Ingeborg wartet auf deinen Anruf

Ingeborg wartet auf deinen Anruf und liest DAS HERZZERREIßEN DER DINGE von Mayröcker und hat die Österreicher noch nie verstanden – was wollen die mit ihrer Lakonie und angebrochenen Sprache. Es gibt keinen Weg zwischen Nähe und Distanz, denkt Ingeborg und notiert es sich neben: MAN WILL MICH AUF KNIEN GEHEN LERNEN!

Ich könnte beim Joggen ausgerutscht und auf den Kopf gefallen und längst tot sein und Tod ist, dass es gerade so weiter geht, denkt Ingeborg, es war glatt und ich sehr schnell, dass ich ausgerutscht bin, ist sogar sehr wahrscheinlich. Die andere, noch plausiblere Lösung ist, dass ich schon lange, lange tot bin und das Leben nenne, was nur noch Nachbild ist – der berühmte Film, der vor den schwarzen Augen flimmert, sobald man sich in den letzten Atemzügen befindet. WAS IST DAS INGEBORG. Warum läufst du immer davon, hast du gefragt. Ja, gute Frage. Erst ein Mal: Mich langweilt das alles. Das muss ich ganz ehrlich sagen. Leben ist Langeweile. Also wenn man den ganzen Kram zum Zeitvertreib streicht. Die behäbigen Ablenkungen, um die herum man sein Ich gebaut hat. Den Job, die Liebe, die Familie, das Träumen, DAS HERZZERREIßEN DER DINGE eben – ein Mal mit dem Rotstift drüber und dann ist da nichts mehr. Leere. Langeweile. Es gibt keinen Sinn im HERZZERREIßEN DER DINGE.

Das ist Punkt Eins. Und Punkt Zwei ist, dass ich, ich, ich – hier gerate ich ins Stammeln. Wenn du endlich anrufen würdest, könnte dir Ingeborg erzählen, wie sie gestern wieder so rumsaß zwischen Menschen, unter Menschen saß und nichts gesagt hat. DU WILLST ALLES WISSEN ABER SAGEN WILLST DU NICHTS. Sagen willst du nichts, Ingeborg. Ingeborg könnte dir dann erzählen, wie sie unter Menschen saß und sich alles so fade angefühlt hat, fade und ohne roten Faden und wie es keinen Unterschied gemacht hätte, wäre sie jetzt da gewesen oder eben nicht.

Hey Boy, welcome to reality.

Punkt zwei ist die Auslassung. Also die Grenze der Einlassung. Bis hier hin und keinen Schritt weiter – so verhalten sich unsere Ichs. Wir können uns nur an unseren Körperöffnungen begegnen.

Wir können nicht wir sein, nicht auch nur für einen Tag. Dann legt Ingeborg Mayröcker zur Seite und legt sich zurück ins Bett. Heute war ein guter Tag, ich spüre meinen Körper, weil ich Hunger habe, denkt Ingeborg, ich spüre meinen Körper ganz deutlich, ich bin noch da, ich bin noch nicht tot, ich bin nicht ausgerutscht, alles ist gut gegangen, ich bin noch da. Und wenn du angerufen hättest, hätte ich es gar nicht mehr gehört, hätte gar nicht mehr ran gehen können.

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Ingeborg wartet auf deinen Anruf

Gute Menschen

„Überhaupt teilte Gita die Welt in Glück gehabt und
kein Glück gehabt auf und dann spielten wir eines ihrer Spiele und wurden nicht verrückt.“

 

 

Semiprofessionelle Lesung einer unveröffentlichten Kurzgeschichte

 

Gute Menschen