Prager Absturz, Kafka ist überbewertet – Kapitulation

Wir – wir sind diese Dissonanz – diese Dissonanz zwischen dir und mir und dass wir ineinander nicht klingen. Mein Körper kennt vier orgiastische Zustände: Küssen am Hals (besonders in den Kuhlen am Schlüsselbein entlang), klitoral, vaginal und geschmolzener Käse. Aviv kennt keinen davon. Er will aber in regelmäßigen Abständen, dass ich ihm schreibe, was mich geil macht. Er reibt dann seinen harten Schwanz und stellt sich dabei vor, ich würde ihn aussaugen – dabei ist es eigentlich egal, wen man sich dabei vorstellt und ich kenne das von meinen eigenen sexuellen Phantasien, verlieren die Personen ihre Gesichter. Ich verliere also in regelmäßigen Abständen mein Gesicht.

Aviv hat recht – ich habe mich lange verheimlicht. Ich bin lange bei allem stumm – er wird meine Augen nicht verstehen und mich stillschweigend fortschicken. Ich bin lange bei allem stumm mitgegangen. Er wird meine Augen nicht verstehen und mich mit seinem Schweigen langsam fortschicken. Wir sitzen am Bahnhof und er wartet darauf, dass ich ihn Willkommen heiße oder verabschiede. Dabei presst er mir mit Zeigefinger und Daumen die Lippen fest zusammen – dass ich jetzt traurig bin, stresst ihn. Er sagt, ich könne nicht die Dinge erwarten, die ich bereit bin zu geben – dass sei ja meine eigene Bereitschaft. Er weiß nicht, dass ich nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt wohne – es sind vielleicht zehn Minuten mit dem Fahrrad und ich fahre gerne mit dem Rad. Er weiß auch nicht, dass es keine Nutten gibt am Bahnhof – die gibt es in der Oranienburgerstraße in Mitte. Als er mich dann fragt, was er jetzt machen soll, schicke ich ihn nach Mitte – es sind auch nur zehn Minuten vom Bahnhof.

Für Nutten braucht man kein Gesicht. Wir ankern an der Schachtel Zigaretten – und ziehen gleichzeitig mit der Dame ins Feld – es ist der verletzlichste Punkt in dem ganzen Spiel – immer denken alle, es sei der König aber es ist natürlich die Dame. Sie hat die größtmögliche Macht und kann alles verlieren – während wir abwechselnd eine Zigarette nach der anderen aus der Packung ziehen, um nicht allein zu sein mit unseren Gedanken. Aviv lacht, wenn ich Gefahr laufe, zu sein – während er an meinen Bedürfnissen vorbei raucht. Er betont seine Zerbrechlichkeit mit dieser Bewegung, auf sich zu verweisen, wenn ich Ich sage. Unser Wir ankert in dieser gegenseitigen Ignoranz und die Dame ins Feld zu führen, wenn einer Ich sagt. Ein Dialog sind zwei Monologe, sage ich – im besten Fall. Spiel mit mir, sagt er – jetzt. Du hättest mein Angebot annehmen sollen, als ich es dir gereicht habe, sage ich, ich habe letzte Woche mein Schachbrett verschenkt. Ich kenne diesen Moment, wenn du das Gesicht verlierst – sagt Aviv. Ich kenne diesen Moment, wenn du vor dem Spiegel stehst und dich lange anstarrst und nichts siehst.

Schläge sieht man wenigstens im Gesicht. Es bilden sich Strieme, rote Strieme oder wenn ich Glück habe blaue Flecken. Dann kann ich sagen: Du hast mich geschlagen und ich kann auf den roten Fleck in meinem Gesicht verweisen. Ignoranz sieht man nicht. Ich stehe vor dem Spiegel und während ich mein Gesicht verliere, versuche ich mir die Spuren vorzustellen, die deine Sorglosigkeit auf mir hinterlassen würde – wenn man sie sehen könnte wie Schläge.

Für Schläge braucht man kein Gesicht. Aviv ist fassungslos. Was willst du von mir, hat er geschrien. Ich will aus dem Fenster springen – in meinem Traum hat er mein Gesicht zwischen die Hände genommen und lange geküsst, dann hat er mich erwürgt. Ich will, dass du mir den Kopf streichelst und mich lange wiegst, bis alles wieder in Ordnung ist. Dann spring doch aus dem Fenster, sagt er. Okay.

Prager Absturz, Kafka ist überbewertet – Kapitulation

Schnittstellen, Atem

Die meisten Menschen können sich gegenseitig sexuell nicht erfüllen. Dein leicht verderblicher Atem säuselt in mein Ohr, in mein Ohr – oder deine Stimme ist so leise, so leise – ich muss mit meinem Ohr so nahe an deinen Mund herantreten, dass ich weinen will – du beißt mich. Ich sehe die Szenerie von Außen, wie sie dieser Typ vorne an der Bar sehen müsste, wenn er rüber schauen würde, das leichte Podest hoch mit den zierlichen Tischen, die dem Festhalten dienlich sind – kleine Anker im Raum, damit sich die Grüppchen sortieren können aber dieser lang gestreckte Typ mit aufgestelltem Kragen schaut nicht rüber. Ich sehe mich im Verlauf der letzten zehn, zwanzig Minuten – ich weiß es nicht, Zeit fühlt sich nicht – immer näher kommen – wir – Elias und ich sitzen nebeneinander, ich muss den Kopf in die Seite legen, obgleich ich dir lieber in die Augen schauen würde, weil ich wissen will, ob all diese Worte, die deinen Mund in mein Ohr verlassen, ob all das wahr ist – aber mein Kopf liegt in die Seite gelegt und dein Mund ist so nahe an meinem Ohr, dass du mich beißt, oder küsst und ich stelle mir vor, Elias würde jetzt jegliches Sprechen unterlassen und die Fläche unterhalb meines Ohres küssen – nicht mein Ohr – auf keinen Fall mein Ohr. Aber er sagt in seiner sehr leisen Art: Die meisten Menschen können sich gegenseitig sexuell nicht erfüllen.

Ich hatte den bitteren Geschmack von purem Gin schon längst vergessen – selbst wenn ich ihn mit viel Eis trinke, bekomme ich den bitteren Geschmack kaum runter, wie auch die Worte nicht über die Lippen – Elias hat das Tonic an der Bar stehen gelassen. Ich trinke den Gin pur in zierlichen Schlücken und lasse mir nichts anmerken – mein Gesicht verzieht keine Miene – eigentlich nur, weil ich auch solch einen bitteren Atem will. Es ist ja die Genealogie deines Namens, will ich ihm zuflüstern oder zumindest darauf hinweisen, dass wir immer die Spuren vergessen, die wir in anderen zurücklassen – mal eben schnell ins Ohr flüstern aber Elias redet unentwegt. Er sagt, er könnte sich in mich verlieben. Toll denke ich, was muss ich dafür tun?

Ich will, dass du dich meinetwegen in mir ergießen willst. Du sagst: Ich verstehe. Ich will Ich sagen. Aber du bist sehr traumatisiert davon, dass ich nicht mit dir schlafen will – weil das so normal wäre. Sexy ist das Subjekt, das sich als Objekt präsentiert und dabei Subjekt bleibt. Und langsam verstehe ich seine Stimme in diesem Leise-sein – beharrlich mein Ohr zu dir hinüber zwingend – hör auf da zu sein – so als eigenständiger Mensch mit Freiheit und so – willst du mir sagen. Setzt dich auf meinen Schoß. Ich will es. Lutsch einfach meinen Schwanz oder wir vögeln auf der Toilette, damit wir diese Normalität endlich hinter uns gebracht haben und als ich Elias frage, wie es ihm gehe – so morgens im Zwielicht, irgendwie müde, antwortet er: Ich will dich ficken aber sonst geht es mir gut.

Sie küssen sich, die Menschen, lange und halten sich gegeneinander die Gesichter zwischen den Händen. Halten sich die Gesichter weg, wenn sie sich mit den Zähnen gegenseitig die Lippen wund beißen – immer wieder. Und ich sage: Beiß mich nicht. Und du tust es wieder. Wieder und wieder. Ich will mich nicht in dieses Gefühl legen, wenn es nur die Normalität ist – Elias nickt. Ich will mich nicht in dieses Gefühl legen, wenn du nur darauf wartest, dass noch etwas besseres kommt. Ich will, dass du mich bedingungslos liebst – das ist die Genealogie meines Namens. Elias. Und ich wäre mit meinem Ohr fast in seinem Atem hängen geblieben – du hast schon wieder zugebissen. Und wenn all deine Worte auf meinem Körper malen könnten, wie sie sich in meiner Seele festbeißen, wären es alles kleine blutige Rinnsale, wie ich mir manchmal vorstelle, du sitzt auch nur so rum und wirfst dein Sein in die Welt und willst geliebt werden.

Wir hauchen, wir hauchen – so von einem Ohr ins andere, so lässig daran vorbei. Wir hauchen so und spielen Verletzte und Wütender. Die meisten Menschen können sich gegenseitig nicht erfüllen. Das ist die Genealogie deines Namens. Ich weiß nicht, was du von mir willst. Erhol dich von deiner letzten Liebe. Ihr alle. Ich kenne dich nicht und es gibt diese lange Welt meines Nichtdaseins. Und es gibt diese lange Spalte zwischen dir und mir. Schließ die Augen – konzentrier dich. Atempause. Schnitt.

Schnittstellen, Atem

ein zustand dazwischen

Aaron behauptet, selbst wenn wir die Fenster öffnen, würden die Mücken in diesem Zwischengelass bleiben, sie würden weder ins Zimmer noch ins Draußen fliegen, sie würden einfach in dieser Nische zwischen den beiden Glasscheiben bleiben. Das ist schön, denke ich aber ich will es nicht aussprechen. „Also soll ich die Fenster lieber geschlossen lassen?“ Im Augenwinkel sehe ich ihn nicken.

Es liegt nicht an mir.

Es liegt nicht an mir.

Es liegt nicht an mir.

Dieses Mantra ist kaputt.

Ich frage Aaron, ob das alles nicht Wahnsinn ist. Er und ich. Und dass er nicht ich ist und ich nicht er ist. Und dass ich diesen Zustand manchmal kaum ertrage, nicht er zu sein. Er sagt, ich denke zu viel. Ich denke, dann fick mich, wenn ich nicht mehr denken soll. Ich will das Fenster öffnen aber Aaron lässt mich nicht. Sein Blick schleift mich am Handgelenk von der einen Seite des Raumes in die andere. Er will alles von mir wissen und was ich erzähle ist viel zu viel.

Ich bin zu viel.

Ich bin zu viel.

Ich bin zu viel.

Dieses Mantra ist kaputt.

Ich habe den Mücken Namen gegeben. Aaron weiß das nicht. Ihnen allen Namen zu geben, hat etwas Ultimatives. Wenn sie irgendwann sterben, in diesem Zustand dazwischen, könnte ich ihnen kleine Särge bauen – z.B. aus Streichholzschachteln und ich könnte sie namentlich bestatten. Ich würde sie fragen: Erinnerst du dich an den letzten Kuss?

Ich bin so schön.

Ich bin so schön.

Ich bin so schön

Dieses Mantra ist kaputt.

Aaron klopft nicht – er tritt gegen mein Bewusstsein. Sein Blick zieht mich am Handgelenk durch den ganzen Raum und weiter. Ich will ihn nicht rein lassen aber seine Stimme ist so schön und berührt mich dort, wo sonst nur mein Körpergefühl sitzt – also zwischen Schlüsselbein und Brustbogen. Er will einen warmen Körper für die Nacht und sein Geruch fehlt mir schon, als er mich noch eng umschlingt. In dieser Nacht bete ich zum ersten Mal. Ich bete, bleib einfach dieser Typ, den ich von Weitem lange angeschaut habe.

Ich bin ein Mensch.

Ich bin ein Mensch.

Ich bin ein Mensch.

Dieses Mantra ist kaputt.

Die Mücken in ihrem Verfängnis. Bei mir ist es ja anders herum. Ich bin leicht zu definieren und schwer anzuschauen. Ich wusste nicht, dass ich das letzte Mal in Aarons Wohnung bin. Hätte ich es gewusst, hätte ich mich vielleicht anders bewegt. Ich hätte vielleicht noch die ein oder andere Spur hinterlassen – nur damit er mich nicht vergisst. Ich ertrage es nicht, vergessen zu werden. Zumindest hätte ich das Fenster geöffnet.

Ich will nicht mehr lieben.

Ich will nicht mehr lieben.

Ich will nicht mehr lieben.

Das Mantra ist kaputt.

[Ja – ich werde enden. Aaron behauptet, es liege nicht an mir – er sei einfach nicht verliebt. Das Gefühl ist FUCK. Ich habe diesen Satz schon oft gehört. Es ist mir schon sehr normal geworden, nicht diese Frau zu sein, in die man sich verliebt. Ich will das Gespräch jetzt beenden aber er sagt noch ein paar Dinge, die alle sehr nett sind. Ich freue mich über die netten Dinge – aber das Gefühl ist FUCK: Ich bin nicht in dein Herz gefallen.]

ein zustand dazwischen

das kind schreit

Ich stelle mich in die Mitte der Dinge – als ihr Ausgangspunkt. Am Anfang der Dinge bin ich. Über mir schreit das Kind und es ist verständlich – endlich hat es begriffen, auf der Welt zu sein. Diese kleine Grausamkeit geht durch seine Schreie in mich über. Du sitzt am Schreibtisch und schreibst. Unbekümmert. Das gefällt mir so an dir – dich kümmert nichts. Ich schaue dich lange an, weil ich nicht weiß, wie ich dich berühren soll. Weil ich nicht weiß, ob ich da sein soll. Wenn ich so mit meinen Fingerkuppen deinen Hals entlangfahre, fühlt sich jede meiner Berührungen viel zu klein an, um dich zu erfassen – um dich überhaupt greifen zu können – ich denke nicht, dass ich bei dir ankomme. Und berühren bedeutet, zu rühren – an zu rühren – etwas in Bewegung zu bringen. Ich denke nicht, dass ich dich bewege. Ich bin kein bewegender Mensch. Ich schaue dich lange an. Das Kind schreit. Wenn tatsächlich niemand darum bittet, auf der Welt zu sein, irritiert mich dieser Zustand des auf-der-Welt-seins zunehmend. Ich reflektiere die Gegebenheit, dass nichts gegeben ist. Das Kind schreit. Niemand hat dich darum gebeten, auf der Welt zu sein. Ich drehe mich auf die Seite und sehe – dich. Also nur die Spitze deiner Armbeuge und wie du sie behutsam – könnte man sagen – über die Augen gelegt hast – obwohl du behautet hattest, es würde dir nichts ausmachen, mit den offenen Vorhängen zu schlafen, weil ich kann nicht ohne Welt schlafen oder immer sind diese Räume dann viel zu klein werdend, sobald man die Fenster schließt – ich will diese Ruhe nicht. Das Kind schreit. Ich sehe die Spitze deiner Armbeuge und wie du sie dir behutsam, könnte man sagen – aber das ist ja nur mein Eindruck – in Wahrheit hast du es einfach getan und in diesem reinen Tun liegt keine Behutsamkeit – nicht mal ein Gefühl – in tuen – das ist nämlich das älteste Wort Deutscher Sprache – in tuen liegt keine Behutsamkeit. Wenn wir einfach all diese Dinge tuen, weil wir sie tuen. Wir tuen nur so. Es ist also nur mein Blick auf die Spitze deiner Armbeuge über die Augen gelegt, der eine gewisse Behutsamkeit in dich hinein tut. Das bin also ich. Ich stehe am Anfang der Dinge. Mein Eindruck – und Eindruck bedeutet, das eigene Sein in die Welt einzudrücken – der Welt das eigene Sein aufzudrücken und darum hat nun wirklich niemand gebeten. Das Kind schreit. Dir also mein Sein aufzudrücken – ich dränge mich dir auf, während deine Armbeuge dich schützen soll. Als würde das reine Schließen der Augen irgendetwas daran ändern, dass das Kind schreit.

das kind schreit