und martenstein weinte (1 posse)

Harald Martenstein versteht die Zeit nicht mehr. Wie jeden Freitagvormittag nach ausgiebigem Wasserfallduschgang hatte er sich, ausgestattet mit einer Tasse Kaffee und der Sport Illu, an den Schreibtisch gesetzt und die Hose geöffnet. Normalerweise reichten diese wenigen Handgriffe, um seine Inspiration fließen zu lassen. Doch entgegen jeder Herkömmlichkeit wollte der kleine Harald sein glattes glänzendes Köpfchen nicht heben, nicht in gewohnter jugendlicher Leichtigkeit über die Tasten springen. Was war da los? Der große Harald griff sich irritiert in die Hose – solche Startschwierigkeiten kannte er nicht. Also schüttelte er den kleinen Harald ein wenig, dann etwas heftiger aber nichts, der kleine Harald hing nur weiter schlaff in seinen Händen. Vielleicht klappte es, wenn er ihm gut zureden würde, dachte sich der große Harald und suchte auf YouPorn nach Cheerleader-Videos. Aber auch das blieb ohne Erfolg, der kleine Harald verbarg nur mehr und mehr das Köpfchen im Rollkragen.

Na gut, dachte sich der große Harald und griff zum Telefon. Christoph Amends müde aber dominante Stimme erklang auf der anderen Seite des Hörers. „Schön dass du anrufst Harald, wir hatten gerade in der Redaktionssitzung über dich gesprochen.“ Beim Versuch wenig überrascht zu klingen, erschallte Haralds Frage „Wie das?“, in unerhört hoher Stimmlage. „Beruhig dich Harald, alles halb so wild.“ Dem großen Harald stockte der Atem, der kleine war schon gar nicht mehr zu sehen. „Wir haben da unsere Kidz von der IT was ausprobieren lassen, Jugendförderung, du weißt schon. Die haben deine 1000 letzten Texte durch so ein Programm geballert,“ – „Geballert?!“ – „Ja, geballert, Jugendwort 2018, mensch Harald, lies doch mal Die Zeit! Auf jeden Fall hat ein Algorithmus 100 Texte ausgespuckt, die in Inhalt und Form deinen Texten in nichts nachstehen, tbh waren deine letzten 10 Kolumnen bereits computergeneriert und nicht mal dir ist es aufgefallen.“ In Erwartung einer Panikattacke griff sich der große Harald unweigerlich an die Brust aber nichts passierte. „Harald, gerade in der Redaktionssitzung haben wir beschlossen, dass wir es jetzt eine Weile mit diesen algorithmischen Texten versuchen wollen, das ist einfach viel zeitgemäßer, und Hand aufs Herz, Harald, besser die Leser kacken einen Computer an, als dich, oder? Siehs als kleine Auszeit, erhol dich ein bisschen, Macramé, sammle neue Ideen, in ein paar Monaten können wir es ja dann noch mal miteinander versuchen, also natürlich nur, wenn sich deine Texte signifikant von denen des Computers unterscheiden, versteht sich. Print muss da einfach mitgehen, das verstehst du doch?“ Amends Beschwichtigungsversuche halfen nichts – der große Harald versteht die Zeit nicht mehr.

 

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