Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt

Wo ich ende und du beginnst

Da ist eine Kluft dazwischen. Da ist eine Lücke – dort. Dort, wo wir uns begegnen. Dort, wo ich ende und du beginnst. Und es tut mir leid um uns. Die Dinosaurier durchstreifen die Erde. Der Himmel färbt sich grün – dort, wo ich ende und du beginnst. Ich bin oben in den Wolken und ich kann, ich kann einfach nicht herab. Ich kann es sehen, ich bin Teil davon – von alledem, wo ich ende und du beginnst. Dort, wo du mich alleine gelassen hast. Du hast mich alleine gelassen. Ein X markiert den Ort – wie das auseinander driften der Wellen, wie ein Haus ins Meer brechend. Ins Meer … Ich werde dich bei lebendigem Leibe verschlingen. Es wird dann keine Lügen mehr geben. Ich werde dich bei lebendigem Leibe verschlingen. Es wird dann keine Lügen mehr geben – dort, wo ich ende und du beginnst.

Wo ich ende und du beginnst

Abschiedsbrief 07.04. 2015

Ich muss an Ranjo denken. Wir waren 16 und ein bisschen verliebt und nachts hat er mir SMS geschrieben – es ging ihm nie gut. Nachts war er traurig, einsam und so – das Übliche. Er hat mir SMS geschrieben von seiner Trauer, Einsamkeit und ich habe brav geantwortet. Ich wollte, dass es ihm gut geht, ich wollte, dass er nicht alleine ist – es ist das Schlimmste, alleine zu sein. Für mich ist es das Schlimmste, alleine zu sein. Nur – für alle anderen ist es schlimm, wenn es mir schlecht geht. Wenn ich mich hasse, das ist schlimm für alle anderen, weil sie mich lieben – nicht alle aber einige und dann fällt es schwer, da zu sein – es ist dann sehr schlimm. Oder Ranjo, für mich war es schlimm, dass es ihm jede Nacht schlecht ging. Ich habe ihm dennoch geantwortet, egal wie schlimm es für mich war. Schlimmer war für mich die Vorstellung, er wäre allein. Er schrieb: Ich will mich umbringen. Begleitest du mich in den Wald und wartest, bis ich tot bin? Hältst du meine Hand? Er wollte also … dass ich ihm beim Sterben beistehe.

Zuschauen. Er wollte, dass ich zuschaue. Was soll ich dort im Wald tun? Soll mit ihm in den Wald gehen und dann schneidet er sich die Pulsadern auf – oder ich, ich schneide ihm die Pulsadern auf und dann schaue ich dabei zu, wie ihm langsam das Blut aus den Armen fließt? Oder schnell – es fließt sicher ganz schnell, weil das Herz noch pumpt – wie lange pumpt das Herz noch, wenn das Blut aus den Adern fließt?

Ist das also der Tod? Der Abschied? Ich lasse alle anderen dabei zuschauen, wie ich mir die Adern aufschneide? Warum? Ist das mein Tod? Aber Ranjo hat recht … der Tod ist wirklich das Einsamste, was uns passieren kann – also mir und ihm. Im Tod bin ich wirklich alleine. Das Alleinsein vorher – das ist die Übung an den Tod. Aber jetzt – jetzt bin ich wirklich alleine und hier sind nur die Worte und es sollen meine letzten sein?

Meine letzten Worte gehen an Ranjo, der mich nach sechs langen Teenagermonaten für ein anderes Mädchen verlassen hat, obgleich ich ihm jede Nacht geantwortet hatte. Das ist heute natürlich nicht mehr schlimm. Ich muss ja nur an ihn denken, weil er damals nicht alleine sein wollte und ich es jetzt aber verstehe – ich verstehe diese Bitte. Ich will auch nicht alleine sein – also schreibe ich: Ich will nicht alleine sein.

Abschiedsbrief 07.04. 2015

frühstück um halb zehn (9/12)

Ich weiß, wir sind nicht so was wie zusammen oder so aber es fühlt sich seltsam an, gar nichts zu sagen, also habe ich dir diese Karte gekauft. Es ist keine große Sache. Es bedeutet nicht wirklich was. Es ist nicht mal ein Herz auf ihr oder so was in der Art. Es ist eigentlich nur eine Karte, um Hallo zu sagen. Vergiss es einfach. Julie musste lachen. Auf der Rückseite der Karte stand mit Ausnahme ihres Namens und ihrer Adresse sonst nichts. Feine, saubere Druckbuchstaben. Der Poststempel Berlin, gestern. „Weißt du, von wem sie ist?“ Julie zuckte mit der Schulter. „Wie aufregend – ein heimlicher Verehrer.“ Lora nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse Kaffee: „Du – ich muss jetzt los. Super nice, dass du extra zum Frühstück in meine Ecke gekommen bist aber….“ Julie nickte nur, blieb sitzen. Die Karte rotierte zwischen ihren Zeigefingern. Vielleicht ein Witz von irgendeinem Freund – eher so was. Also schob sie die Karte zurück zwischen die Buchseiten. Lora hatte vergessen zu bezahlen. „Weißt du, das ist ja genau das Problem – es gibt ja überhaupt keine Initiative mehr. So ein Mann, der einfach mal sagt: Hey, du gefällst mir, wollen wir ausgehen.“ Oder eine Frau. Oder ein ein Mensch. „Ich glaube, das Problem ist, dass zu viele Modelle gleichzeitig bestehen – und diese Modelle, die schließen sich teilweise gegenseitig aus und weil jeder sein eigenes Modell hat, weiß man einfach nicht mehr, wie man miteinander sprechen soll, oder sprechen kann – verstehst du? Und deshalb sprechen wir einfach gar nicht mehr miteinander. Früher war das einfacher – da hat einfach der Mann den ersten Schritt gemacht…oder er hat eben die Frau hofiert. Und heute…heute sind alle so unabhängig, dass sie höchstens noch Verantwortung für sich selbst übernehmen können – oder vielleicht noch für eine Topfpflanze.“ Julie begann, sich das Schwarze zwischen den Fingernägeln zu pulen. „Hast du eine Pfeile dabei?“ – ein Nagel war eingerissen, zwischen Briefkasten und sieben Kilometer Fahrradtour ein Mal mitten durch die Stadt. „Wie lange kennst du ihn denn schon?“ Julie interessierte es wirklich – aber diese Sache mit dem Nagel störte sie extrem. „Ein paar Wochen – aber…also…ja, ich kenne ihn halt aus dem Internet…ja.“ – „Und der Sex?“ – „Wir hatten noch keinen Sex.“ – „Ja – dann ist es ja noch keine Beziehung.“ – „Ab wann ist es denn eine Beziehung? Also – wie ist es. Wenn man all die Dinge tut, die Paare eben so tun, wenn man ganze Wochenende zusammen abhängt mit Pfannkuchen im Bett und so – und ein Wochenende an der Ostsee verbracht hat – aber ab wann ist es eine Beziehung?“ Julie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wenn Beide das Gefühl haben…oder wenn Beide sagen, ja – oder so – keine Ahnung. Frag ihn doch einfach.“ – „Ne!“ …. „Aber gerade eben meintest du noch, dass es an Initiative fehlt und jetzt…“ – „Ja – also – ich will gefragt werden.“ Okay. „Ich will auch nicht, dass er denkt, dass ich irgendwie super emotional bin oder zu intensiv.“ Lora sah immer zu auf ihre Uhr. „Musst du noch irgendwo hin?“ – „Ja – ich hab nur so ne Stunde, dann treffe ich mich mit….“ Gut. Gut. „Ist dir aufgefallen, dass man für Beziehungen eigentlich gar keine Zeit hat – ich meine: Arbeiten, Freunde, dann braucht man ja auch ganz viel Zeit so für sich…und dann noch nen Freund und der weiß dann auch nicht so wirklich, ob er jetzt mit dir zusammen sein will oder nicht oder was das jetzt ist und so. Und dann muss man Zeit mit einem Menschen verbringen, der sich nicht mal sicher ist, ob er einen mag oder so….dann treffe ich mich doch lieber mit meinen Freunden – die mögen mich wenigstens.“ Lora lachte „Oder?“ sie tätschelte Julies Hand mit dem eingerissenen Nagel. „Mich stört z.B. auch, dass er immer nur so Floskeln schreibt – also er schreibt so was wie: Und sonst alles fit? – also, mich stört es total, dass er da gar keine Initiative zeigt. Er erzählt auch nie von sich aus irgendwas von sich, ich muss dann immer nachfragen oder explizite Fragen stellen und dann antwortet er irgendwie was Knappes. Das stört mich schon. Ein bisschen mehr Offenheit wäre schon gut.“ Julie kennt das Café nicht. „Humusfrühstuck? Was ist das?“ Und Lora lacht sie ein bisschen aus. „Ich glaube, das Problem ist, dass man überhaupt schon ein Modell im Kopf hat. Und das man zu viel redet. Dumme Menschen reden nicht lange, die ficken einfach und wir haben uns schon um Kopf und Kragen gedacht, bevor man überhaupt nur ein Wort gewechselt hat.“ – „Du bist heute so düster!“ – „Ne, mir tut mein Finger weh und…ich hab keine Lust auf Humusfrühstück – ich will einfach nur Brot und Eier oder so was – ganz konventionell.“ Aber Lora findet das witzig. Dann schaut sie wieder auf die Uhr. „Warum treffen wir uns überhaupt, wenn du keine Zeit hast?“ – „Aber ich habe doch Zeit! Was n‘ los mir dir…“ – „Ne, manchmal denke ich…wir können ja nicht mal mit Freundschaften umgehen oder so…ich mein, man sitzt immer nur da und nickt und sagt man würde den anderen verstehen – aber was genau versteht man denn? Und dann soll man auch noch ne Beziehung führen – wenn man nicht mal wirklich Freunde hat? Man hat sich so durchindividualisiert – bis auf dem Grund des eigenen Daseins und mehr oder weniger gibt es nichts. Man hat halt nur sich selbst. Voll absurd, dass überhaupt noch Menschen heiraten oder Kinder in die Welt setzen.“ – „Findest du nicht, dass wir Freunde sind?“ – „Freundinnen meinst du. Doooch – aber pff – irgendwie auch nicht. Du weißt doch auch gar nicht, was bei mir los ist, wie es mir geht oder so…wir tauschen auch nur Floskeln aus oder lästern ein bisschen über Männer…aber manchmal denke ich, dass kann man mit jedem Menschen – verstehst du? Eigentlich ist jeder Mensch austauschbar. Ich auch. Eigentlich ist es vollkommen egal, mit wem oder mit was man zusammen oder befreundet ist, Hauptsache das Gegenüber wirft den eigenen Narzissmus ausreichen zurück.“ Lora lacht. „Siehst du, deshalb mag ich dich – du bist immer so zynisch. Das finde ich süß. Kafka klopft dir aufmunternd auf die Schulter. Dann erzähl mal – was ist los bei dir?“ – „Ach, eigentlich nichts – wie immer. Das nächste Mal treffen wir uns in einem Laden, wo es auch normales Frühstück gibt.“ von rechts ein lautes Lachen. „Kuck mal, die sind noch frisch verliebt – sie lacht überbordend über seine Witze und er schaut nur ihr auf den Hintern. Noch. Und – wann lernen wir ihn mal kennen?“ – „Ach, keine Ahnung – ich weiß ja noch nicht mal, ob es was Ernstes ist. Ich finde, Freunde kennen lernen ist schon ne große Sache – sonst könnte man ja jede Woche nen Anderen mitbringen, das wäre ja bescheuert.“ Julie schaut raus. Zwischen ihren Händen dampft die Tasse Kaffee. „Und dein Onlinedatingprofil – hast du das noch?“ – „Na klar! Das wäre ja noch bescheuerter…dann würde er sehen, dass ich es lösche und dann denkt er, ich bin total bekloppt. Außerdem wer weiß, was passiert. Man muss sich alle Optionen offen halten.“ Julie schaut aus dem Fenster. „Aber – er hat mir gesagt, dass er, seit das mit uns läuft, nicht mehr auf seine Seite geschaut hat – voll süß.“ und Lora grinst verschämt. „Ich habe nachgedacht.“ sagte Julie nach einer Weile „über Theorien. Ich glaube, Wissen bedeutet, dass man handelt – also etwas zu wissen, also wirkliches Wissen impliziert, dass man sein Handeln automatisch danach ausrichtet.“ Julie starrte noch eine Weile aus dem Fenster, nach dem Lora gegangen war. Wie kann man denn nur vergessen, zu bezahlen.

frühstück um halb zehn (9/12)

das gleiche das gleiche aber anders

There’s a gap in between// There’s a gap where we meet// Where I end and you begin …. Ich kenne dich nicht. Du bist Vorstellung. Ich kann dich mir vorstellen – ich kann das, was mir an dir gefällt, dieses sensitive Moment in mir ganz hervorrufen und deine Person damit ausfüllen. Ich kann sagen: du bist schön. Und jedes dieser Momente hat Bedeutung. Ich rufe dich in meine Erinnerung – meine Gedanken hängen an deinen Worten, an den kleinen Vorstellungen, die du in mich pflanzt. Also ja – was ist mit dem Leben, dass wir nicht weg werfen – was ist mit der Zeit, die wir nicht vergeuden. Aber es sind meine Vorstellungen – das bin ich, in deinen Augen. Ich suche beharrlich nach mir in deinen Worten – in diesem sensitiven Blick aus der Welt heraus in was – wen schaust du an? Mir bleibt der Atem weg. Nach und nach entbehre ich Momente – dann schreibst du von deiner Unsicherheit. Ich mag diese kleinen Beharrlichkeiten, diese kleinen Sicherheiten in deiner Sprache – aber all das sind kleine Wände, an denen du dich fest hältst, um dich selbst nicht zu verlieren – auf diese Reise Selbstverlust – wie sich alles von Außen auf dich geworfen hat, dich verändern wollte. Aber der Kopf ist geblieben – der Kopf verbreitet sich ins diffuse Draussen und wartet auf Antwort. Was dir von Außen widerfahren ist, ist mir von innen widerfahren – und beide warten wir nur auf den Moment, welcher uns stürmen lässt – das alles hinter sich lassen können. Wir schmeißen unser Leben nicht weg. Warum weinst du? Du könntest doch auch lachen. Wir können zusammen diese Freiheit sein, nach der wir suchen. Dieses Gefühl sich aufzulösen – und Beziehungen enden nach vier Jahren – die Ichs haben sich verbraucht. Nach Innen – nach Außen – ich weiß es nicht. Diffus in alle Richtungen. Und alle sieben Jahre sind wir ein komplett neuer Mensch. Manche Worte sind dann so klar. Handlung einfügen – aber es gibt keine. Es gibt sich drehen in diesem Raum von Worthüllen – wir werfen unser Leben nicht weg. Mir gefällt das Ich, welches du in mir hervor bringst. Vor dem Computer zwei Lesende – sie schauen sich an. Und manchmal ist es, als würden sie durch sich hindurch blicken – der eine durch den anderen und durch sich selbst. Nichts von dem, was wir denken und dichten, wir wortverliebten Idioten, nichts von dem wird je eingehen in die Ordnung des Universums. In der U-Bahn zwei Lesende – sie schauen sich an. Ich kann so tun, als wäre jeder Moment Vorhersehung – oder Zufall. Ich kann mich gegen diese Grenzen halten – aber ich sage nichts mehr. Und in meiner Vorstellung sind es alles große Menschen. Aber wann fühlt es sich richtig an? Sind wir nicht längst außerhalb dieses Raumes – sind wir nicht weit entfernt von richtig oder falsch? Natürlich läuft es auf nichts hinaus – denn du läufst auf nichts hinaus. Eine gewisse Unnahbarkeit ohne Kalkül – die reizbarste Form. Und ich bin ja geblieben.

aus Kapitel 5
das gleiche das gleiche aber anders

am meer (8/12)

Wenn dann hinter mir die Türe zugeht: zugleich nahe und am weitesten entfernt. Du. Ich. Meine Socken passen farblich nicht zum Teppich – aber das macht nichts, sagst du. Das ist nicht wichtig. All das – all das was wichtig ist…das erklingt lachend. Und ich denke – ja – ich bin das. Ich bin dieses Mädchen mit offener Seele – ich bin das – hin und her Geworfenes im Kopf – ich bin das, immer ein bisschen zu viel an Gefühl – immer eine Nuance zu viel – immer eine Nuance bewegungslos – neben dir. Aber wir sind ganz dich. Und ich lache – das klingt so, als wären wir besoffen. Du. Ich. Ich kann deine Haarspitzen zählen, wenn du dich auf den Rücken legst – so ganz im Profil. Ich zähle – eins, zwei – ich zähle, um nichts zu denken – um nichts mehr zu denken. Und ich könnte vielleicht deine Hand nehmen – aber ich kann es nicht. Ich kann nur Haare zählen. Neben dir. Neben mir. Leichtes Blau in der Nase – Meer am frühen Morgen. Und du sagst, das ist nur das Waschmittel. Und ich denke – ja – du bist das. Mit Fühlung auf den Lippen – und einem Lächeln, wenn es dann still wird. Und alles ist irgendwie noch ganz weich, in alle Richtungen formbar. Und du bist das – mit langen Fingern leicht geschoben in die Hosentasche. Und du fragst dich, was ich noch so beobachtet habe in all den Stunden – kaum spürbar. Und du sagst, so einen Menschen wie mich, den könnte man sich nicht ausdenken. Ja – da passiert viel – zwischen den Zeilen, zwischen den Lippen – die Worte entlang. Die Worte entlang – und jedes Wort habe ich einzeln eingesteckt, irgendwo – jedes Wort gehört mir, dir. Und ich will auf diesen Punkt hinaus – auf diesen Punkt wo man sich gewahr wird, dass es zwischen all dem Unausgesprochenen schwer liegt, all das zuzulassen – wo man es nicht vermisst hat, wo es irgendwo verloren gegangen ist im Hall der eigenen vier Wände, im Hall des eigenen Kopfes – in langen Phasen des alleine seins. Und alles was ich noch höre, ist der Puls gegen das Trommelfell, wenn du sagt, dass es schön ist – nur Puls und meine Socken passen nicht zum Teppich. Und ich denke – ja – du bist das – schön im Hall zwischen den eigenen vier Wänden. Schön im Hall der Worte – ohne Mühe aufgehoben. Schön irgendwo dort, wo die Figuren aufhören und der Mensch beginnt. Und ich kann dich genau so wenig zusammensetzten, genau so wenig in Worte fassen. Und du lachst, weil ich nicht flüstern kann – nur laut bin und elegant vom Bett falle, wenn ich mich echauffiere. So ist das. Und bei all dem, was ich noch nicht kann, denke ich – es fällt leichter, wenn du dabei über mich lachst.

am meer (8/12)

der typ hinter mir (6/12)

Er – er machte diese Bewegung mit der Hand – mit den Fingern – diese Bewegung um jemanden zu sich zu rufen. Ich beugte mich langsam vor bis unsere Gesichter ganz nah waren und er mich ins Ohr fragte, ob ich den Typen hinter mir, den mit den etwas längeren Haaren, ob ich den gut fände. Ich hatte den Typ hinter mir nicht richtig gesehen, als wir herein kamen – raumsuchend. Als der Typ hinter mir die Kautsch ein wenig frei räumte und mir den Platz anbot, damit ich nicht auf dem vollgeaschten Tisch sitzen musste. Ich hatte kurz meinen Kopf gewendet, nach dem ich saß – aber nur kurz, um ihm noch ein Danke hinterher zu rufen, bevor er dann hinter mir verschwand und mein Blick lag nun mehr auf ihm, mit der rufenden Handbewegung. Der Raum war dunkel in rotorangenen Tönen und die Kautsch lang und weich, dass es nur im halben Liegen irgendwie ging und voll – aufeinander gereiht. Ich zuckte nur mit den Schultern ohne erneut den Kopf zu drehen und er meinte dann noch, dass mich der Typ hinter mir, der mit den etwas längeren Haaren, lange angeschaut hätte. Ja, dachte ich, warum nicht – und ich grinste vielleicht. Er lehnte sich zurück in die Kautsch. Ich dachte, manchmal gibt es diese Momente – diese Momente eben, in denen ein paar Menschen zur selben Zeit irgendwie das gleiche tun – oder das gleiche denken – oder Ähnliches und man tut es dann einfach und irgendwie passt alles – alles ist dann irgendwie gleich, fühlt sich gleich an – fühlt sich überhaupt. Mein Blick ging ein wenig über ihn hinaus – die Kautschreihe entlang – das Geräusch, das Gehäuf – viele, aneinander Passierende. Ich versuchte mir die Gesichter zu merken – durch die Reihe hinweg. Ich dachte, es ist seltsam, dass es manchmal einfach passt – dass manchmal das alles zusammen kommt. Ich konnte den Typ hinter mir, den Typ mit den etwas längeren Haaren, kaum sehen durch die tiefen Töne – Bass und so. Manchmal denke ich, dieses Leben allein – allein zwischen Altbauwänden und Flügeltüren – das ist gar kein Leben – es ist gar kein Leben ohne andere Menschen. Aber dann muss ich grinsen – absurd. Und obwohl er mir ins Ohr rief – gegen die tiefen Töne anrief, verstand ich ihn kaum. Ich verstand sowieso wenig von ihm. Ich wollte mich aber auch nicht umdrehen – ich dachte, wenn ich mich umdrehe und der Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – wenn der mich anschaut im selben Moment, dann müsste ich zumindest kurz zurück schauen oder kurz lächeln – ich könnte vielleicht auch einfach aus dem Fenster blicken – nur kurz – aber warum sollte man sich umdrehen, nur um kurz aus dem Fenster zu blicken – das wäre absurd. Also blieb ich mit dem Rücken zum Fenster, halb liegend in den Raum hinein und versuchte zu verstehen, was mir ins Ohr gerufen wurde. Unsere Beine bewegten sich ein wenig zum Rhythmus – es war unumgänglich. Ich mag das Geräusch – das Rauschen um mich herum. Und ein paar sanfte Klänge aus der Anlage – keine Musik mehr….Und der Schatten der Füße bewegt sich langsam hin und her. Und wenn man Intimität will, muss man Intimität geben – und wenn man sich öffnet, ist man eine Wunde und man erlaubt jedem, da hinein zu greifen. Die Flächen des eigenen Körpers zerstören. Wollen wir uns noch sehen – vielleicht nur auf einen Kaffee – in deiner Küche, in meiner – kurz sehen eben. So Dinge liegen mir im Kopf – quer – wie all die aufgereihten Gesichter und ich versuche, sie mir zu merken durch das Licht – mich zu erinnern aber ich erinnere mich nicht an den Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – ich kann mich nicht erinnern. Es ist seltsam, weil er meinte, ich würde nur ziellose Dinge tun – ich würde die Dinge so in den Tag hinein tun – nach dem gegenwärtigen Empfinden und er könnte das nicht, er bräuchte für alles, was er tut, ein konkretes Ziel – wie eine Aufgabe eben. Und ich dachte, eigentlich passiert nichts im Leben, dass ein Ziel hat – all die Dinge, all dieses sitzen, liegen auf langen Kautschkissen, auf weichen Kautschkissen aufgereiht – all diese Dinge passieren so vor sich hin. Ich musste dann einfach fragen, was denn das Ziel des Abends sei und er meinte, Entspannung. Entspannung gegen Dezibel. Gegen wippendes Knie. Schön. Ich dachte, es sei schön, sich Ziele geben zu können – vielleicht. Vielleicht ist es schön, nicht einfach nur da zu sein. Ich dachte, manchmal passt es einfach – und manchmal auch nicht. Ich dachte, dass alles hat etwas Laues aber ich hätte auch nicht aus dem Fenster schauen können. Ich hielt weiter mein Ohr hin – und fragte ihn, welches Ziel all dieses Reden hätte – aber er grinste nur. Ich grinste auch. Die Musik war laut. Seine linke Hand lag auf seinem Bauch – ein wenig tippten die Finger im Takt. Und ich dachte, wir könnten jetzt auch auf einen Spielplatz gehen – in den höchsten Turm mit Blick auf die Jahrhundertwendehäuser und überall wäre schon längst das Licht erloschen, weil hier nur noch Familien leben…wir würden uns auf diesen Turm stellen und einmal so tun, als wäre Januar mitten im Sommer und er würde kurz ins Dunkle verschwinden, um seine Hand um meinen Knöchel zu legen, um mich ein wenig zu erschrecken, weil ich ihn im Dunklen nicht sehen konnte. Wir hätten beide keinen Tabak dabei und würden nur so die Nasen in das Kühle halten und ein wenig mit den Beinen hin und her wippen. Und ich dachte, wenn Januar mitten im Sommer ist, könnte man auch einfach dort bleiben, im Turm unter freiem Himmel oder so und am nächsten Morgen könnte man eine kleine Notiz hinter lassen – weil man das Schloss aufgebrochen hatte, um ein wenig geschützt zu sein, vor der Witterung und man würde sich dafür entschuldigen. Und alles wäre ganz bleich am nächsten Tag – weil man sich davon schon so viel in die Nacht mit genommen hatte – bleich und roh. Ich dachte, es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die so ihre Nase in den Wind halten können, dass ihnen das leichte Frösteln im milden Januar nichts anhaben könnte. Es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die ihr Ohr so halten können, dass sie sich verstehen. So Ohr gegen Mund. Ich dachte, ich könnte mich jetzt auch umdrehen und aus dem Fenster schauen oder kurz lächeln. Ich dachte, eigentlich ist es egal, in welche Richtung man blutet. Berlin.

der typ hinter mir (6/12)

empathie (5/12)

Sie lacht. Nein. Sie grinst. Ich mag es, wenn sie grinst. Ich stelle mir ihr Grinsen vor, wenn ich ein paar nette Sachen tippe – dann grinst sie nur für mich. Sie tippt auch ein paar nette Sachen – nett ist scheiße, denke ich und wir sind alle Klischees – wir sind diese Klischees und immer wenn ich sage, alle Männer seien scheiße, schüttelt sie den Kopf. Nur diejenigen, die mir begegnen. Und wenn ich sage, alle Frauen seien kompliziert, wird sie richtig laut. Aber ich bin weich. Ich bin formbar. Ich stelle mir vor, wie das wäre – einfach das Geschlecht zu wechseln – nicht mehr über all die Dinge nach denken zu müssen. Vielleicht ist es nur in mir. Vielleicht ist es meine Angst, die sich langsam darüber legt – die jedes Wort anders verstehen will – gegen mich selbst gerichtet – darum geht es. Ich will Worte anders verstehen. Sie grinst. Easy peasy lemon squeezy und So quick bright things come to confusion. Mitten im Satz springe ich auf – möchte dem ganzen ein Bild geben aber nach ein paar Sekunden merke ich schon, dass mir kein pfiffiger Spruch einfällt. Also tue ich so, als wollte ich mir nur ein Glas Wasser holen – halb voll. Vor ein paar Stunden saß ich noch mit dem Italiener im Café – sein letzter Abend – davon wusste ich nichts und ich greife automatisch nach seiner Hand. Er ist verwirrt – er sagt, bei dem Wort Milchkaffee müsste er immer an mich denken. Nur bei dem Wort Milchkaffee. Manches leere Blatt stresst mich. Dieses hier. Manche Worte stressen mich – deine. Ich weiß nicht, was es ist – aber da ist etwas Distanziertes in die Worte gerutscht. Er hat die Hand schon lange los gelassen – oder ich. Sie grinst. Du kannst niemanden zwingen, dich schön zu finden. Sagt sie. Man kann nur dasein und schauen, was dann so passiert. Nichts. Nichts. Nichts. Man stellt sein Sein in den Raum und nichts passiert. Ich hasse es, wenn meine Gedanken so abstrakt sind. Keine Fühlung. Ich will nicht immer zu darauf warten – ich muss mich jetzt los machen. Ich muss vergessen. Es gab viele Momente, in denen es hätte passieren können – es ist nicht passiert…also lass los. Stell dich nicht in den Raum. Mach dich nicht wichtig. Ich bin nicht wichtig. Ich bin irgendwas…eine nette Ablenkung, ein Moment jemand anderes sein können – mehr nicht. Stell dich nicht in den Raum – mach dich nicht wichtig. Intensität heraus nehmen. Begegnungen stressen mich. Menschen stressen mich. Ich bin immer am rotieren – eigentlich sollte ich alleine sein – ich muss alleine sein, weil ich nicht mit anderen zusammen sein kann – weil sie mich stressen, weil ich mir immer Gedanken machen muss…weil mich einfache Worte fertig machen. Sie grinst. Sie weiß es nicht, aber sie tut es. Der Italiener erzählt mir von seinem Haus auf Sizilien – wir machen Witze, ich würde ihn besuchen kommen…alle drei Monate….für drei Monate. Man bringt sich immer nur selbst zum weinen, denke ich…und die Tränen sind also wertlos. Wenn er redet, spielen seine Lippen katzenartig und ich behaupte, der Kellner würde ihm gehören – er darf ihn haben. Und der Kellner sagt, meine Liebe…hier ist dein Milchkaffee, meine Liebe. Es gefällt mir, wie er von der Beziehung zwischen Autor und Figuren spricht – wie er von dem Verhältnis des Autors zu seinen Figuren spricht – als wären die Figuren kleine Liebesbeziehungen. Meine große Leistung besteht darin, aus allem einen Traum machen zu können – einen Traum oder einen Drogenrausch – am Ende bleiben die Figuren abstrakt, als hätte es sie nie gegeben. Du hast eben nur aus einem Moment gehandelt, der geprägt war durch verletzten Stolz, sagt er. Heute keinen Kuchen. Sie zuckt mit den Schultern, wenn dich ein Mensch traurig macht, dann geh einfach. In meiner Vorstellung fällt das Glas auf den Boden…viele Scherben aber kein Tropfen mehr und ich denke an die Libelle – an den letzten Versuch, dem kleinen toten Wesen zurück ins Leben zu verhelfen. Aber es gibt kein Zurück. Also da bin ich…ich…also ich…und egal, wie ich es anstelle, egal auf welche Art ich mich bewege…aber das ist kindisch. Da sind viele kindische Gedanken in meinem Kopf und sie grinst – du schüchterst andere eben ein. Sagt sie. Und der Italiener lacht, als ich ihm von den vielen geteilten Seelen erzähle, aus dem Film – als ich sage, selbst die Kugelmenschenseelen seien eben vielfach geteilt und so gäbe es viele…eben viele Menschen, die sich gegenseitig suchen. Er lacht – ein schöner Gedanke. Ein kindischer Gedanke. Ich kann nicht gehen, bei diesem durchdringenden Blick ein wenig über den Rand der Brille hinaus und es gibt kein Zurück. Ich habe verloren.

empathie (5/12)

…erzähl mir vom Morgen (4/12)

Ich drehe den Kopf. Ich sehe das Dach – einen Balkon irgendwo aber es ist verschwommenes Gelb gegen Braun und Weiß…ich bleibe noch einen Moment liegen – ich versuche die Schärfe auf den Fensterrahmen zu richten aber es funktioniert nicht. Nichts funktioniert ohne Brille. „Und du?“ – „Hm?“ er schaut auf. „Was siehst du morgens als erstes?“ ich stochere in meinem veganen Kuchenstück. Vegane Kuchen fallen immer irgendwie auseinander. Er zuckt kurz mit den Schultern. Später dann stehe ich vor dem Fenster – die Scheiben sind fleckig. Er sagt, er will sich nicht festlegen – in einem Leben passiert so viel. Und Beziehungen entwickeln sich um die Menschen herum. Ich stochere in den Kuchenbrocken. Er schaut kurz auf. „Du bist ganz schön kompliziert.“ sagt er. Das Mädchen mit den kurzen Haaren ist ganz schön kompliziert – denke ich. Das Mädchen mit den kurzen Haaren schaut zurück auf die Flecken. „Wir teilen nichts – verstehst du? Wir teilen nichts – wir teilen weder Wahrnehmung noch Kommunikation – wir gehen immer nur aneinander vorbei – wir sind ins Sein geworfene, aneinander passierende Subjekte.“ Uns er meint alle. Kuchen zum Frühstück, denke ich, veganer Kuchen zum Frühstück passiert auch einfach so und trockene Krümel an meinen Fingern. „Man verliebt sich so schnell in vermeintliche Gemeinsamkeiten – aber eigentlich haben wir nichts gemeinsam – wir suchen nur danach und hören letztlich nicht genug zu. Ich verliebe mich nicht.“ Ich blicke auf. Jeder liebt wir er liebt, denke ich. Mein Herz knackt – Diotima kommt mir in den Sinn. Aber wir begreifen es nicht. Wir sprechen von Wissen – aber nein, wenn man wirklich etwas weiß, ändert sich dann nicht auch – alles andere. „Die ganze Menschheit basiert auf einem naturalistischen Fehlschluss.“ und die Krümel an den Fingern…man sucht nach der Verbindung – nach dem Verbundenen – nach allem. Man greift nach kleinen Strohhalmen. Man greift und hält sich fest – in die Haare greifen, sich festhalten. Und die Verbindung ist noch ein letzter Griff in Locken – Erinnerung. Nein. Nein…nein. „Vielleicht verliebt man sich auch in das, was der andere in einem auslöst.“ wollte ich sagen mit trockenen Brocken im Hals – mit alten Krümeln an den Fingern – mit Flecken auf der Scheibe, Verschwommenes. Ich ziehe die Zehen zusammen. Ich schaue dich an. Wenn man in dem Anderen sich selbst nicht mehr sehen muss, denke ich – wenn man den Anderen ohne sich sehen kann – durch sich aber…Flecken…Glas. Aber so wirklich, ist nichts passiert. Berlin. 

…erzähl mir vom Morgen (4/12)