vergessen (prosa)

Manche Trennung kam mir schon wie Tod vor. Dann denke ich: Hättest du mich wenigstens als schöne Erinnerung an einen Weidenbaum gehängt. Alles Gute wünsche ich dir [Rilke Zitat einfügen] – Liebe Grüße, Sarah – was Besseres fällt mir nicht ein. Nicht mal ein passendes Zitat fällt mir ein – ich habe mich auszitiert oder ich bin faul, oder ich habe keine Lust, oder ich will einen Witz machen. Was Besseres fällt mir nicht ein. Immerhin denke ich daran – an dich und deinen Geburtstag oder? Aber es gibt Menschen, denen sind ihre Geburtstage egal und ich frage mich immer, wie es egal sein kann – egal auf der Welt zu sein? Dir war dein Geburtstag immer schon egal aber dann warst du doch traurig, als es einmal den ganzen Tag geregnet hat – nicht? Erinnerst du dich? Oder dann, als du unbedingt etwas unternehmen wolltest und wir nach Würzburg gefahren sind – ganz spontan. Ich erinnere mich. Ich lege das Handy weg – es ist okay. Es ist okay, dir zu schreiben und alles andere wäre kindisch – nicht? Du weißt nicht, wann mein Geburtstag ist – dir sind Geburtstage egal. Mir nicht. Also wache ich auf – am Morgen deines Geburtstages und weiß, dass es dein Geburtstag ist und kann nicht anders, als es zu wissen und dann kommt es mir kindisch vor – kindisch dieses Wissen zu ignorieren – so zu tun, als wäre es nicht so – als gäbe es dieses Wissen nicht. Mir kommen viele Dinge kindisch vor. Mir kommt es auch kindisch vor, nicht miteinander zu sprechen – ich weiß nicht, wer angefangen hat. Mir kommt es kindisch vor, sich zu erinnern und so zu tun, als hätte man alles vergessen. Nicht? Aber dazu – dazu gibt es nichts zu sagen – ich stelle mir vor, dass du den Kopf schüttelst – wie früher auch – das weiß ich noch, wie du immer den Kopf geschüttelt hast und wie du immer gesagt hast aus den Augen aus dem Sinn. Keine Angst – ich will ja nicht in deinen Sinn – wirklich nicht – du hast mich abgeschüttelt – das ist okay. Aber manche – manche Trennung kam mir schon wie Tod vor, wenn diese Menschen, diese Menschen, denen man so nahe war – so lange nahe war – wenn die einen dann anekeln – ich meine so richtig richtig anekeln, anwidern. Und dann – irgendwie verschwindet dieser Mensch, nicht? Als hätte es ihn nie gegeben, als wäre da nichts in der Vergangenheit – eine Lücke, ein Nichts – denn es gibt ja nur das Jetzt, das Heute, das Morgen. Und das Du – ach, was rede ich – das Du ist ja auch nur für das Ich da – nicht? So würdest du es doch sagen. Also ich, ich kann dich nicht mehr an dich erinnern – in meiner Existenz wirft sich nichts zurück – du hast dich ausgespiegelt in mir, du siehst dich nicht mehr – ich bin tot. Ich bin schon ein paar mal gestorben – und bestimmt habe ich schon einige umgebracht – nicht? So würdest du es doch sagen, nicht? Wir sind irgendwo, laufen rum und sind Tote – irgendwie schon ein paar hundert Mal getötet – von dem Typ, der mich in der U-Bahn angerempelt und dann beschimpft hat oder der Frau, die mein Lächeln im Vorbeigehen nicht erwidert hat oder dort im Laden, als mich die Thekendame böse an raunte, so ein paar Mal gestorben nur heute und als du dann geantwortet hast: Vielen Dank für die Glückwünsche. Aber welche Sarah gratuliert mir da eigentlich? – wieder ein Tod mehr. Dann denke ich: Hättest du mich wenigstens als schöne Erinnerung an einen Weidenbaum gehängt.

Erschienen in: 1000Tode schreiben, Christiane Frohmann (Hg.)

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vergessen (prosa)

emmas monolog

Ich weiß die richtige Antwort. Immer. Ich weiß, was die Menschen von mir hören wollen – die Umgebung – die Fragenden. Ich weiß, wie ich reagieren muss – egal, wie es in mir aussieht – was die richtige Antwort wäre. Ich weiß die richtige Antwort – immer. Die richtige Antwort für dich, oder für dich. Ich kenne sie. Ich kann behauptet, ich liebe Kafka, weil ich weiß, dass du Kafka liebst obwohl ich vielleicht noch keinen Satz von ihm gelesen habe – obwohl ich vielleicht mal angefangen hatte Das Schloß zu lesen und dann festgestellt habe, dass mir das alles zu kryptisch ist. Aber ich kann sagen: Ich liebe Kafka – wenn du mich fragst, wer mein Lieblingsautor ist. Du musst nichts sagen – kein Wort – ich weiß die richtige Antwort. Ich kann sagen, dass ich jede Jahreszeit mag, obwohl mir der Winter am liebsten ist – ich kann viele Dinge sagen und es ist immer die richtige Antwort. Ich kann mich sehen – in all diesen Rollen und Bewegungen – ich kann mich sehen, von Weitem – von weit entfernt kann ich mir zu schauen, wie ich richtige Antworten habe für dich und dich und dich. Ich kann mich sehen – die Straße rauf und und runter tigern und warten, bis mich mal jemand fragt, wer mein Lieblingsautor ist oder ob ich das Wetter mag – dieses verhangene, diesige Wetter großer Städte. Ich weiß, was ich sagen muss, wenn der Narziss mir gegenüber sitzt und sich reden hören will – und sich sehen will – ich nicke dann und bin brav. Ich weiß, wie es um die Menschenfeinde steht und was sie wollen – die kleinen Streicheleinheiten meiner Augen. Ich weiß das. Und ich kann nichts dagegen tun. Es ist egal, was die richtige Antwort ist – wie es in mir ist – das spielt keine Rolle. Ich kann es nicht greifen, wenn ich nicht alleine bin – ich kann es nicht mehr begreifen und bevor ich weiß, was ich sage, hat mein Mund schon geantwortet – hat die richtige Antwort ausgesprochen ohne es wirklich zu wissen und da bin ich und bin nicht ich. Das ist nicht tragisch. Ich muss es nur sortieren – ich muss mir merken, wer ich zu wem bin – was meine Träume sind und all die Kleinigkeiten, welche eine Figur perfekt machen – die kleinen Unregelmäßigkeiten – die kleinen Verwirrungen. Aber es ist leicht, sich all das zu merken. Es ist leicht, die richtigen Antworten zu wissen – sie kommen mir gerade so – ich muss nicht lange danach suchen – ich kenne mich. Und dich, und dich.

emmas monolog

Irgendwas mit Zeit

Ich bloge jetzt auch zum Thema Zeit auf wirdzeit.wordpress.com

Als mir mein Vater eine Uhr geschenkt hat, habe ich mich darüber gefreut. Die Uhr ist ein Schmuckstück, ein schickes Accessoire um das Outfit ein wenig auf zu peppen. Nur leider trage ich keinen Schmuck. Aber alle sieben Jahre, so sagt man, haben sich alle Körperzellen ein mal ausgetauscht – wurden durch neue ersetzt – der Geschmack ändert sich, Ehen werden geschieden usw. – also alle sieben Jahre ändert sich etwas – in einem selbst … und vielleicht trage ich jetzt ja Schmuck und vielleicht trage ich jetzt auch eine Uhr. Ich trage die Uhr. Sie schlackert an meinem Handgelenk – die sind zugegeben recht dünn. Da rollt sie hin und her. Über ein Jahrzehnt ist vergangen, dass ich das letze Mal eine Uhr getragen hatte. Ich suche nach der Zeit. Die Zeiger sind dünn, es gibt keine Zahlen – man muss das Ziffernblatt gewissermaßen im Kopf haben, um die…

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Irgendwas mit Zeit