impressions of a lonely place

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Galerie

Preview I Ausstellung [pa:tina] 26.04.2013 Berlin

[pa:tina]
[pa:tina]

[pa:tina] – konzentrisches Ich – Photo//Text//Collage Ausstellung//Rauminstallation von Sarah Berger

in der Schlesischen Straße 19 vom 26.04. – 03.05.

Vernissage: 26.04. 19:00

Finissage: 03.05. 19:00

[pa:tina] – eine durch natürliche oder künstliche Alterung entstandene Oberfläche

Diese photographisch-literarische Rauminstallation versteht sich als künstlerische Aufarbeitung des Themenkomplexes Identität//Personalität//Selbstbewusstsein.
Ausgehend von Jean-Paul Sartres »Blick des Anderen«, beschäftigt sich die Künstlerin mit der Frage, ob das Selbstbewusstsein auf einen inhärenten wesentlichen Kern zurück geht, oder ob es vielmehr liquide ist, da nur durch den Anderen gegeben, d.h. immer wieder von der Interpretation und Rezeption des Anderen abhängt.

Mittels Portraits (2009 bis 2013) und Textfragmenten (2012/13) versucht sich die Künstlerin an einer ästhetischen Antwort auf diese essenzielle philosophische Frage.

Preview I Ausstellung [pa:tina] 26.04.2013 Berlin

Kerbe

Norah saß auf der Mauer, als Noel um die Ecke kam – saß auf der Mauer wie immer, wie vor der Sommer war sehr groß, wie früher mit einem Buch auf dem Schoß. Sie wartet auf Heinrich – immer, wenn sie auf der Mauer sitzt und sowieso immer. In wenigen Minuten würde der Kurs beginnen und Norahs eisgrünen Augen fangen Noels Schritte, bevor er noch die roten Stufen des Seminars erreichen kann. Ihre kleinen Füße tippeln über das Kopfsteinpflaster, tippeln ihm entgegen, tippeln gegen Hauptseminar Was ist Metaphysik und es genügte ihre Hand an seinem Arm wie eine Brücke, Welten verbindend und sie laufen hoch zum Schloss, aber hinten herum, über die Straße. Wie war das im Sommer, fragt sie und ein Käfig zog los einen Vogel zu suchen. Und es gibt die Freiheit eines Menschen nicht ohne ihn. Nicht ohne ihn festzusetzen. Sagt sie – und ihre Haare sind etwas länger, nicht mehr so wild in alle Richtungen. „Warum bist du eifersüchtig?“ fragt sie und meint den Abend im Palais mit Heinrich in der Gasse und mein ungestümes Verschwinden – aber es ist eine kokette Frage. Sie will die Antwort aus meinen Worten – will sich nicht nur an die Außenseite meiner Worte klammern. Aber ich frage nicht, warum sie gegangen war, vor Monaten – ich frage nichts. Über die Straße laufend, immer ein paar Zentimeter hinter her – mit ihr, mit ihrem Blick und den ersten Lippen, wollte etwas nicht mehr schlummern, hat mich genommen, von innen, hat sich auf mich gelegt und ist geblieben auch nach der Sommer war sehr groß und sie fragt, wie ein dummes Kind, warum ich eifersüchtig bin – auf Heinrich. Ich weiß, dass sie wieder Freunde sind, dass sie wieder auf seinem Bett sitzt mit blauem Schimmer auf dem Gesicht, dass sie zwischen den Politikwissenschaftlern tanzt und mich in zwei Zimmer mit Küchenzeile sperrt. Ich weiß, dass sie auf der Wiese liegen, unten am Fluss und Zeilen schreiben auf kleine Fetzten Papier und Norah sagt laut Heinrich, wenn er wieder einen Witz macht, wenn er ihre Sensibilität, ihre zarte Schicht angreift, dann sagt sie laut Heinrich und sie sagt nie Heinrich. Ich weiß, dass sie im Innenhof sitzen und Schach spielen mit Buch auf dem Bauch und Blick in den Himmel und ihre dunkle Stimme kommt aus dem Nichts und sagt „Wie fein zerfließt die Zeit, hat man sie erst in Worte gehüllt.“ Dann fragt sie, warum bist du eifersüchtig und das alles, das hätte ihr nicht gereicht und in meiner Gegenwart sei man nur Hülle, nur Gefäß und mein Dasein würde einen Raum vollständig ausfüllen und alles müsste sich in die Ecken flüchten und auf mein Gehen warten. „Du hast kein Recht, eifersüchtig zu sein und Henry ist mein Freund, wie er dein Freund ist.“ sagt Norah – sie sind nun oben, am Schloss vorbei zum Wald gelaufen mit Blick über die ganze Stadt. „Kannst du dir das vorstellen?“ fragt Noel und seine Schritte gehen gegen die kleine Mauer als Grenze zwischen Panorama und Kiesboden. Norah zieht die Augenbrauen in die Stirnfalte, die dicken, etwas zu großen Augenbrauen und legt den Kopf schief. „Wie muss das gewesen sein, als Hölderlin und Goethe über den Wald kamen, nach tagelanger Wanderung und plötzlich brechen die Bäume auf und vor ihnen liegt dieses Panorama.“ Norahs Blick bleibt erstarrt, entgeistert – etwas liegt ihr auf den Lippen aber dann, von einer Sekunde zur nächsten lächelt sie plötzlich – „Du hast recht.“ sagt sie, geht ein paar Schritte auf ihn zu, schlurft über Kies, lehnt sich gegen die Mauer und lässt den Blick fallen, einfach fallen – „Einfach fallen!“ sagt sie, will die Arme vielleicht ausbreiten aber vor allem ist jeder Ernst aus ihrem Gesicht gewichen, mit säuselnden Lippen Nimmer beugt, vom Übermut belogen,// Sich die freie Seele grauem Wahn. „Glaubst du, man kann mit Scheler die Seele retten?“ fragt sie mit einem Mal. Noel könnte sich vor Lachen schütteln, wie diese zarte Schicht immer und immer wieder aufbricht – dahinter nur das Kind mit rosa Stoffhasen im Bett und zitternden Knien beim Else lesen. Irgendwann nachts, sie lagen im Bett, zeigte sie auf ihren Nachttisch und sie hatte Kerben hinein geritzt: „Für jedes Mal, wenn ich deinetwegen weinte.“ Als wir vom Schloss kamen, war alles anders – „Liebe ist eine Entscheidung!“ sagte sie „Es kommt auf die Metapher an – Liebe ist ein Kunstwerk, ein künstlerischer Prozess mit Inspiration wie mit Krise.“ Aber eigentlich fehlte sie mir nicht. Nachdem ich dieses kurze Zucken von Freiheit aufgebrochen hatte, nach dem sie sich wie ein Engel über meine Angst gelegt hatte, über jeden Blick der anderen, sehnte ich nichts mehr. Dieses rührige, dieses heftig intentionale – es muss von mir fallen, ich muss es abschütteln – Norah sagt, es reiche ihr nicht und irgendwie hat sie es auch nicht verdient. Wir kamen vom Schloss und alles war anders. Wir gingen die Stufen und Norah nahm meine Hand sich haltend, sich klammernd. Heinrich schwieg, als wir am Abend noch in seinem Zimmer saßen wie vor der Sommer war sehr groß, in einer normalen, allzu normalen Bewegung auf seinem Bett saßen mit blauem Schimmer über dem Gesicht und Norahs hebender Brustkorb mein Takt und ihr blitzenden Augen mein Aufatmen. Heinrich schwieg.

Kerbe

carpe diem – nicht?

Da sitzt du nun und entschuldigst dich mit ich war in einer dunklen Phase. Fein raus geredet, nun mehr bärtiger Mann – vielleicht reicht es für dein schlechtes Gewissen, für meine Freundschaft reicht es nicht. Du sitzt da und es bleiben nur ein paar Sätze, du bist schon wieder bei dir – kein Stipendium bekommen, bescheidene Studentenbude – billig, denn kein Geld und die Arbeit auch nur ein kümmerlicher Rest dessen, was du erreichen wolltest. Bewegst dich in dieser alten Stadt, alle Freunde schon im Aufbruch begriffen nur du – du bleibst. Im Winter dann eine Depression – wie interessant, denke ich und habe Mitleid – aber Mitleid? Kein gutes Gefühl, um einem Freund entgegen zu treten. Deine Augen sind blau, wie sie es immer waren aber in ihnen liegt nun ein Schatten und irgendwie liegst du nur – liegst im Stuhl wie schon begriffen im Vergehen, denn du zergehst – es ist vorbei – du bist vorbei und das Glühen, dein Schwung ist vergangen, so vergangen und deine Vergangenheit ist meine Vergangenheit aber jetzt sitzen wir hier und sind weit entfernt. Du nennst dich selbst ein Arschloch und Zeitverschwendung – es reicht für dein schlechtes Gewissen, für meine Freundschaft reicht es nicht. Ich habe dir Hände gereicht und wenige waren es nicht. Aber vielleicht willst du auch keine Freundschaft – wahrscheinlich willst du nur Ruhe – Ruhe – nicht zu letzt im eigenen Kopf. Aber Ruhe bedeutet auch Stillstand. Und wahrscheinlich habe ich nichts gelernt aber mit jedem Wort, gehe ich einen Schritt weiter.

carpe diem – nicht?