écriture automatique I

Zuallererst die sphärischen Gedanken. Sich darin treiben lassen – waten – ich sei wogend – sprach es. Dann fällt man im Blick. Es ist das Einfachste – zu Fallen. Stürzt mich in diese Ruhe – unvermittelt – was du tust. Was darin kann ich zusammen halten – nichts davon auch nur lenken. Mit einem Mal ist mir mein Körper ganz nah – alles glüht heran, von innen über kleine Schläge auf der Haut. Stille bewahren, sich also bewahren – etwas halten. Ich könnte… Wie lange mein Sein in diesem Zustand halten – bleiben – drehen – treiben. Aufgeblühte Tulpen – hier wollen wir Zähne zeigen – wenn ich verloren bin – meine Gedanken brauchen eine klare Richtung – jetzt streuen sie nur – gerade keine Traurigkeit – nur etwas Leeres. Es wäre ja das einfachste zu wissen? Mich ziehen – über den Stuhl ziehen – hier – welche Idee lebst du? Ich könnte dir in die Arme fallen – aber welche Form der Attraktion zählt noch? Muss es denn immer diese heftige, sehnende Intentionalität sein – kann es nicht viel ursprünglicher sein? Alles ließ mich um dich Kreisen – aber ich kreise nur – ich kreiste nur – immer nur in dieser Umlaufbahn – konzentrisch – ja – du – Mitte – mich an der Peripherie haltend.

Konzentrisch – ja – Du – Mitte – mich gegen die Peripherie haltend.

Immer etwas weit Entferntes bleiben. Sich durch vorschnelle Nähe abgrenzen. Intimität um sich damit zu umhüllen – hier beginnt dein Geheimnis – schon habe ich es zerdacht – da liegt es mit einem Mal ganz brach – braucht sich nicht mehr.

Das kann ich nicht halten – warum sollte ich auch. Tretminen.

Am Ende vielleicht doch auch nur ganz flach.

écriture automatique I

Es leid sein

[…]

„Als ich noch klein war – “ sagte Norah „keine Ahnung – vielleicht 10 oder so – es war irgendein Geburtstag – vielleicht der von meiner Mutter? Oder meine Großeltern – auf jeden Fall waren ganz viele Verwandte da – alle – wir waren eine riesengroße Gesellschaft in einem Restaurant und es war laut und belebt an unserem Tisch – irgendwann fällt mein Blick auf den Tisch neben an.“ Während sie sprach, umspielten ihre Finger unentwegt die Rillen des schmalen Tisches, ihr Blick lag tief, ihre Worten kamen nur langsam, etwas träge. „Am Tisch neben uns sitzt eine Frau, alt – 50 vielleicht – keine Ahnung und sie war dick, nein fett, wirklich richtig fett aber vor allem war sie allein und noch im selben Moment gab mir ihre Wahrnehmung Tränen ein – verstehst du? Ich weinte – es machte mich traurig, sie zu sehen – allein! Sie war allein und vor ihr ein Berg an Essen. Es machte mich traurig, einen Menschen zu sehen, der alleine war, der alleine essen musste, wo ich, wo wir doch in dieser Gesellschaft waren.“ Sie hatte im Laufe ihrer Worte die Finger immer tiefer in die Rillen gebohrt. Nach einem kurzen Moment der Stille hob sie den Kopf, ihr Blick taste nach meinem, krampfig zog ein Lächeln auf ihre Lippen. „Naja – egal.“ und wieder lag ihr Blick auf der Tischplatte, auf ihren Fingern schon ganz weiß die Rillen umklammernd. Das sagte sie oft – Naja egal. „Und dann bin ich plötzlich 20 Jahre älter, sitze in Berlin und all meine Freunde sind in Beziehungen, glücklich oder weniger glücklich – egal – und ich habe immer vom Mitsein gelabert aber für jemand anderen Dasein ist nicht möglich, vielleicht geht ein bisschen Mitsein aber auch das ist nie genug – ich sehne mich nach dieser unmöglichen Auflösung in einem anderen Menschen – in dieses tiefe Nichts fallen – aber jede weitere Begegnung nimmt nur ein Stück meiner Seele mit und für mich bleibt diese Kerbe.“ Noch immer gingen ihre Finger durch die Rillen – fuhren langsam über die Lücken. „Und dann sagen sie – du auch – ich sei zu sensibel – ja, vielleicht – aber was ändert das an meinem Gefühl? Was ändert das an diesem Loch? An dieser Einsamkeit – und dann frage ich mich, ist nicht jeder einsam – immer? Aber es funktioniert nicht – egal wie, wir können uns unsere Einsamkeit auch nicht nehmen, nicht gegenseitig – und wie viele habe ich selbst abgewiesen und doch auch mit diesem Wissen – weißt du Henry, manchmal habe ich einfach genug davon. Ich bin es leid, es nicht wert zu sein.“

[…]

aus Kapitel 5
Es leid sein

…im Garten. Im verschlossenen Garten.

[…]

[…] und dann mit Heinrich gegen Norden, sah ich sie, abends erst kamen sie an, übermüdet – sie lagen beide nur lose auf dem Bett und wollten einen Film schauen oder Norah lächelte – etwas Verrücktes aber dann ihr Lächeln und ihr Gesicht verlor all das Knabenhafte – ja bitte, dünne Lippen kaum sichtbar aber etwas so rein Lebendiges in diesem Lächeln, in diesen hungrigen grünen Augen, trotz der Müdigkeit, trotz alledem – „Komm, setzt dich zu uns.“ sagte sie leise, ganz leise und während wir den Bildschirm anstarrten und Heinrich irgendwann eindöste, spürte ich nur ihren Atem die Brust heben in verlangsamtem Rhythmus und in mir wurde es immer langsamer, immer langsamer bis hin zum Stillstand, der nur ihre Augen war, nur ihre Augen unter Spalten Haar, nur ihre Augen und ihre warmen Worte: „Komm, setzt dich zu uns.“

 […]

Heinrich lachte dann doch ein wenig über mich – wenn ich in meinem Zimmer blieb wie nicht zuhause, nicht anwesend – aber gegen die Wand lauschte ich auf ihre Schritte und manchmal zog es mich doch hinüber und sie lachte dann immer und machmal zog sie mich vom Bett und sagte, wir würden jetzt tanzen müssen und sie bewegte sich durch den schmalen Raum mit wippender Hüfte und den Armen irgendwie krampfig in der Luft. Dabei nahm sie für einen kurzen Augenblick meine Hand in die ihre und – es machte mich flüchten, es machte mich bleiben in meinem Zimmer und hinter Wand nur Schritte lauschen und Heinrich lachte. Aber er lachte nicht über mich, er lachte einfach – irgendetwas daran fand er schön.

[…]

[…] und diese Abende endeten immer verschwitzt unten im Cave zwischen warmen Menschenresten auf der Tanzfläche betrunken sich hin und her schwingend und nur manchmal öffnete ich die Augen und sah sie, die Menschen in diesem banalen Vergnügen und irgendwie wurde mir übel davon auch wenn ich Heinrich sah oder Norah, sich in dieser Masse bewegen und mich zog es gegen die Wand, schloss die Augen – was war das? Dieses ganze Zeug sich betrinken und tanzen und Mensch gegen Mensch und Es könnte sein, daß das Wer des alltäglichen Daseins gerade nicht je ich selbst bin. Und Norah schrieb mir auf einen kleinen Zettel: Der Andere begegnet in seinem Mitdasein in der Welt. Und während ich gegen die Wand lehnte mit verschlossenen Augen stand Norah mit einem Mal unter mir, gab mir einen leichten Stoß mit ihrem dünnen Ellenbogen: „Was ist los Noel?“ rief sie mir durch den Lärm ins Ohr – sie hatte sich ganz zu strecken, um mir so nahe zu sein und ich zuckte nur mit den Schultern. „Dann lass uns gehen!“ sagte sie und vielleicht nahm sie meine Hand aber nur wenige Minuten später standen wir auf der Straße und irgendwie war es als würde ich ihr hinter her laufen, sie nach Hause bringen – sie hüpfte nur ganz beschwingt und verdammt dachte ich, so frei war sie noch hüpfen zu können bei all dem Elend – ich wollte ihre Freiheit inhalieren, ganz ihre Freiheit sein, ganz sie sein. Mittlerweile war sie umgezogen, wohnte auf der anderen Flussseite nah am Neckar in einer kleinen Dachkammer ohne Badezimmer, ohne Dusche mit vorgelagerter Küchenzeile und einem Raum, der so vollgestellt war mit Möbel, dass man sich nur über eben jene bewegen konnte. Sie stand am Dachfenster und rauchte langsam durch die warme Frühjahrsluft, fragte mich, ob wir noch einen Film schauen wollten und ich nickte nur aber es war mir egal, ich wollte nur diese Freiheit, ich wollte nur dieses unbeschwerte Gefühl noch einen Moment länger ertragen müssen. Ihr schmales Knabengesicht lag in einem blauen Schimmer an meiner Schulter und in mir alles so steif, ganz verkrampft und welchen Film sahen wir? Ich erinnere mich nicht, denn alles in mir galt ganz diesen etwas zu großen Augenbrauen und diesem weiß-blauen Marmorgesicht bis sie ganz entschlief – ich stand noch eine Weile am Dachfenster im Zwielicht des aufgehenden Morgens – sie hatte Südseite und in der hintersten Ecke des Daches sah ich den schmalen Streifen Rot und die verglimmten Tabakreste über das Dach gestreut und ihr Marmorgesicht auf der Kautsch ganz ruhig und vor Wahnsinn verließ ich ihr Zimmer, konnte ja von Außen nicht abschließen und lief am Neckar entlang, Schritt für Schritt über die klamme Wiese nah am Wasser und durch die Heerscharen Gänsefedern.

[…]

Und immer wenn wir alleine waren, immer wenn ich es schaffte mit Norah alleine zu sein, sagte sie: „Henry!“ und als wir alleine waren, auf den Stufen im Romanischen Garten und sie sprach, sie sprach irgendwas von Einsamkeit und warum achtetest du mich mehr// Da ich stolzer und wilder war und ich fragte, ich fragte die einzigen Worte die ich noch herausbringen konnte: „Was machen wir jetzt mit uns?“ und an das Göttliche glauben// Die allein, die es selber sind und sie nur: „Rufen wir Henry an?“ und ich konnte sie nicht ansehen, konnte sie nicht sehen – ein Schatten neben mir auf den Stufen im dunklen Garten, im Garten – wie einfach war es – im Garten und was alles erblühte, verblich im Garten, im dunklen Garten – im Eden wo sich noch vor der Zeit alles entschied, entscheiden musste und sie laberte irgendwas, nur um nicht still sein zu müssen. Irgendwann dann wieder dieses sie sagte etwas – etwas über Nichts. Nichts ertragen können. Nichts ertragen müssen. Nichts halten können. Nichts als Bewegung. Nichts als Bewegtheit des Sein. Sein. Sein ertragen können. Sein ertragen müssen. Sein halten können. Sein als Bewegung. Sein als Bewegtheit des Nichts. „Und daher frage ich wieder: Was machen wir nun mit uns?“ Dann war sie diese Stille – wenn sie verstand – aber diesmal war es eine Stille, in die man Küsse legen wollte – ich schob mich dazwischen, alles in mir schob sich dazwischen – Weltlichkeit. Dieser Moment musste verlassen werden, schnell aber sie schob sich dazwischen, alles in ihr schob sich dazwischen und ihre Lippen schoben sich über mein Gesicht aber das Gefühl war – „Lass uns Henry anrufen.“ – und dann Wärme, unerträgliche Wärme – unerträglich. Und etwas schob mich zurück in den Moment, etwas machte mich, ihn nicht verlassen zu wollen, sie nicht verlassen zu wollen und durch den Regen schloss ich uns ein – ins Philosophische Seminar – in die dunkle Bibliothek auf den rauen Teppich den sie hasste, dessen Fasern sie verabscheute – ich schloss uns ein. 

Auszug aus Kapitel 4
…im Garten. Im verschlossenen Garten.