Mach irgendwas, geh schwimmen, spazieren – beweg dich einfach!“ sagte Henry. Hörte ihn durch das Handy den Rauch ausblasen. Angeblich hatte Noel geweint oder Henry sagte es nur, um mir die dunklen Gedanken aus dem Kopf zu wischen. Meine Augen blieben hängen an einem Gedichtband Gedichte für einen Sommertag und darin, auf der ersten Seite noch eine Widmung aus 1989 – Es ist wie es ist – mir ist es gut.

Aus Kapitel 9
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Es ist wie es ist – mir ist es gut.

Zuckerhut

I

Die Schatten sind lang geworden. Kurze Zigarette zwischen ehemaligem Jesuiten-Gymnasium und Carolinum. Ich musste lachen. So könnte man eine Geschichte beginnen, sagte ich. Er lachte auch. Ja, eine alte.

II

In der Allee waren mittlerweile Bänke angebracht. An der Peripherie saß ein Mann breitbeinig, beide Ellenbogen auf die Schenkel gestützt, Kopf gesenkt. In der linken Hand wirbelte ein verglimmter Zigarettenstummel durch die Luft. Auch die Rechte war in Bewegung. Genauer betrachtet, schwang der ganze Körper in stummem Takt, ein leichtes Wippen und Vibrieren, kaum merkbar, leise summend. Auf dem gepflasterten Boden lag zwischen seinen Füßen ein Handradio und eine Deutschpop-Göre trällerte über verlorene Zeit und Einsamkeit. Er wippt. Schon ein Blick weiter, mit annäherndem Schritt ist klar: Sein Takt ist ein anderer.

III

Ein Zwiegespräch sind Zwei gedreht. Aber sie redet nur noch mit sich, d.h. mit mir. Dreht die Haarsträhnen zwischen den Fingern, fährt das Glas an den Hals, Glut an den Nagelkuppen, ein grauer Hauch. Menthol. Wir schauen uns an und vorbei. Es ist dieses Spiel: Wer geht zuerst.

Ich hatte Essen mitgebracht – auch Nachtisch. Nachtisch ist das Wichtigste. Sie hatte noch telefoniert, noch Minuten nach meinem Eintreffen, immer, auch mit Tränen. Nicht im Zwie zu telefonieren war ihm zuwider. Also war ich leise, am rotlackierten Gartentischchen, ich und der Nachtisch, noch Minuten lang.

Irgendwann legt sie auf, oder er. Kein Abschied, nur ein Geräusch zwischen Kabeln und für mich bleibt der Rest.

IV

Seit ein paar Wochen sitzt er auf der Kautsch. Oder Monaten. Die Jalousien hängen schon halb auf rostigem Lager, er langgestreckt mit starrem Blick, die rechte Hand in Spannung, in jeder Sekunde bereit zum Wechsel. Wenn er Stimmen hört, ein zwei Zuckungen mit Daumen oder Zeigefinger, der Raum wird lauter. In flackerndem Licht vergeht alles anders. Zwischen Liegen und Sitzen werden ihm die Knie steif. Er bleibt. Streift mit Daumen und Zeigefinger über die weichen Tasten, bleibt starrend mit glasigem Blick im Zwielicht. Manchmal gehen Schritte an der Tür, er zuckt leicht. Vorbei. Seine Hand bleibt für ein paar Sekunden schwer auf den Tasten, dann: der Wechsel.

V

Durchscheinend numeriert zwischen Wasser und Spiegelfassaden wei(s)ße Worte unter Beobachtung. Dazwischen dein, mein Gesicht – Gesichter.

Wir stehen vor dem Grundgesetz: Es ist durchlässig. Aber durch es hindurch können wir nicht. Ich sehe mich darin blinzeln. Artikel 1, 2, 3. Und dich.

Hinter Spiegelfassaden sitzen sie, er, es an Bildschirmen in ein, zwei, drei Sekunden Wechsel. Einer fährt mit den Fingern die Buchstaben lang. Viele photographieren. Sie alle lachen. Es ist schön. Es glänzt wenn die Sonne scheint. Einmal in der Woche kommen die Scheibenwischer. Tausend Touristenfinger hinterlassen Spuren, wenn sie lachen und Teil sind davon.

In den Bildschirmen blinken die Fingerabdrücke, spiegelnd vor Artikel 5 ein Schnappschuss. Eine Sekunde, drei Kameras. Und in dieser einen Sekunde alles was wir sind: Bildschirme, Artikel 5 und blanke Zähne im Glas.

Was macht der Westeuropäer vor seinem Grundgesetz aus Glas zwischen Kameras?

Zuckerhut

was ist mit den ganzen Verrückten

[…]

Wenn eine Wolke kommt – // Sterbe ich. Noch waren es die ersten Tage – Norah saß in dieser Bar, hinter dem Marktplatz – Eckkneipe mit verschlossenen Fenstern ab 22 Uhr. Sie saß vorne an der Tür – am ersten Tisch. Als sie den abgedunkelten Raum betrat, hatte er schon lange Platz genommen, ein paar Tische weiter, in der Mitte, mit Jemandem, den sie nicht kannte. Als er sie sah, lag ihr Blick schon auf dem Boden – sie ließ sich in den weichen Sessel fallen. „Ich las Else an diesem Abend unserer ersten Begegnung.“ Vielleicht war es befremdlich alleine in einer Bar zu sitzen und zu lesen – irgendwann tat es jeder in Heidelberg, irgendwann war es Mode. Ihr Blick ging gelegentlich über die Seiten zur Mitte hin – wild seine Hände in der Luft, unterstreichend – laute Musik. Aber dein Antlitz wärmt meine Welt, // Von dir geht alles Blühen aus. Norah nahm nur kleine Schlücke aus ihrem Glas – die letzte Bahn im Blick. Vielleicht hätte sie sich zu ihm an den Tisch setzen sollen – in die Mitte ihres Gesprächs – manchmal dann sein Blick und dieses dumme Gefühl – dieses falsche Sitzen und überhaupt hier sitzen, allein, mit einem Buch – mit Blick in die Mitte. Irgendwann ging Jemand – eine Umarmung zum Abschied und mit diesem Windstoß erhob sich auch Noel aus der Mitte des Raumes zum Ausgang hin. „Darf ich?“ er deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. Norah nickte nur und legte das Buch auf den Tisch. „Jetzt bieder ich mich so an – auch peinlich. Hab dich ja schon gesehen, als du rein gekommen bist aber wir waren so am diskutieren.“ Norah nickte nur. „Else Lasker-Schüler?“ fragte er und zog das Buch näher ran. „Etwas kitschig oder?“ Er blätterte durch die Seiten. Norahs Wangen glühten über seine Worte. „Ich finde sie sehr ehrlich.“ – „Kennst du Gottfried Benn – das ist Ehrlichkeit – Zersprengtes Ich – wegen Kokain sitze ich wohl hier.“ – „Kokain?“ – „Das Gedicht von Gottfried Benn – hier schau mal.“ er zog aus seiner Manteltasche in kleines schwarzes Büchlein und suchte nach dem letzten Eintrag. „Das habe ich heute geschrieben.“ Norah konnte seine enge, in alle Richtungen verzogene Schrift kaum entziffern – über ihr Stirnrunzeln zog er ihr das Büchlein unter den Augen weg und begann vorzulesen. Es waren ein paar Zeilen in einem sehr expressionistischen Stil – mit vielen Worten wies er sie auf die Zeilenumbrüche und die dadurch entstehenden diversen Lesarten hin. Alles strahlend – leichte Bewegung über das Schriftstück. „Was willst du trinken?“ – sie zuckte mit den Schultern – „Gin Tonic? Ich lade dich ein.“ und sein krummer Körper ging an die Bar. „Du bist immer so ruhig!“ sagte er und grinste. „Naja, ich höre gerne zu.“ sie lächelte. „Meine letzte Bahn geht bald.“ – „Oh, schade – in…“ er zog seine Armbanduhr aus der Tasche – „in 20 Minuten ist mein Geburtstag.“ – „Wie?“ – „Ja, ja – ich mag meinen Geburtstag nicht – ich war auch eigentlich hier verabredet mit einer Freundin aber sie hatte dann doch keine Zeit.“ Norah schluckte. „Na dann werde ich wohl bleiben müssen.“

[…]

Norah fühlte seinen Blick auf sich ruhen. „Ich bin so erbärmlich Norah, so erbärmlich – so klein mit Hut.“ Daumen und Zeigefinger umspielten einen Raum von wenigen Zentimetern direkt vor ihren Augen – Worte, die bebten zwischen ihren Rippen, in ihren Händen, ihn jetzt ergreifen – Norah blieb ruhig. Er hatte aus seiner Zerrüttung gesprochen – vom Land und seiner schizophrenen Mutter – von einer Flucht in die Bücher – die ersten Zeilen Hölderlin und plötzlich etwas verstanden zu haben. Norahs Lippen waren dünn vom Druck – seine Worte ließen keine Zwischenzeilen, keinen Moment des Dazwischenkommens – kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen. „Ich rede ganz schön Blödsinn – laber dich hier mit meinem Scheiß voll.“ ein leichtes Säuseln umspielte seine Lippen. Lange suchten seine Augen Tabakreste über den Tisch – nur ein kleines Huschen über ihr marmornes Gesicht – feste Züge und ein Moment Halten. Etwas zu große Augenbrauen womöglich und mit einem Lächeln zog er sich aus diesem Augenblick. Sie liefen dann durch die schmalen Gassen – Norah würde laufen müssen, den ganzen Weg weit bis in die hinterste Ecke Heidelbergs – sie hatten die gleiche Richtung. In ihrem Kopf schon einige Ideen – am Kunstverein vorbei mit den großen Tonfiguren – Noel musste lachen. „Mein Mitbewohner hat letzte Woche betrunken einen dieser weißen Stühle mit genommen – wir haben einen Stuhl zuwenig in der Küche – jetzt steht dieser Plastikstuhl bei uns rum.“ Vor seiner Wohnung dann keine Umarmung – nichts von all der Offenheit von vor ein paar Stunden. Aber du kamst nie mit dem Abend – // …Ich stand in goldenen Schuhen.

[…]

Sie liefen durch die nassen Straßen – Norah ihm immer einen halben Schritt hinterher, spürte er ihren Blick in seinem Nacken. Erst später hatte er begriffen, dass sie den ganzen Weg alleine nach Hause gegangen war, dass sie nur seinetwegen sitzen geblieben war, mit seinen alkoholdurchträngten Gedankensprüngen. Sie war dieses warme Gesicht in der Ecke, eine Stille mit der man sich umhüllen wollte, in die man Worte legen musste. Dann saß sie plötzlich in seinem Zimmer – unvermittelt mit einer Flasche Rotwein – ein paar Wochen später und er zog das alte Büchlein aus dem Regal mit dem ganzen Quatsch – aber es sollte kein Quatsch sein und sie hatte mit einem Mal diesen Blick der alles zu verstehen schien. Sie hatte die Haare ganz kurz, etwas knabenhaft verstrubbelt mit leichtem Pony über die Brillengläser. Ja – das war die Bewegung – sie saßen am Tisch und er sah ihren Blick fallen. „Warum senkst du immer den Blick?“ fragte er und es sollte frech sein und irgendwie sollte sie lächeln und sie lächelte irgendwie unten, unterhalb ihres Kinns, welches sich immer tiefer in den Schal bohrte. Er lag breit in den Holzstuhl gelehnt und diese Bewegung, ihre Bewegung – alles in sich hineinziehend, als würde gleich ihr ganzes Sein in ihr verschwinden, ließ ihn fast etwas heraus fahren – später wollte er sie immer schütteln. Nur sehr langsam hob sie den Kopf, vielleicht nahm sie ein Schluck Rotwein – „Um mich aus der Welt zunehmen.“ sagte sie ganz ernsthaft. Ein kurzer Moment schwankte etwas herüber, eine Druckwelle, ein kurzer Impuls auch hätten sich für einen schmalen Augenblick alle Farben umkehren können – zum ersten Mal spürte er sie. Dann irgendwann begann sie, sich zusammen zusetzten, langsam, aus meinen Versatzstücken – aus Namen wie Benn und Heidegger aus langen Blicken, die alles wollten, alles inhalieren, der Kiefer über Unterlippe ganz langsam, nachdenklich. Sie liefen über die nasse Straße und irgendwie war sie an diesem Abend ja nur Zufall am runden Tisch neben der Tür. Durch die Zeit hoffte er noch auf die Andere, die weniger Spiegel war – drehte sich zu Tür, sah ihre schmalen Lippen Worte nachlesen – fand sich traurig, sie traurig. Sie liefen über die nasse Straße und Noel schwankte etwas. „Weißt du was mich an dieser Frage am meistens stört?“ fragte Norah mit einem Mal und Noel musste sich fast umdrehen um sie zu hören. „Welche Frage?“ Er wollte nach Hause, betrunken, aus ihrem Blick – Geburtstage waren ihm verhasst. „Na worüber wir vorhin sprachen – was als Geisteskrankheit gilt und so.“ Noel erinnerte sich – irgendwann zwischen dem zweiten Glas Gin und seiner Stoßbeichte hatte er, wahrscheinlich als Ankündigung für alles Kommende, zu dieser Frage ein paar Gedanken verloren. „Was ist eigentlich mit den ganzen Verrückten, die noch niemals ein Einhorn gesehen haben?“

aus Kapitel 2 und 4
was ist mit den ganzen Verrückten

Selbstbewusstsein auf der Guillotine

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaften. Der einleitende Satz des Romans Der Proceß von Franz Kafka, postum erschienen, klingt zwar wie ein Schuldeingeständnis, der Bankbeamte Josef K. jedoch hält sich für unschuldig und so tritt er den zwei Gerichtsboten, die an diesem Morgen seines dreißigsten Geburtstags in seinem Zimmer erscheinen, um ihn zu verhaften, mit gehörigem Unverständnis entgegen. Das Verfahren ist nun mal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Im Zimmer seiner Nachbarin Fräulein Brüstner wird K. dem Aufseher vorgeführt, der ihm mitteilt: „[…] Sie sind verhaftet, gewiß, aber das soll sie nicht hindern, ihren Beruf zu erfüllen. Sie sollen auch in ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert sein.“ Die Atmosphäre ist gedrängt – jede Bewegung scheint die zarten personalen Grenzen gewaltsam einzureißen. Die Gerichtsbeamten verhalten sich indiskret, überheblich und respektlos. Für K.s Unverständnis – Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise? – haben die Beamten nur Spott übrig – Er kenne das Gesetz nicht und behauptet gleichzeitig schuldlos zu sein.

Welches Gericht klangt K. an? Welchem Vergehen wird er angeklagt? Nichts davon – der Leser bleibt im Ungewissen – und auch wenn K. zu Beginn seines Prozess noch glaubt, es hier mit einem Missverständnis zu tun zu haben, gibt er sich der nun folgenden Maschinerie nahtlos hin – denn die Behörde sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen. Schnell wird deutlich, wir haben es hier nicht mit einer irdischen Gerichtsbarkeit zu tun – eine Allegorie also? Kafkas teurer Freund Max Brod schrieb über den Proceß: „Der Prozeß, der da geführt wird, ist der ewige Prozeß, den ein zart empfindender Mensch mit seinem Gewissen auszufechten hat. Held K. steht vor seinen innern Richtern. Das gespenstische Verfahren vollzieht sich an den unscheinbarsten Schauplätzen und so, dass scheinbar K. immer recht hat. Ganz ebenso sind wir rechthaberisch gegen unser Gewissen und versuchen, es zu bagatellisieren. Das Besondere ist nur die fatale Feinfühligkeit gegen die innere Stimme, die auf Schritt und Tritt immer lebendiger wird.“

K. geht also zu den Verhören, wenn auch nur widerwillig lässt er sich durch den Onkel einen Anwalt beschaffen, sucht selbstständig den Maler auf, um sich beraten zu lassen und kümmert sich nun auch um andere Anwälte, die seine Sache besser vertreten können. Die erste Untersuchung findet in der hintersten Ecke auf einem Dachboden eines Vorstadthauses statt – und allein K.s Erscheinen unter diesen widrigen Umständen wird ganz leise zu einem Zugeständnis der Schuld: Schließlich stieg er doch die erste Treppe hinauf und spielte in Gedanken mit einer Erinnerung […], daß das Gericht von der Schuld angezogen werden, woraus eigentlich folgte, daß das Untersuchungszimmer an der Treppe liegen mußte, die K. zufällig wählte. Folgen wir den Worten Brods, haben wir es hier also mit einem inneren Prozess zu tun, artikuliert im Vokabular der Judikative: Die Schuld ist immer zweifellos (In der Strafkolonie). Man könnte sich jetzt psychoanalytischer Deutungsschemata bedienen, aber damit würde man die eigentliche Leistung dieses Autors verkennen: Die Bewegungen Josef K.s – wie ihm jeder Raum, jeder Lebensumstand zum Teil dieses Verfahrens, zum Teil dieses Gerichts, ja dieser Gerechtigkeit wird – Es gehört ja alles zum Gericht – sind keinem dunklen Traum entsponnen – hierin artikuliert sich eine intersubjektive Schuld deren Anklage notwendig ist. Kafka kehrt diesen immanenten inneren Prozess nach Außen; denn wie jedes Moment unserer Subjektivität braucht auch dieses die äußere Anerkennung um sich selbst bestimmen zu können. K. erkennt selbst: Meine Unschuld vereinfach die Sache nicht. […] Es kommt auf viele Feinheiten an, in denen sich das Gericht verliert. Zum Schluß aber zieht es von irgendwoher wo ursprünglich gar nichts gewesen ist, eine große Schuld hervor. Der gesamte Prozess vollzieht sich als ein Symbol für die innere Gerichtsbarkeit, die in sich unlogisch sein muss, nimmt sich das Subjekt als Mittelpunkt der Welt und gründet so diesen inneren Maßstab – ein Maßstab, der das Subjekt vor der Außenwelt zwangsläufig scheitern macht. Der Maler eröffnet K., es gäbe nur drei Möglichkeiten, neben der Verurteilung, nämlich die wirkliche Freisprechung – ein äußerst unwahrscheinlicher Ausgang, wurden bisher doch nur sehr, sehr wenige Angeklagte wirklich freigesprochen – die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung. Das Gericht, seine Funktionsweisen und Hierarchien bleiben K. ewig fremd – mit jedem Moment, in welchem er glaubt, etwas begriffen zu haben, öffnet sich eine neue Tür, ein neues Mysterium. K. bleibt vor dem Gericht unwissend und entmachtet zurück; seine ganze Person, sein Umfeld, sein Leben werden durch das Gericht und seinen Prozess untermauert, durchtränkt.

Die wohl entschiedenste Stelle dieses Romanfragments stellt das Kapitel Im Dom dar. Dieses Kapitel enthält dir kurze Erzählung Vor dem Gesetz, die durch Kafka noch zu Lebzeiten veröffentlicht wurde und im Proceß eine Parabel darstellt, die K. durch den Gefängniskaplan empfängt. Ein Mann vom Lande erbittet beim Türhüter vor dem Gesetz Einlass in eben jenes. Der Türhüter gewährt ihm diese Bitte nicht, jedoch offeriert er ihm in uneindeutigen Reden, es bestünde die Möglichkeit eines späteren Einlasses. Es vergehen viele Jahre bis hin zum Tode des Mannes, der mit seinem letzten Atemzug durch den Türhüter erfährt: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ Wie der Mann vom Lande, so sucht auch K. nach der Ordnung, nach den Regeln und Maßnahmen, die ihm einen Zugang zu dem Gericht und seinem Prozess erlauben und enthebt sich somit einer eigenen Verantwortlichkeit, tritt diese gewissermaßen an ein äußere, unpersönliche Instanz ab, wohingegen diese, verstanden als Spiegel der inneren Gerichtsbarkeit, nach der Autonomie des Subjekts sucht. Verstrickt in diesen inneren Zirkel von Verlangen nach Autonomie, Selbstbewusstsein und Übertragung eben jener auf eine äußere Struktur, kann das Subjekt nur scheitern. Und ja: K. scheitert.

Veröffentlicht auf Leselieber.

Selbstbewusstsein auf der Guillotine