Im Krass Bösen Wolf (Auszug)

Ich meine, was ist guter Sex, was ist schlechter Sex – das ist immer so eine Gratwanderung und höchst individuell (es ist sogar anzunehmen, dass es für ihn relativ guter Sex war). Ich spreche also nur für mich.

Es war insofern schlechter Sex, da es rein vom taktilen Vermögen dieses Mannes nicht besonders ausgefallen, sagen wir, eher simpel und unkreativ angelegt war. Es war schlechter Sex, weil es, betrachtet vom zeitlichen Aspekt, von wenig Ausdauer getragen war. Sagen wir, all das ist noch verkraftbar. All das würde ich als mittelmäßigen Sex bezeichnen oder positiv: als ausbaufähigen Sex. Oder sagen wir: Ich halte sehr viel schlechten Sex nach diesen Kriterien aus, wenn ich das Gefühl habe, dass dieser erste Moment von sexueller Interaktion noch nicht alles ist. Also wem mache ich was vor: Dieses Ding von wegen hochintensiver, extremer Anziehungskraft und BAM fucking in heaven … ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat oder wer das zum Ideal erhoben hat, aber angekommen auf dem Boden der Tatsachen (sprich nach 15 Jahren promiskuitiver Sexualität), ist es eben nicht mehr als ein Ideal oder ich häng mich mal an Lacan und nenne es Phantasma, wobei man natürlich einwenden könnte, dass wir aufgrund unserer psychischen Konstitution sowieso nur in Phantasmen leben und auch dieses sexuelle Phantasma – egal, ich verliere mich in komischen Gedanken. Es war schlechter Sex (und das ist, denke ich, der eigentlich Grund und irgendwie passt er auch zu dieser Sache mit den Phantasmen): Es hatte absolut nichts mit mir zu tun.

Gut, gehen wir zurück zum Ausgangspunkt: Sex mit einem Fremden ist immer irgendwie – speziell. Natürlich. Man ist sich fremd (hier kramt jetzt irgendwer diesen Spruch aus, dass man sich ja vor jedem ausziehen kann, aber wirklich nackt ist man nur, wenn man die Seele offenbart, oder so – ich hasse diesen Spruch) aber das wirklich Schlimmste an schlechtem Sex ist, wenn es ein einziges Aneinander-vorbei, statt eines irgendwie Aufeinander-zu ist. Ich meine, ja klar, jeder spult so sein Programm ab, sein Standardrepertoire an Handlungen, Gesten, letztlich auch Bewegungen nach dem, was einen am meisten interessiert am Anderen (bei mir ist es tatsächlich gar nicht unbedingt der Schwanz, weil Schwänze sind banal und ja, unästhetisch, bei mir sind es eher: die Schultern, die Schlüsselbeine, die Beckenknochen, der Arsch), also so eine gewisse Selbstbezüglichkeit im ersten sexuellen Kontakt, würde ich sagen, ist ganz normal und nicht ausschlaggebend für meine Bewertung. Aber es gibt auch diese Form von Sex, bei welcher ich nach ein paar Minuten spüre, dass der Andere mich nicht spürt, es ist im Endeffekt erweiterte Selbstbefriedigung. Es spielt also keine Rolle, ob ich anwesend bin oder nicht, oder sagen wir: Ich bin das erregende Moment aber nicht Subjekt der Leidenschaft. Viel schlimmer: Ich werde dann durch die Selbst-Leidenschaft des Anderen negiert.

In solch einer Situation verliere ich dann schnell das Interesse am gegenwärtigen Sex. Ich kann dann weder mit meinem Kopf, noch mit meinem Körper etwas für mich selbst tun. Dann bleibt nur noch die Wahl zwischen einfach liegen bleiben und warten, bis er fertig ist oder die ganze Nummer abbrechen, peinliches Schweigen, weil was soll ich dem Mann sagen: Sorry, das war ja furchtbar … dann fängt er an zu heulen oder so, auch stressig. In diesem speziellen Fall habe ich einfach gewartet, bis es vorbei war, weil es auch an sich nicht so schlimm war, sondern einfach – ja, traurig. Es war richtig trauriger Sex und eigentlich müsste meine Geschichte an dieser Stelle enden, aber hier endet sie noch nicht.

Im Krass Bösen Wolf (Auszug)

Deine Distanz ist meine Distanz ist deine Distanz aber nicht unsere (Ruhrgebiet 3/10)

Was kümmern mich die Kilometer zwischen deinen Worten, frage ich mich, und bleibe ja doch daran hängen, also stoße mich daran, immer wieder und was kümmern mich die Kilometer an sich – das sind doch alles keine Distanzen mehr, wir steigen in Flugzeuge und Fernbusse, da ist so viel Bewegung aber wir kommen nicht fort, aber was kümmert mich das, wo doch alle auf der Stelle stehen, in sich, weich getreten, sich weich getreten im Treibsand der eigenen Stille und das ist die entscheidende Distanz, unüberwindbar.

Deine Distanz ist meine Distanz ist deine Distanz aber nicht unsere (Ruhrgebiet 3/10)

insideout (Ruhrgebiet 2/10)

Ich frage mich, ob dein Verfall auch mein Verfall ist – oder ob es viele Verfalle gibt, vielleicht so viele Verfalle wie Menschen. Ich glaube nämlich nicht, dass die Umgebung verfällt, also die Gebäude, Dinge, Gebärden, ich glaube nicht, dass der Verfall das Äußere betrifft, den Rand. Vielleicht weint es sich besser allein – ohne Abgrenzung, also ohne Saum, Umriss. Ich frage mich, ob dein Verfall auch mein Verfall ist oder warum, also warum erreicht der eine Verfall das Herz und der andere nicht, woher kennt der eine Verfall den Weg (– in der ganzen stadt verteilt liegen von mir benutzte zahnbürsten rum wie brotkrummen aber kein weg) und der andere nicht. Also vielleicht gibt es so viele Verfalle wie Menschen. Ich glaube nämlich nicht, dass die Umgebung verfällt, also das Äußere, also das Grenzziehende, das Freiheiteinschränkende, das was uns daran erinnert, nicht allein sein zu können, das was uns zu Einsamen macht – das verfällt nicht, das bleibt immer gleich, das ist das einzige Wenn-sie-nicht-gestorben-sind. Das Äußere verfällt nicht.

insideout (Ruhrgebiet 2/10)

Vom Ende her (Ruhrgebiet 1/10)

Ich würde dir gerne schreiben, was mich an diesem Ort hier oder sagen wie an diesen Orten hier fasziniert. Dann würde ich dir etwas von dem Verlassen-werden erzählen oder von dem Verlassen-sein – alles hier ist verlassen. Ich würde dir vom Verfall erzählen, dass alles verfallen ist oder zumindest im Begriff ist, zu verfallen. Ich würde dir von der Natur erzählen, denn überall dort, wo keine Menschen mehr sind, überall dort sind auf ein mal Pflanzen aufgetaucht und bahnen sich ihren Weg durch die Sollbruchstellen im Stahl und Beton – ich würde dir also nichts über den Tod erzählen, denn Tod gibt es hier nicht oder wenn, muss man etwas länger nach ihm suchen und bisher konnte ich ihn nicht finden. Ich würde dir schreiben, dass die Zeit gerade lang genug war, für mich, das alles hier zu ertragen, weil ich Stille einfach nicht lange ertrage, aber zu kurz, um wirklich etwas zu verstehen und du weißt selbst am besten, dass man wirklich lange hinhören muss, wenn es still ist. Ich würde dir auch von den Idyllen schreiben, die gibt es, also intagramgefiltertes Wasser zum Beispiel, blau oder instagramgestoriete Industriebrachen, schwarzweiß. Ich würde dir von all dem Übriggebliebenem schreiben, also dass viele Dinge einfach übriggeblieben sind, dass es entweder keine Verwendung für sie gibt oder dass ihre Verwendbarkeit hinfällig geworden ist, weil eine Story auf Instagram steht gerade mal 24h und dann ist sie vorbei und vielleicht würde ich dir davon erzählen, dass ich mich auch so fühle, vorbei gegangen, vorbei gefahren an all diesen Dingen aber wieder mal nirgends stehen geblieben und ich würde so gerne endlich mal wieder stehen bleiben.

Etwas in diese Richtung würde ich dir gerne schreiben, aber ich kann nicht. Also schreibe ich einfach nur: Fin. Der beste erste Satz.

Vom Ende her (Ruhrgebiet 1/10)