Eins

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab – so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert – in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo – wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Plötzliches Aufflackern von Erinnerungen – eine Stadt, ein Platz, ein Café. Nur wo. Und mit wem. Ich erinnere mich nicht. Ich sehe nur den Platz, ich sehe mich den Platz überqueren und in ein Café gehen und sitzen mit Blick auf den Platz. Vielleicht ist es Prag oder Wien. Gegenstand der Geschichte ist eine Erinnerung, an die ich mich nicht erinnern kann und Gegenstand ist ein interessantes Wort – etwas, dass in der Gegend steht. Hier sind sehr viele Gegenstände. Ich bin umgezogen aber schon vor einer ganzen Weile. Das warme Wasser ist vergangen. Ich bin noch da. Am Morgen danach trage ich mir noch schnell einen Spritzer seines Parfums auf, bevor ich dann für immer verschwinde. Ich mag den Gedanken, dass er mich durch den Tag begleitet und M. abends fragt, ob ich ein neues Parfum habe. „Fickst du jetzt dein Date?“ fragt M. „Ja, gib mir die Bistümer. Damals! Vor der Säkularisation! War! Das! So! Geil.“ und dann „Es würde mich nicht stören, wenn du mit ihm schläfst. Stören würde mich nur, wenn du irgendjemanden besser findest als mich.“

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. Also muss ich mich beeilen. Wenn ich dann wirklich mal verschlafe, habe ich die Entschuldigung „Verschlafen“ schon bei den letzten 356 Mal Zuspätkommen verbraucht. Ich weiß gar nicht, wann die alle angefangen haben, auszuflippen – wann die sich plötzlich um einen Job gekümmert haben und der Schlaf vor 24 Uhr so unglaublich erholsam geworden ist und plötzlich sind alle zusammen gezogen und gründen Familien und selbst Edna schaut sich Bilder von Hochzeiten an, ohne zu kotzen. 8,50 die Stunde motivieren mich auf jeden Fall nicht zu einer besonders hohen Arbeitsmoral und ich bin eine Stunde zu spät und hoffe, niemand merkt es.

Es ist der 23. Oktober und das einzige, woran ich denken kann, ist die Zahl 23 und Primzahlen – ich denke an die Ästhetik von Primzahlen. Es ist unlogisch. Es fehlt der Antagonist oder zumindest diese andere Person, an der man seine eigene Erzählung abarbeiten kann. Es reden immer zwei miteinander, es kommt zu absurden Begegnungen und Dialogen und jedes dieser Ichs entwickelt sich. DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD. Ich sitze in der U-Bahn. Ich schau ihn lange an. Er trägt so eine ganz typische Hipsterbrille mit sehr dickem Rahmen auf einer großen, spitzen Nase und ich entdecke gerade meine Leidenschaft für große, spitze Nasen und seinen klaren Blick, während er so ein bisschen mit dem Kopf wippt. Ich tippe ihm ans Bein, er nimmt die Kopfhörer ab: „Fahren wir heute Abend zusammen zu dieser Ausstellung?“ er zuckt mit der Schulter: „Ich muss auf jeden Fall bis 18 oder 19 Uhr arbeiten – willst du dann zum Essen kommen, dann fahren wir zusammen.“ Ich nicke. Wir haben uns vor ein zwei Jahren kennen gelernt – er ist Freelancer im Graphikbereich und hat ein zwei Wochen bei mir in der Firma mitgearbeitet. Wir haben zusammen im Innenhof geraucht und über Kunst gequatscht und uns dann auch privat getroffen. Zuerst dachte ich, er sei schwul, weil ich so ein bisschen in ihn verliebt war, wir haben rumgemacht auf einer Party, ziemlich betrunken, fanden dann aber beide, dass es eher so ein Freundschaftsding ist. Wir wohnen nicht weit von einander und treffen uns ab und an in der U-Bahn und gehen zusammen zu Vernissagen und Ausstellungen. Frank. Frank scheint mir ein guter Name zu sein und Frank wippt sehr hübsch zu der Musik in seinem Kopf. Als Frank dann aussteigt (dabei positioniere ich meine Beine genau so, dass er sie beim Vorbeigehen berühren muss) – als Frank dann aussteigt, bin ich ein bisschen traurig, dass wir uns nie wieder sehen werden.

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Eins

Romananfang (1)

Warum ist alles, was ich tue, ein Klischee? Ich kann mich gerade so von Günther fortreißen mit den Worten: „Ich muss echt dringend pissen.“ Endlich lässt er mein Ohr los. Er findet es witzig oder es liegt am Joint, den er wie einen Dozierstab hin und her schwenkt beim Reden. Was tut Günther? Er sitzt im Keller dieser kleinen aber ambitionierten Film-Animationsproduktionsfirma – Quatsch! Alles ist im Keller – die ganze Firma oder Community oder Künstlerkollektiv sitzt im Keller und was tun die? Es ist nicht mal eine Firma sondern eine handvoll Künstler, die sich ein Büro teilen oder einen Arbeitsraum oder ein Studio – und einen Kicker. Ob in jedem kleinen aber ambitionierten Animationsstudio ein Kicker steht? Es ist zwar ein Gartenfest aber je nach Bekifftheitsgrad gehe ich davon aus, dass früher oder später einer auf die Idee kommen wird, den Kicker heraus zu tragen und dann wird gekickert. Das ist dann Spaß-haben. Zuerst wurde gegrillt – ich habe mich nicht getraut, etwas von dem Essen zu nehmen. Alles hier ist so familiär, und ich gehöre nicht dazu. Ich kenne niemanden außer Günther. Ich weiß nicht, welcher Kinderwagen zu wem gehört, ob man sich selbst etwas auf den Grill legen muss oder alles für alle ist – auch nicht, wie das mit dem Bier ist. Also gehe ich erst noch Mal zum Späti und hole mir eine Club-Mate und ein Eis zur Beruhigung. Als ich wieder komme, hat sich nichts geändert – alle sitzen rum, essen Zeug vom Grill und quatschen. Dann werden die Filme gezeigt – die letzten Produktionen und was man so rumliegen hat. Gleich beim ersten Film rufen die Nachbar von gegenüber um Ruhe, alle lachen, alle schütteln den Kopf. Das Screening wird fortgesetzt – nicht ohne dass Günther permanent am Ton rumfummelt. Einige Werbeclips sind dabei, Auftragsarbeiten, Spielereien. Ein Film ist gut – zwei ungleiche Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten werden Freunde oder eben dann nicht. Dann steigt der süßliche Duft auf und immer wenn Schriftsteller von Gras sprechen, schreiben sie: Es steigt ein süßlicher Duft auf oder ähnlich unsubtiles – also die coolen Filmemacherkids over 35 zünden sich halt Joints an, weil man das als Joungceative eben so lässig macht – das ist wie Pissen-gehen oder die Windeln des Kindes wechseln – das macht man halt, weil es dazugehört. Günther doziert mit der Hashkippe und erzählt, wie sie die eine oder andere Animation gemacht haben – wobei ich immer noch nicht verstehe, was er eigentlich tut: „Riecht gut.“ sage ich. Erst jetzt kommt er auf die Idee, mir einen Zug anzubieten. „Nein, danke.“

Romananfang (1)