im wesentlichen

Man muss die Dinge stumm aus der Distanz betrachten – dich. Ich muss dich stumm aus der Distanz betrachten. Ich muss dich stumm betrachten. Manchmal kann ich nicht aufhören, einen Menschen anzuschauen. Dich. Manchmal kann ich nicht aufhören, dich anzuschauen. Manchmal fehlen mir die Augen – man muss Augen haben, um die Dinge zu sehen. Dich. Man muss Augen haben, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ich muss Augen haben, um dich zu sehen. Lippen. Man muss Lippen haben. Und ich beiße mir auf die Lippe. Ich bin ein Mensch, der sich auf Lippen festbeißt. Ich bin ein Mensch. Das ein oder andere fällt mir schon aus dem Mund, über die Lippen, aus den Händen. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt und alles zerspringt in viele kleine Teile. Ich bin ein Mensch. Und alles zerspringt in viele kleine Teile. Ich zerspringe in viele kleine Teile – aus der Distanz und stumm. Ich. Ich zerfalle in i – c – h. Und du? Du sagst, du sagst – wie soll ich dir sagen, dass du mir etwas bedeutest, auch wenn das bedeutet, dass ich nichts sagen kann. Du sagst: Ich denke gerade – vielleicht sollte ich mit dir in Berlin leben und wir wären ganz frei und Künstler und ich würde die entscheidenden Texte schreiben. Man muss die Dinge stumm aus der Distanz betrachten, sage ich. Ich muss dich stumm aus der Distanz betrachten. Ich muss dich stumm betrachten durch den ganzen Raum – ich will einen Augenblick darauf beharren, darin stehen bleiben, dich nur anzuschauen. Manchmal kann ich nicht aufhören, einen Menschen anzuschauen. Und manchmal fehlen mir die Augen. Man braucht Augen, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Kannst du mich nicht fallen sehen. Kannst du mich nicht fallen sehen – so aus den Dingen. Über die Lippen, in die Hände. Kannst du mich nicht fallen sehen – hier. Wenn ich so begeistert bin von den Menschen, dass es weh tut. Ich denke, morgen ist es schon wieder vorüber. Du bist vorüber gezogen, du wirst mit deinem Kopf schon wieder ganz wo anders gesucht – so aus der Distanz und stumm. So im Moment die Dinge wirklich zu sehen. Die Dinge so zu sehen, wie sie sind – im Wesentlichen.

im wesentlichen

immerzu diese dinge

Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich bin down. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Also ich. Ich weiß. Deshalb schreibst du mir. Und ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich. Und ich – ich bin nicht mal eine Antwort wert. Ich. Und ich. Ich. Ich. Ich – ich. Also ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin dir keine Antwort wert. Dann ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich schreibe dann eine Liste. An erster Stelle: Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich hasse mich. An zweiter Stelle: Ich. Ich. Ich – ich. Ich will sterben. Das setze ich dann fort. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich setze das fort. Ich kann das lange fortsetzten. Ich. Ich. Ich – also ich. Ich weine. Also ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich – ich. Ich kann den Wert in mir nicht finden. Ich. Ich. Ich – ich – ich kann viele Male Ich schreiben. Ich kann viele Male Ich schreiben, ohne einen Wert darin zu finden. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich kann schön zweifeln. Ich. Ich. Ich. Also ich. Ich kann schön verzweifeln. Ich. An Ich. Ich an. Ich. An ich. Ich. Ich. Ich. Also ich an und für sich – ich habe dieses Gefühl verdient. Ich. Ich. Ich. Ich bin an dritter Stelle der Liste. An der vierten Stelle: Ich. Ich. Ich – ich kann in Ich keinen Wert finden. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich kann aber – Ich kann den Gegenwert einer Mehlspeise lange auskotzen, ohne dass sich etwas ändert an. Ich. Ich. Ich. Punkt fünf. Ich. Also Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich habe keine Ähnlichkeit mit mir, wenn ich – ich – ich – nur lange genug in den Spiegel schaue, verschwimmt die Form meines Gesichtes und dann sehe ich, dass da wirklich jeder stehen könnte und es kommt mir auf einmal recht sinnvoll vor, dass ich es nicht wert bin, weil ich mir meiner Austauschbarkeit ganz klar bin. Ich. Ich. Ich. Ich. Und ich. Ich denke, wenn ich lange genug Ich an Ich reihe, vergesse ich irgendwann Punkt eins aber der Gedanke ist einfach zu gut. Ich. Ich. Ich. Oder Ich – oder ich übertreibe. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich übertreibe in den netten Worten. Ich übertreibe immer. Punkt sechs, sieben, acht – Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin übertrieben. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin übertrieben ich. Ich. Ich. Ich. Ich bin übertrieben offen und du, er, sie, es, alle – ich. Ich. Ich. Ich – ich kann darin wüten. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich – also ich. Ich bin tot. Punkt neun. Falsch. Ich – ich. Ich. Wenn Ich tot ist, ist Ich zu gut. Ich. Ich. Ich. Ich – davor kommt das Nichts. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin nichts. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich werde von jedem und allem berührt. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Punkt zehn. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich werde berührt zurück gelassen. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich verstehe dann nicht, was ich hier soll und warum alles was ich tue, fehl geht. Ich. Ich. Ich. Ich mache alles falsch. Und es ist falsch denn ich. Ich – ich. Ich. Ich Ich. Ich sehe da kein Ende. Ich. Ich. Ich. Ich sehe da kein Ende Ich zu sein. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Immerzu diese Dinge. Nachts.

immerzu diese dinge

ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

Henry stand zum ersten Mal in Norahs Wohnung – Norahs Zimmer besser. Als er den Gedanken ausgesprochen hatte – also die Idee – als er die Idee ausgesprochen hatte, kam es ihm schon wieder sehr albern vor. Das Zimmer lag im Dachgeschoß – kurz vor dem Himmel, sagte er, nach dem er über die vier Stockwerke hoch ins Dach aus der Puste kam – Raucherlunge. Keine 15qm – obgleich er das nie wirklich abschätzen konnte – aber es war ein furchtbar kleiner Raum, kleiner noch durch die Fülle an Möbel, Büchern und Klamotten – alles wild verteilt auf dem Boden, dem Schreibtisch, der Couch – nicht einen Schritt konnte er in den Raum eindringen, ohne über den nächsten Gegenstand zu stolpern. Die Idee kam ihm schon lange albern vor aber Norah war ganz aufgeregt – sie wollte es durchziehen. Als er so in diesem kleinen Raum stand, in diesem engen, kleinen Raum – in ihrem engen, kleinen Raum stand, fiel ihm auf, dass er nichts über sie wusste – er wusste nicht, wie sie lebte, welche Bücher sie im Regal hatte, ob sie auf Klamotten stand oder Schuhe, welche Hygieneprodukte sie verwendete, ob sie morgens oder abends duschte, ob sie Bilder an der Wand hatte oder Poster oder eine bunte Blumentapete – er wusste nichts von ihr. Wo saß sie, wenn sie ihr Notizbuch vollkritzelte – saß sie auf der Couch, zwischen den Klamottenhaufen oder im Bett? Am Schreibtisch konnte sie unmöglich sitzen, der war zugestellt mit Dingen – auch Büchern – einige aus der Bibliothek – sie durfte sie gar nicht ausleihen, also hatte sie sie heimlich heraus geschmuggelt, nachts durch den Hinterausgang. Er würde das auch tun. Er wusste nicht, dass sie über Nietzsche arbeitete – so viel war klar und die Sekundärliteratur – er kannte die Titel nicht, den einen oder anderen Autor – so viel war klar, irgendwas Moralphilosophisches. „Langsam verstehe ich, warum du zuhause nicht arbeiten kannst.“ sagte er ruhig, mit seinen Worten einen Ort findend, wo er sich unbedarft hinstellen konnte. „Du schreibst über Nietzsche?“ fragte er – was konnte man schon über Nietzsche schreiben? Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – mit dieser Idee, die ihm schon längst so albern vorkam aber sie war bereit, es durchzuziehen. Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – in ihrem kleinen Zimmer, in ihrer kleinen Unordnung einfach so rum zu stehen und nach Nietzsche zu fragen. Sie entschuldigte sich halbherzig für den Zustand ihrer Wohnung, als wäre sein albernes Rumstehen ein Urteil oder so was, als würde sie sich für sich selbst entschuldigen, während sie hektisch nach ihren Sachen suchte, nach Dingen, die man mitnehmen könnte für die lange Fahrt – oder einfach Dinge. „Sicher, dass du noch fahren kannst?“ fragte er zögernd. Schließlich wäre es von Vorteil, wenn sie zu betrunken wäre – dann könnte man diese Albernheit einfach sein lassen – es war eine nette Idee aber wir sind zu betrunken. „Ich muss noch etwas Wasser trinken.“ in ihrer dunkle Stimme sangen die Worte. „Ich glaube, ich hab alles. Also geht’s los?“ Sie antwortete nicht auf die Frage, was man über Nietzsche schreiben könnte. „Fahren wir?“ Henry kam es komisch vor, sich in das Auto einer Frau zu setzten, über die er nichts wusste – was wusste er von ihr? Deren Zimmer er erst jetzt zu Gesicht bekommen hatte, obwohl sie schon seit Monaten fast jeden Abend auf seinem Bett saß. Woher kannte er sie überhaupt? War sie nicht einfach dagewesen – einfach so mit einem Mal dagewesen und er wusste nicht, ob sie überhaupt Freunde waren – er kannte sie nicht. Er fand es irgendwie süß, wie sie da in der Mensa saß mit ihrem Notizbuch, ganz weltvergessen saß sie da – als wäre sie gar nicht – als wäre sie nur so eine Figur in einem Bild eines kitschigen Malers des Hyperrealismus. Aber es hatte etwas Liebliches, also blieb er stehen, sah sie kurz an und fragte dann, ob sie am Abend mit in die Bar kommen würde. Das war alles. Und mit dieser Frage – und es ist schon auch eine dumme Frage – mit dieser Frage war sie mit einem Mal da – einfach da – aufs Bett gestreckt mit den ganzen anderen Politikwissenschaftlern Abend für Abend in seinem Zimmer aber er kannte sie gar nicht.

aus Kapitel 6 patina
ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

episode am strand

„Ich verliere!“ – Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß. „Ich verliere!“ – Norah schob den Bauern ein Feld weiter. Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß – mit dem ganzen Körper glucksend. „Deine Züge sind nur Intuitionen.“ ein leichter Hauch ging ihm durchs Haar. „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah wendete den Kopf zum Meer. „Konzentrier dich. Du spielst Schwarz – du musst reagieren – was tust du jetzt?“ – „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah lies Sand zwischen Daumen und Mittelfinger kreisen – sie hatte keine Lust mehr zu spielen. Verstehst du? Ich will nicht mehr spielen! Norah hatte eine Entscheidung getroffen – die Affären nervten sie. Es nervte sie, dass mit jedem Kuss, mit jedem Moment der Aufmerksamkeit, ein Teil von ihr irgendwie dort, genau an dieser Stelle – auf irgendwelchen Lippen, verloren ging. Ich will sie einsammeln – die vielen kleinen Teile, will sie festhalten – will mich halten – gegen dich. „Ich will nicht ständig verloren gehen!“ – „Konzentrier dich – du musst jetzt einen wichtigen Zug machen.“ Norah lag auf dem Rücken. Sie konnte das Schachfeld nicht mehr sehen, sieht nur den Himmel und fragt sich, ob man vielleicht doch schon schwimmen gehen kann – es ist doch schon Mai – oder? War es Mai oder war es April? Es schüttelte sie ein wenig. „Ich glaube, ich bin anders. Ich glaube, ich will so unbedingt nicht alleine sein, dass ich mich sofort verliebe – ich verliebe mich schon in die kleinste Aufmerksamkeit – ich verliebe mich in die kleinsten Kleinigkeiten, die einen Menschen attraktiv machen – ich glaube, ich bin schnell verliebt. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen?“ langes Schweigen. „Ich glaube, dass macht mich zu einem einsamen Menschen.“ Und manchmal rede ich mir ein, dass dieses schnelle Verlieben die Fähigkeit ist, schnell das Schöne in einem Menschen erkennen zu können – aber wenn Schönheit nur eine subjektive Empfindung ist, dann legt man die Schönheit vielleicht selbst überall hin und in andere Menschen rein und der Mensch, der Andere – der kann vielleicht gar nichts dafür. Warst du schon mal etwas Besonderes? Ich meine, warst du schon mal für einen Anderen etwas ganz Besonders – also du? Du – als die Person, die du bist, die du sein willst, die du warst? Ich wäre ja schon gerne etwas Besonderes. Hast du schon mal etwas Unmögliches Gedachte und es dann ausgesprochen? Ich meine, diese seltsamen Dinge, die man so denkt aber man kann sie nicht aussprechen – und wenn man etwas nicht sagen kann, existiert es dann überhaupt? „Norah – du konzentrierst dich gar nicht.“

aus Kapitel sechs patina
episode am strand

mitmenschlichkeit

Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich sterbe. Schon gestorben – eins, zwei – schon zehn gestorben. Ich stehe am Fenster. Schon zehn gestorben, elf, zwölf – schon zwölf gestorben zwischen den Zeilen. Zwischen den Scheiben haben sich die Mücken verfangen – im Sommer und jetzt in der Wintersonne zwischen den Scheiben staut sich die Wärme und eine nach der anderen fällt um – schon zwölf gestorben. Schon zwölf Leichen zwischen dem Schreiben – Wintersonne. Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich suche nach der Ich-Perspektive – nach der richtigen Ausdrucksform um dem Kranken die konkrete poetische Einfühlung einzuverleiben – die poetische Einfühlung in das Kranke, in das Erbärmliche, in diese innere und äußere Leere, Einsamkeit, im eigenen Dasein vegetieren, vergammeln, wertlos sein. Vor meinem inneren Augen lachst du mich aus – gerade jetzt – während ich für alle und jeden ersichtlich in mir zusammenklappe, steht da immer noch jemand neben meinem Kopf und lacht mich aus. Komm rein, mach es dir gemütlich – ich bin es gewohnt, dass man sich nimmt, was man braucht – du kannst dir nehmen, was du brauchst – was brauchst du? Ich bin es gewöhnt, dass man es sich in mir gemütlich macht, dass man sich in mir breit macht und sich alles nimmt – nimm dir, was du brauchst, was brauchst du? Ich lache dann. Ich lache dann, nur um all das zu ertragen. Ich lache dann, wie die Menschen bei Verkehrsunfällen, die ihre Augen nicht von dem Geschehen abwenden können oder wenn etwas wirklich Grausames passiert, dann lachen die meisten, einfach nur um es ertragen zu können als würde man selbst nicht jeden Tag grausam sein. Vielleicht besteht mein Wert darin, alles in mir zu vergeben, so lange, bis ich endlich verschwunden bin – bis ich jeden Teil meines Daseins vergeben habe – ja, der Platz auf mir ist noch frei, du darfst dich auch daran abarbeiten und nachts träume ich davon, endlich erwürgt zu werden. Ich suche nach den Ich-Perspektiven, die mir erklären, warum dein Sosein mich quält und mein Sosein dich quält – warum alles Qualen sind – also die Menschen – der Mensch ist eine Qual während die Wintersonne eine Mücke nach anderen zwischen den Scheiben – also zwischen dem Schreiben und zwischen den Zeilen – müsste man sich ja nur entgegenkommen – ja – oder – du müsstest mir entgegenkommen und ich dir, das wäre ja alles – oder – sich dann doch eben nur warten lassen und dieses Spiel spielen, ganz perfide perfektioniert – immer ein bisschen weniger werden und irgendwann bin ich endlich verschwunden also zwischen den Zeilen und die Mücken – ich müsste ja nur die Scheibe öffnen – nur eine die erste oder die zweite, dann würde ich sie retten. Es ist Tag. Ich bin traurig. Ich will nichts daran ändern. Ich bin grausam.

mitmenschlichkeit

gespräch #0

„Hmh.“ – „Deine kontextlosen Hms werden mir sehr fehlen.“ – „Werden dir fehlen? Wieso?“ – „Naja, irgendwann werden wir nicht mehr miteinander sprechen, dann werden sie mir fehlen.“ – „Wieso werden wir irgendwann nicht mehr mit einander sprechen?“ – „Naja, irgendwann spricht man immer nicht mehr miteinander – dann hat man sich ausgesprochen.“ – „Ach.“

gespräch #0

press play

Stoptaste. Ich glaube nicht daran, dass diese lückenfüllenden Augenblicke mit mir wirklich Gänsehaut auslösen könnten – ich meine diesen Moment, wenn sich alle Haare aufstellen wie kleine Zinnsoldaten, die nur darauf warten, dass du sie mit deinen Lippen über den Tisch legst. Daran glaube ich nicht. Ich glaube nicht daran, dass deine Worte Ichs und Michs durchdringen können und während du mir jedes Versprechen abringst, da zu sein – immer und immer da zu sein, kann ich nicht anders, als meine Ichs und Michs zu fragen, wer denn immer und immer da sein wird – für mich. So sind sie die Menschen. Ehrlich bis zu totalen Selbsterniedrigung. Wer meine Gedanken sortiert, bevor ich mich in die Psychiatrie sortiere – ich meine Kreuzgang und so, das hatten wir alles schon – press play. Eine Kameraeinstellung zurück: Da stehe ich und stolpere – stolpere über jeden kleinen Finger – common. Und deine abgekauten Kuppen konnte ich unter den ganzen Versprechungen gar nicht sehen, so sitzend im Rinnsal über das ich stolpern musste – irgendwo sitzt immer noch ein Mensch – so sind die Menschen – und weint die Rinnsale voll und jeder Stolperstein – haha – ist ein Mensch. Press play. Wir haben uns nicht gegrüßt – das mussten wir nicht – die ganzen Weltkranken kennen sich – die ganzen Daseinskranken und Existenzkranken und Geschändeten erkennen sich ohne sich zu Grüßen – press play. In meiner ungelenken Art hätte ich dich fast übersehen – hach und huch und ein bisschen Koketterie – sei nicht so kompliziert. Und ich schätze am männlichen Geschlecht vor allem diese Bitte, nicht so kompliziert zu sein oder einfach nicht Ich zu sein – das kann ich am Besten – nicht Ich sein sondern eine Schablone für selbstvergessene Abtrünnige, die sich gerne einen Moment ins Glück legen wollen, um dann drüber zu fluchen – das bin ich. Nicht Ich sein. Irgendwer sein – irgendetwas sein – sein. Abziehbildchen sein auf irgendeinem Tumblr mit rapedumpwhore im Titel – irgendwie so was sein – und dem Wissen, dass ich das schon verdient hätte – so steht es unter den Bildern: Sie hat es verdient. Ich hatte das verdient. Press play. Ich stolpere. Ich stolpere über jeden kleinen Finger, über jede kleine Bestimmung, jede kleine Form und alle Farben – ich stolpere über alle Farben und deine abgekauten Kuppen konnte ich gar nicht sehen, wie sie über mein Gesicht wischen wollten, als könnte man sich zwischen den vielen verschiedenen Gesichtern wirklich entscheiden – jedes einzelne nach rechts wischen oder nach links, je nach dem, wonach einem gerade ist – sie einfach verwischen oder wegwischen. Man kann bestimmt jeden Menschen in eine beliebige Form gießen – so sind sie die Menschen – in Form Gegossene endloses Getümmel. Press play. In meiner ungelenken Art hatte ich dich übersehen – die Tränen, habe nur die Gänsehaut gesehen und die abgekauten Fingerkuppen und die Idee, deine Scherben zu zählen, irgendeine davon könnte ich mir schon ins Fleisch bohren – was wäre schon dabei – ein Gefühl mehr oder weniger, eine Leere mehr oder weniger ändert nichts an den Menschen. Da sind schon wieder so viele Freiheiten in Gefahr, wenn die Spießer im Berghain tanzen. Press play.

press play

existenz ist eine andere

Natürlich war es in gewisser Weise einfacher, die Kopfschmerzen in den Sessel zu verlegen – in die ungünstige Sitzposition oder vielleicht einfach in die Tatsache, dass ich zu wenig getrunken hatte – den ganzen Tag über und ich denke Flüssigkeitsaufnahme gerne in Tagen – das ist eine passable Zeiteinheit – auch Nahrungsmittelaufnahme kann man ganz gut in Tagen denken und das ist vielleicht auch weniger belastend – es hat wirklich wenig Sinn, für diese basalen Augenblicke eine Zeitrechnung von Monaten oder Minuten zu bemühen. Ich rechne dann z.B. mindestens fünf Mal am Tag müsste ich die Flasche auffüllen und sie leer trinken – das ist das erforderliche Minimum. Und von der Ernährungstherapie hatte sich mir das Intervall von fünf Stunden in das Hirn gebrannt – ich denke jede Nahrungsmittelaufnahme in einem Takt von fünf Stunden – Tick, tick, tick. Natürlich kränkt es mich in gewisser Weise, dass der heutige Kopfschmerz wenig mit der Sitzposition zu tun hat, sondern eher der Tatsache geschuldet ist, dass ich die Flasche Heute nur zwei Mal aufgefüllt hatte und nun ist es Nacht – die Zeiteinheit Tag neigt sich dem Vorbei – im Hinblick auf meinen Flüssigkeitshaushalt hatte ich versagt. Natürlich kränkt mich dieses Versagen – wen nicht? Immer wieder im Hinblick auf seine eigene Körperlichkeit zu versagen ist wohl eine der größten Kränkungen. Dabei ist es immer wieder von Vorteil in einem Sessel zu verschwinden, z.B. wenn man die apathische Gelassenheit des Barkeepers beim Herauspressen der Eiswürfel aus der Plastikfolie – es ist immer ein seltsames Gefühl, Menschen dabei zu beobachten, wie sie Dinge an die Oberfläche pressen – wenn man z.B. diese bis hin zum Stillstand verlangsamten Züge des Barkeepers, jeder eingespielten Bewegung Hochachtung zu verleihen durch präzises Auflösen in Zeiteinheiten, deren hermetische Verschlossenheit unüberwindbar ist – was empfindet er beim leichten Druck des Glases gegen die Spülbürste und warum macht es ihn nicht Wahnsinnig, dass das Wasser nun im Glas selbst auf den Grund fließt und sich dort langsam eine Pfütze Spülwasser bildet, die er nun mit dem liebevoll und ganz genau abgemessenen 2 cl Klarem vermengt. Wenn man all das nicht erträgt, ist es von Vorteil, in einem Sessel zu verschwinden – immer wieder. Ich spüre das Trockene an meinen Nasenflügeln und auf meinen Lippen – die brennen schon lange. Das erste Glas schulde ich also meinem Durst und dem Gefühl im Allgemeinen einfach lockerer werden zu müssen – das sagt man doch immer: Mach dich mal locker. Sei nicht so nervös. Beruhig dich mal. Ich denke, die meisten Menschen sind recht stolz auf ihre Spleens, wenn sie Dinge in Foren diskutieren z.B. beim Einkaufen nehme ich immer das dritte Produkt von vorne oder ich möchte, dass die Wäscheklammern immer die selbe Farbe haben und von der gleichen Beschaffenheit sind usw. – ich denke Spleens geben uns das Gefühl, einzigartig zu sein. Der Spleen des Barkeepers z.B. ist es, alles ganz ganz langsam zu tun mit einem gewissen Desinteresse, leicht abwesend, leicht über den Dingen. Deine Abwesenheit fällt heute schwerer ins Gewicht – jedes Bemühen den Gedanken daran wegzuwischen scheitert in kindlichen Schmierereien, wie damals, als die Kindergärtnerin mir das Fehlen feinmotorischer Fähigkeiten diagnostizierte und behauptete, die Rolle der Braut sei den blonden Mädchen vorbehalten – ich will von nichts und niemandem berührt werden, außer vielleicht vom Duschvorhang. Das ist jetzt auch nur so eine Ahnung – ich nenne es Ahnung vor dem Unvermeidlichen, dass du entweder frisch verliebt oder tot bist. Also verschwinden im Sessel oder in den Gedanken also in deinen Gedanken verschwinden – ich denke, du bist kurz davor, mich zu vergessen, sonst müsste ich nicht so häufig an dich denken und drüben am Tisch, der nur in meinem Augenwinkel liegt – also am anderen Ende des Raumes aber im äußeren Winkel meines Sichtfeldes irgendwie ganz nah sitzt er – so nahe, ich könnte Hallo sagen – oder? Das liegt an der Größe des Raumes und hat wenig mit meinem Augenwinkel zu tun – auch wenn das ein schöner Gedanke ist und Männer es ja im Allgemeinen mögen, wenn man – also frau – also die richtige Frau die Initiative ergreift und einfach mal aus dem Augenwinkel heraus Hallo sagt. Auch wenn ich viel Allgemeines finde – wie z.B. dass klassische Zeitmaßeinheiten hier keine Relevanz haben – auch er in meinem Augenwinkel ist von dieser ganz eigenartigen Gelassenheit durchdrungen als gäbe es keine Welt und nicht, nichts berührt ihn außer vielleicht gelegentlich der eine oder andere Duschvorhang – so ganz diese Ruhe vor dem Sturm um noch schnell eine Floskel zu bemühen – ich meine, diese Menschen, die jedes bisschen Nervosität, Aufregung, Ärger von sich weisen – auf dich zurück weisen und sich so wortlos, klanglos jeder kleinsten Situation entledigen und dann sitzen sie in meinem Augenwinkel – immer schräger werdend und ich müsste mich schon ganz und gar in den Raum legen, um Teil davon zu sein. Schau, ich kann davon nicht Teil sein – auf mir liegen die Dinge – verstehst du? Auf mir liegen die Dinge und schwer, schwerer werden, größer werdend – so den ganzen Körper einnehmend – Schau, auf mir liegt die Ordnung der Dinge schwer und ganz mit Absicht. Und selbst das kleinste bisschen Abwesenheit bohrt sich mir in den Leib. Auf mir liegt all das, was du jetzt von dir weist – auf mir liegt es lang und breit und erzählt Geschichten. Wenn du auch nur ein kleines bisschen – aber das ist ja Quatsch – aber du müsstest schon Hallo sagen und wenn du nichts sagst – dann bleibt es eben das was es ist – nichts. Er sitzt also in der hintersten Ecke meines Augenwinkels mit einem Bier und einem Buch auf der aufgeklappten Bein-Knie-Bein-Komposition. Das sind durchaus sehr gute Zeiteinheiten: Bücher und das Leeren eines Glases – viel bessere Zeiteinheiten als z.B. darauf warten, dass du nicht tot bist oder frisch verliebt. Und ich bin sehr glücklich, dass ich in dem Zimmer mit den vielen Büchern schlafen darf. Schau, der Atem meines Daseins reicht für diese zwei drei gedrängten Gedanken nachts – und ein bisschen sich in Augenwinkeln umtreiben und lieben – lieben um zu schreiben. Dafür reicht es. Schau, die Tiefsinnigkeit eines durchgesessenen Sessels ist kaum auszuhalten.

existenz ist eine andere