Eins

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab – so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert – in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo – wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Plötzliches Aufflackern von Erinnerungen – eine Stadt, ein Platz, ein Café. Nur wo. Und mit wem. Ich erinnere mich nicht. Ich sehe nur den Platz, ich sehe mich den Platz überqueren und in ein Café gehen und sitzen mit Blick auf den Platz. Vielleicht ist es Prag oder Wien. Gegenstand der Geschichte ist eine Erinnerung, an die ich mich nicht erinnern kann und Gegenstand ist ein interessantes Wort – etwas, dass in der Gegend steht. Hier sind sehr viele Gegenstände. Ich bin umgezogen aber schon vor einer ganzen Weile. Das warme Wasser ist vergangen. Ich bin noch da. Am Morgen danach trage ich mir noch schnell einen Spritzer seines Parfums auf, bevor ich dann für immer verschwinde. Ich mag den Gedanken, dass er mich durch den Tag begleitet und M. abends fragt, ob ich ein neues Parfum habe. „Fickst du jetzt dein Date?“ fragt M. „Ja, gib mir die Bistümer. Damals! Vor der Säkularisation! War! Das! So! Geil.“ und dann „Es würde mich nicht stören, wenn du mit ihm schläfst. Stören würde mich nur, wenn du irgendjemanden besser findest als mich.“

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. Also muss ich mich beeilen. Wenn ich dann wirklich mal verschlafe, habe ich die Entschuldigung „Verschlafen“ schon bei den letzten 356 Mal Zuspätkommen verbraucht. Ich weiß gar nicht, wann die alle angefangen haben, auszuflippen – wann die sich plötzlich um einen Job gekümmert haben und der Schlaf vor 24 Uhr so unglaublich erholsam geworden ist und plötzlich sind alle zusammen gezogen und gründen Familien und selbst Edna schaut sich Bilder von Hochzeiten an, ohne zu kotzen. 8,50 die Stunde motivieren mich auf jeden Fall nicht zu einer besonders hohen Arbeitsmoral und ich bin eine Stunde zu spät und hoffe, niemand merkt es.

Es ist der 23. Oktober und das einzige, woran ich denken kann, ist die Zahl 23 und Primzahlen – ich denke an die Ästhetik von Primzahlen. Es ist unlogisch. Es fehlt der Antagonist oder zumindest diese andere Person, an der man seine eigene Erzählung abarbeiten kann. Es reden immer zwei miteinander, es kommt zu absurden Begegnungen und Dialogen und jedes dieser Ichs entwickelt sich. DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD. Ich sitze in der U-Bahn. Ich schau ihn lange an. Er trägt so eine ganz typische Hipsterbrille mit sehr dickem Rahmen auf einer großen, spitzen Nase und ich entdecke gerade meine Leidenschaft für große, spitze Nasen und seinen klaren Blick, während er so ein bisschen mit dem Kopf wippt. Ich tippe ihm ans Bein, er nimmt die Kopfhörer ab: „Fahren wir heute Abend zusammen zu dieser Ausstellung?“ er zuckt mit der Schulter: „Ich muss auf jeden Fall bis 18 oder 19 Uhr arbeiten – willst du dann zum Essen kommen, dann fahren wir zusammen.“ Ich nicke. Wir haben uns vor ein zwei Jahren kennen gelernt – er ist Freelancer im Graphikbereich und hat ein zwei Wochen bei mir in der Firma mitgearbeitet. Wir haben zusammen im Innenhof geraucht und über Kunst gequatscht und uns dann auch privat getroffen. Zuerst dachte ich, er sei schwul, weil ich so ein bisschen in ihn verliebt war, wir haben rumgemacht auf einer Party, ziemlich betrunken, fanden dann aber beide, dass es eher so ein Freundschaftsding ist. Wir wohnen nicht weit von einander und treffen uns ab und an in der U-Bahn und gehen zusammen zu Vernissagen und Ausstellungen. Frank. Frank scheint mir ein guter Name zu sein und Frank wippt sehr hübsch zu der Musik in seinem Kopf. Als Frank dann aussteigt (dabei positioniere ich meine Beine genau so, dass er sie beim Vorbeigehen berühren muss) – als Frank dann aussteigt, bin ich ein bisschen traurig, dass wir uns nie wieder sehen werden.

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Eins

BEFINDLICHKEITSPROSA

Norah stört. Alles an ihr erinnert mich an meine Mutter. Das braune Kleid soll verdecken, dass sie fett geworden ist. Sie isst. In die Couch gedrückt, vor dem Laptop irgendeine Serie schauen und dann die dritte, die vierte Portion. Ich zähle mit. Ich weiß nicht, warum sie isst. Das braune Kleid liegt auf dem Essen wie blauer Morgenmantel und ohne Sehnen im Blick, ohne Blick fragt sie nur: „Hast du mich noch lieb?“ und diese Frage brennt sich durch meine Haut, durch etwas – ich will nicht Leben und jede Sekunde stört mich, jede Bewegung – nichts mehr Leichtes nur Schritte gegen die Schwerkraft auf berstenden Holzdielen. Dann verlasse ich das Haus, nur um sie nicht sehen zu müssen, dieses unendliche Loch, wie bodenlos alles in ihr fällt. Keine Reflexion, kein Rückhall, nur Fallen. Tiefes Fallen und die Frage, was darin ist noch liebenswert, wenn da nichts mehr ist – dieser Schatten in die Ecken gedrückt und alles, jede Bewegung sagt nur Ja – zu allem was ich tue, egal. Und ich kann tun, was ich will – ich kann ficken, ohne zu lieben, ich kann auf der Couch sitzen und um Ruhe bitten, während meine Gedanken um die Einbildungskraft kreisen, kann sie in die Ecke drängen und ihren aufgeblähten Körper widerlich nennen, kann ihr sagen, wie sie mich anwidert in ihren leeren Bewegungen – wie Hiob sitzt sie am Küchentisch und alle meine Worte fallen nur in dieses Loch, widerliches kleines Geschöpf im braunen Kleid und ich hasse sie, für all diese Ruhe, für all dieses Nichts aus ihr, wie sie über dem Smartphone lehnt und schweigt. Ich soll ihr Gedichte vorlesen, aber sie sagt nichts. Ich soll sie durch den Park tragen und ihr meine Eindrücke schildern im Museum, aber sie sagt nichts. Ich soll meine Bücher zwischen ihre sortieren, Philosophie und Literatur getrennt aber sie liest nicht einmal mehr – hat sie je gelesen? Ich erinnere mich nicht, wie sie auf der Wiese liegt und das Buch immer nur auf dem Bauch und der Blick und die tiefe Stimme und all das ist jetzt in die Couch gedrückt und isst und verschwindet ins Badezimmer stundenlang und isst dann wieder und fragt unentwegt: „Hast du mich noch lieb?“ Sie sagt Nöl – schon immer – ganz schnell Nöl, Nöl, Nöl – also es heißt doch No-el – es sind doch zwei Vokale also sprich sie doch auch aus. Und die Kerben sollen zeigen, wie unglücklich sie mit mir war – also warum, wenn du so unglücklich bist, warum hast du dann vor dem Seminar auf mich gewartet, hast mich dann das Schloss hoch getrieben nur um mir Vorwürfe zu machen, dass du meinetwegen nachts weinst, schlägst Kerben in deinen Nachttisch und willst mich doch wieder haben? Dann weine eben nicht, mach die Musik aus und sei ruhig. Und ich will gehen, wirklich – verlasse das Haus um sie zu vergessen, will keinen Abend, keinen Moment länger dieses Getier in die Couch gedrückt ertragen müssen. Will überhaupt keinen Menschen mehr – nur hier – Einbildungskraft – Kant, Hegel – Exposé – notwendig ist allein das Schreiben, jetzt noch mehr denn je – wo mein Leben nur noch leer ist und sie will mich einschließen, in sich einschließen, in dieser Wohnung einschließen – bürgerliches Experiment nenne ich das, mit abends dann Tagesschau auf der Couch und dem Getier in der Küche stehend kochen, Abend für Abend und Abend – mit ihrem Rücken und ich will es tot ficken, will es zerstören aber Hiob bleibt – auch das Köpfchen geneigt, lässt er sich nicht aus dem Ohr schütteln – irgendwie so was. „Erzähl mir von deiner Arbeit.“ sagt sie und versteht es doch nicht – versteht gar nichts – warum hat sie Philosophie studiert? Sie versteht ja nichts, labert nur von der Seele und von Moral sowieso: Dieses hohe moralische Empfinden, urteilt immer alles ab, liest angestrengt Kant unten in der Bibliothek am Tisch neben Heinrich und ich schreib ihr dann die Hausarbeiten in saubere Sprache – verwechselt jeden Begriff, kann keinen Satz sprechen ohne „ich weiß nicht“ anzuhängen – ich weiß nicht, ihr ganzes Dasein ist wie ein Rückzug und die Kerben im Nachttisch nützen jetzt auch nichts – wie sie dann im Bett saß und weinte, weinte weil ich ihr nicht reichte – so ein quatsch, will ich sagen – DU REICHST DIR DOCH SELBST NICHT. Dann philosophiert sie so ein wenig rum – warum müsse man sich selbst genug sein um mit anderen zusammen sein zu können – ja, man – dann lies doch einfach mal Hegel du Viech. Tiefe, tiefe Nacht in deinen Augen und Liebe ist es erst, wenn man in dem anderen nichts mehr sucht. Ich merkt es manchmal gar nicht – dann ist der Augenblick vergangen. Ich ist vielleicht sitzen geblieben, hat noch den letzten Klang vernommen. Vielleicht ist Ich stehen geblieben, hat gegen die Spiegelung seiner selbst hinter die Scheibe geblickt – ein paar Worte in die Kladde geschrieben – dann ist Ich weiter gelaufen. Ich merkt es manchmal gar nicht – wie viel Ich ist. Ich ist selten für sich – wie Ich in kleinen Spiegelungen vergeht – zergeht. Was sind Wochen gegen Worte? Was jetzt fehlt, ist eine Antwort auf die kleinen Druckstellen, die Ich hinterlässt, wenn Ich ruhig bleibt. Nichts sagen. Ich legt sich auf sich – also auf Ich – Selbstbewusstsein auf Selbstbewusstsein – manchmal rutscht Ich in eine andere Sprache – verspricht sich. Gegen die Welt – gegen die Druckstellen. Ich wünscht sich, nichts zu sagen – schweigen zu können, um sich nicht zu verschenken. Aber Ich verschenkt sich – jeder Moment verschenken ist ein Moment Ich. Präsenz. Dann steht Ich zwischen weißen Wänden – weiße Wände und ein Gefühl von Bahnhofshalle – toten Stille sagt Ich. Spürt Ich es? Spürt Ich die kleinen Welten, wie sie so gebannt auf glattes Papier von den Wänden starren? „Auch Künstler müssen Miete bezahlen.“ sagt Ich und lacht. Warum eigentlich? Zwischen den Füßen zieht es sich langsam zusammen. Ich öffnet eine Seite – ab dem Moment, wenn Ich für einen Menschen ein Dokument öffnet, bedeutet er etwas. Dann sieht Ich sich – als Spiegelung in Glas, in glasigen Blicken, zurückgeworfen auf sich – ist Bedeutung? Also ist Bedeutung? Hörst du den Klang meiner selbst? Langsam legt sich die Zeit in die Ecken. Nichts passiert – nicht in Berlin, nicht in Heidelberg – aber ich habe auch keine Lust, irgendwas zu arbeiten, keine Lust auf irgendwelche Jobs und Norahs Schritte auf berstenden Holzdielen und auch noch die kleinste Ungereimtheit wird Anlass für laute Worte, wird Anlass ja – Hass – Berlin – nur – wegen – ihr – nur ihretwegen. Wäre ich in Heidelberg gewesen, hätte ich zu Mutter fahren können, als sie von ihren Schmerzen sprach – ich – hätte – da sein – können. Aber ich war hier – zwischen grünen Wänden und Büchern sortiert – drei Ausgaben Schellings Freiheitsschrift und ihre kleine, in sich gezogene Schrift auf jedem Schmutztitel mit Kaufdatum und erstem Lesedatum. Von Heidelberg aus währen es nur eineinhalb Stunden Fahrt gewesen – verstehst du das? Ich wäre da gewesen. Ich hätte jetzt einen Job – ich könnte in Ruhe arbeiten. Stattdessen bin ich hier – ich bin dein Gefangener, festgesetzt in dieses Altbauloch mit grünen Wänden und braunem Kleid, dass verdecken soll, dass du fett geworden bist, weil du ein Liter Eis am Tag verdrückst und absolut nichts tust, außer in dein Smartphone zu starren – sprechen sie mit dir? Widerliches Viech. Ich muss hier raus.

BEFINDLICHKEITSPROSA

ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

Henry stand zum ersten Mal in Norahs Wohnung – Norahs Zimmer besser. Als er den Gedanken ausgesprochen hatte – also die Idee – als er die Idee ausgesprochen hatte, kam es ihm schon wieder sehr albern vor. Das Zimmer lag im Dachgeschoß – kurz vor dem Himmel, sagte er, nach dem er über die vier Stockwerke hoch ins Dach aus der Puste kam – Raucherlunge. Keine 15qm – obgleich er das nie wirklich abschätzen konnte – aber es war ein furchtbar kleiner Raum, kleiner noch durch die Fülle an Möbel, Büchern und Klamotten – alles wild verteilt auf dem Boden, dem Schreibtisch, der Couch – nicht einen Schritt konnte er in den Raum eindringen, ohne über den nächsten Gegenstand zu stolpern. Die Idee kam ihm schon lange albern vor aber Norah war ganz aufgeregt – sie wollte es durchziehen. Als er so in diesem kleinen Raum stand, in diesem engen, kleinen Raum – in ihrem engen, kleinen Raum stand, fiel ihm auf, dass er nichts über sie wusste – er wusste nicht, wie sie lebte, welche Bücher sie im Regal hatte, ob sie auf Klamotten stand oder Schuhe, welche Hygieneprodukte sie verwendete, ob sie morgens oder abends duschte, ob sie Bilder an der Wand hatte oder Poster oder eine bunte Blumentapete – er wusste nichts von ihr. Wo saß sie, wenn sie ihr Notizbuch vollkritzelte – saß sie auf der Couch, zwischen den Klamottenhaufen oder im Bett? Am Schreibtisch konnte sie unmöglich sitzen, der war zugestellt mit Dingen – auch Büchern – einige aus der Bibliothek – sie durfte sie gar nicht ausleihen, also hatte sie sie heimlich heraus geschmuggelt, nachts durch den Hinterausgang. Er würde das auch tun. Er wusste nicht, dass sie über Nietzsche arbeitete – so viel war klar und die Sekundärliteratur – er kannte die Titel nicht, den einen oder anderen Autor – so viel war klar, irgendwas Moralphilosophisches. „Langsam verstehe ich, warum du zuhause nicht arbeiten kannst.“ sagte er ruhig, mit seinen Worten einen Ort findend, wo er sich unbedarft hinstellen konnte. „Du schreibst über Nietzsche?“ fragte er – was konnte man schon über Nietzsche schreiben? Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – mit dieser Idee, die ihm schon längst so albern vorkam aber sie war bereit, es durchzuziehen. Jetzt hier zu sein, war ihm unangenehm – in ihrem kleinen Zimmer, in ihrer kleinen Unordnung einfach so rum zu stehen und nach Nietzsche zu fragen. Sie entschuldigte sich halbherzig für den Zustand ihrer Wohnung, als wäre sein albernes Rumstehen ein Urteil oder so was, als würde sie sich für sich selbst entschuldigen, während sie hektisch nach ihren Sachen suchte, nach Dingen, die man mitnehmen könnte für die lange Fahrt – oder einfach Dinge. „Sicher, dass du noch fahren kannst?“ fragte er zögernd. Schließlich wäre es von Vorteil, wenn sie zu betrunken wäre – dann könnte man diese Albernheit einfach sein lassen – es war eine nette Idee aber wir sind zu betrunken. „Ich muss noch etwas Wasser trinken.“ in ihrer dunkle Stimme sangen die Worte. „Ich glaube, ich hab alles. Also geht’s los?“ Sie antwortete nicht auf die Frage, was man über Nietzsche schreiben könnte. „Fahren wir?“ Henry kam es komisch vor, sich in das Auto einer Frau zu setzten, über die er nichts wusste – was wusste er von ihr? Deren Zimmer er erst jetzt zu Gesicht bekommen hatte, obwohl sie schon seit Monaten fast jeden Abend auf seinem Bett saß. Woher kannte er sie überhaupt? War sie nicht einfach dagewesen – einfach so mit einem Mal dagewesen und er wusste nicht, ob sie überhaupt Freunde waren – er kannte sie nicht. Er fand es irgendwie süß, wie sie da in der Mensa saß mit ihrem Notizbuch, ganz weltvergessen saß sie da – als wäre sie gar nicht – als wäre sie nur so eine Figur in einem Bild eines kitschigen Malers des Hyperrealismus. Aber es hatte etwas Liebliches, also blieb er stehen, sah sie kurz an und fragte dann, ob sie am Abend mit in die Bar kommen würde. Das war alles. Und mit dieser Frage – und es ist schon auch eine dumme Frage – mit dieser Frage war sie mit einem Mal da – einfach da – aufs Bett gestreckt mit den ganzen anderen Politikwissenschaftlern Abend für Abend in seinem Zimmer aber er kannte sie gar nicht.

aus Kapitel 6 patina
ein sehr unwirklicher moment in einer ganz realen situation

episode am strand

„Ich verliere!“ – Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß. „Ich verliere!“ – Norah schob den Bauern ein Feld weiter. Henrys schneller Blick über Schwarz und Weiß – mit dem ganzen Körper glucksend. „Deine Züge sind nur Intuitionen.“ ein leichter Hauch ging ihm durchs Haar. „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah wendete den Kopf zum Meer. „Konzentrier dich. Du spielst Schwarz – du musst reagieren – was tust du jetzt?“ – „Glaubst du nicht, dass man schwimmen gehen kann?“ Norah lies Sand zwischen Daumen und Mittelfinger kreisen – sie hatte keine Lust mehr zu spielen. Verstehst du? Ich will nicht mehr spielen! Norah hatte eine Entscheidung getroffen – die Affären nervten sie. Es nervte sie, dass mit jedem Kuss, mit jedem Moment der Aufmerksamkeit, ein Teil von ihr irgendwie dort, genau an dieser Stelle – auf irgendwelchen Lippen, verloren ging. Ich will sie einsammeln – die vielen kleinen Teile, will sie festhalten – will mich halten – gegen dich. „Ich will nicht ständig verloren gehen!“ – „Konzentrier dich – du musst jetzt einen wichtigen Zug machen.“ Norah lag auf dem Rücken. Sie konnte das Schachfeld nicht mehr sehen, sieht nur den Himmel und fragt sich, ob man vielleicht doch schon schwimmen gehen kann – es ist doch schon Mai – oder? War es Mai oder war es April? Es schüttelte sie ein wenig. „Ich glaube, ich bin anders. Ich glaube, ich will so unbedingt nicht alleine sein, dass ich mich sofort verliebe – ich verliebe mich schon in die kleinste Aufmerksamkeit – ich verliebe mich in die kleinsten Kleinigkeiten, die einen Menschen attraktiv machen – ich glaube, ich bin schnell verliebt. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen?“ langes Schweigen. „Ich glaube, dass macht mich zu einem einsamen Menschen.“ Und manchmal rede ich mir ein, dass dieses schnelle Verlieben die Fähigkeit ist, schnell das Schöne in einem Menschen erkennen zu können – aber wenn Schönheit nur eine subjektive Empfindung ist, dann legt man die Schönheit vielleicht selbst überall hin und in andere Menschen rein und der Mensch, der Andere – der kann vielleicht gar nichts dafür. Warst du schon mal etwas Besonderes? Ich meine, warst du schon mal für einen Anderen etwas ganz Besonders – also du? Du – als die Person, die du bist, die du sein willst, die du warst? Ich wäre ja schon gerne etwas Besonderes. Hast du schon mal etwas Unmögliches Gedachte und es dann ausgesprochen? Ich meine, diese seltsamen Dinge, die man so denkt aber man kann sie nicht aussprechen – und wenn man etwas nicht sagen kann, existiert es dann überhaupt? „Norah – du konzentrierst dich gar nicht.“

aus Kapitel sechs patina
episode am strand

das gleiche das gleiche aber anders

There’s a gap in between// There’s a gap where we meet// Where I end and you begin …. Ich kenne dich nicht. Du bist Vorstellung. Ich kann dich mir vorstellen – ich kann das, was mir an dir gefällt, dieses sensitive Moment in mir ganz hervorrufen und deine Person damit ausfüllen. Ich kann sagen: du bist schön. Und jedes dieser Momente hat Bedeutung. Ich rufe dich in meine Erinnerung – meine Gedanken hängen an deinen Worten, an den kleinen Vorstellungen, die du in mich pflanzt. Also ja – was ist mit dem Leben, dass wir nicht weg werfen – was ist mit der Zeit, die wir nicht vergeuden. Aber es sind meine Vorstellungen – das bin ich, in deinen Augen. Ich suche beharrlich nach mir in deinen Worten – in diesem sensitiven Blick aus der Welt heraus in was – wen schaust du an? Mir bleibt der Atem weg. Nach und nach entbehre ich Momente – dann schreibst du von deiner Unsicherheit. Ich mag diese kleinen Beharrlichkeiten, diese kleinen Sicherheiten in deiner Sprache – aber all das sind kleine Wände, an denen du dich fest hältst, um dich selbst nicht zu verlieren – auf diese Reise Selbstverlust – wie sich alles von Außen auf dich geworfen hat, dich verändern wollte. Aber der Kopf ist geblieben – der Kopf verbreitet sich ins diffuse Draussen und wartet auf Antwort. Was dir von Außen widerfahren ist, ist mir von innen widerfahren – und beide warten wir nur auf den Moment, welcher uns stürmen lässt – das alles hinter sich lassen können. Wir schmeißen unser Leben nicht weg. Warum weinst du? Du könntest doch auch lachen. Wir können zusammen diese Freiheit sein, nach der wir suchen. Dieses Gefühl sich aufzulösen – und Beziehungen enden nach vier Jahren – die Ichs haben sich verbraucht. Nach Innen – nach Außen – ich weiß es nicht. Diffus in alle Richtungen. Und alle sieben Jahre sind wir ein komplett neuer Mensch. Manche Worte sind dann so klar. Handlung einfügen – aber es gibt keine. Es gibt sich drehen in diesem Raum von Worthüllen – wir werfen unser Leben nicht weg. Mir gefällt das Ich, welches du in mir hervor bringst. Vor dem Computer zwei Lesende – sie schauen sich an. Und manchmal ist es, als würden sie durch sich hindurch blicken – der eine durch den anderen und durch sich selbst. Nichts von dem, was wir denken und dichten, wir wortverliebten Idioten, nichts von dem wird je eingehen in die Ordnung des Universums. In der U-Bahn zwei Lesende – sie schauen sich an. Ich kann so tun, als wäre jeder Moment Vorhersehung – oder Zufall. Ich kann mich gegen diese Grenzen halten – aber ich sage nichts mehr. Und in meiner Vorstellung sind es alles große Menschen. Aber wann fühlt es sich richtig an? Sind wir nicht längst außerhalb dieses Raumes – sind wir nicht weit entfernt von richtig oder falsch? Natürlich läuft es auf nichts hinaus – denn du läufst auf nichts hinaus. Eine gewisse Unnahbarkeit ohne Kalkül – die reizbarste Form. Und ich bin ja geblieben.

aus Kapitel 5
das gleiche das gleiche aber anders

langer regen

Ich erinnere mich nicht. Einer von Beiden war immer da – Norah oder Henry. Aber an vieles davon, kann ich mich kaum erinnern. Norah sagt, weil es mir nichts bedeutet hat. Wahrscheinlich hat sie recht. Aber Bedeutsamkeit verschwindet – sie ist nur im Moment. Norah lag in der Wiese…immer… vor dem Seminar im Innenhof – Sonne – sie liegt da, immer – mit dem Buch auf dem Bauch und geschossenen Augen zum Himmel und dann plötzlich durch die Stille ihre raue Stimme: „Weißt du, was ich glaube? Dinge passieren gar nicht chronologisch. Sie passieren dir erst wirklich, wenn sie in dir wirken.“ Norah sagt, ich trauere nicht. Aber sie sagt nichts. Sie sagt, ich trauere nicht, weil ich an meinem Exposé arbeite. Aber sie sagt nichts. Sie sagt gar nichts mehr. Nächte beginnen mit kaltem Schweiß. Ihr Körper saugt alles auf – in die Kautsch gedrückt und irgendwie leblos…streift durch die Wohnung, zwei Zimmer, Küche,Bad und schön Altbau mit hohen Decken und Flügeltür – das twittert sie dann, hängt mit dem Gesicht über dem Smartphone und es saugt sie ein. Aber sie sagt nichts. Ostern – vier Tage in der Wohnung – Karfreitag. Irgendwann gehen wir dann doch ins Museum aber da ist nichts, nichts in ihr – aber ich bleibe ruhig. Ich traure nicht. Die Arbeit zerfällt – Wir spielen gerne mit der Einbildungskraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns. Sie und schweres Atmen und sie und immer schwerer werdend, es zieht, es zieht vom Boden und in die Kautsch gedrückt und sie und sie überall also verlasse ich das Haus, raus um sie, sie geht und Schritte schwer und dieses braune Kleid hat etwas vom Morgenmantel meiner Mutter und alles schwer, wenn ihre Schritte durch die Wohnung schleichen – also verlasse ich das Haus, versuche, laufe durch den Stadtteil, Häuserschluchten, keine Sonne, nichts. Norah liegt auf dem Rücken und die Wiese legt sich um ihren zarten Körper als wäre dazwischen immer noch ein Moment Nichts, mit dem Buch auf dem Bauch immer und durch die Stille ihre dunkle Stimme Worte und ich denke – du bist eine Woge. Sie redet vom Kugelmensch und von der Seele, unendliche Seele sagt sie und sie schwingt – Resonanzkörper und das Spiel der Erkenntniskräfte, sagt sie. Dann springt sie mit eine mal auf, läuft mit blanken Zehen über die Wiese aber sie ist eine Woge und ihr Körper bebt, gehe ich mit den Fingerspitzen dagegen und dann lächelt sie, schwingt ihre dünnen Arme um meinen Hals, greift mir ins Haar – sie schreibt: Aber im dunklen Intervall versöhnen// sich beide zitternd. // Und das Lied bleibt schön. Noch tänzelt sie über die Wiese, noch sanfte Schritte mit dem Buch auf dem Bauch und Blick in den Himmel. Mein Finger graben sie in die Erde, immer tiefer – zwischen mir und der Erde kein sanfter Schimmer aber sie berührt es und berührt doch nicht den Boden – mit beiden Füßen auf festem Grund fliegen – sagt sie dann. Ihre Finger malen die Seele in die Luft – ernste Einsamkeit – rezitiert sie, immer mit leichtem Schimmer auf den Lippen, mit oberer Zahnreihe über Unterlippen und schnell zuckenden Wimpern, immer leicht tippelnd oder mit wippendem Oberkörper. „Hörst du mir zu?“ fragt sie. „Wofür sonst braucht der Mensch die Kunst? Er braucht sie nicht – aber es passiert etwas, irgendwo – wenn man die Zeilen liest, mein ganzer Körper zittert – das ist die Seele und die Kunst ist für die Seele.“ Die Einsamkeit ist wie ein Regen – legt sie mir unters Kopfkissen und Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, // ohne Grund weint in der Welt, // weint über mich.

aus Kapitel 11
langer regen

Loop

Norah zuckt mit den Schultern. „Egal was passiert – ich komme immer wieder auf dieses gleiche schwere Moment.“ Im Rücken das offene Fenster der kleinen Pizzeria – sie kneift die Augen zusammen. Henry bleibt ruhig – „Jetzt sitze ich auch nur hier und warte auf deinen Blick.“ Norahs Fingerspitzen tippeln über den Tisch nach Krümeln suchend. „Momentaufnahme – verstehst du? Mein Leben ist eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen und dann sitze ich hier und irgendwie drängt sich mir die Frage auf, warum mir nichts bleibt, warum nur immer ich bleibe in diesen Momenten, in diesen kurzen Augenblicken und leer, entleert und alles gegeben dann bleibe.“ Während sie spricht, zieht sich ihr linker Mundwinkel in leichtem Zucken immer wieder nach unten – es hat etwas von einem Schlaganfall. Unter dem Tisch spürt er ihre Beine stark gegen den Boden wippen. „Das war vielleicht absurd – ich saß in der U-Bahn, vor mich hingestarrt, plötzlich greift mir der Typ neben mir ans Bein und während ich total schockiert die Kopfhörer aus den Ohren reiße, um etwas zu sagen, unterbricht er mich sofort und sagt nur knapp »Bitte hören Sie auf zu wippen«.“ Henrys Körper geht durch ein Augenblick Lachen aber Norah ist schon wieder mit den Krümeln auf dem Tisch beschäftigt, mit Schlaganfalllippe im offenen Fenster. „Der Melancholiker ist einsam – das ist gewissermaßen das Fundament – okay.“ sagt sie nach einer Weile „Dann sitze ich plötzlich in diesem Zimmer, bin bereit alles zu geben und jetzt nur noch diese leeren Worte und in mir langsam Hass – verstehst du? Langsam klettert er meine Wände entlang – ja, klettert sie langsam entlang. Auf halbem Weg dann, ist er schon längst zur Verzweiflung mutiert – oder so – und einfach dieser Gedanke, es ist unfair und verdammt Henry – ich will meinen Hasen zurück.“ Wind geht ihr durch die kurzen Haare. Immer wieder durch ihre Worte ein leichtes Zucken im ganzen Körper. „Ist dir kalt?“ fragt Henry. Norah schüttelt nur den Kopf. „Es ist immer und immer wieder die Frage, warum ich es nicht wert bin.“ sagt sie. „Und diese Worte prallen gegen mich – es ist ein ewiges Rennen und immer und immer wieder dagegen rennen – in mir wiederholt sich das beständig und am Ende bleibt immer nur dieses Wertlose in mir und die Erinnerung.“ Norah bemerkt nicht, wie sich der Raum kontinuierlich füllt und das letzte erkaltete Stück Pizza vor ihr, wartet auf ihren Tisch – „Was machst du da immer mit deiner Lippe?“ fragt Henry zwischen das Krümelauflesen und Wind durchs Haar. Norah hebt den Kopf und lächelt leicht. „Irgendwann mal habe ich heraus gefunden, dass diese Bewegung die Tränen aufhält.“ Dann ein kurzer Blick durch den Raum aber es gibt keinen Gegenstand, der ihn auffangen könnte und jeden Krümel hebt sie mit der Fingerspitze über den Tisch zurück auf den Teller, mit dem letzten Stück kalter Pizza. „Und jeder Versuch, weißt du – jeder Versuch Mehr zu sein, scheitert einfach – ja Mehr zu sein, einfach zu sein, einfach dieses Gefühl geborgen zu sein, irgendwo aufgefangen zu sein – ich bleibe dieses Gefäß momenthaftes Entgleisen. Veräußert.“ sagt sie. „Natürlich – mehr als nur dieser kleine liebenswerte Moment, in den man sich dann einhüllt, bis es einem langweilig wird. Das hat ja wirklich einer zu mir gesagt – ich könnte ewig hier mit dir zusammen bleiben, bis mir langweilig wird. Bis ihm langweilig wird, verstehst du?“ Ihre Hände ergreifen fest die Tischplatte bis sie ganz weiß anlaufen. „Am Ende dann immer dieses Arme aufreißen, um sich im eigenen Blut noch lebendig zu fühlen.“ Henry will nach ihren Händen greifen, aber die Bewegung erliegt irgendwo zwischen Wunsch und Abneigung – „Schau mich mal an.“ sagt er und bekommt nur ein verlegenes Lächeln. „Keine Sorge.“ sagt sie. „Hier ist dann die Grenze meiner Ambivalenz – entweder ich entbehre mich jedem Moment der Zweisamkeit und lasse mich von dieser Einsamkeit der Unberührten umhüllen, oder ich gebe mich diesen kleinen Augenblicken hin, die mich dann auch nur leer entlassen. Aber letztlich greifen, kann ich nur diese Einsamkeit.“ Sachte schiebt sie ihm den kalten Pizzarest entgegen. „Essen lässt sich auch nur noch herunterwürgen – willst du?“ aber Henry schüttelt den Kopf. „Zu empfindsam für dieses Spiel, denke ich dann und warum bleibt mir das Echte so vorenthalten – wie kann sich denn etwas zugleich so wahnsinnig gut anfühlen und so gar nicht echt sein?“ Ein paar Tische vor ihnen hatte eine Familie Platz genommen und ein grauer Mischling mit langem Rücken streift mit Nase fest auf den Boden zwischen den Stuhlbeinen hin und her. „Mit jedem weiteren Moment wächst dieses Verlangen, dieses Verlangen den Schmerz einfach raus zu lassen, raus zu holen, an die Oberfläche bringen, denn es ist Schmerz und Schmerz und Schmerz, es sind einfach nur diese Moment von Schmerz und ein Moment gibt dem nächsten die Hand und wieder und wieder und es bleibt die ewige Wiederkehr des Gleichen – ich hasse Nietzsche und ich hasse diese Menschen, die mir das antun, die mich immer nur für einen Moment nehmen, um mich dann weg zu werfen.“ Norah zuckt über Windhauch durch Haar. „Schau mal – der Hund hat mir vor die Füße gekotzt.“

aus Kapitel 12
Loop