im wesentlichen

Man muss die Dinge stumm aus der Distanz betrachten – dich. Ich muss dich stumm aus der Distanz betrachten. Ich muss dich stumm betrachten. Manchmal kann ich nicht aufhören, einen Menschen anzuschauen. Dich. Manchmal kann ich nicht aufhören, dich anzuschauen. Manchmal fehlen mir die Augen – man muss Augen haben, um die Dinge zu sehen. Dich. Man muss Augen haben, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ich muss Augen haben, um dich zu sehen. Lippen. Man muss Lippen haben. Und ich beiße mir auf die Lippe. Ich bin ein Mensch, der sich auf Lippen festbeißt. Ich bin ein Mensch. Das ein oder andere fällt mir schon aus dem Mund, über die Lippen, aus den Händen. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt. Ich bin ein Mensch, der Dinge fallen lässt und alles zerspringt in viele kleine Teile. Ich bin ein Mensch. Und alles zerspringt in viele kleine Teile. Ich zerspringe in viele kleine Teile – aus der Distanz und stumm. Ich. Ich zerfalle in i – c – h. Und du? Du sagst, du sagst – wie soll ich dir sagen, dass du mir etwas bedeutest, auch wenn das bedeutet, dass ich nichts sagen kann. Du sagst: Ich denke gerade – vielleicht sollte ich mit dir in Berlin leben und wir wären ganz frei und Künstler und ich würde die entscheidenden Texte schreiben. Man muss die Dinge stumm aus der Distanz betrachten, sage ich. Ich muss dich stumm aus der Distanz betrachten. Ich muss dich stumm betrachten durch den ganzen Raum – ich will einen Augenblick darauf beharren, darin stehen bleiben, dich nur anzuschauen. Manchmal kann ich nicht aufhören, einen Menschen anzuschauen. Und manchmal fehlen mir die Augen. Man braucht Augen, um die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Kannst du mich nicht fallen sehen. Kannst du mich nicht fallen sehen – so aus den Dingen. Über die Lippen, in die Hände. Kannst du mich nicht fallen sehen – hier. Wenn ich so begeistert bin von den Menschen, dass es weh tut. Ich denke, morgen ist es schon wieder vorüber. Du bist vorüber gezogen, du wirst mit deinem Kopf schon wieder ganz wo anders gesucht – so aus der Distanz und stumm. So im Moment die Dinge wirklich zu sehen. Die Dinge so zu sehen, wie sie sind – im Wesentlichen.

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im wesentlichen

immerzu diese dinge

Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich bin down. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Also ich. Ich weiß. Deshalb schreibst du mir. Und ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich. Und ich – ich bin nicht mal eine Antwort wert. Ich. Und ich. Ich. Ich. Ich – ich. Also ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin dir keine Antwort wert. Dann ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich schreibe dann eine Liste. An erster Stelle: Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich hasse mich. An zweiter Stelle: Ich. Ich. Ich – ich. Ich will sterben. Das setze ich dann fort. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich setze das fort. Ich kann das lange fortsetzten. Ich. Ich. Ich – also ich. Ich weine. Also ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich – ich. Ich kann den Wert in mir nicht finden. Ich. Ich. Ich – ich – ich kann viele Male Ich schreiben. Ich kann viele Male Ich schreiben, ohne einen Wert darin zu finden. Ich. Ich. Ich – ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich kann schön zweifeln. Ich. Ich. Ich. Also ich. Ich kann schön verzweifeln. Ich. An Ich. Ich an. Ich. An ich. Ich. Ich. Ich. Also ich an und für sich – ich habe dieses Gefühl verdient. Ich. Ich. Ich. Ich bin an dritter Stelle der Liste. An der vierten Stelle: Ich. Ich. Ich – ich kann in Ich keinen Wert finden. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich kann aber – Ich kann den Gegenwert einer Mehlspeise lange auskotzen, ohne dass sich etwas ändert an. Ich. Ich. Ich. Punkt fünf. Ich. Also Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich habe keine Ähnlichkeit mit mir, wenn ich – ich – ich – nur lange genug in den Spiegel schaue, verschwimmt die Form meines Gesichtes und dann sehe ich, dass da wirklich jeder stehen könnte und es kommt mir auf einmal recht sinnvoll vor, dass ich es nicht wert bin, weil ich mir meiner Austauschbarkeit ganz klar bin. Ich. Ich. Ich. Ich. Und ich. Ich denke, wenn ich lange genug Ich an Ich reihe, vergesse ich irgendwann Punkt eins aber der Gedanke ist einfach zu gut. Ich. Ich. Ich. Oder Ich – oder ich übertreibe. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich übertreibe in den netten Worten. Ich übertreibe immer. Punkt sechs, sieben, acht – Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin übertrieben. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin übertrieben ich. Ich. Ich. Ich. Ich bin übertrieben offen und du, er, sie, es, alle – ich. Ich. Ich. Ich – ich kann darin wüten. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich – also ich. Ich bin tot. Punkt neun. Falsch. Ich – ich. Ich. Wenn Ich tot ist, ist Ich zu gut. Ich. Ich. Ich. Ich – davor kommt das Nichts. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich bin nichts. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich werde von jedem und allem berührt. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Punkt zehn. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich werde berührt zurück gelassen. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Und ich. Ich. Ich. Ich. Ich – ich. Ich verstehe dann nicht, was ich hier soll und warum alles was ich tue, fehl geht. Ich. Ich. Ich. Ich mache alles falsch. Und es ist falsch denn ich. Ich – ich. Ich. Ich Ich. Ich sehe da kein Ende. Ich. Ich. Ich. Ich sehe da kein Ende Ich zu sein. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Ich. Immerzu diese Dinge. Nachts.

immerzu diese dinge

ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

Henry stand zum ersten Mal in Norahs Wohnung – Norahs Zimmer besser. Als er den Gedanken ausgesprochen hatte – also die Idee – als er die Idee ausgesprochen hatte, kam es ihm schon wieder sehr albern vor. Das Zimmer lag im Dachgeschoß – kurz vor dem Himmel, sagte er, nach dem er über die vier Stockwerke hoch ins Dach aus der Puste kam – Raucherlunge. Keine 15qm – obgleich er das nie wirklich abschätzen konnte – aber es war ein furchtbar kleiner Raum, kleiner noch durch die Fülle an Möbel, Büchern und Klamotten – alles wild verteilt auf dem Boden, dem Schreibtisch, der Couch – nicht einen Schritt konnte er in den Raum eindringen, ohne über den nächsten Gegenstand zu stolpern. Die Idee kam ihm schon lange albern vor aber Norah war ganz aufgeregt – sie wollte es durchziehen. Als er so in diesem kleinen Raum stand, in diesem engen, kleinen Raum – in ihrem engen, kleinen Raum stand, fiel ihm auf, dass er nichts über sie wusste – er wusste nicht, wie sie lebte, welche Bücher sie im Regal hatte, ob sie auf Klamotten stand oder Schuhe, welche Hygieneprodukte sie verwendete, ob sie morgens oder abends duschte, ob sie Bilder an der Wand hatte oder Poster oder eine bunte Blumentapete – er wusste nichts von ihr. Wo saß sie, wenn sie ihr Notizbuch vollkritzelte – saß sie auf der Couch, zwischen den Klamottenhaufen oder im Bett? Am Schreibtisch konnte sie unmöglich sitzen, der war zugestellt mit Dingen – auch Büchern – einige aus der Bibliothek – sie durfte sie gar nicht ausleihen, also hatte sie sie heimlich heraus geschmuggelt, nachts durch den Hinterausgang. Er würde das auch tun. Er wusste nicht, dass sie über Nietzsche arbeitete – so viel war klar und die Sekundärliteratur – er kannte die Titel nicht, den einen oder anderen Autor – so viel war klar, irgendwas Moralphilosophisches. „Langsam verstehe ich, warum du zuhause nicht arbeiten kannst.“ sagte er ruhig, mit seinen Worten einen Ort findend, wo er sich unbedarft hinstellen konnte. „Du schreibst über Nietzsche?“ fragte er – was konnte man schon über Nietzsche schreiben? Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – mit dieser Idee, die ihm schon längst so albern vorkam aber sie war bereit, es durchzuziehen. Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – in ihrem kleinen Zimmer, in ihrer kleinen Unordnung einfach so rum zu stehen und nach Nietzsche zu fragen. Sie entschuldigte sich halbherzig für den Zustand ihrer Wohnung, als wäre sein albernes Rumstehen ein Urteil oder so was, als würde sie sich für sich selbst entschuldigen, während sie hektisch nach ihren Sachen suchte, nach Dingen, die man mitnehmen könnte für die lange Fahrt – oder einfach Dinge. „Sicher, dass du noch fahren kannst?“ fragte er zögernd. Schließlich wäre es von Vorteil, wenn sie zu betrunken wäre – dann könnte man diese Albernheit einfach sein lassen – es war eine nette Idee aber wir sind zu betrunken. „Ich muss noch etwas Wasser trinken.“ in ihrer dunkle Stimme sangen die Worte. „Ich glaube, ich hab alles. Also geht’s los?“ Sie antwortete nicht auf die Frage, was man über Nietzsche schreiben könnte. „Fahren wir?“ Henry kam es komisch vor, sich in das Auto einer Frau zu setzten, über die er nichts wusste – was wusste er von ihr? Deren Zimmer er erst jetzt zu Gesicht bekommen hatte, obwohl sie schon seit Monaten fast jeden Abend auf seinem Bett saß. Woher kannte er sie überhaupt? War sie nicht einfach dagewesen – einfach so mit einem Mal dagewesen und er wusste nicht, ob sie überhaupt Freunde waren – er kannte sie nicht. Er fand es irgendwie süß, wie sie da in der Mensa saß mit ihrem Notizbuch, ganz weltvergessen saß sie da – als wäre sie gar nicht – als wäre sie nur so eine Figur in einem Bild eines kitschigen Malers des Hyperrealismus. Aber es hatte etwas Liebliches, also blieb er stehen, sah sie kurz an und fragte dann, ob sie am Abend mit in die Bar kommen würde. Das war alles. Und mit dieser Frage – und es ist schon auch eine dumme Frage – mit dieser Frage war sie mit einem Mal da – einfach da – aufs Bett gestreckt mit den ganzen anderen Politikwissenschaftlern Abend für Abend in seinem Zimmer aber er kannte sie gar nicht.

aus Kapitel 6 patina
ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

episode am strand

„Ich verliere!“ – Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß. „Ich verliere!“ – Norah schob den Bauern ein Feld weiter. Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß – mit dem ganzen Körper glucksend. „Deine Züge sind nur Intuitionen.“ ein leichter Hauch ging ihm durchs Haar. „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah wendete den Kopf zum Meer. „Konzentrier dich. Du spielst Schwarz – du musst reagieren – was tust du jetzt?“ – „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah lies Sand zwischen Daumen und Mittelfinger kreisen – sie hatte keine Lust mehr zu spielen. Verstehst du? Ich will nicht mehr spielen! Norah hatte eine Entscheidung getroffen – die Affären nervten sie. Es nervte sie, dass mit jedem Kuss, mit jedem Moment der Aufmerksamkeit, ein Teil von ihr irgendwie dort, genau an dieser Stelle – auf irgendwelchen Lippen, verloren ging. Ich will sie einsammeln – die vielen kleinen Teile, will sie festhalten – will mich halten – gegen dich. „Ich will nicht ständig verloren gehen!“ – „Konzentrier dich – du musst jetzt einen wichtigen Zug machen.“ Norah lag auf dem Rücken. Sie konnte das Schachfeld nicht mehr sehen, sieht nur den Himmel und fragt sich, ob man vielleicht doch schon schwimmen gehen kann – es ist doch schon Mai – oder? War es Mai oder war es April? Es schüttelte sie ein wenig. „Ich glaube, ich bin anders. Ich glaube, ich will so unbedingt nicht alleine sein, dass ich mich sofort verliebe – ich verliebe mich schon in die kleinste Aufmerksamkeit – ich verliebe mich in die kleinsten Kleinigkeiten, die einen Menschen attraktiv machen – ich glaube, ich bin schnell verliebt. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen?“ langes Schweigen. „Ich glaube, dass macht mich zu einem einsamen Menschen.“ Und manchmal rede ich mir ein, dass dieses schnelle Verlieben die Fähigkeit ist, schnell das Schöne in einem Menschen erkennen zu können – aber wenn Schönheit nur eine subjektive Empfindung ist, dann legt man die Schönheit vielleicht selbst überall hin und in andere Menschen rein und der Mensch, der Andere – der kann vielleicht gar nichts dafür. Warst du schon mal etwas Besonderes? Ich meine, warst du schon mal für einen Anderen etwas ganz Besonders – also du? Du – als die Person, die du bist, die du sein willst, die du warst? Ich wäre ja schon gerne etwas Besonderes. Hast du schon mal etwas Unmögliches Gedachte und es dann ausgesprochen? Ich meine, diese seltsamen Dinge, die man so denkt aber man kann sie nicht aussprechen – und wenn man etwas nicht sagen kann, existiert es dann überhaupt? „Norah – du konzentrierst dich gar nicht.“

aus Kapitel sechs patina
episode am strand

mitmenschlichkeit

Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich sterbe. Schon gestorben – eins, zwei – schon zehn gestorben. Ich stehe am Fenster. Schon zehn gestorben, elf, zwölf – schon zwölf gestorben zwischen den Zeilen. Zwischen den Scheiben haben sich die Mücken verfangen – im Sommer und jetzt in der Wintersonne zwischen den Scheiben staut sich die Wärme und eine nach der anderen fällt um – schon zwölf gestorben. Schon zwölf Leichen zwischen dem Schreiben – Wintersonne. Es ist Tag. Ich bin traurig. Du willst nichts daran ändern. Du bist grausam. Ich suche nach der Ich-Perspektive – nach der richtigen Ausdrucksform um dem Kranken die konkrete poetische Einfühlung einzuverleiben – die poetische Einfühlung in das Kranke, in das Erbärmliche, in diese innere und äußere Leere, Einsamkeit, im eigenen Dasein vegetieren, vergammeln, wertlos sein. Vor meinem inneren Augen lachst du mich aus – gerade jetzt – während ich für alle und jeden ersichtlich in mir zusammenklappe, steht da immer noch jemand neben meinem Kopf und lacht mich aus. Komm rein, mach es dir gemütlich – ich bin es gewohnt, dass man sich nimmt, was man braucht – du kannst dir nehmen, was du brauchst – was brauchst du? Ich bin es gewöhnt, dass man es sich in mir gemütlich macht, dass man sich in mir breit macht und sich alles nimmt – nimm dir, was du brauchst, was brauchst du? Ich lache dann. Ich lache dann, nur um all das zu ertragen. Ich lache dann, wie die Menschen bei Verkehrsunfällen, die ihre Augen nicht von dem Geschehen abwenden können oder wenn etwas wirklich Grausames passiert, dann lachen die meisten, einfach nur um es ertragen zu können als würde man selbst nicht jeden Tag grausam sein. Vielleicht besteht mein Wert darin, alles in mir zu vergeben, so lange, bis ich endlich verschwunden bin – bis ich jeden Teil meines Daseins vergeben habe – ja, der Platz auf mir ist noch frei, du darfst dich auch daran abarbeiten und nachts träume ich davon, endlich erwürgt zu werden. Ich suche nach den Ich-Perspektiven, die mir erklären, warum dein Sosein mich quält und mein Sosein dich quält – warum alles Qualen sind – also die Menschen – der Mensch ist eine Qual während die Wintersonne eine Mücke nach anderen zwischen den Scheiben – also zwischen dem Schreiben und zwischen den Zeilen – müsste man sich ja nur entgegenkommen – ja – oder – du müsstest mir entgegenkommen und ich dir, das wäre ja alles – oder – sich dann doch eben nur warten lassen und dieses Spiel spielen, ganz perfide perfektioniert – immer ein bisschen weniger werden und irgendwann bin ich endlich verschwunden also zwischen den Zeilen und die Mücken – ich müsste ja nur die Scheibe öffnen – nur eine die erste oder die zweite, dann würde ich sie retten. Es ist Tag. Ich bin traurig. Ich will nichts daran ändern. Ich bin grausam.

mitmenschlichkeit

gespräch #0

„Hmh.“ – „Deine kontextlosen Hms werden mir sehr fehlen.“ – „Werden dir fehlen? Wieso?“ – „Naja, irgendwann werden wir nicht mehr miteinander sprechen, dann werden sie mir fehlen.“ – „Wieso werden wir irgendwann nicht mehr mit einander sprechen?“ – „Naja, irgendwann spricht man immer nicht mehr miteinander – dann hat man sich ausgesprochen.“ – „Ach.“

gespräch #0