Abschiedsbrief 06.08.2015

Jetzt kann ich über die Liebe schreiben. Über die verbrauchte. Über die vergehende Liebe. Über meinen sehr vollen Kopf. Meinen übervollen Kopf. Über meine Wut. Über meine Angst. Über meine Angst, wie du mich verbrauchst. Wie mich jeder irgendwie für sich verbraucht. Wie du mein Ich zerquetschst – was am Ende dann mein Leben und mein kleines Herz zerbombt. Wie du mich nur liebst, wenn ich mich ganz in dir auflöse. Wie ich diese Männer gleichsam liebe und hasse. Wie es mich bewegungslos macht und einsam. Niemals bin ich einsamer, als in der Gegenwart eines solchen Mannes. Dann existiere ich nicht. Aber ich will genau das – ich will nicht existieren. Vielleicht ist meine Sehnsucht nach dir zugleich die Sehnsucht danach, nicht zu existieren. Nichts von dem, was in Büchern steht, ist Wirklichkeit – ihr Spinner. Schön nicken. Schön zuhören – schön weit weg sein. Dann sagst du: Da sind noch attraktivere Frauen, die vielleicht nicht so ein Problem mit Nähe haben. Da sind noch andere Menschen. Da ist noch eine ganze Welt außerhalb von mir. Da ist noch eine ganze Welt, die mich nicht braucht.

Abschiedsbrief 06.08.2015

Abschiedsbrief 22.06.2015

Ich würde mich gerne umbringen. Ich kann es nicht aber ich will es so unbedingt. Ich will einfach nicht mehr leben. Ich verstehe dieses Leben nicht. Ich verstehe mich nicht. Ich kotze jede scheiß Nacht meine Seele aus dem Leib, weil ich dieses grausame Leben nicht verstehe. Ich weiß nicht, warum ich mich selbst so sehr hasse. Es ist einfach da. Es kommt von ganz tief drinnen und es macht mir dieses starke Bedürfnis, mich ein Mal komplett umstülpen zu müsse, nur um zu wissen, ob da irgendwo vielleicht doch ein Mensch ist. Es ist einfach da und dann versuche ich, es auszukotzen aber dann in der nächsten Nacht ist es wieder da und dann wieder und dann wieder und dann wieder. Und mein Leben ist nur Schein. Es ist ein Abbild dessen, wie ich mir ein Leben vorstelle – Dinge tun, Menschen treffen, sich beschäftigen so lange es hell ist. Aber ich lebe nicht. Ich bin das nicht. Das ist eine Vorstellung, ein Abbild von mir, eine Rolle, die ich nach Außen spiele. Damit niemand sieht, wer ich wirklich bin. Denn ich bin dieses kotzende Mädchen und mehr nicht. Ich bin dieser Mensch, der kein Mensch ist, weil mein Wesen ist einzig und allein Selbsthass und das ist kein Mensch, das ist kein Leben. Und ich bin so krank, dass ich diese Worte, die ich gerade geschrieben habe, jetzt nicht so stehen lassen kann – sondern ich muss sie nehmen und daraus Literatur machen. Das ist mein erster Impuls. Damit sie ihre Macht über mich verlieren. Damit ich zurück kann hinter die Maske und tagsüber so tun kann, als wäre alles okay und als wäre ich ein Mensch, der ein Leben hat.

Abschiedsbrief 22.06.2015

Abschiedsbrief 24.04.2015

Ich fühle nicht. Du sagst „Überleg dir mal, was du eigentlich sagst, schreibst, veröffentlichst und es eventuell verletzt, während du mein Nicht-Antworten etc. zur absoluten Grausamkeit stilisierst.“ Ich denke: Fick dich, du Arschloch – sag mir nicht, was ich fühlen oder denken soll – ich fühle nicht. Sag mir doch einfach, dass es dich verletzt. Sag mir, dass du etwas fühlst. Sag mir, wie es ist, etwas zu fühlen – nur das kleine Bisschen, das kleine Bisschen, das keine Wut ist. Sag mir, wer ich bin. Wer ich sein könnte, wäre da etwas in mir – etwas das ist. Sag mir etwas. Ein Satz. Sag mir, dass du mich liebst. Oder dass du mich hasst. Gib mir ein Gefühl.

Aber da ist nichts. Das ist trocken. Das ist trockenes Brot herunterwürgen. Das ist Schorf kratzen, weil ich es einfach nicht lassen kann. Weil ich nicht damit aufhören kann. Weil ich mir jedes bisschen Fläche aufkratzen muss – weil ich das Blut spüren sehen muss. Ich fühle nichts.

Du sagst: Wie verschlossen und verschossen wir in unsere Ichs sind. Du sagst, es sei nicht notwendig. Aber es ist. Es ist, es ist, es ist, es ist, es ist – es ist. Verstehst du das nicht? Es ist. Sag mir, dass du mich liebst. Oder mich hasst. Sag mir ein Gefühl. Sag mir, dass es alles aufhört, wenn wir uns lieben – sag mir, ich bin erlöst.

Ich fühle nicht. Und ich dachte, du würdest mich besser kennen und verstehen, sagst du. Naja, und ich dachte, du wärest besser zu mir, sage ich. Ich sage. Du sagst. Aber ich, ich fühle mich. Ich fühle mich – nur in diesem Moment, wenn ich nicht fühle.

Was bist du nach dem Tod?

Dann bin ich Blumenerde.

Abschiedsbrief 24.04.2015

Abschiedsbrief 29.05.2000

(TW rape)

Ich sehe die Sache wie folgt: Ich bin 14 und ich habe keine Ahnung vom Leben. Wie auch – das meiste meines Lebens leben meine Eltern für mich. Ich bin 14 und mein Lieblingsalbum ist Incesticide von Nirvana. Der Junge von nebenan, der auch in meiner Klasse ist, hat mir die CD geschenkt. Nachts teilen wir uns das Dachfenster und ich bin ein bisschen verliebt in ihn. Ich hoffe, er mag mich, wenn er aus meinem Fenster Nirvana hört. Manchmal wirft er Münzen auf mein Glas, es klirrt, ich stecke den Kopf durch das Dachfenster und wir reden über irgendetwas – meistens über Musik. Er raucht und dann rauche ich mit, obgleich es mir weh tut – aber das ist okay. D. will wissen, warum ich glaube, in ihn verliebt zu sein und ich sage ihr, dass ich jeden Abend hoffe, es klirrt an meiner Scheibe und wenn es dann wirklich klirrt, bin ich sehr glücklich. Ich glaube, das ist verliebt sein.

Ich bin 14 und froh, endlich ein Handy zu haben. Ich kann jetzt SMS schreiben und meine Eltern bekommen nicht mit, mit wem ich rede – ich kann im Bett liegen und SMS schreiben. Seit ein paar Tagen schreibt mir A. – er ist 18 und nicht auf unserer Schule. Er ist erwachsen. Er schreibt, dass er mich schön findet, was mich irritiert, denn er ist mit L. zusammen. Ich mag sein Lächeln und dass er die Hosen sehr tief trägt, das sieht beim Gehen immer sehr schön aus. L. ist in meiner Klasse und ich frage mich, ob sie weiß, dass A. mir nachts schreibt. Ich traue mich nicht, es ihr zu sagen – es ist mein Geheimnis.

Wir sind bei D.. Ihre Eltern sind selten zuhause und wir können machen, was wir wollen. A. schreibt mir nette Dinge, sitzt dann aber neben L. und sie küssen sich. Er schreibt mir, dass er lieber mit mir zusammen wäre. Wir trinken Bier und Schnaps – A. und sein Zwillingsbruder waren einkaufen. Irgendwann sitzt A. neben mir. Er hat sich von L. getrennt. Er will mit mir zusammen sein. Ich war noch nie mit einem Jungen zusammen.

Wir sitzen auf dem Bett im Schlafzimmer von D.s Eltern. Ich weiß nicht, was wir hier sollen aber A. will mit mir alleine sein und ich mag sein Lächeln sehr. Seine erste Berührung erschreckt mich, ich hatte nicht damit gerechnet. Er streichelt mir den Rücken und ich muss lachen – es kitzelt. Er küsst mich. Es ist ein heftiges Gefühl irgendwo in der Mitte meines Körpers, starke Hitze pulsiert bis hin an den Rand meine Oberfläche, müsste sie sprengen … aber es bleibt ganz in mir und ich sage auch nichts. Ich sage auch nichts, als er meinen Pulli auszieht – mir ist sehr warm aber ich bin irritiert. Es geht sehr schnell, ich habe auch keine Jeans mehr an und ich schäme mich, nackt zu sein – ich will nicht nackt sein. Er sagt, er fände mich schön. Ich will trotzdem nicht nackt sein. Aus dem heftigen Gefühl in der Mitte meines Körpers dringt die Bitte, wieder rüber zu gehen – zu den anderen. Ich höre die Musik von drüben. Warum denn, will er wissen – ich weiß nicht, es irritiert mich und seine Küsse werden heftiger und seine Hände sind irgendwie überall und ich sehe die Decke des Schlafzimmers – warum? Mir ist auch übel vom Alkohol und allem – ich will rüber gehen und sage, ich will rüber gehen – ich will aufstehen aber er reagiert auf diese Bitte nicht und obgleich er sehr dünn ist, liegt sein Körper schwer auf meinem und ich weiß gar nicht, was er jetzt will – warum ich nackt bin und er nicht und seine Berührungen sind hart und alles riecht nach Schweiß und Alkohol. Das Gefühl aus der Mitte meines Körpers ist verschwunden. Ich will, dass er von mir runter geht aber er reagiert nicht und mein Herz schlägt schnell. Er sagt gar nichts mehr, er hält mich nur fest, wenn ich versuche aufzustehen. Ich versuche aufzustehen, er drückt mich runter und er drückt seinen Unterarm so fest gegen meinen Hals, dass mir schwindelig wird. Ich verstehe es nicht aber alles, was er jetzt tut, tut mir weh. Mir tut alles weh.

Meine Augen sind geschlossen, schon seit einer ganzen Weile. Ich denke, er hat den Raum verlassen – ich weiß es nicht mit Sicherheit, ich habe nur die Tür gehört. Ich spüre gar nichts mehr aber ich denke, mir müsste kalt sein, also wickle ich mich in die Decke.

Später ist meine Freundin sauer auf mich, weil auf dem Laken im Bett ihrer Eltern Blut ist. A. und L. sind wieder zusammen.

Mir tut alles weh.

Mir tut alles weh. Seit Jahren.

Abschiedsbrief 29.05.2000

Abschiedsbrief 13.04.2015

Schau, ich hatte gerade deinen Schwanz im Mund und jetzt schläfst du – das ist normal. Das nennt man: Nähe.

Nur mich macht diese Nähe krank. Ich hasse mich für jeden Moment dieser Nähe und jeden Typen der sagt: Du bist ganz nett, aber …

Aber. Aber. Ich habe diesen Satz auch schon ein paar Mal gesagt. Klar. Man sagt das schnell, wenn es nicht gefunkt hat. Und es funkt oft nicht.

Ich kann z.B. nicht verstehen, warum du jetzt schläfst.

Ich ertrage diese Berührungen nicht, die nur so tun, als wollten sie mir nahe sein – dieses einander streifen, aber sich nie ganz hergeben – dieses sinnlose gefickt werden ohne Gefühl.

Warum sich selbst behalten.

In meiner Vorstellung muss es möglich sein, sich gegenseitig im jeweils Anderen zu verlieren und zu finden – in Einem, zugleich. (Platon, Kugelmenschenschwachsinn)

Das klingt so, als würde ich mich der Andren wegen umbringen. Aber ich bringe mich der Nähe wegen um. Sie existiert nicht. Ganz ohne Metapher: Sie existiert nicht.

Was ich bis zum Ende meines Lebens nie verstanden habe: Die Asymmetrie zwischen durch-einen-anderen-Menschen auf die Welt kommen und von allen Anderen im eigenen Ich getrennt sein.

Ich bringe mich der Nähe wegen um. Weil es mir das tiefste Bedürfnis ist, die Welt und die Menschen zu durchdringen, mit all dem Eins zu werden, was nicht Ich ist. Einheit. Einheit ist unerreichbar.

Deshalb lese ich gerne. Ich liebe Bücher, weil sie mir das Gefühl geben, ich kann die Gedanken eines Anderen ganz und gar durchdringen. Aber dann schaue ich auf meine Hände – auf das Buch. Es ist ein Gegenstand. Und ich bin nicht das Buch.

Mein Ich – so ein Ich – das kann doch in diesem Getrennt-sein von allem anderen keine Erfüllung finden. Klar, man kann sich in sich selbst verlieben – und davon überzeugt sein, dass die ganze Welt einen liebt – glücklich sind die Narzissten und ich bewundere sie sehr.

Sei ganz du selbst.

Wenn ich ein Narzisst wäre, würde ich mir selbst vielleicht genügen. Aber ich genüge mir nicht.

Abschiedsbrief 13.04.2015

Abschiedsbrief 10.04.2015

Ich rauche die Zigarette und ich will, dass sie ewig lang glüht, wie ich. Ich kann mir nicht vorstellen, was nach mir sein soll – ein Hohlraum, Leerstellen

Das bin ich.

Leerstellen.

Ich kenne diese Abwesenheit. Mir ist jeder Mensch abwesend. Das ist eine Zumutung – eine Zumutung an alle Menschen, sie könnten mehr anwesend sein, als sie es sind – sie sind ja. Das ist meine Zumutung an das Mensch-sein – dass es mir immer irgendwie abwesend ist.

Ja. Ich bin undankbar. Ich bin ein undankbarer Mensch. Ich bin nicht dankbar für das Geworfensein. Ich bin nicht dankbar, ins Leben geworfen worden zu sein. Ich bin nicht dankbar für das Leben.

Ein Mensch, der sich selbst hasst – also ich. Ein Mensch, der sich selbst hasst und mit seinem Selbsthass auch die Liebe aller seiner Mitmenschen aufs Äußerste strapaziert – warum soll der Leben? Es ist doch Quatsch.

Und irgendwann stirbt man. Man stirbt vielleicht glücklich im Schlaf, wenn man ein langes Leben hatte oder sehr plötzlich und unerwartet auf eine recht unfaire Art und Weise. Aber man stirbt. Also ich. Ich sterbe.

Ich sehe keinen Grund darin, zu warten. Ich erwarte nichts mehr.

Abschiedsbrief 10.04.2015

Abschiedsbrief 09.04.2015

In den Kisten sind:
53 Hefte, nicht sortiert, teilweise Tagebücher
187 Seiten sortiert, Roman mir frieden
240 Seiten sortiert, Roman patian
patina in drei, vier Versionen, mehr oder weniger sortiert mit handschriftlichen Notizen usw.
viele lose Seiten handschriftlich und ausgedruckte Schrifterzeugnisse
drei Festplatten mit allem drauf, was ich bisher geschrieben und oder photographiert habe

Laptop 1&2 jeweils kein Passwort
Handy: Pin: 4567, Passwort 4567

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please don’t kill me

Abschiedsbrief 09.04.2015

Abschiedsbrief 07.04. 2015

Ich muss an Ranjo denken. Wir waren 16 und ein bisschen verliebt und nachts hat er mir SMS geschrieben – es ging ihm nie gut. Nachts war er traurig, einsam und so – das Übliche. Er hat mir SMS geschrieben von seiner Trauer, Einsamkeit und ich habe brav geantwortet. Ich wollte, dass es ihm gut geht, ich wollte, dass er nicht alleine ist – es ist das Schlimmste, alleine zu sein. Für mich ist es das Schlimmste, alleine zu sein. Nur – für alle anderen ist es schlimm, wenn es mir schlecht geht. Wenn ich mich hasse, das ist schlimm für alle anderen, weil sie mich lieben – nicht alle aber einige und dann fällt es schwer, da zu sein – es ist dann sehr schlimm. Oder Ranjo, für mich war es schlimm, dass es ihm jede Nacht schlecht ging. Ich habe ihm dennoch geantwortet, egal wie schlimm es für mich war. Schlimmer war für mich die Vorstellung, er wäre allein. Er schrieb: Ich will mich umbringen. Begleitest du mich in den Wald und wartest, bis ich tot bin? Hältst du meine Hand? Er wollte also … dass ich ihm beim Sterben beistehe.

Zuschauen. Er wollte, dass ich zuschaue. Was soll ich dort im Wald tun? Soll mit ihm in den Wald gehen und dann schneidet er sich die Pulsadern auf – oder ich, ich schneide ihm die Pulsadern auf und dann schaue ich dabei zu, wie ihm langsam das Blut aus den Armen fließt? Oder schnell – es fließt sicher ganz schnell, weil das Herz noch pumpt – wie lange pumpt das Herz noch, wenn das Blut aus den Adern fließt?

Ist das also der Tod? Der Abschied? Ich lasse alle anderen dabei zuschauen, wie ich mir die Adern aufschneide? Warum? Ist das mein Tod? Aber Ranjo hat recht … der Tod ist wirklich das Einsamste, was uns passieren kann – also mir und ihm. Im Tod bin ich wirklich alleine. Das Alleinsein vorher – das ist die Übung an den Tod. Aber jetzt – jetzt bin ich wirklich alleine und hier sind nur die Worte und es sollen meine letzten sein?

Meine letzten Worte gehen an Ranjo, der mich nach sechs langen Teenagermonaten für ein anderes Mädchen verlassen hat, obgleich ich ihm jede Nacht geantwortet hatte. Das ist heute natürlich nicht mehr schlimm. Ich muss ja nur an ihn denken, weil er damals nicht alleine sein wollte und ich es jetzt aber verstehe – ich verstehe diese Bitte. Ich will auch nicht alleine sein – also schreibe ich: Ich will nicht alleine sein.

Abschiedsbrief 07.04. 2015