eins zwei nachtmusik (10/12)

Ich kann nicht sein, wie ich bin. Ich bin, wie ich bin. Sie schaut mich schon wieder an. Sie würde fragen: Was ist los? Sie hatte schon ein paar mal gefragt. Sie denkt nach, mit ihrem kleinen Mund, mit ihrem viel zu kleinen Mund ein wenig zusammen gepresst, denkt sie nach. Sie denkt nach aber sie sagt nichts mehr. In deiner Gegenwart kann ich sein, wie ich bin. Aber das macht keinen Sinn. Das sind diese sinnlosen Aussagen, die man so von sich gibt, um sich Besonders zu fühlen, um sich abzugrenzen. Sie schaut mich an. Wir schauen ein paar mal weg. Sie fragt nicht mehr: Was ist los? Bis die Sonne zu uns stoßen wird, dauert es noch eine Weile. Verweilen. Leg dich nicht an. Zieh dich aus. Aber so richtig will es nicht passen – so richtig will meine Hand nicht auf dein Gesicht passen, nichts so richtig. Nichts. Ihr kleiner Mund denkt nach und der Blick geht langsam gegen die Wand: Tapete. Nennt man das so? Dieses Raufaserzeug mit den hervorstehenden Punkten, Pünktchen – Hügel – Wand mit weißen Hügeln – sie starrt. Es ist nichts Besonderes, der sein zu können, der man ist – das ist – selbstverständlich. Sie sagt, das Licht sei komisch. Durchs Zwielicht. Aber das Zwielicht war immer meines. Nimm es mir nicht weg. Und ihr kleiner Mund denkt nach: Bei dem Versuch schön zu sein, habe ich den Verstand verloren. Oder nennt man das einfach Wand – Standartwand – und erst, wenn man etwas darüber klebt, etwas mit Form und Farbe, dann ist es eine Tapete und diese weißen Hügelchen, das ist nur die Standartwand und gar nichts Besonderes. Ich kann dir vielleicht den einen oder anderen Satz geben. Wenn es nicht zu viel ist, denkt sie. Und sie presst die Lippen zusammen. Sie kann es nicht begreifen. Sie kann nicht begreifen, dass ich alleine bin. Sie presst die Lippen zusammen, vor Begriffslosigkeit, vor Nichts ist los, vor Tapete gegen Standartwand – genormte Din-irgendwas Standartwand. Und ich müsste mir Gedanken machen, Gedanken darüber, dass es spät geworden ist, spät oder früh und dass sie müde ist, und ich, müde Augen. Ich könnte ihr sagen, dass jedes Zusammensein zugleich seine Trennung ist – aber dann würde ihr kleiner Mund, ihr kleiner Mund, der schon nur noch eine Linie ist, der würde dann ganz verschwinden, wenn ich dieses T-Wort aussprechen würde – wenn aus dem Nichts ein T-Wort wird. Dann würde sie verschwinden. Komm wir drehen eine Runde in der Sonne. Komm wir sind zusammen. Aber wir sind nicht zusammen – wir sind zusammen und trennen uns – ständig. Wir sind Getrennte. Ich übertreibe. Aber ruh dich nicht aus auf deinen Gewohnheiten – ruh dich nicht aus. Und sie blinzelt gegen die Wand, sie blinzelt so rum und will, dass ich frage, was los ist – damit sie dann endlich mit den Schultern zucken kann. Ja, ihr kleines Mündchen will nur ein mal mit den Schultern zucken und dann endlich gehen – im aufrechten Gang – also frag schon, du Arschloch – frag doch einfach mal, was los ist. Sie schaut mich schon wieder an. Ihr Blick wartet, aber sie wartet nicht. Komm schon. Es ist kein Weltuntergang, wenn du jetzt gehst – es ist nur Gehen … und plötzlich lächelt sie oder habe ich mir das eingebildet? Sie zuckt mit den Schultern – endlich. Zieht sich die Zocken über die blanken Füße. Schaut ganz vernünftig aus, wie sie so in ihren Gedanken blättert … Vielleicht will ich ja zu viel. Vielleicht bin ich zu viel. Immer zu viel. Zu viel. Zu viel. Und du? Du bittest nicht nach meiner Zeit. Und ich, ich bin zu viel. Und besser ich wäre nicht, als immer zu viel zu sein. Und du bekommst eine Krise, wenn man dich abweist. So bist du. Selbsthass. Immer sich hassen. Immer sich kaputt machen. Du schläfst. Ich bin wach. Ich darf nicht schlafen. Ich darf aus dem Fenster schauen, gegen die Sonne, in die Sonnenstrahlen. Ich darf nach Draußen schauen…mehr nicht. Sei nicht so theatralisch. Käsefrühstück. Platzwahl – such dir den besten Platz. Es geht nur um das Abgewiesene. Abgewiesen sein. Im Modus der Abwesenheit. Ab-wesend bedeutet nicht zu wesen. Es west nicht. Und wir teilen ihn nicht – wie teilen ihn nicht, den Moment des Erwachens. Also schlafe ich nicht. Will nicht schlafen. Kann nicht schlafen. Schlafe nicht. Und wer schläft, der liebt nicht. Nie wieder schlafen. Zeit. Irgendwelche Zeit. Zeichen – irgendwelche Zeichen. Konzentration. Irgendeine Konzentration. Aber ich will auch nicht zur Last fallen. Ich will dir nicht den Morgen kaputt machen. Schlaf du nur – schlaf aus.

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eins zwei nachtmusik (10/12)

was ist mit den ganzen Verrückten

[…]

Wenn eine Wolke kommt – // Sterbe ich. Noch waren es die ersten Tage – Norah saß in dieser Bar, hinter dem Marktplatz – Eckkneipe mit verschlossenen Fenstern ab 22 Uhr. Sie saß vorne an der Tür – am ersten Tisch. Als sie den abgedunkelten Raum betrat, hatte er schon lange Platz genommen, ein paar Tische weiter, in der Mitte, mit Jemandem, den sie nicht kannte. Als er sie sah, lag ihr Blick schon auf dem Boden – sie ließ sich in den weichen Sessel fallen. „Ich las Else an diesem Abend unserer ersten Begegnung.“ Vielleicht war es befremdlich alleine in einer Bar zu sitzen und zu lesen – irgendwann tat es jeder in Heidelberg, irgendwann war es Mode. Ihr Blick ging gelegentlich über die Seiten zur Mitte hin – wild seine Hände in der Luft, unterstreichend – laute Musik. Aber dein Antlitz wärmt meine Welt, // Von dir geht alles Blühen aus. Norah nahm nur kleine Schlücke aus ihrem Glas – die letzte Bahn im Blick. Vielleicht hätte sie sich zu ihm an den Tisch setzen sollen – in die Mitte ihres Gesprächs – manchmal dann sein Blick und dieses dumme Gefühl – dieses falsche Sitzen und überhaupt hier sitzen, allein, mit einem Buch – mit Blick in die Mitte. Irgendwann ging Jemand – eine Umarmung zum Abschied und mit diesem Windstoß erhob sich auch Noel aus der Mitte des Raumes zum Ausgang hin. „Darf ich?“ er deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. Norah nickte nur und legte das Buch auf den Tisch. „Jetzt bieder ich mich so an – auch peinlich. Hab dich ja schon gesehen, als du rein gekommen bist aber wir waren so am diskutieren.“ Norah nickte nur. „Else Lasker-Schüler?“ fragte er und zog das Buch näher ran. „Etwas kitschig oder?“ Er blätterte durch die Seiten. Norahs Wangen glühten über seine Worte. „Ich finde sie sehr ehrlich.“ – „Kennst du Gottfried Benn – das ist Ehrlichkeit – Zersprengtes Ich – wegen Kokain sitze ich wohl hier.“ – „Kokain?“ – „Das Gedicht von Gottfried Benn – hier schau mal.“ er zog aus seiner Manteltasche in kleines schwarzes Büchlein und suchte nach dem letzten Eintrag. „Das habe ich heute geschrieben.“ Norah konnte seine enge, in alle Richtungen verzogene Schrift kaum entziffern – über ihr Stirnrunzeln zog er ihr das Büchlein unter den Augen weg und begann vorzulesen. Es waren ein paar Zeilen in einem sehr expressionistischen Stil – mit vielen Worten wies er sie auf die Zeilenumbrüche und die dadurch entstehenden diversen Lesarten hin. Alles strahlend – leichte Bewegung über das Schriftstück. „Was willst du trinken?“ – sie zuckte mit den Schultern – „Gin Tonic? Ich lade dich ein.“ und sein krummer Körper ging an die Bar. „Du bist immer so ruhig!“ sagte er und grinste. „Naja, ich höre gerne zu.“ sie lächelte. „Meine letzte Bahn geht bald.“ – „Oh, schade – in…“ er zog seine Armbanduhr aus der Tasche – „in 20 Minuten ist mein Geburtstag.“ – „Wie?“ – „Ja, ja – ich mag meinen Geburtstag nicht – ich war auch eigentlich hier verabredet mit einer Freundin aber sie hatte dann doch keine Zeit.“ Norah schluckte. „Na dann werde ich wohl bleiben müssen.“

[…]

Norah fühlte seinen Blick auf sich ruhen. „Ich bin so erbärmlich Norah, so erbärmlich – so klein mit Hut.“ Daumen und Zeigefinger umspielten einen Raum von wenigen Zentimetern direkt vor ihren Augen – Worte, die bebten zwischen ihren Rippen, in ihren Händen, ihn jetzt ergreifen – Norah blieb ruhig. Er hatte aus seiner Zerrüttung gesprochen – vom Land und seiner schizophrenen Mutter – von einer Flucht in die Bücher – die ersten Zeilen Hölderlin und plötzlich etwas verstanden zu haben. Norahs Lippen waren dünn vom Druck – seine Worte ließen keine Zwischenzeilen, keinen Moment des Dazwischenkommens – kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen. „Ich rede ganz schön Blödsinn – laber dich hier mit meinem Scheiß voll.“ ein leichtes Säuseln umspielte seine Lippen. Lange suchten seine Augen Tabakreste über den Tisch – nur ein kleines Huschen über ihr marmornes Gesicht – feste Züge und ein Moment Halten. Etwas zu große Augenbrauen womöglich und mit einem Lächeln zog er sich aus diesem Augenblick. Sie liefen dann durch die schmalen Gassen – Norah würde laufen müssen, den ganzen Weg weit bis in die hinterste Ecke Heidelbergs – sie hatten die gleiche Richtung. In ihrem Kopf schon einige Ideen – am Kunstverein vorbei mit den großen Tonfiguren – Noel musste lachen. „Mein Mitbewohner hat letzte Woche betrunken einen dieser weißen Stühle mit genommen – wir haben einen Stuhl zuwenig in der Küche – jetzt steht dieser Plastikstuhl bei uns rum.“ Vor seiner Wohnung dann keine Umarmung – nichts von all der Offenheit von vor ein paar Stunden. Aber du kamst nie mit dem Abend – // …Ich stand in goldenen Schuhen.

[…]

Sie liefen durch die nassen Straßen – Norah ihm immer einen halben Schritt hinterher, spürte er ihren Blick in seinem Nacken. Erst später hatte er begriffen, dass sie den ganzen Weg alleine nach Hause gegangen war, dass sie nur seinetwegen sitzen geblieben war, mit seinen alkoholdurchträngten Gedankensprüngen. Sie war dieses warme Gesicht in der Ecke, eine Stille mit der man sich umhüllen wollte, in die man Worte legen musste. Dann saß sie plötzlich in seinem Zimmer – unvermittelt mit einer Flasche Rotwein – ein paar Wochen später und er zog das alte Büchlein aus dem Regal mit dem ganzen Quatsch – aber es sollte kein Quatsch sein und sie hatte mit einem Mal diesen Blick der alles zu verstehen schien. Sie hatte die Haare ganz kurz, etwas knabenhaft verstrubbelt mit leichtem Pony über die Brillengläser. Ja – das war die Bewegung – sie saßen am Tisch und er sah ihren Blick fallen. „Warum senkst du immer den Blick?“ fragte er und es sollte frech sein und irgendwie sollte sie lächeln und sie lächelte irgendwie unten, unterhalb ihres Kinns, welches sich immer tiefer in den Schal bohrte. Er lag breit in den Holzstuhl gelehnt und diese Bewegung, ihre Bewegung – alles in sich hineinziehend, als würde gleich ihr ganzes Sein in ihr verschwinden, ließ ihn fast etwas heraus fahren – später wollte er sie immer schütteln. Nur sehr langsam hob sie den Kopf, vielleicht nahm sie ein Schluck Rotwein – „Um mich aus der Welt zunehmen.“ sagte sie ganz ernsthaft. Ein kurzer Moment schwankte etwas herüber, eine Druckwelle, ein kurzer Impuls auch hätten sich für einen schmalen Augenblick alle Farben umkehren können – zum ersten Mal spürte er sie. Dann irgendwann begann sie, sich zusammen zusetzten, langsam, aus meinen Versatzstücken – aus Namen wie Benn und Heidegger aus langen Blicken, die alles wollten, alles inhalieren, der Kiefer über Unterlippe ganz langsam, nachdenklich. Sie liefen über die nasse Straße und irgendwie war sie an diesem Abend ja nur Zufall am runden Tisch neben der Tür. Durch die Zeit hoffte er noch auf die Andere, die weniger Spiegel war – drehte sich zu Tür, sah ihre schmalen Lippen Worte nachlesen – fand sich traurig, sie traurig. Sie liefen über die nasse Straße und Noel schwankte etwas. „Weißt du was mich an dieser Frage am meistens stört?“ fragte Norah mit einem Mal und Noel musste sich fast umdrehen um sie zu hören. „Welche Frage?“ Er wollte nach Hause, betrunken, aus ihrem Blick – Geburtstage waren ihm verhasst. „Na worüber wir vorhin sprachen – was als Geisteskrankheit gilt und so.“ Noel erinnerte sich – irgendwann zwischen dem zweiten Glas Gin und seiner Stoßbeichte hatte er, wahrscheinlich als Ankündigung für alles Kommende, zu dieser Frage ein paar Gedanken verloren. „Was ist eigentlich mit den ganzen Verrückten, die noch niemals ein Einhorn gesehen haben?“

aus Kapitel 2 und 4
was ist mit den ganzen Verrückten