Damit ich so tun kann, als wäre ich ein Mensch, der ein Leben hat.

Plötzlich kommt mir die Straße in den Sinn, die wir damals gefahren sind zwischen deinem Heimatdorf und dem anderen Dorf – ich weiß nicht mehr, warum wir immer diese Straße gefahren sind – vielleicht war es auch nur der Weg vom Bahnhof. Mir kommt diese Straße in den Sinn mit der etwas harten Kurve und ich hatte immer dieses Gefühl, diese Erinnerung – es ist mehr eine Erinnerung als ein Gefühl, es müsste sehr gefährlich sein, hier zu fahren, diese Straße entlang zwischen den Dörfern, diese Kurve müsste gefährlich sein – ich hatte immer diese Phantasie, wir wären damals zu schnell gefahren, in die Kurve zu schnell, aus der Kurve zu schnell und es hätte uns in den Graben geschleudert und wir wären zusammen gestorben.

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Damit ich so tun kann, als wäre ich ein Mensch, der ein Leben hat.

Abschiedsbrief 22.06.2015

Ich würde mich gerne umbringen. Ich kann es nicht aber ich will es so unbedingt. Ich will einfach nicht mehr leben. Ich verstehe dieses Leben nicht. Ich verstehe mich nicht. Ich kotze jede scheiß Nacht meine Seele aus dem Leib, weil ich dieses grausame Leben nicht verstehe. Ich weiß nicht, warum ich mich selbst so sehr hasse. Es ist einfach da. Es kommt von ganz tief drinnen und es macht mir dieses starke Bedürfnis, mich ein Mal komplett umstülpen zu müsse, nur um zu wissen, ob da irgendwo vielleicht doch ein Mensch ist. Es ist einfach da und dann versuche ich, es auszukotzen aber dann in der nächsten Nacht ist es wieder da und dann wieder und dann wieder und dann wieder. Und mein Leben ist nur Schein. Es ist ein Abbild dessen, wie ich mir ein Leben vorstelle – Dinge tun, Menschen treffen, sich beschäftigen so lange es hell ist. Aber ich lebe nicht. Ich bin das nicht. Das ist eine Vorstellung, ein Abbild von mir, eine Rolle, die ich nach Außen spiele. Damit niemand sieht, wer ich wirklich bin. Denn ich bin dieses kotzende Mädchen und mehr nicht. Ich bin dieser Mensch, der kein Mensch ist, weil mein Wesen ist einzig und allein Selbsthass und das ist kein Mensch, das ist kein Leben. Und ich bin so krank, dass ich diese Worte, die ich gerade geschrieben habe, jetzt nicht so stehen lassen kann – sondern ich muss sie nehmen und daraus Literatur machen. Das ist mein erster Impuls. Damit sie ihre Macht über mich verlieren. Damit ich zurück kann hinter die Maske und tagsüber so tun kann, als wäre alles okay und als wäre ich ein Mensch, der ein Leben hat.

Abschiedsbrief 22.06.2015

Es muss doch etwas passieren.

Ich stehe am Bahnhof oder im Regen oder auf einer Brücke oder an einem anderen Ort, der veranschaulichen soll, dass sich in meinem Leben oder in mir etwas verändert oder verändert hat – ich stehe also in einer Metapher. Schon mal darüber nachgedacht wie man mit einem Jumpsuit, T-Shit und Pulli drüber auf die Toilette geht? Tja, ich auch nicht. Ich stehe also in der Toilette und mir wird bewusst, dass ich so ziemlich alles ausziehen muss, nur um pinkeln zu können – ich muss also alles ausziehen. Alles. Ich muss alles ausziehen – Stück für Stück, mich entkleiden, nackt sein. Der ein oder andere verliebt sich in mich, die meisten wissen, sie finden noch etwas besseres. In meiner Strumpfhose hat sich eine Laufmasche gebildet: Am Scheideweg, denke ich. Da ist ja die Metapher – eine Laufmasche und M. sagt, er fände Laufmaschen sexy – da sähe man, wie hart Frauen arbeiten bla bla. Es läuft Radiohead. M. steht eine Weile im Raum und sagt dann: Die Musik ist kaputt.

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Es muss doch etwas passieren.

Aber die Sekunde, Marlon

Marlon hat sich ein wenig über die Brüstung gebeugt. Er kontrolliert die Distanz. Wieder reagiere ich zu langsam, oder zu schwach. Ich sei heute sehr kühl, behauptet er. Das stimmt. Ich schweige. Bei mir kannst du dich anlehnen, hatte er damals gesagt – und einnicken, zumindest gedanklich oder erzählen – mir kannst du alles erzählen, eigentlich kannst du tun und lassen was du willst. Ich habe genickt und gelacht und dann wusste ich auch nicht – dann war irgendwie alles gut. Marlon steht jetzt ganz am Rand und wartet auf mich. Er erwartet mich. Er erwartet, dass ich mich erschrecke aber ich stehe ihm zu kühl an der Brüstung. […] Du kannst alles sein was du willst – ganz wie du bist, kannst du sein, nur nicht so kühl. Wenn du mich – also, wenn du mich nicht – also, dann – dann bist du mir eben auch nicht mehr so wichtig. […] Marlon erwartet mich an der Brüstung. Aber die Sekunde Marlon – die Sekunde, in welcher ich oder du weiß, wer ich oder du bist, bin ich oder du es schon nicht mehr.

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Aber die Sekunde, Marlon

Es wäre überhaupt nichts passiert ohne die Liebe.

Und das Lied bleibt schön. Ich schließe die Augen. Etwas muss sich verändern. Etwas muss anders sein. Aber er sitzt da in einer gelben Hose und einem karierten Hemd und ich weiß nicht, ob ich ihn lächerlich finde, weil ich ihn hasse oder ob ich seine Gestalt wirklich lächerlich finde. Ich schließe die Augen. Etwas muss sich verändern. Etwas muss passieren. Mit jedem Augenaufschlag ändert sich die Perspektive – ich will kein schöner Moment sein. Er sitzt vor mir als wäre keine Zeit vergangen – keine zehn Minuten, keine drei vier Jahre, fünf – kein halbes Leben. Er sitzt vor mir in dieser ganz typischen, ausladenden Sitzposition, die den Raum um den Körper ordnen macht, alle Extremitäten quasi von sich gestreckt und mit der gelben Hose sieht er aus wie ein Seestern. Ich warte. Ich warte auf diesen Moment, wo du mir fremd bist. Aber es ist, als wäre keine Zeit vergangen, als wäre nichts passiert – es passiert ja auch nichts. Ich schließe die Augen. Gelber Seestern, der Raum sortiert sich um den gelben Seestern, um deine Freiheit, der Raum sortiert sich um deine Freiheit. Ich will alles absagen, ich will jeden anderen Termin streichen – es sind keine Jahre vergangen, keine Zeit ist je vergangen und alles ist, wie es sein soll – ich bin hier, du bist hier – das reicht doch.

Ich würde ihm noch in dieser Sekunde alles verziehen. Einfach so. Einfach so, weil er er ist, würde ich vergessen, dass er er ist. Ich würde ihm verzeihen und es wäre nie etwas gewesen, es wäre nie etwas passiert. Endlich verstehe ich die Dummheit der Liebe und dass es nicht viele verschiedenen Lieben gibt, von denen ich träume – es gibt nur Eine und die Eine ist fort. Jeder Versuch mich mit ihm von ihm los zu reden bleibt verfangen in meinem Augeninnenraum der sich festhält an dieser Lücke zwischen Knopf vier und Knopf fünf eines, deines blauen Karohemdes. Unterhalb deiner Brust – diese sanfte Wölbung nach vorne, welche deinen Hemden unweigerlich widerfährt, wenn du dich in den Raum legst … diese Lücke mit Spotlight auf Brustbogen, weiße Brust mit ein zwei Haaren, Härchen. Das ist Liebe. Das ist die Dummheit der Liebe. Schwanz, denke ich – dein Schwanz hat einen leichten Knick nach rechts und der Bart steht dir wirklich nicht und es tut sehr weh, zu sehen, wie du den Nacken deiner neuen Freundin sehr zärtlich küsst, weil ich mich nicht daran erinnern kann, dass du meinen Nacken in all den Jahren je so sehr geküsst hättest.

Ich gehe. Ich gehe einfach so, weil es Zeit wird. Ich sage: Melde dich, wenn du mal in Berlin bist. Aber es tut wirklich weh, dass ich dir alles verzeihen würde. Liebe tut wirklich weh.

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Es wäre überhaupt nichts passiert ohne die Liebe.

Kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen.

„Du lächelst so selten.“ sagt er. Ja. Ich streife die Wände entlang – lese Noch einen Moment diese Leere halten, bevor dann etwas Neues beginnt. Heute ist Tageslicht. Heute gibt es keine Scheinwerfer, obgleich jeder Tag sich nach Scheinwerfern anfühlt, nach Begleitmusik und einer Erzählstimme und ob man mich vielleicht für wahnsinnig hält oder wahnsinnig narzisstisch wenn ich meine Tage mit Scheinwerferlicht und Erzählstimme beginne. Sie notiert: Übertriebenes Selbstbewusstsein oder Größenwahn. Frau Doktor – sie macht so gerne Notizen aber erzählen möchte sie nichts – vom schönen Leben. Ideenflucht oder subjektives Gefühl, dass die Gedanken rasen. Irgendwann nach einer schlaflosen Nacht – ja – wir sind den Raum entlang gelaufen, immer und immer wieder – haben die Papierstreifen positioniert aber es war wie eine Art Gefangennahme, stehe ich zwischen der Wolke aus Ich und das Ich ist nur durch diese Trennung des Ich vom Ich möglich und der Rahmen springt. Ich frage mich, woher du das wissen willst – woher wissen Sie, dass ich nur selten lächle und dass ich mich vielleicht nur als einen Menschen inszeniere, der selten lächelt – darüber denkst du nicht nach. Verminderte Fähigkeit, zu denken oder sich zu konzentrieren, oder Entscheidungsunfähigkeit beinahe jeden Tag. Langsam wird der Raum betreten und diese betretene Stille tritt ein, dieser erwartungsvolle Moment, dass sich in mir etwas regt, dass ich auf die Dinge reagiere – die Dinge, die Welt – du willst doch ins Licht geworfen werden. Gefühl der Wertlosigkeit oder ausgeprägte und unangemessene Schuldgefühle (die auch wahnhaft sein können), beinahe jeden Tag (nicht nur Selbstvorwurf oder Schuldgefühle, weil man krank ist).Sie streifen die Wände entlang – ich habe mir einen ganzen Raum gebaut, meinen Innenraum und nun kann ihn jeder sehen und die Frau Doktor kann ihre Sätze hineinschreiben: Deutlich vermindertes Interesse oder Freude bei allen oder beinahe allen Aktivitäten fast den ganzen Tag, beinahe jeden Tag. Sie streift die Wände entlang und liest am Vorbeigehen: Dann fällt man im Blick – es ist das Einfachste zu Fallen. Das Licht kommt von unten, fällt langsam die Wände hoch aber er, er ist zu müde – zu müde für einen Blick die Wände hoch, die Worte usw. zu müde für einen Blick dahinter und er sagt nur: „Du lächelst so selten.“ Wir sitzen hinten im Dunkel auf den Barhocker mit den Füßen in der Luft und ich hasse es, wenn meine Füße in der Luft hängen und Frau Doktor fragt: Warum hassen sie das? Ist doch klar, ist doch klar – ist doch klar, dass ich diesen Zustand nicht ertrage, keinen festen Stand zu haben und Stimmungsstörungen, eine ausgeprägte Periode ständig gehobener, überschwänglicher oder gereizter Stimmung.Wir sitzen hinten im Dunklen der Barhocker und drehen Zigaretten – Zigarettenrest liest er und das Zerschlagen zweier Seelen. „Sind wir das?“ fragt er. Wahrscheinlich, denke ich, denn es ist immer und immer das gleiche. ABER NIEMALS AUSREICHEND SCHÖN. Ich. Aber niemals genug und immer zu viel. Immer das nette Mädchen, immer ganz nett – du bist wirklich eine tolle Frau, eine liebenswerte Frau, eine Frau, in die man sich sofort verlieben könnte – ABER ICH BIN NICHT VERLIEBT IN DICH. „Was ist deine Intention?“ will er wissen? Sind wir das? Sind wir diese Menschen, die nie zusammenfinden? Sind wir diese Menschen aus deinen Geschichten? Sind wie diese: Immer etwas weit Entferntes bleiben. Leerer Innenhof. Nur Innerlichkeit und Festung. Liegt es an mir, willst du wissen. Liegt es an mir, oder an mir, oder an mir oder an mir. Und er streicht mir die Haare aus dem Gesicht, wie als wäre es Liebe. Und er streicht mir die Haare aus dem Gesicht und sagt, ich würde mich verstecken. Ich. Ich. Ich – aber ich stehe doch im Licht – im Scheinwerferlicht mit Erzählstimme und Begleitmusik. Ich. Kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen. Du schaust zu mir rüber, du streichst mir die Haare aus dem Gesicht – Ja, das war die Bewegung – der Blick fällt – aber ich will nicht. Ich will es nicht wissen. Ich will es nicht hören. Ich will nicht wissen, was für ein toller Mensch ich bin. Du – du ist dieses Gefäß, welches Welt in Worte auflöst – nahe Worte, ferne Worte – mit Scheinwerfer und Begleitung. Ein Mal alles von Innen nach Außen stülpen – aber es gibt dann keinen Weg zurück und wir verkümmern – wir verkümmern, wenn mich keiner aus dem Licht abholt, verkümmere ich. Kümmre dich um mich, statt mir die Stirn zu küssen, als wäre es Liebe.

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Kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen.