Come find me if you want to reflect in company

»Ich hab dich gefunden«, flüsterte er mir ins Ohr. Er hatte sich durch die Menschenmenge hindurch von der gegenüberliegenden Seite des Raums bis an die Bar und an meine Seite gedrängt; wurde von der tanzenden Menge immer wieder gegen meinen Körper gedrückt. Rushhour. Noch saß ich ruhig an der Bar. Ich wendete mich ihm nicht zu. Ich runzelte die Stirn, presste die Lippen zusammen, zuckte mit den Schultern. Wieder und wieder lehnte er sich gegen mein Ohr, ich spürte seinen warmen Atem, die Bewegung seiner Lippen. Erst bei der vierten oder fünften Wiederholung verstand ich: »Ich hab dich gefunden.« – »Okay«, sagte ich. Zuckte wieder nur mit den Schultern, ließ meinen Blick über den Tresen schweifen. Julien war mit Bardingen beschäftigt.

»Was hab ich gewonnen«, fragte er. Er hatte mich einige Sekunden lang unentwegt angestarrt. Erneut zog ich die Augenbrauen zusammen. Mein verständnisloser Blick, das leichte Gefühl von Gestört-sein. Obgleich er nicht unattraktiv war. Schlank, einen guten Kopf größer als ich, weißes Unterhemd, Hosenträger, halblange blonde Haare zu einem Dutt zusammengebunden, ein rotblonder Siebentagebart. Er saß schon seit einer Weile gegenüber der Tanzfläche auf einer der Boxen. Er starrte mich immer wieder ganz unverblümt durch die Menge hindurch an. Er lächelte, sobald sich unsere Blicke kreuzten. Ich schaute weg.

»Was habe ich gewonnen«, fragte er erneut. »Ich verstehe nicht«, entgegnete ich ihm, ohne mich ihm zuzuwenden. Ich sprach die Worte schnell aus und drehte meinen Kopf sogleich zurück in die Betrachtung des Tresens. Julien war buzy. Auch Adam konnte ich nirgendwo sehen oder seinen Freund (Name vergessen). »Was habe ich gewonnen«, fragte er nun zum dritten Mal, lächelte dabei verschmitzt und schien mit jeder Wiederholung der Frage näher an mich heran zu treten. Da ich schon an der Grenze meiner Ausweichbarkeit angelangt war (überall um mich herum tanzende Menschen), verschränkte ich die Arme vor der Brust und sagte erneut: »Ja, aber ich verstehe nicht!«

»Bestellst du mir ein Bier«, fragte er. Wieder lächelnd. Wieder den Blick nicht von mir abwendend. Julien musste in diesem Moment zwangsläufig gedacht haben, ich hätte Interesse an einem Barflirt. Wissend zwinkerte er mir zu, als er das Bier auf die Theke stellte, ohne meinen genervten Blick zu bemerken. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was ich gewonnen habe«, sagte der Typ, nach dem er sein Bier an mein Glas geschlagen hatte. »Ich verstehe nicht, was du damit meinst.« – »Na, ich hab dich gefunden«, wiederholte er sich. »Kennen wir uns«, fragte ich. Ich betrachtete sein Gesicht, ich suchte in meinem Kopf eine Erinnerung: die leicht zusammenstehenden, kleinen Augen, die vollen Lippen, das verschmitzte Lächeln – aber nein, mir kam keine Situation in den Sinn, in der wir uns bereits begegnet sein könnten. Im Gegensatz zu mir, genoß er unsere unterschiedlichen Wissenszustände: Seine Haltung war zugewandt, aufrecht, herausfordernd. Er zuckte mit den Schultern. Lächelte. Stieß erneut mit seiner Flasche gegen mein Glas, als müssten mich all diese kleinen Gesten an etwas erinnern.

»Joey«, stellte er sich vor. »Sarah«, entgegnete ich ihm. »Ja, ich weiß«, sagte er. »Woher kennen wir uns denn«, fragte ich. »Ok Cupid«, antwortete er. Ich zuckte die Schultern, ich hielt Ausschau nach Julien, Adam oder dem anderen Typ. Irgendeine Ablenkung, ein Anker. Ich konnte mich nicht an ihn erinnert. »Okay?« – »Ja, Joey«, sagte er, lächelte. Ich erkannte ihn nicht. »Ich kenne dich nicht«, sagte ich. Er lächelte. Ich drehte mich in den Raum. Noch immer war die Tanzfläche sehr voll, immer wieder drängte es gegen meinen Rücken. Immer wieder sorgte der eine oder andere Schulterstoß dafür, dass Joey sich gegen mich lehnen musste.

»Come finde me«, sagte er. »Mich nervt das, sag mir doch einfach, woher wir uns kennen«, entgegnete ich ihm. Ich konnte mich nicht mehr von ihm abwenden. In meinem Rücken hatte sich ein größerer Typ an die Theke gedrängt. Joey lächelte wieder und suchte eindringlich nach meinem Blick. »Come find me if you want to reflect in company, hatte ich geschrieben«, flüsterte er mir ins Ohr. »Bei Ok Cupid«, fragte ich. »Ja, Come find me if you want to reflect in company und du hast geantwortet, dass du gerne Verstecken spielst.« – »Das – war – heute«, sagte ich, mich langsam an die Nachrichten erinnernd, wie ich vor reichlichen Stunden, es muss am Vormittag gewesen sein, genervt vom Rumgeplänkel Ok Cupid beendet hatte, eine Runde laufen gegangen war und später nicht mehr auf die Idee kam, mein Profil zu checken.

»Wir haben uns noch nicht getroffen«, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.

»Yeah, but I’ve found you.«

»I don’t get it. Who are you?«

»Joey, from OkC!«

»Ja, okay, aber wir haben heute morgen ein bisschen gechattet, ich verstehe nicht, hast du mich zufällig hier gesehen und erkannt oder was?«

»Naja, nicht zufällig.«

Ich verdrehte die Augen. Ich war genervt.

»Instagram«, sagte er, »du hast ein Bild von dem Schriftzug gepostet, den habe ich erkannt. Du hast dich nicht gut versteckt.«

Er lachte, stieß erneut mit seiner Flasche an mein Glas.

»Woher kennst du meinen Instagram-Account? Ich hab nichts mit OkC verlinkt.«

Er lächelte nur verschmitzt: »Was habe ich gewonnen?«

»Woher kennst du mein Instagram?«

»Kannst du nicht verlieren?«

»Ich will verstehen, wer du bist und warum du mich anquatschst.«

»Auf deinem Profil steht, du möchtest nicht über deine Kunst sprechen. Ich bin eben sehr gut im Versteck-spielen. Das ist meine Kunst. Meine Leidenschaft quasi. Willst du noch was trinken?«

Er zeigte auf mein leeres Glas aber ich schüttelte den Kopf.

Bei jedem Versuch, mit Julien Blickkontakt aufzunehmen, um ihm zu signalisieren, dass ich Hilfe brauchte, lächelte er mir nur hastig zu oder zwinkerte. Er nahm wohl an, ich mochte die Gesellschaft von Joey.

»Also du hast in meinen Instagram-Stories gesehen, dass ich hier bin und bist dann auch hier her gekommen«, fragte ich.

»Ja, ich hab dich gefunden. Ich dachte, das ist der Sinn von Verstecken-spielen.«

»Aber ich hab das nur so geschrieben. Ich fand deine Nachricht lächerlich: Come finde me … sorry, aber das ist albern, ich hab einen Witz gemacht über Versteck-spielen, dass Dating doch genau das Gegenteil davon sein sollte.«

»Naja, jetzt habe ich dich gefunden.« er zuckte süffisant mit den Schultern.

»Ja, aber – wir hätten uns auch einfach verabreden können, ich verstehe nicht, was das soll.«

»Deine Profilbilder«, sagte er.

»Was ist damit?«

»Die habe ich bei Google Image Search eingespielt und so habe ich all deine Accounts gefunden.«

»Okay, das ist creepy. Ich will dieses Gespräch nicht.«

»Das ist aber unhöflich von dir. Du schuldest mir was, lass uns zusammen was trinken.«

Er winkte Julien heran. Er deutete auf mein leeres Glas. Ich schüttelte den Kopf: »Wir hätten uns einfach auf einen Drink treffen können aber meine Accounts ausfindig zu machen und mich in eine Bar verfolgen ist mir zu krass. Lass mich in Ruhe!«

»Ach komm, ich habe mir so viel Mühe gegeben, dich zu finden.«

»Nein!«

»Ich hätte dich nicht so zickig eingeschätzt. Du wirkst auf Instagram so locken & open minded, hab ich mich wohl in dir getäuscht. Schade.«

Ich versuchte, mich von ihm weg und in den Raum zu drehen, aber noch immer war ich von tanzenden Menschen umgeben, weder Adam noch sein Freund waren zu sehen. Julien hatte mir zwar einen Drink hingestellt, gleichzeitig deutete er immer wieder auf den Ausgang. Wahrscheinlich wollte er mir zu verstehen geben, dass ich zum Türsteher gehen könnte, wenn ich ein Problem hätte.

Joey machte keine Anstalten zu gehen. Ich drehte mich in den Raum, drückte mich vom Barhocker hinein in die Menschenmenge in Richtung Ausgang. Plötzlich spürte ich, dass sich eine Hand um mein Handgelenk wickelte. Beim Versuch, meinen Arm weg zu ziehen, wurde Joeys Griff nur fester. Statt von ihm loszukommen, zog er mich näher an sich heran: »Was ist denn? Willst du nach Hause gehen, nach Moabit in deine Hinterhauswohnug, dritter Stock, Wilhelmshavenerstr. 41, linke Seite oder in deine Lieblingsbar, Emserstr. 23 oder Weserstraße 14 oder Skalitzer Str. 41, wo willst du hin gehen, in dein Studio in der Wrangelstr. 17, was willst du machen, sag mal, was willst du jetzt tun, wo willst du jetzt hin, ich hab gewonnen, du – schuldest – mir – was!«

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