one night love

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one night love

Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt

Soloflug im PhonoClub

Phonophonetik heißt die Lese- und Diskoreihe des Insidertrips im Prenzlauerberg und da mir dieses Konzept: Erst intellektuell überfordern, dann alles weg tanzen, wirklich sehr zusagt, freue ich mich, dort am Mittwoch den 09.12.  um 21 Uhr zusammen mit meinem geschätzten Freund Benjamin Egger und mit elektronischer Musik von Sebastian van Roehlek mein gegenwärtiges Romanprojekt vorstellen zu dürfen: „Die abgeschnittene Frau“ – über die Unfähigkeit, sich gänzlich in einem Anderen aufzulösen und die Generation Y als gescheitertes Zufriedenheitsexperiment. Ab 23:00 Uhr – DISKOPATH– the serial Disko mit David Maars und Emmanuelle 5

PHONOPHONETIK – TEXTE UND TANZ / DICHTEN UND DISKO/ WORTE UND SCHWOOF

Phonophonetik ist eine mittwöchliche Leseshow und eine sich anschliessende auschweifenden Clubnacht.

Der Phonoclub ist einer der geheimnisvollen, aussterbenden Orte im Prenzlauerberg, in denen es laut sein darf, weil draussen nichts zu hören ist. Wir freuen uns auf warme Abende mit wogenden Worten und wilde Nächte voll wabernder Wollust.

Ja, dazu will dich einladen. Also komm vorbei!

 

(Beitragsfoto von Oliver Grimm, Phonoclub, 1000Tode Lesung)

Soloflug im PhonoClub

Eins

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab – so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert – in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo – wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Plötzliches Aufflackern von Erinnerungen – eine Stadt, ein Platz, ein Café. Nur wo. Und mit wem. Ich erinnere mich nicht. Ich sehe nur den Platz, ich sehe mich den Platz überqueren und in ein Café gehen und sitzen mit Blick auf den Platz. Vielleicht ist es Prag oder Wien. Gegenstand der Geschichte ist eine Erinnerung, an die ich mich nicht erinnern kann und Gegenstand ist ein interessantes Wort – etwas, dass in der Gegend steht. Hier sind sehr viele Gegenstände. Ich bin umgezogen aber schon vor einer ganzen Weile. Das warme Wasser ist vergangen. Ich bin noch da. Am Morgen danach trage ich mir noch schnell einen Spritzer seines Parfums auf, bevor ich dann für immer verschwinde. Ich mag den Gedanken, dass er mich durch den Tag begleitet und M. abends fragt, ob ich ein neues Parfum habe. „Fickst du jetzt dein Date?“ fragt M. „Ja, gib mir die Bistümer. Damals! Vor der Säkularisation! War! Das! So! Geil.“ und dann „Es würde mich nicht stören, wenn du mit ihm schläfst. Stören würde mich nur, wenn du irgendjemanden besser findest als mich.“

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. Also muss ich mich beeilen. Wenn ich dann wirklich mal verschlafe, habe ich die Entschuldigung „Verschlafen“ schon bei den letzten 356 Mal Zuspätkommen verbraucht. Ich weiß gar nicht, wann die alle angefangen haben, auszuflippen – wann die sich plötzlich um einen Job gekümmert haben und der Schlaf vor 24 Uhr so unglaublich erholsam geworden ist und plötzlich sind alle zusammen gezogen und gründen Familien und selbst Edna schaut sich Bilder von Hochzeiten an, ohne zu kotzen. 8,50 die Stunde motivieren mich auf jeden Fall nicht zu einer besonders hohen Arbeitsmoral und ich bin eine Stunde zu spät und hoffe, niemand merkt es.

Es ist der 23. Oktober und das einzige, woran ich denken kann, ist die Zahl 23 und Primzahlen – ich denke an die Ästhetik von Primzahlen. Es ist unlogisch. Es fehlt der Antagonist oder zumindest diese andere Person, an der man seine eigene Erzählung abarbeiten kann. Es reden immer zwei miteinander, es kommt zu absurden Begegnungen und Dialogen und jedes dieser Ichs entwickelt sich. DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD. Ich sitze in der U-Bahn. Ich schau ihn lange an. Er trägt so eine ganz typische Hipsterbrille mit sehr dickem Rahmen auf einer großen, spitzen Nase und ich entdecke gerade meine Leidenschaft für große, spitze Nasen und seinen klaren Blick, während er so ein bisschen mit dem Kopf wippt. Ich tippe ihm ans Bein, er nimmt die Kopfhörer ab: „Fahren wir heute Abend zusammen zu dieser Ausstellung?“ er zuckt mit der Schulter: „Ich muss auf jeden Fall bis 18 oder 19 Uhr arbeiten – willst du dann zum Essen kommen, dann fahren wir zusammen.“ Ich nicke. Wir haben uns vor ein zwei Jahren kennen gelernt – er ist Freelancer im Graphikbereich und hat ein zwei Wochen bei mir in der Firma mitgearbeitet. Wir haben zusammen im Innenhof geraucht und über Kunst gequatscht und uns dann auch privat getroffen. Zuerst dachte ich, er sei schwul, weil ich so ein bisschen in ihn verliebt war, wir haben rumgemacht auf einer Party, ziemlich betrunken, fanden dann aber beide, dass es eher so ein Freundschaftsding ist. Wir wohnen nicht weit von einander und treffen uns ab und an in der U-Bahn und gehen zusammen zu Vernissagen und Ausstellungen. Frank. Frank scheint mir ein guter Name zu sein und Frank wippt sehr hübsch zu der Musik in seinem Kopf. Als Frank dann aussteigt (dabei positioniere ich meine Beine genau so, dass er sie beim Vorbeigehen berühren muss) – als Frank dann aussteigt, bin ich ein bisschen traurig, dass wir uns nie wieder sehen werden.

Eins

frühstück um halb zehn (9/12)

Ich weiß, wir sind nicht so was wie zusammen oder so aber es fühlt sich seltsam an, gar nichts zu sagen, also habe ich dir diese Karte gekauft. Es ist keine große Sache. Es bedeutet nicht wirklich was. Es ist nicht mal ein Herz auf ihr oder so was in der Art. Es ist eigentlich nur eine Karte, um Hallo zu sagen. Vergiss es einfach. Julie musste lachen. Auf der Rückseite der Karte stand mit Ausnahme ihres Namens und ihrer Adresse sonst nichts. Feine, saubere Druckbuchstaben. Der Poststempel Berlin, gestern. „Weißt du, von wem sie ist?“ Julie zuckte mit der Schulter. „Wie aufregend – ein heimlicher Verehrer.“ Lora nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse Kaffee: „Du – ich muss jetzt los. Super nice, dass du extra zum Frühstück in meine Ecke gekommen bist aber….“ Julie nickte nur, blieb sitzen. Die Karte rotierte zwischen ihren Zeigefingern. Vielleicht ein Witz von irgendeinem Freund – eher so was. Also schob sie die Karte zurück zwischen die Buchseiten. Lora hatte vergessen zu bezahlen. „Weißt du, das ist ja genau das Problem – es gibt ja überhaupt keine Initiative mehr. So ein Mann, der einfach mal sagt: Hey, du gefällst mir, wollen wir ausgehen.“ Oder eine Frau. Oder ein ein Mensch. „Ich glaube, das Problem ist, dass zu viele Modelle gleichzeitig bestehen – und diese Modelle, die schließen sich teilweise gegenseitig aus und weil jeder sein eigenes Modell hat, weiß man einfach nicht mehr, wie man miteinander sprechen soll, oder sprechen kann – verstehst du? Und deshalb sprechen wir einfach gar nicht mehr miteinander. Früher war das einfacher – da hat einfach der Mann den ersten Schritt gemacht…oder er hat eben die Frau hofiert. Und heute…heute sind alle so unabhängig, dass sie höchstens noch Verantwortung für sich selbst übernehmen können – oder vielleicht noch für eine Topfpflanze.“ Julie begann, sich das Schwarze zwischen den Fingernägeln zu pulen. „Hast du eine Pfeile dabei?“ – ein Nagel war eingerissen, zwischen Briefkasten und sieben Kilometer Fahrradtour ein Mal mitten durch die Stadt. „Wie lange kennst du ihn denn schon?“ Julie interessierte es wirklich – aber diese Sache mit dem Nagel störte sie extrem. „Ein paar Wochen – aber…also…ja, ich kenne ihn halt aus dem Internet…ja.“ – „Und der Sex?“ – „Wir hatten noch keinen Sex.“ – „Ja – dann ist es ja noch keine Beziehung.“ – „Ab wann ist es denn eine Beziehung? Also – wie ist es. Wenn man all die Dinge tut, die Paare eben so tun, wenn man ganze Wochenende zusammen abhängt mit Pfannkuchen im Bett und so – und ein Wochenende an der Ostsee verbracht hat – aber ab wann ist es eine Beziehung?“ Julie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wenn Beide das Gefühl haben…oder wenn Beide sagen, ja – oder so – keine Ahnung. Frag ihn doch einfach.“ – „Ne!“ …. „Aber gerade eben meintest du noch, dass es an Initiative fehlt und jetzt…“ – „Ja – also – ich will gefragt werden.“ Okay. „Ich will auch nicht, dass er denkt, dass ich irgendwie super emotional bin oder zu intensiv.“ Lora sah immer zu auf ihre Uhr. „Musst du noch irgendwo hin?“ – „Ja – ich hab nur so ne Stunde, dann treffe ich mich mit….“ Gut. Gut. „Ist dir aufgefallen, dass man für Beziehungen eigentlich gar keine Zeit hat – ich meine: Arbeiten, Freunde, dann braucht man ja auch ganz viel Zeit so für sich…und dann noch nen Freund und der weiß dann auch nicht so wirklich, ob er jetzt mit dir zusammen sein will oder nicht oder was das jetzt ist und so. Und dann muss man Zeit mit einem Menschen verbringen, der sich nicht mal sicher ist, ob er einen mag oder so….dann treffe ich mich doch lieber mit meinen Freunden – die mögen mich wenigstens.“ Lora lachte „Oder?“ sie tätschelte Julies Hand mit dem eingerissenen Nagel. „Mich stört z.B. auch, dass er immer nur so Floskeln schreibt – also er schreibt so was wie: Und sonst alles fit? – also, mich stört es total, dass er da gar keine Initiative zeigt. Er erzählt auch nie von sich aus irgendwas von sich, ich muss dann immer nachfragen oder explizite Fragen stellen und dann antwortet er irgendwie was Knappes. Das stört mich schon. Ein bisschen mehr Offenheit wäre schon gut.“ Julie kennt das Café nicht. „Humusfrühstuck? Was ist das?“ Und Lora lacht sie ein bisschen aus. „Ich glaube, das Problem ist, dass man überhaupt schon ein Modell im Kopf hat. Und das man zu viel redet. Dumme Menschen reden nicht lange, die ficken einfach und wir haben uns schon um Kopf und Kragen gedacht, bevor man überhaupt nur ein Wort gewechselt hat.“ – „Du bist heute so düster!“ – „Ne, mir tut mein Finger weh und…ich hab keine Lust auf Humusfrühstück – ich will einfach nur Brot und Eier oder so was – ganz konventionell.“ Aber Lora findet das witzig. Dann schaut sie wieder auf die Uhr. „Warum treffen wir uns überhaupt, wenn du keine Zeit hast?“ – „Aber ich habe doch Zeit! Was n‘ los mir dir…“ – „Ne, manchmal denke ich…wir können ja nicht mal mit Freundschaften umgehen oder so…ich mein, man sitzt immer nur da und nickt und sagt man würde den anderen verstehen – aber was genau versteht man denn? Und dann soll man auch noch ne Beziehung führen – wenn man nicht mal wirklich Freunde hat? Man hat sich so durchindividualisiert – bis auf dem Grund des eigenen Daseins und mehr oder weniger gibt es nichts. Man hat halt nur sich selbst. Voll absurd, dass überhaupt noch Menschen heiraten oder Kinder in die Welt setzen.“ – „Findest du nicht, dass wir Freunde sind?“ – „Freundinnen meinst du. Doooch – aber pff – irgendwie auch nicht. Du weißt doch auch gar nicht, was bei mir los ist, wie es mir geht oder so…wir tauschen auch nur Floskeln aus oder lästern ein bisschen über Männer…aber manchmal denke ich, dass kann man mit jedem Menschen – verstehst du? Eigentlich ist jeder Mensch austauschbar. Ich auch. Eigentlich ist es vollkommen egal, mit wem oder mit was man zusammen oder befreundet ist, Hauptsache das Gegenüber wirft den eigenen Narzissmus ausreichen zurück.“ Lora lacht. „Siehst du, deshalb mag ich dich – du bist immer so zynisch. Das finde ich süß. Kafka klopft dir aufmunternd auf die Schulter. Dann erzähl mal – was ist los bei dir?“ – „Ach, eigentlich nichts – wie immer. Das nächste Mal treffen wir uns in einem Laden, wo es auch normales Frühstück gibt.“ von rechts ein lautes Lachen. „Kuck mal, die sind noch frisch verliebt – sie lacht überbordend über seine Witze und er schaut nur ihr auf den Hintern. Noch. Und – wann lernen wir ihn mal kennen?“ – „Ach, keine Ahnung – ich weiß ja noch nicht mal, ob es was Ernstes ist. Ich finde, Freunde kennen lernen ist schon ne große Sache – sonst könnte man ja jede Woche nen Anderen mitbringen, das wäre ja bescheuert.“ Julie schaut raus. Zwischen ihren Händen dampft die Tasse Kaffee. „Und dein Onlinedatingprofil – hast du das noch?“ – „Na klar! Das wäre ja noch bescheuerter…dann würde er sehen, dass ich es lösche und dann denkt er, ich bin total bekloppt. Außerdem wer weiß, was passiert. Man muss sich alle Optionen offen halten.“ Julie schaut aus dem Fenster. „Aber – er hat mir gesagt, dass er, seit das mit uns läuft, nicht mehr auf seine Seite geschaut hat – voll süß.“ und Lora grinst verschämt. „Ich habe nachgedacht.“ sagte Julie nach einer Weile „über Theorien. Ich glaube, Wissen bedeutet, dass man handelt – also etwas zu wissen, also wirkliches Wissen impliziert, dass man sein Handeln automatisch danach ausrichtet.“ Julie starrte noch eine Weile aus dem Fenster, nach dem Lora gegangen war. Wie kann man denn nur vergessen, zu bezahlen.

frühstück um halb zehn (9/12)

Das Problem sind die Filterblasen

Achtung! Kein literarischer Text sondern meine Meinung!

Ja Herr Matussek – Sie sind homophob und daran ist absolut nichts gut so. Um ehrlich zu sein, diese neue Welle des man-wird-ja-mal-sagen-dürfens hat mich schlicht umgehauen, sprachlos gemacht, schockiert. Aber warum eigentlich? Eine ultrakonservative Rechte gab es schon immer und nach dem wir jetzt ein paar Jahre einen auf super liberal gemacht haben, ist die eben mal wieder am Zug. Okay. Dann kommt also so ein Hampelmann wie Stängle und behauptet, … ja was behauptet der eigentlich? Wir haben das alle gelesen, ich muss es jetzt nicht ein weiteres Mal polemisch zusammen fassen. Oder Mattusek, der sich seine Gedankenfreiheit heraus nimmt und zwar nicht, weil er ein Mensch ist, der in einem Rechtsstaat lebt und also auch für ihn das Grundgesetz gilt, sondern weil das zu seinem Stolz als Publizist gehört. Ja – für eine angeblich aufgeklärte Gesellschaft, 250 Jahre nach Kant, ist das schon peinlich. Aber warum – warum schockiert mich das alles so sehr, dass ich sprachlos bin? Dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Dass mir nichts anderes übrig bleibt, als mich in Gedanken hinter Polemik zu verstecken? Common. Es schockiert mich, weil ich dachte…das Thema sei durch. Echt jetzt. Ich lebe in Berlin unter meinen Freunden…und eigentlich reden wir nur selten über dieses Thema, weil es uns einfach egal ist…heterosexuell, homosexuell, bi…whatever. Darüber reden wir nicht. Wir reden über Kunst oder Literatur oder Filme – machmal auch über Politik…aber ob X oder Y schwul ist…wen interessiert das. Mich nicht. So bin ich aufgewachsen. Es gibt also Männer, die auf Männer stehen – okay. Ist doch alles Liebe. Ist doch schön. Ach – du hast eine Freundin? Super! Ich freu mich für dich. Thats it. Heute ist eine coole Party in irgendeinem schwulen Club? Alles klar – ich bin dabei. Dein neuer Freund ist als Frau zur weltgekommen – ist doch super. Das ist die Filterblase, in der ich lebe. Und ich glaube, genau das ist das Problem. Wir alle leben in Filterblasen. Wir sind nur mit Leuten befreundet, die unsere Interessen teilen, die ähnliche moralische Auffassungen haben, die einen ähnlichen Grad an Bildung besitzen. Wir sind vielleicht super liberal…aber wir tragen genau so Scheuklappen, wie die ultrakonservative Rechte, die uns die Werte von Gestern als zukunftsweisend verkaufen will (der Freitag 8/2014). Und wir haben es nicht kommen sehen. Wir sind vorgeritten mit unserer liberalen everything-goes Einstellung und haben sie überrannt – die ganzen gut-bürgerlichen Leutchen aus dem Ländle. Für die geht es nämlich um Leben und Tod. Niemand will euch eure Meinungsfreiheit weg nehmen – echt nicht – und eure Gedankenfreiheit schon gar nicht. Ich dachte nur, die Gesellschaft in der ich lebe, sei in Gedanken so weit aufgeklärt, dass es heute eben keine Rolle mehr spielt, ob man hetero- oder homosexuell ist. Mein Fehler. Aber aus Fehlern kann man lernen. Für mich bedeutet das, dass ich eben noch mehr Aufklärungsarbeit leisten muss. Ich werde jetzt aufhören, mich darüber aufzuregen – so schnell könnte ihr mich nicht mehr schockieren. Dank Matusseks rhetorischer Unfähigkeit – mein Stolz als Schriftstellerin und Absolventin des Philosophiestudiums erlaubt mir diesen polemischen Kommentar – weiß ich jetzt, was euer Problem ist. Ihr seid nicht dumm. Ihr seid gebildet. Aber verstanden habt ihr leider gar nichts. Und ich? Ich gehöre eben schon zu diesen Menschen – zu dieser Gesellschaft, in welcher der Mensch an sich zählt. Und ich will, dass meine Kinder (oder die Kinder meiner Freunde, weil ich wahrscheinlich gar keine Kinder haben werde – aber eigentlich meine ich alle Kinder und alle Menschen) genau in so einer Gesellschaft aufwachsen sollen. Und ich will nicht, dass diese Gesellschaft nur eine Filterblase ist. Und dafür werde ich mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, kämpfen.

Das Problem sind die Filterblasen

der typ hinter mir (6/12)

Er – er machte diese Bewegung mit der Hand – mit den Fingern – diese Bewegung um jemanden zu sich zu rufen. Ich beugte mich langsam vor bis unsere Gesichter ganz nah waren und er mich ins Ohr fragte, ob ich den Typen hinter mir, den mit den etwas längeren Haaren, ob ich den gut fände. Ich hatte den Typ hinter mir nicht richtig gesehen, als wir herein kamen – raumsuchend. Als der Typ hinter mir die Kautsch ein wenig frei räumte und mir den Platz anbot, damit ich nicht auf dem vollgeaschten Tisch sitzen musste. Ich hatte kurz meinen Kopf gewendet, nach dem ich saß – aber nur kurz, um ihm noch ein Danke hinterher zu rufen, bevor er dann hinter mir verschwand und mein Blick lag nun mehr auf ihm, mit der rufenden Handbewegung. Der Raum war dunkel in rotorangenen Tönen und die Kautsch lang und weich, dass es nur im halben Liegen irgendwie ging und voll – aufeinander gereiht. Ich zuckte nur mit den Schultern ohne erneut den Kopf zu drehen und er meinte dann noch, dass mich der Typ hinter mir, der mit den etwas längeren Haaren, lange angeschaut hätte. Ja, dachte ich, warum nicht – und ich grinste vielleicht. Er lehnte sich zurück in die Kautsch. Ich dachte, manchmal gibt es diese Momente – diese Momente eben, in denen ein paar Menschen zur selben Zeit irgendwie das gleiche tun – oder das gleiche denken – oder Ähnliches und man tut es dann einfach und irgendwie passt alles – alles ist dann irgendwie gleich, fühlt sich gleich an – fühlt sich überhaupt. Mein Blick ging ein wenig über ihn hinaus – die Kautschreihe entlang – das Geräusch, das Gehäuf – viele, aneinander Passierende. Ich versuchte mir die Gesichter zu merken – durch die Reihe hinweg. Ich dachte, es ist seltsam, dass es manchmal einfach passt – dass manchmal das alles zusammen kommt. Ich konnte den Typ hinter mir, den Typ mit den etwas längeren Haaren, kaum sehen durch die tiefen Töne – Bass und so. Manchmal denke ich, dieses Leben allein – allein zwischen Altbauwänden und Flügeltüren – das ist gar kein Leben – es ist gar kein Leben ohne andere Menschen. Aber dann muss ich grinsen – absurd. Und obwohl er mir ins Ohr rief – gegen die tiefen Töne anrief, verstand ich ihn kaum. Ich verstand sowieso wenig von ihm. Ich wollte mich aber auch nicht umdrehen – ich dachte, wenn ich mich umdrehe und der Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – wenn der mich anschaut im selben Moment, dann müsste ich zumindest kurz zurück schauen oder kurz lächeln – ich könnte vielleicht auch einfach aus dem Fenster blicken – nur kurz – aber warum sollte man sich umdrehen, nur um kurz aus dem Fenster zu blicken – das wäre absurd. Also blieb ich mit dem Rücken zum Fenster, halb liegend in den Raum hinein und versuchte zu verstehen, was mir ins Ohr gerufen wurde. Unsere Beine bewegten sich ein wenig zum Rhythmus – es war unumgänglich. Ich mag das Geräusch – das Rauschen um mich herum. Und ein paar sanfte Klänge aus der Anlage – keine Musik mehr….Und der Schatten der Füße bewegt sich langsam hin und her. Und wenn man Intimität will, muss man Intimität geben – und wenn man sich öffnet, ist man eine Wunde und man erlaubt jedem, da hinein zu greifen. Die Flächen des eigenen Körpers zerstören. Wollen wir uns noch sehen – vielleicht nur auf einen Kaffee – in deiner Küche, in meiner – kurz sehen eben. So Dinge liegen mir im Kopf – quer – wie all die aufgereihten Gesichter und ich versuche, sie mir zu merken durch das Licht – mich zu erinnern aber ich erinnere mich nicht an den Typ hinter mir, der Typ mit den etwas längeren Haaren – ich kann mich nicht erinnern. Es ist seltsam, weil er meinte, ich würde nur ziellose Dinge tun – ich würde die Dinge so in den Tag hinein tun – nach dem gegenwärtigen Empfinden und er könnte das nicht, er bräuchte für alles, was er tut, ein konkretes Ziel – wie eine Aufgabe eben. Und ich dachte, eigentlich passiert nichts im Leben, dass ein Ziel hat – all die Dinge, all dieses sitzen, liegen auf langen Kautschkissen, auf weichen Kautschkissen aufgereiht – all diese Dinge passieren so vor sich hin. Ich musste dann einfach fragen, was denn das Ziel des Abends sei und er meinte, Entspannung. Entspannung gegen Dezibel. Gegen wippendes Knie. Schön. Ich dachte, es sei schön, sich Ziele geben zu können – vielleicht. Vielleicht ist es schön, nicht einfach nur da zu sein. Ich dachte, manchmal passt es einfach – und manchmal auch nicht. Ich dachte, dass alles hat etwas Laues aber ich hätte auch nicht aus dem Fenster schauen können. Ich hielt weiter mein Ohr hin – und fragte ihn, welches Ziel all dieses Reden hätte – aber er grinste nur. Ich grinste auch. Die Musik war laut. Seine linke Hand lag auf seinem Bauch – ein wenig tippten die Finger im Takt. Und ich dachte, wir könnten jetzt auch auf einen Spielplatz gehen – in den höchsten Turm mit Blick auf die Jahrhundertwendehäuser und überall wäre schon längst das Licht erloschen, weil hier nur noch Familien leben…wir würden uns auf diesen Turm stellen und einmal so tun, als wäre Januar mitten im Sommer und er würde kurz ins Dunkle verschwinden, um seine Hand um meinen Knöchel zu legen, um mich ein wenig zu erschrecken, weil ich ihn im Dunklen nicht sehen konnte. Wir hätten beide keinen Tabak dabei und würden nur so die Nasen in das Kühle halten und ein wenig mit den Beinen hin und her wippen. Und ich dachte, wenn Januar mitten im Sommer ist, könnte man auch einfach dort bleiben, im Turm unter freiem Himmel oder so und am nächsten Morgen könnte man eine kleine Notiz hinter lassen – weil man das Schloss aufgebrochen hatte, um ein wenig geschützt zu sein, vor der Witterung und man würde sich dafür entschuldigen. Und alles wäre ganz bleich am nächsten Tag – weil man sich davon schon so viel in die Nacht mit genommen hatte – bleich und roh. Ich dachte, es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die so ihre Nase in den Wind halten können, dass ihnen das leichte Frösteln im milden Januar nichts anhaben könnte. Es gibt vielleicht nur ein zwei Menschen, die ihr Ohr so halten können, dass sie sich verstehen. So Ohr gegen Mund. Ich dachte, ich könnte mich jetzt auch umdrehen und aus dem Fenster schauen oder kurz lächeln. Ich dachte, eigentlich ist es egal, in welche Richtung man blutet. Berlin.

der typ hinter mir (6/12)