Ein Tag am See

Es sind diese Hampelmänner- und Zirkusclown-Momente der Vorstellung, man hatte sich ja gerade erst durch die Menge in die vorderste Reihe gedrängt, gekämpft hatte man für diesen aller vordersten Platz direkt an der Manege, entgegen allem bettlägrigem Phlegmatismus, entgegen all dieser unsichtbaren Gewichte – die Freunde, die anrufen und wirklich wissen wollen, wie es dir geht, die sich Mühe gemacht haben, die dir eine Freude machen wollen, die an deiner Wohnungstür stehen und die 20 Tüten voller Pfand- und Glasflaschen wegbringen wollen, die sich neben dich legen, dir die Unterarminnenseiten streicheln, weil das deine Lieblingsstelle ist, weil das die einzige Stelle deines Körpers ist, an der du noch etwas spürst, dein Mund ist dir in die Unterarme gerutscht, dein Mund, deine Augen, deine Flügel, alles ist dir in die Unterarme gerutscht und um irgendwie mit dir in Kontakt treten zu können, streicheln sie deine Unterarminnenseite und erzählen dir Geschichten aus dem Leben, diesem Zaubertrick, denkst du aber bleibst still, stumm, du verziehst den Mund zu einem Lächeln, du willst sie nicht in Sorge versetzen, deine Freunde, du bleibst einfach liegen, lässt dir die Unterarminnenseite streicheln, lässt es über dich ergehen, wartest, dass es endlich wieder ruhig wird, dass es nachts wird, Dunkelheit, endlich darfst du allein sein, endlich fragt niemand mehr, wie es dir geht, niemand mehr kommt, um deine Wohnung aufzuräumen, du musst nur lange genug leben, du musst sie nur überleben, dann wird es ruhig um dich, endlich, dann kannst du für immer schlafen – also hast du dich aus der Horizontalen gequält, an den Rand der Manege hast du dich gequält, starrst jetzt auf Wasser, dunkelgrünes Wasser, ein paar Enten schwimmen auf dich zu, sie sind auf der Suche nach Brotkrummen ja, auf der Suche nach einem Weg vielleicht, wer weiß schon, was in dem Kopf einer Ente vorgeht oder in dem Kopf der Frau, die gerade mit blanker Brust zart in das Ohr ihres Liebhabers säuselt:

What the hell am I doing here?

I don’t belong here

… schon seit einer Weile zupft er an der Gitarre, hatte sie erst ein paar Minuten lang stimmen müssen, während sie noch Betty angerufen hatte und Lydia, die leider nicht zum spontan anberaumten Dinner in die Klatsche kommen kann, ja genau, dieses kleine süße Mexikanische Lokal in der Raumerstraße, er würde wohl etwas länger bleiben, sie hätte ihn jetzt unter Vertrag genommen, ja, sie lacht, sie schüttelt sich, sie äussert ihr Bedauern, er sei ja Mexikaner und er solle sich wohlfühlen ja … go up with your voice, sagt er und singt es ihr zum sechsten oder siebten Mal vor, immer wieder singt er ihr die richtige Harmonie vor:

And I wish I was special

You’re so fuckin‘ special

… die ungelenke Neugierde einer dunkelbraunen Deutschen Dogge durchbricht die Harmonik, bahnt sich ihren Weg über die gelbe Decke, gerade noch so retten sie den frisch zubereiteten Salat vor der brachialen Kraft:

– Der spielt, sorry, sagt der Hundebesitzer, sich gerade noch durch das Gestrüpp kämpfen.

– Messi! Messi hier, hier her! Messi komm, ruft er seine Verlegenheit zu verbergen, doch der Hund ist bereits jaulend vor Freude ins Wasser gegangen.

Sein Date hatte die falschen Schuhe angezogen. Sie hatte nicht damit gerechnet, an den See gefahren zu werden. Sie dachte, das erste Date verlief ganz gut, wir waren Essen bei einem schicken Koreaner und hatten ein paar Drinks im Haus am See, er hatte alles bezahlt, selbst die Taxifahrt hatte er bezahlt. Angekommen an ihrer Wohnungstür sagte sie, sie könne ihn heute Abend nicht mit herein bitten aber sie würde sich auf das nächste Mal sehr freuen.

Er schlug dann einen Ausflug vor, wollte das Ziel aber nicht verraten. Stattdessen fuhr er mit einem Drive Now Cabriolet vor. Begleitet von einem breiten Grinsten offenbarte er ihr lediglich, dass sie Badesachen mit nehmen müsse. Erst als sie im Auto saß, bemerkte sie die große, hellbraune Deutsche Dogge auf der Rückbank:

– Das ist Messi, ich dachte, ihr könnt euch mal kennen lernen, sagte er.

Jetzt sitzen sie auf kleinen weißen Handtüchern platziert zwischen dicken Baumwurzeln und Gestrüpp. Der hochgewachsene aber junge Hund springt immer wieder ins Wasser, um dann in fast horizontaler Lage des Körpers einem gelben Ball hinterher zu schwimmen.

– Sollen wir uns auch bisschen abkühlen, fragt er.

Sie nickt. Sie hatte den schönen Bikini angezogen, den, der etwas zu eng sitzt, der in mattem Beige optimal zum dunklen Grün des Wassers passte. Würden sie erst nebeneinander schwimmen, gäbe es mit Sicherheit die eine oder andere Möglichkeit, sich aus Versehen zu berühren.

Er ist schon tiefer ins Wasser eingedrungen, er wirft zum zweiten oder dritten Mal den gelben Ball, das beflissene Bemühen dieses Tieres gegen die Widrigkeiten des Wassers amüsieren ihn. Es erfüllte ihn mit einer gewissen Zufriedenheit, hatte er doch einen Hund, der sich wirklich bemühte, einen kämpferischen Hund – da waren sie sich sehr ähnlich, groß und kräftig gebaut, sich durchsetzend, der Typ mit dem netten Gesicht, so nannten man ihn, ja, er hatte dieses nette Gesicht, dieses sympathische Gesicht, dem man nichts abschlagen konnte aber innerlich war er hart, zielstrebig und sie war gut darin, die zwei drei Kilo zu viel unter ihren schicken Klamotten zu verstecken. Aus diesem Grund traf er sich mit seinen Dates gerne am See oder im Schwimmbad oder im Liquidrom.

Messi hatte seinen Job gut gemacht. Er hatte den gelben Ball erfolgreich abgegeben. Als er gerade dazu ansetzte, den Ball ein weiteres Mal zu werfen, sprang auch sie endlich mit Oberkörper voran ins Wasser – selbst den Kopf tauchte sie ein – und begab sich in ein Wettschwimmen mit Messi um den gelben Ball. Er lachte. Es dauerte sehr lange 15 Sekunden. Sie hatte es geschafft. Sie war als erste beim gelben Ball angekommen.

Während sie neben Messi dem gelben Ball entgegen schwamm, fragte sie sich, ob es noch ein schlimmeres Date hätte geben können. Vielleicht Fahrrad fahren. Darin war sie besonders schlecht und bei einem anderen Date, einige Monate zuvor, wollte ihr Begleiter unbedingt mit dem Rad den Kanal entlang fahren und nach 200 oder 300 Meter schlitterte sie bereits durch den Schotter und riss sich zarte Naben in den rechten Oberschenkel. Daraufhin schrieb sie ihm nicht mehr zurück.

Er reagiert nicht, als sie ihm erzählte, dass Messi seinen schweren Kopf gegen den ihren gedrückt hatte, um an den Ball zu kommen, dass er seine Vorderbeine gegen ihre Schultern gedrückt hatte, dass er sie dabei in seiner unbeholfenen Art unter Wasser gedrückt hatte, dass sie nur schwer nach Luft schnappen konnte, dass sie sich gerade so aus diesem Gefecht befreien konnte. Er lachte:

– Ja, Messi ist ganz schön stark.

Obwohl er diesmal den Ball nicht geworfen hatte, war Messi schon wieder dabei, in die Mitte des Sees zu schwimmen.

I’ve no such misconceptions

But when you need me be assured I won’t be far away

er spielt noch immer Gitarre, während sie das Schlauchboot aufpumpt.

I did my best, it wasn’t much

I couldn’t feel, so I tried to touch

– Messi, ruft er, Messi jetzt komm, komm her!

Messi ist zwanzig oder dreißig Meter in den See geschwommen. Immer wieder ruft er ihn aber der Hund macht keine Anstalten zurück ans Ufer zu schwimmen. Verlegen dreht er sich zuerst zu den anderen Menschen dann zu ihr um:

– Sonst ist er nicht so, eigentlich hört er ganz gut, ich weiß nicht, was heute mit ihm los M E S S I K O M M J E T Z T M E S S I

Die Eindeutigkeit des Lebens ausserhalb, denkst du, ziehst die Kopfhörer über die Ohren. Du siehst noch, wie sie das Schlauchboot in die Mitte des Sees paddelt, während er Gitarre spielt:

Fall out of love again

Your dreams all end

Dir entgeht der ertrinkende Hund.

Ein Tag am See

Sein Zimmer für mich allein

„Dann wache ich in dieser fremden Wohnung auf und das Erste, was ich tue, ist, die Bücher aus dem Regal zu ziehen, nicht weil mich die Bücher interessieren, sondern weil ich wissen will, was der Typ dahinter versteckt. „Ich stehe nicht so auf One-Night-Stands“, hat er gesagt und „Schon okay, bleib.“ Auf dem Küchentisch, der zugleich Schreib- und Esstisch ist, liegt freundlich drapiert ein Handtuch – es ist frisch, ich habe daran gerochen –, daneben stehen die French Press und die Kaffeedose. „Du kannst meine Zahnbürste benutzen, wenn dir das nicht unangenehm ist, aber wir haben uns ja auch geküsst“, hat er gesagt. Drängend strömt der Geruch von abgestandenem Sex aus dem Schlafzimmer, Reste abgetragener Hautpartikel … Riecht es so oder ich? Ist das mein Geruch? Sie ähneln sich sehr, die Gerüche, egal wo ich aufwache. Ich lehne am französischen Balkon. Wer gießt die Pflanzen, wenn er verreist ist? Die Asche meiner Zigarette landet die neun oder zehn Stockwerke tiefer – ich stelle mir das Ganze als Kamerafahrt vor und vielleicht mit Musik.“

Auszug aus: Sarah Berger: Sein Zimmer für mich allein (Shortstory, erhältlich im FROHMANN Verlag)

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Sein Zimmer für mich allein

In den Museen liegen Trümmer von dir

Wir lagen also im Unkraut auf dem Rücken und die Sonne ging gerade besonders orangefarben unter, besonders klar war das Licht und ich sagte, es sei doch seltsam, dass wir „ich sehe dich“ sagen, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass wir die Anderen ganz und gar wahrnehmen, also dass wir zumindest davon überzeugt sind, dabei ist das Sehen von allen Sinnen derjenige, der die meiste Distanz lässt. Der Wind zog gerade so über deinen Körper, ist es dir auch aufgefallen, dass ich einen Schatten von Mohn spürte, als würde dieser leichte Wind gerade zu durch ein Feld wehen aber orangener Mohn oder gelber, nicht roter schaukelt zart durch meine Sinne, direkt in meinen Kopf schaukelte es – hier hätte ich nach deiner Hand greifen sollen oder zumindest hätte ich dich fragen können, ob ich danach greifen darf, wo doch schon die für den Augenblick der Begegnung zusammengeschlossenen Fahrräder wirkten wie ein Versprecher oder eine Drohung. Ich fragte dich, warum du dich von Formaten einschränken lässt, 30×45 oder 60×90, ich schaue mir einfach das Bild an und schneide mir das Format zurecht, von welchem das Bild spricht aber du hast eine ganz andere Sprache, du siehst ein anderes Gesicht, wenn du durch die Kamera blickst, alles sieht ganz anders aus für dich als für mich.

Ich esse Nektarinen wie ich Aschenbecher anstarre zwischen Faszination und Ekel aber ich bin Teil dieses Mensch-Seins, erzähle ich dir und du lachst. Ja, ich habe mich in den Worten vergriffen und den Faden verloren, immer wieder also reden wir über einige meiner letzten Dates, ein paar von den Kriegsgeschichten hatte ich mitgebracht, dass ich mir niemals meine Finger in ein Stück Obst gerieben habe als währe es meine zwei Schamlippen, mein Kitzler und du wundertest dich: das seien die Deutschen Bezeichnungen für das weibliche Geschlechtsorgan … ich nickte, ich sagte, es gibt keinen positiven, keinen schönen Ausdruck für meine Freiheit. Ich habe mich nie davor geziert, mich selbst zu berühren. Ob du dich einfach auf die Couch gegenüber setzen könntest, mir entgegen, hatte ich dich gefragt, ob du dir einfach einen runter holen kannst, während du mir beim Masturbieren zuschaust. Ich wollte einfach nur alles sehen. Wir saßen dann eine Weile so da, betrachteten uns.

Das Alleinsein heute wie ein schlechter Geschmack im Mund beim Erwachen; ob ich eine Person sei, die man vermisse, hattest du gefragt oder wolltest es vielleicht und ich hatte diesen albernen Reflex im Mund, mich an mir zu verschlucken. Dann beginnt wieder das Zucken durch meinen ganzen Körper und ich frage mich, ob ich mich erkennen würde in einer dieser Geschichten, die vergangene Liebhaber über mich erzählen, würde mir ein Fremder eine dieser Geschichten erzählen.

In den Museen liegen Trümmer von dir

Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt

Performatives Sein

Teil 1
Ich war schon lange nicht mehr am Meer. Ich bin eher am Fluss. Ich werfe die Füße ins Wasser und vermisse Menschen.

Teil 2

Hier ist meine Haut — sie ist angeblich die Grenze zwischen mir und der Welt. Es ist leicht, diese Grenze zu sprengen. Ich kann ein Messer nehmen und rein schneiden — das ist einfach. Aber dannkommt nur Blut heraus — und es ist keine Welt, die hinein kommt.

Ich verstehe das einfach nicht. Ich verstehe nicht, wie man in ganz tiefer Verbundenheit — verstehen Sie das? Es ist ja schon fast eine Einheit! Ich verstehe nicht, wie man in dieser tiefen Einheit zu einem anderen Menschen auf die Welt kommen kann, um dann isoliert zu sein. Entschuldigen Sie,
aber das verstehe ich nicht. Können Sie mir das erklären? Nein? Wollen Sie nicht? Sie wissen es selbst nicht!

Ich habe mir Ihnen zu liebe auf die Lippe gebissen und in die Finger — hier: Ich blute.

ICH BLUTE!

Das muss dich doch berühren. Wieso berührt dich das nicht. Wieso rührst du dich nicht?

Teil 3

Ich glaube, ich bin verliebt. Ich habe mich in deine Vergangenheit verliebt als Sartre schrieb: Es gibt nur leben oder erzählen. Leck meine Gedanken ab und gegen deine Mauer. Ich möchte sehr selbstbestimmt und feministisch gegen die Wand gedrückt werden.

DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD.

Ich meine, ist Ich jetzt ein Begriff, eine Vorstellung oder eine Handlung.

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab — so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die
ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert — in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo — wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Teil 4

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. ICH BIN DA.

Es muss etwas passieren.
07:07 Uhr: Körperlicher Zerfall setzt ein. Ich bekomme den Geschmack nicht von den Lippen. Ich habe keinen Durst. Ich habe keinen Hunger.

Die Nacht zur Nacht machen. Dann schlägt der Körper mit voller Wucht auf mich ein — ich bin wieder da. Alles ist wieder da. Dieses ganze Ich ist wieder da. Dann merke ich erst, wie berauscht ich von diesem Moment war. Als da noch kein Ich war. Als da nur Gegenwart war und Gegenwart bedeutet: kein Ich. Wer sagt: Wir sind der Normalzustand — der Mensch in seiner Reinheit — das wissen wir nicht. Wir wissen nichts.

Ist Weiblichkeit jetzt eine Fessel, ein Korsette, eine Strafe? Meine Muschi, meine Strafe! Sie will andere Dinge als ich. Sie will dich partout nicht los lassen. Und meine Lippen, meine Lippen, meineLippen wollen dich nicht loslassen.

Ich pflege lange Sprachlosigkeit — sind zwei zu viel oder brauche ich dich, um ich zu sein  — ich will schon wieder Liebeslieder schreien aber du sagt, ich könne nicht lieben. Du sagst, ich sei arrogant, weil ich so viel mehr liebe, als alle anderen. Vielleicht kann ja keiner lieben. Verstehst du denn meine Liebe nicht? Ich brauche jemanden, jemanden um mich zu ersetzen. Um hier Draußen zu liegen, hier Draußen zu liegen bedeckt mit Blättern. Wenn ihr sie seht, lasst sie wissen, dass ich es geschafft habe. Ich habe es geschafft. Wenn ihr sie gefangen habt, sagt ihr, dass ich hier bin. Wir sitzen hier und fragen uns, ob dein, dein, dein spezielles Licht glüht. Ich brauche jemanden, jemanden um mich zu ersetzen. Um hier zu bleiben, hier zu bleiben und zu brennen in diesen Flammen. Und wenn ihr sie seht, lasst sie wissen, dass ich es geschafft habe. Ich habe es geschafft. Und wenn ihr sie gefangen habt, sagt
ihr, dass ich hier bin. Ich bin hier.

Aber was mir niemand verraten hat:
Das Licht, das Licht, das Licht verheimlicht das Sterben vor dem Leben.

Performatives Sein