Orbanität/Abszess: Wegmarken

Den nachfolgenden Text habe ich speziell für den Orbanitätskatersalon vom 08.05.2015 verfasst und live als Performance vorgetragen. Unter der Leitung von Christiane Frohmann bekam das Publikum einen Einblick in entrückte Zeit-Räume und Erfahrungswelten, virtuelle Enträumlichung und subjektive Verortungsphänomene. Hier jetzt ein kleiner Teil davon.


Abszess: Wegmarken

Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Ich aktualisiere.

Ich drücke auf den Knopf – ich aktualisiere.

Refreshing the Page

Es muss doch irgendwas passieren. Es muss doch irgendetwas passiert sein. Ich aktualisiere. Es passieren doch Dinge. Es muss doch irgendetwas passieren. Passieren.

Zum ersten Mal passiert bin ich am 23. Juli 1985 um 21:10 im Kreiskrankenhaus Temeschburg Rumänien. Meine Mutter, die mich hat aus Versehen passieren lassen, wäre bei diesem Vorgang fast ums Leben gekommen, da der Arzt, den mein Großvater zwecks meines baldigen Passierens vorsorglich bestochen hatte, schnellst möglich in den Urlaub passieren wollte. Einige Unachtsamkeiten hätten das endgültige Passierens meiner Mutter aus dieser Welt heraus bedeuten können – dem war nicht so. Glück passiert. Wenige Monate später – sie hatten die Entscheidung schon weit vor meinem Passieren getroffen – passierten sie die Grenzen des Sozialismus in Richtung gelobtes Land: Israel. Usw. Wegmarken meiner Existenz, wenn ich mein Passieren in dieser Welt verorten muss.

Passieren. Es muss doch etwas passieren. Dinge passieren. Menschen. Ich passiere. Jetzt. Ich passiere, wenn ich hier oben auf der Bühne stehe, ins Licht geworfen und mit Glitzer besprüht. Ich passiere, wenn ich auf Aktualisieren drücke – refreshing the page.

Ich passiere, wenn ich so – von einer Seite der Bühne zu anderen schreite, ein bisschen nervös. Nervöses Passieren. Ich passiere, wenn du mich anschaust. Ich passiere, wenn du mich liest. Ich passiere als Immatrikulationsbescheinigung der Universität Heidelberg, als Steueridentifikationsnummer ID14589572039, als Wohnort Wilhelmshavenerstraße 41, 10551 Berlin, als Sarah Berger aka. @milch_honig, als ich kaufe nicht bei H&M ein, weil die Sachen durch Kinderhände passieren, als Frage meines Vaters ob ich jetzt als ein Hipster Berlin passiere, als Abschiedsbrief 13.04.2015, als ja klar kannst du dich an meiner Schulter ausheulen und dann mit meiner besten Freundin vögeln, ich passiere als Idee, als Vorstellung, als Raum, als Opfer, als Zustand, als Melodie, als Milchmädchenrechnung … Ich bin eine Floskel – ein Zeichen – eine Schublade. Ich bin ein Gegenstand. In bin eine Form gepresst auf Fläche. Ich bin Zeit. Ich bin diese Linie gezogen durch Zeit und ausgefranst. Ich bin vergangen.
„Da war es wieder.“ – „Hm?“ – „Da war es wieder.“ – „Was?“ – „Das Geräusch.“ – „Welches Geräusch?“ – „Mein Herz, ich glaube, es ist mein Herz.“
Ich aktualisiere. Ich passiere. All das sind Dinge meines Passierens. Tut mir leid, ich bin wie ich bin, das ist alles. Der Schreibraum wird eng, wenn ich ihn nur über das Ich passiere. Kaum mehr passiert etwas über einen allwissenden Erzähler – eine Figur, die überall gleichzeitig passieren konnte, die sowohl das Geschehen selbst als auch die diversen Ichs und Dus zu durchdringen wusste, deren Innenraum selbst aber kaum zu passieren ist. Das Ich ist immer mehr in den Mittelpunkt des Erzählens gerückt – ein „kleiner“ Schreibraum der zugleich den Innenraum des Erzählten selbst absteckt. Für das Passieren bedeutetet das, das nunmehr alles durch das Ich passiert und irgendwie alles, was Nicht-Ich ist, ein Problem darstellt.
„Du liebst mich?“ – „Ja.“ – „Tust du?“ – „Ja.“ – „Wirklich?“ – „Ja.“ – „Sag es.“ – „Was?“ – „Dass du mich liebst.“ – „Hab ich doch.“ – „Nein.“ – „Natürlich habe ich.“ – „Nein! Hast du nicht, ich habe dich gefragt und du hast ja gesagt. Aber du hast es nicht gesagt.“

Wir passieren das 21. Jh. Quasi. Wir sind noch am Anfang. Viele Dinge passieren – quasi zeitgleich – passieren Flüchtige Grenzen und andere grenzen sich ab mit man wird ja wohl noch – passieren dürfen. Man wird ja wohl noch passieren … entschuldigen Sie mal, aber haben Ihre Augen da gerade ungebührlich meinen Arsch passiert? Oder Ihre Worte – haben Ihre Worte gerade ungebührlich diese, meine Grenze passiert? Ich kenne deine Grenze nicht. Die Grenze zwischen Menschen ist das Mensch-sein. Manche Menschen sind nur in Worten greifbar. Langes Schweigen.

Komm, ich nehme dich an die Hand meiner Grenze. Heimat z.B. ist ein seltsamer Ort, eine seltsame Form der Grenze im Verortungsystem des eigenen Selbst. Meine Eltern haben keine Heimat. In Deutschland waren sie die Juden, in Rumänien die Deutschen, in Israel die Rumänen. In Berlin bin ich die aus Süddeutschland und in Süddeutschland, die die jetzt in Berlin wohnt.

Da ist eine Kluft dazwischen. Da ist eine Lücke – dort. Dort, wo wir uns begegnen. Dort, wo ich ende und du beginnst. Da ist immer ein: Woher kommst du. Wohin gehst du. Da ist immer ein Passieren. Ich passiere in deinem Mund. Das Wesen der Dinge ist ihr Passieren. Grenzen z.B. – Grenzen sind Grenzen weil wir sie passieren. Weil wir sie passieren lassen. Und wenn da Nähe war, dann war es immer zu nah, so dass man es nicht aushalten konnte.
Zurück zum Ich:

„Nichts von dem, was du sagst in meiner Abwesenheit, wenn du sprichst im Schlaf, ergibt einen Sinn – und das macht mir Angst. Und vor allem: Ich komme nicht vor, ich komme nie vor in dieser Abwesenheit, in diesem, in diesem Leben ohne mich, komplett – etwas anderes, etwas, das du bist ohne mich, was ist das? Was lebst du da? Was lebst du ohne mich? Was passiert ohne mich?“

Nachts bin ich immer so unglaublich allein. Nachts im Traum bin ich immer so unglaublich allein. Und es ist nur wahr, es ist nur passiert, wenn du ein Foto davon postest.

Also es muss doch etwas passieren. Dinge – Dinge passieren. Grenzen. Grenzen passieren. Menschen. Menschen passieren. Orte. Orte passieren.

Ich aktualisiere. Ich poste ein Foto davon, wie ich aktualisiere. Ich poste ein Foto davon, wie ich passiere.

Und wenn du andere hast – wenn du andere passierst – denkst du dabei an mich. Zumindest ab und zu.

„Dir geht es gut mit mir?“ – „Ja!“ – „Alles ist so, wie es sein sollte?“ – „Was? Ja …“ – „Ich mache mir Sorgen um dich.“ – „Ich bin glücklich.“ – „Das glaube ich nicht.“ – „Hör auf, lass mich.“

Ich aktualisiere. Ich aktualisiere. Was passiert da eigentlich? In der Welt? Und wo? Ich meine, wenn ich kein Foto davon machen kann, ist es dann passiert? Und du, wenn du kein Foto davon machen kannst, ist es dann passiert?

„Es ist so still.“ – „Was?“ – „Ist es bei dir auch so still?“ – „Ob es bei … was?“ – „Ob es bei dir auch so still ist, bei dir da drüben.“ – „Da drüben?“ – „Da wo du bist, da…“ – „Ich bin doch ganz nah bei dir.“ – „Nein!“ – „Was?“ – „Nein, das bist du eben nicht.“

Sag mir, was du willst. Lange Stille.

Ich denke an Herrndorf und zitiere:

„Die Libelle, die ich gestern am Terrassenfenster sah und der ich den Weg ins Freie mehrfach gewiesen hatte, bis sie für mich nicht mehr zu finden war. Jetzt liegt sie auf den Fliesen. Ich beobachte das Wunderwerk auf dem Boden. Es liegt in den letzten Zügen. Nur ein Beinchen zuckt noch. Oder auch nicht. Ich trage das Insekt vorsichtig in eine windgeschützte Ecke der Terrasse. Ich platziere einen winzigen Wassertropfen nah an seinen Mund und beobachte lange die vielleicht nur noch vom Wind bewegten Arme. Sie ist tot. Ich schiebe den Leichnam in eine Streichholzschachtel. Mit C. Bestatte ich die Libelle am Ufer.“

Ich passiere. Kennt ihr ihn noch den Passierschein A38? Sinnbild aller Transfersituationen. Ich häng halt nicht die ganze Zeit vor Google Analytics rum und aktualisiere – das tue ich nicht. Mir ist das egal. Ich stelle mir gerade vor, wir bräuchten für jedes zwischenmenschliche Arrangement einen Passierschein A38 – so ein Papier, eine Urkunde, ein bürokratisches Dokument, das unser Dasein legitimiert – unser Dasein und unser Handeln, in jeder Situation – das unsere gegenseitigen Transfers legitimiert – unser jeweiliges und gegenseitiges Passieren. Paare und Passanten, während ich im Café sitze und meinen Bildschirm aktualisiere.

Ich bin passiert in Heidelberg – sechs Jahre lang Philosophiestudium im Elfenbeinturm am Neckar mit Blick zwischen die Berge. So schön. Mein Lieblingsplatz in Heidelberg ist der Marsiliusplatz – es ist ein vollkommen bedeutungsloser Ort – er liegt zwischen Neuer Uni, Philosophischen Seminar und Musikwissenschaftlichem Seminar und eigentlich ist es nur ein Parkplatz – und jedes Mal wenn ich diesen Platz überquere, schaue ich hoch auf den Turm der Jesuitenkirche aber an den Türmen der Jesuitenkirchen hängen keine Uhren. Und manchmal habe ich mich auf die Stufen gesetzt, auf die Stufen hin zum Platz und habe die Passanten beobachtet, wie sie sich über den kleinen Platz bewegen – ein Platz, der nichts anderes ist als Transfer. Ein ganzer Platz nur als Bewegtes. Ein ganzer Platz nur als Passierendes.

Ich passiere, wenn du schweigst, wenn du weg schaust, wenn du gehst, wenn du passierst. Zeit. Zeit und Raum. Das Passieren der Dinge ist nicht ohne das Werden der Dinge denkbar. Und im Werden gibt es keinen Weg zurück. Das eigentliche Problem ist also weniger der Raum, als die Zeit. Oder vielleicht ist es ganz einfach – vielleicht sind sie beide – also Raum und Zeit – vielleicht sind sie Romeo und Julia, nicht gestorben in der Kapelle sondern Hand in Hand auf den Sonnenuntergang zuschreitend.

Denke ich also an Orbanität, denke ich an eine relativ offene Kategorie für diverse Verortungsphänomene. Ich denke an abstrakte Umlaufbahnen, an Strukturen, die mich verorten. Ich denke daran, mich zu aktualisieren. Ich denke daran, zu passieren. Hier. Jetzt. Mit Glitzer im Gesicht. Im Licht. Es sind Orte, die passieren. Orte die im Passieren sind – Orte als Geschehen. Sie sind – etwas ist – eine Entität, ein Zustand der eine ähnliche Qualität hat, wie ein Ort aber dessen Eigenschaft mitunter darin besteht, zu passieren – wobei eigentlich jeder Ort im Passieren ist. Genau diese Bühne z.B. kann nur eine Bühne sein, weil ich auf ihr passiere. Der Alex kann nur der Alex sein, weil tagtäglich hunderte von Menschen ihn passieren usw.

Traumwelten, Phantasie, Schreibräume, das Internet – all das sind Orte, deren Verortbarkeit im Akt des Passierens liegen – im passierenden Ich. Im: Ich passiere.

Advertisements
Orbanität/Abszess: Wegmarken

…sondern Dasein ist ursprünglich.

Ich sage immer: Ja, du kannst mit mir über alles sprechen. Aber eigentlich will ich nichts hören, was nicht meine Stimme ist. Und meine Stimme ist dunkel und monoton. Ich sage: Ja, du kannst mir alles sagen. Aber eigentlich will ich nichts hören, was nicht Ich bin. Und ich bin. Und ich bin – dein Mund. Du sagt, er ist schön, er ist voll – so voller Worte und ich sage, er ist zum Küssen da, nicht zum Sprechen – und ich verbiete dir deinen Kussmund, ich verbiete dir jedes Wort darin, was nicht Ich bin. Und ich bin. Und ich bin – deine Worte. Deine Worte sind so langgezogen und so langweilig, wenn sie nicht Ich sind. Deine Worte, deine Worte sind so zäh, wie das Sperma, das ich schlucken soll, wenn ich mich hingebe – so zäh und ohne Geschmack. So zäh und ohne Ziel, wenn es nicht Ich bin.

Du sagst immer: Ja, du kannst mit mir über alles sprechen. Aber eigentlich willst du nichts hören, was nicht deine Stimme ist. Und deine Stimme ist irgendwie und monoton. Du sagst: Ja, du kannst mir alles sagen. Aber eigentlich willst du nichts hören, was nicht du bist. Und du bist. Und du bist – mein Mund. Ich sage, er ist schön, er ist voll – so voller Worte und du sagst, er ist zum Küssen da, nicht zum Sprechen – und du verbietest mir meinen Kussmund, du verbietest mir jedes Wort darin, was nicht du bist. Und du bist. Und du bist – meine Worte. Meine Worte sind so langgezogen und so langweilig, wenn sie nicht du sind. Meine Worte, meine Worte sind so zäh, wie das Sperma, das du schlucken sollst, wenn du dich hingibst – so zäh und ohne Geschmack. So zäh und ohne Ziel, wenn es nicht du bist.

Du sagst: Wie verschlossen und verschossen wir in unsere Ichs sind. Du sagst, es sei nicht notwendig. Ich zucke mit der Schulter und denke: Hier und jetzt – mach es anders.

…sondern Dasein ist ursprünglich.

was ist mit den ganzen Verrückten

[…]

Wenn eine Wolke kommt – // Sterbe ich. Noch waren es die ersten Tage – Norah saß in dieser Bar, hinter dem Marktplatz – Eckkneipe mit verschlossenen Fenstern ab 22 Uhr. Sie saß vorne an der Tür – am ersten Tisch. Als sie den abgedunkelten Raum betrat, hatte er schon lange Platz genommen, ein paar Tische weiter, in der Mitte, mit Jemandem, den sie nicht kannte. Als er sie sah, lag ihr Blick schon auf dem Boden – sie ließ sich in den weichen Sessel fallen. „Ich las Else an diesem Abend unserer ersten Begegnung.“ Vielleicht war es befremdlich alleine in einer Bar zu sitzen und zu lesen – irgendwann tat es jeder in Heidelberg, irgendwann war es Mode. Ihr Blick ging gelegentlich über die Seiten zur Mitte hin – wild seine Hände in der Luft, unterstreichend – laute Musik. Aber dein Antlitz wärmt meine Welt, // Von dir geht alles Blühen aus. Norah nahm nur kleine Schlücke aus ihrem Glas – die letzte Bahn im Blick. Vielleicht hätte sie sich zu ihm an den Tisch setzen sollen – in die Mitte ihres Gesprächs – manchmal dann sein Blick und dieses dumme Gefühl – dieses falsche Sitzen und überhaupt hier sitzen, allein, mit einem Buch – mit Blick in die Mitte. Irgendwann ging Jemand – eine Umarmung zum Abschied und mit diesem Windstoß erhob sich auch Noel aus der Mitte des Raumes zum Ausgang hin. „Darf ich?“ er deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. Norah nickte nur und legte das Buch auf den Tisch. „Jetzt bieder ich mich so an – auch peinlich. Hab dich ja schon gesehen, als du rein gekommen bist aber wir waren so am diskutieren.“ Norah nickte nur. „Else Lasker-Schüler?“ fragte er und zog das Buch näher ran. „Etwas kitschig oder?“ Er blätterte durch die Seiten. Norahs Wangen glühten über seine Worte. „Ich finde sie sehr ehrlich.“ – „Kennst du Gottfried Benn – das ist Ehrlichkeit – Zersprengtes Ich – wegen Kokain sitze ich wohl hier.“ – „Kokain?“ – „Das Gedicht von Gottfried Benn – hier schau mal.“ er zog aus seiner Manteltasche in kleines schwarzes Büchlein und suchte nach dem letzten Eintrag. „Das habe ich heute geschrieben.“ Norah konnte seine enge, in alle Richtungen verzogene Schrift kaum entziffern – über ihr Stirnrunzeln zog er ihr das Büchlein unter den Augen weg und begann vorzulesen. Es waren ein paar Zeilen in einem sehr expressionistischen Stil – mit vielen Worten wies er sie auf die Zeilenumbrüche und die dadurch entstehenden diversen Lesarten hin. Alles strahlend – leichte Bewegung über das Schriftstück. „Was willst du trinken?“ – sie zuckte mit den Schultern – „Gin Tonic? Ich lade dich ein.“ und sein krummer Körper ging an die Bar. „Du bist immer so ruhig!“ sagte er und grinste. „Naja, ich höre gerne zu.“ sie lächelte. „Meine letzte Bahn geht bald.“ – „Oh, schade – in…“ er zog seine Armbanduhr aus der Tasche – „in 20 Minuten ist mein Geburtstag.“ – „Wie?“ – „Ja, ja – ich mag meinen Geburtstag nicht – ich war auch eigentlich hier verabredet mit einer Freundin aber sie hatte dann doch keine Zeit.“ Norah schluckte. „Na dann werde ich wohl bleiben müssen.“

[…]

Norah fühlte seinen Blick auf sich ruhen. „Ich bin so erbärmlich Norah, so erbärmlich – so klein mit Hut.“ Daumen und Zeigefinger umspielten einen Raum von wenigen Zentimetern direkt vor ihren Augen – Worte, die bebten zwischen ihren Rippen, in ihren Händen, ihn jetzt ergreifen – Norah blieb ruhig. Er hatte aus seiner Zerrüttung gesprochen – vom Land und seiner schizophrenen Mutter – von einer Flucht in die Bücher – die ersten Zeilen Hölderlin und plötzlich etwas verstanden zu haben. Norahs Lippen waren dünn vom Druck – seine Worte ließen keine Zwischenzeilen, keinen Moment des Dazwischenkommens – kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen. „Ich rede ganz schön Blödsinn – laber dich hier mit meinem Scheiß voll.“ ein leichtes Säuseln umspielte seine Lippen. Lange suchten seine Augen Tabakreste über den Tisch – nur ein kleines Huschen über ihr marmornes Gesicht – feste Züge und ein Moment Halten. Etwas zu große Augenbrauen womöglich und mit einem Lächeln zog er sich aus diesem Augenblick. Sie liefen dann durch die schmalen Gassen – Norah würde laufen müssen, den ganzen Weg weit bis in die hinterste Ecke Heidelbergs – sie hatten die gleiche Richtung. In ihrem Kopf schon einige Ideen – am Kunstverein vorbei mit den großen Tonfiguren – Noel musste lachen. „Mein Mitbewohner hat letzte Woche betrunken einen dieser weißen Stühle mit genommen – wir haben einen Stuhl zuwenig in der Küche – jetzt steht dieser Plastikstuhl bei uns rum.“ Vor seiner Wohnung dann keine Umarmung – nichts von all der Offenheit von vor ein paar Stunden. Aber du kamst nie mit dem Abend – // …Ich stand in goldenen Schuhen.

[…]

Sie liefen durch die nassen Straßen – Norah ihm immer einen halben Schritt hinterher, spürte er ihren Blick in seinem Nacken. Erst später hatte er begriffen, dass sie den ganzen Weg alleine nach Hause gegangen war, dass sie nur seinetwegen sitzen geblieben war, mit seinen alkoholdurchträngten Gedankensprüngen. Sie war dieses warme Gesicht in der Ecke, eine Stille mit der man sich umhüllen wollte, in die man Worte legen musste. Dann saß sie plötzlich in seinem Zimmer – unvermittelt mit einer Flasche Rotwein – ein paar Wochen später und er zog das alte Büchlein aus dem Regal mit dem ganzen Quatsch – aber es sollte kein Quatsch sein und sie hatte mit einem Mal diesen Blick der alles zu verstehen schien. Sie hatte die Haare ganz kurz, etwas knabenhaft verstrubbelt mit leichtem Pony über die Brillengläser. Ja – das war die Bewegung – sie saßen am Tisch und er sah ihren Blick fallen. „Warum senkst du immer den Blick?“ fragte er und es sollte frech sein und irgendwie sollte sie lächeln und sie lächelte irgendwie unten, unterhalb ihres Kinns, welches sich immer tiefer in den Schal bohrte. Er lag breit in den Holzstuhl gelehnt und diese Bewegung, ihre Bewegung – alles in sich hineinziehend, als würde gleich ihr ganzes Sein in ihr verschwinden, ließ ihn fast etwas heraus fahren – später wollte er sie immer schütteln. Nur sehr langsam hob sie den Kopf, vielleicht nahm sie ein Schluck Rotwein – „Um mich aus der Welt zunehmen.“ sagte sie ganz ernsthaft. Ein kurzer Moment schwankte etwas herüber, eine Druckwelle, ein kurzer Impuls auch hätten sich für einen schmalen Augenblick alle Farben umkehren können – zum ersten Mal spürte er sie. Dann irgendwann begann sie, sich zusammen zusetzten, langsam, aus meinen Versatzstücken – aus Namen wie Benn und Heidegger aus langen Blicken, die alles wollten, alles inhalieren, der Kiefer über Unterlippe ganz langsam, nachdenklich. Sie liefen über die nasse Straße und irgendwie war sie an diesem Abend ja nur Zufall am runden Tisch neben der Tür. Durch die Zeit hoffte er noch auf die Andere, die weniger Spiegel war – drehte sich zu Tür, sah ihre schmalen Lippen Worte nachlesen – fand sich traurig, sie traurig. Sie liefen über die nasse Straße und Noel schwankte etwas. „Weißt du was mich an dieser Frage am meistens stört?“ fragte Norah mit einem Mal und Noel musste sich fast umdrehen um sie zu hören. „Welche Frage?“ Er wollte nach Hause, betrunken, aus ihrem Blick – Geburtstage waren ihm verhasst. „Na worüber wir vorhin sprachen – was als Geisteskrankheit gilt und so.“ Noel erinnerte sich – irgendwann zwischen dem zweiten Glas Gin und seiner Stoßbeichte hatte er, wahrscheinlich als Ankündigung für alles Kommende, zu dieser Frage ein paar Gedanken verloren. „Was ist eigentlich mit den ganzen Verrückten, die noch niemals ein Einhorn gesehen haben?“

aus Kapitel 2 und 4
was ist mit den ganzen Verrückten