Come find me if you want to reflect in company

»Ich hab dich gefunden«, flüsterte er mir ins Ohr. Er hatte sich durch die Menschenmenge hindurch von der gegenüberliegenden Seite des Raums bis an die Bar und an meine Seite gedrängt; wurde von der tanzenden Menge immer wieder gegen meinen Körper gedrückt. Rushhour. Noch saß ich ruhig an der Bar. Ich wendete mich ihm nicht zu. Ich runzelte die Stirn, presste die Lippen zusammen, zuckte mit den Schultern. Wieder und wieder lehnte er sich gegen mein Ohr, ich spürte seinen warmen Atem, die Bewegung seiner Lippen. Erst bei der vierten oder fünften Wiederholung verstand ich: »Ich hab dich gefunden.« – »Okay«, sagte ich. Zuckte wieder nur mit den Schultern, ließ meinen Blick über den Tresen schweifen. Julien war mit Bardingen beschäftigt.

»Was hab ich gewonnen«, fragte er. Er hatte mich einige Sekunden lang unentwegt angestarrt. Erneut zog ich die Augenbrauen zusammen. Mein verständnisloser Blick, das leichte Gefühl von Gestört-sein. Obgleich er nicht unattraktiv war. Schlank, einen guten Kopf größer als ich, weißes Unterhemd, Hosenträger, halblange blonde Haare zu einem Dutt zusammengebunden, ein rotblonder Siebentagebart. Er saß schon seit einer Weile gegenüber der Tanzfläche auf einer der Boxen. Er starrte mich immer wieder ganz unverblümt durch die Menge hindurch an. Er lächelte, sobald sich unsere Blicke kreuzten. Ich schaute weg.

»Was habe ich gewonnen«, fragte er erneut. »Ich verstehe nicht«, entgegnete ich ihm, ohne mich ihm zuzuwenden. Ich sprach die Worte schnell aus und drehte meinen Kopf sogleich zurück in die Betrachtung des Tresens. Julien war buzy. Auch Adam konnte ich nirgendwo sehen oder seinen Freund (Name vergessen). »Was habe ich gewonnen«, fragte er nun zum dritten Mal, lächelte dabei verschmitzt und schien mit jeder Wiederholung der Frage näher an mich heran zu treten. Da ich schon an der Grenze meiner Ausweichbarkeit angelangt war (überall um mich herum tanzende Menschen), verschränkte ich die Arme vor der Brust und sagte erneut: »Ja, aber ich verstehe nicht!«

»Bestellst du mir ein Bier«, fragte er. Wieder lächelnd. Wieder den Blick nicht von mir abwendend. Julien musste in diesem Moment zwangsläufig gedacht haben, ich hätte Interesse an einem Barflirt. Wissend zwinkerte er mir zu, als er das Bier auf die Theke stellte, ohne meinen genervten Blick zu bemerken. »Du hast mir immer noch nicht gesagt, was ich gewonnen habe«, sagte der Typ, nach dem er sein Bier an mein Glas geschlagen hatte. »Ich verstehe nicht, was du damit meinst.« – »Na, ich hab dich gefunden«, wiederholte er sich. »Kennen wir uns«, fragte ich. Ich betrachtete sein Gesicht, ich suchte in meinem Kopf eine Erinnerung: die leicht zusammenstehenden, kleinen Augen, die vollen Lippen, das verschmitzte Lächeln – aber nein, mir kam keine Situation in den Sinn, in der wir uns bereits begegnet sein könnten. Im Gegensatz zu mir, genoß er unsere unterschiedlichen Wissenszustände: Seine Haltung war zugewandt, aufrecht, herausfordernd. Er zuckte mit den Schultern. Lächelte. Stieß erneut mit seiner Flasche gegen mein Glas, als müssten mich all diese kleinen Gesten an etwas erinnern.

»Joey«, stellte er sich vor. »Sarah«, entgegnete ich ihm. »Ja, ich weiß«, sagte er. »Woher kennen wir uns denn«, fragte ich. »Ok Cupid«, antwortete er. Ich zuckte die Schultern, ich hielt Ausschau nach Julien, Adam oder dem anderen Typ. Irgendeine Ablenkung, ein Anker. Ich konnte mich nicht an ihn erinnert. »Okay?« – »Ja, Joey«, sagte er, lächelte. Ich erkannte ihn nicht. »Ich kenne dich nicht«, sagte ich. Er lächelte. Ich drehte mich in den Raum. Noch immer war die Tanzfläche sehr voll, immer wieder drängte es gegen meinen Rücken. Immer wieder sorgte der eine oder andere Schulterstoß dafür, dass Joey sich gegen mich lehnen musste.

»Come finde me«, sagte er. »Mich nervt das, sag mir doch einfach, woher wir uns kennen«, entgegnete ich ihm. Ich konnte mich nicht mehr von ihm abwenden. In meinem Rücken hatte sich ein größerer Typ an die Theke gedrängt. Joey lächelte wieder und suchte eindringlich nach meinem Blick. »Come find me if you want to reflect in company, hatte ich geschrieben«, flüsterte er mir ins Ohr. »Bei Ok Cupid«, fragte ich. »Ja, Come find me if you want to reflect in company und du hast geantwortet, dass du gerne Verstecken spielst.« – »Das – war – heute«, sagte ich, mich langsam an die Nachrichten erinnernd, wie ich vor reichlichen Stunden, es muss am Vormittag gewesen sein, genervt vom Rumgeplänkel Ok Cupid beendet hatte, eine Runde laufen gegangen war und später nicht mehr auf die Idee kam, mein Profil zu checken.

»Wir haben uns noch nicht getroffen«, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.

»Yeah, but I’ve found you.«

»I don’t get it. Who are you?«

»Joey, from OkC!«

»Ja, okay, aber wir haben heute morgen ein bisschen gechattet, ich verstehe nicht, hast du mich zufällig hier gesehen und erkannt oder was?«

»Naja, nicht zufällig.«

Ich verdrehte die Augen. Ich war genervt.

»Instagram«, sagte er, »du hast ein Bild von dem Schriftzug gepostet, den habe ich erkannt. Du hast dich nicht gut versteckt.«

Er lachte, stieß erneut mit seiner Flasche an mein Glas.

»Woher kennst du meinen Instagram-Account? Ich hab nichts mit OkC verlinkt.«

Er lächelte nur verschmitzt: »Was habe ich gewonnen?«

»Woher kennst du mein Instagram?«

»Kannst du nicht verlieren?«

»Ich will verstehen, wer du bist und warum du mich anquatschst.«

»Auf deinem Profil steht, du möchtest nicht über deine Kunst sprechen. Ich bin eben sehr gut im Versteck-spielen. Das ist meine Kunst. Meine Leidenschaft quasi. Willst du noch was trinken?«

Er zeigte auf mein leeres Glas aber ich schüttelte den Kopf.

Bei jedem Versuch, mit Julien Blickkontakt aufzunehmen, um ihm zu signalisieren, dass ich Hilfe brauchte, lächelte er mir nur hastig zu oder zwinkerte. Er nahm wohl an, ich mochte die Gesellschaft von Joey.

»Also du hast in meinen Instagram-Stories gesehen, dass ich hier bin und bist dann auch hier her gekommen«, fragte ich.

»Ja, ich hab dich gefunden. Ich dachte, das ist der Sinn von Verstecken-spielen.«

»Aber ich hab das nur so geschrieben. Ich fand deine Nachricht lächerlich: Come finde me … sorry, aber das ist albern, ich hab einen Witz gemacht über Versteck-spielen, dass Dating doch genau das Gegenteil davon sein sollte.«

»Naja, jetzt habe ich dich gefunden.« er zuckte süffisant mit den Schultern.

»Ja, aber – wir hätten uns auch einfach verabreden können, ich verstehe nicht, was das soll.«

»Deine Profilbilder«, sagte er.

»Was ist damit?«

»Die habe ich bei Google Image Search eingespielt und so habe ich all deine Accounts gefunden.«

»Okay, das ist creepy. Ich will dieses Gespräch nicht.«

»Das ist aber unhöflich von dir. Du schuldest mir was, lass uns zusammen was trinken.«

Er winkte Julien heran. Er deutete auf mein leeres Glas. Ich schüttelte den Kopf: »Wir hätten uns einfach auf einen Drink treffen können aber meine Accounts ausfindig zu machen und mich in eine Bar verfolgen ist mir zu krass. Lass mich in Ruhe!«

»Ach komm, ich habe mir so viel Mühe gegeben, dich zu finden.«

»Nein!«

»Ich hätte dich nicht so zickig eingeschätzt. Du wirkst auf Instagram so locken & open minded, hab ich mich wohl in dir getäuscht. Schade.«

Ich versuchte, mich von ihm weg und in den Raum zu drehen, aber noch immer war ich von tanzenden Menschen umgeben, weder Adam noch sein Freund waren zu sehen. Julien hatte mir zwar einen Drink hingestellt, gleichzeitig deutete er immer wieder auf den Ausgang. Wahrscheinlich wollte er mir zu verstehen geben, dass ich zum Türsteher gehen könnte, wenn ich ein Problem hätte.

Joey machte keine Anstalten zu gehen. Ich drehte mich in den Raum, drückte mich vom Barhocker hinein in die Menschenmenge in Richtung Ausgang. Plötzlich spürte ich, dass sich eine Hand um mein Handgelenk wickelte. Beim Versuch, meinen Arm weg zu ziehen, wurde Joeys Griff nur fester. Statt von ihm loszukommen, zog er mich näher an sich heran: »Was ist denn? Willst du nach Hause gehen, nach Moabit in deine Hinterhauswohnug, dritter Stock, Wilhelmshavenerstr. 41, linke Seite oder in deine Lieblingsbar, Emserstr. 23 oder Weserstraße 14 oder Skalitzer Str. 41, wo willst du hin gehen, in dein Studio in der Wrangelstr. 17, was willst du machen, sag mal, was willst du jetzt tun, wo willst du jetzt hin, ich hab gewonnen, du – schuldest – mir – was!«

Come find me if you want to reflect in company

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

Von außen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen – er griff ja auch nach meiner Hand. Dass wir uns darauf nicht geeinigt hatten, blieb mir im Hals stecken. Dass ich schnell noch ein anderes Date brauchte, also einen anderen Begleiter, Partner, dass ich schnell in eine andere Richtung gehen musste, so als könnte ich nicht in verschiedene Richtungen gleichzeitig laufen, dass ich thomasesque in jede Lücke gleichzeitig wie Wunden fühlte, kontinuierliches Suchen nach dem Fehlen im Überfluss, dass ich in dauerhafter Erwartung des Schlimmsten schwelgte, während er mit dem Daumen über meine Fingerknöchelchen strich; während er diese Geste an mich wand, zählte ich all die anderen Gesten, die ausgebliebenen, legte heimlich Listen an in meinem Kopf, Abzählreime einer Gewissheit, mich schleunigst reduzieren zu müssen, wenn ich doch nur meine Fingerknöchel nach innen wenden könnte, wenn ich mich doch nur kantianisch invers – ist dir aufgefallen, dass streicheln und streichen sich sehr ähnlich sind, also über die Oberflächen streichen, streicheln, wir er nach meiner Hand griff. Von aussen betrachtet hatte es den Anschein, ich wäre ihm nachgelaufen. Dabei folgte ich einer zarten mattblauen Linie. Sie bahnte sich mit einem Mal aus der Mitte meines Körpers heraus einen Weg durch den Raum hinaus aus seinem Bett, auf der Straße in langsamen Wellenbewegungen hatte ich kaum Mühe ihr zu folgen. Im Gegenteil: die meiste Strecke über trug sie mich. Ein Trugbild also. Hätte ich sitzen bleiben können? Niemals. Die mattblaue Linie strömte ja gerade zu aus der Mitte meines Körpers.


Histoboy (wochenlages Sexting, als wir uns dann endlich treffen, beichtet er, dass er totale Versagensängste hat, in den nachfolgenden Nachrichten wird er teilweise echt gemein, ich breche Kontakt ab, er schreibt mir immer mal wieder via Instagram, wie sehr er alles bereut und mir gerne zeigen würde, dass er ein besserer Mensch ist)

Drummerboy (wir starrten uns eine Stunde lang entgeistert an, dann wollte er unbedingt meinen Tee bezahlen)

Wienfilmboy (heftiges Rumgeknutsche im Roses, schreckliche Wohnung im Speckgürtel Wiens, bezeichnete das Akzeptieren meiner Abfuhr zu Sex als „Gentlemanlike“)

Feuerwehrboy (mein erster G-Punkt-Orgasmus, sweeter Typ, intellektuell nicht kompatibel)

Borderlinetyp (Sex war okay, Typ etwas dramatisch auf der Suche nach seiner Femme fatal)

Musicalboy (sein Bart roch nach alter Wäsche, nach ein paar Minuten Sexversuch abgebrochen, weil wenig zugewandt)

Modeltyp (wir haben Fotos gemacht, er hat nur über sich geredet, hübscher Körper aber kein Interesse an Sex)

Artyboy (sein letzter Abend in Berlin, Roses, 7-Songs- für eine einsame Insel Challenge, sehr intensiver, rougher Sex, wir liken uns noch gegenseitig auf Instagram)

Augsburgboy (sehr anregende Gespräche auf MDA, totale Hipsterwohnung mit leeren Bilderrahmen an der Wand, Schallplatten, seltsame Musik, mittelmäßiger Sex, halbes Jahr später halbherziger booty call)

Gutersextyp (interessante Gespräche, eigentlich kein Interesse an Sex aber dann war es doch ziemlich guter Sex, trotteliges Lonleywoolf-Verhalten seinerseits im Nachgang)

Weinhandlungstyp (spontane nächtliche Drogensession in seinem Weinladen, als er sagte, Homosexuelle sollten nicht heiraten, Interesse verloren, danach seltsame Nachrichten, er hätte sich noch niemals so lebendig gefühlt, Kontakt abgebrochen)

Celloboy (nach erstem Date im Park Kontakt verloren, dann wieder aufgenommen, nette Nacht, guter Sex, danach Kontakt wieder verloren)

Neuroboy (regelmäßige Treffen zum quatschen und ins Kino gehen (Tarkowksi-Fan), keine Dates)

Marsboy (nahm mir beim ersten Date die Weinkarte aus der Hand um sie mir vom ersten bis zum letzten Wein vorzulesen, roch nach mehrfach getrocknetem Schweiß, Kontakt abgebrochen)

Valentiaboy (Sex im Meer/am Strand, ganz nette Nacht, Typ lebt in Wien, haben noch Kontakt)

Barcelonaboy (Date beginnt mit seiner Behauptung, nicht interessiert zu sein an ONS, dann super flirty, mittelmäßiger Sex, danach hatte er meine Nummer geblockt)

Santiagoboy (gemeinsam am Meer MDA genommen, getanzt, er tippt in Googletranslate „Ich will wissen, wie es sich anfühlt, eine Künstlerin zu küssen“ aber ich hab gekniffen)

Juraboy (schlechter, betrunkener Sex nach Lesung, irgendwann abgebrochen und gegangen)

Parisboy (drei Dates, nette Gespräche, mittelmäßiger Sex dann Abbruch mit seinen Worten „I can’t feel the magic“)

Dreitageboy (nach Kaffeetrinkdate Verabredung zum Sex am Abend, während des Sex sagte er die ganze Zeit „du bist so nass“, als ich es abbrechen will, stellt er fest, dass das Kondom verrutscht ist, nächtliche Wanderung zur Apotheke)

Barkeeperboy (nettes erstes Date in der Ringbahn, dann Drinks & okayer Eisprungsex, unsicher ob weiteres Interesse)

Kinkytyp (über mehrere Tage spannendes Sexting, er will unbedingt poppers nehmen während des Sex, wir treffen uns nachts zum spontanen Sex im Park, ist okay aber langweiliger als es die Nachrichten hätten vermuten lassen)

Politikboy (interessanter offener Typ, spontan Sex im Park, hat sich nicht weiter entwickelt)

Frischboy (Sex & Gespräche waren okay, aber ich glaube, er wollte nur Gras von mir abgreifen)


Allerdings besteht streichen ja oft darin, etwas zu hinterlassen oder etwas zu löschen – manches Streichen ist auch so verlorenes eine-einzelne-Stelle-abtragen, immer wieder und wieder bis die Stelle ganz taub geworden. Als er also nach meiner tauben Hand griff, von außen betrachtet, lief ich ihm nach durch diese mir unbekannten Straßen. Wie fühlen sich eigentlich die Finger, wenn sie immer nur über ein und die selbe Stelle streichen, die ja selbst nur ein und die selbe Stelle sind. Wer trägt da eigentlich wen ab. Wer trägt da eigentlich wen. Wer erträgt.

Es sind ja nicht mal die Worte, die ich nicht finde – ganze Sprachen sind es.

Ich würde niemals eine Liste all meiner Dates aus dem Jahr 2017 anfertigen

Ein Soziopath ist ein

Als du mich geschrieben hast, wie hat es sich angefühlt, jedes Wort für sich meine ich, das Sezieren meiner Sprache, meines Sprechens, wie hat es sich an ge fühlt, als wir, erinnerst du dich, unsere Hände hielten im Schlaf ohne uns zu berühren, wohl, das habe ich jetzt ver-standen; im Stegreif ich zu sein, wie hat es sich angefühlt, mich zu öffnen, den Ver-schluss – uns bleibt ja immer noch Prag hast du gesagt oder eine andere Stadt mit P, uns, habe ich gesagt, was ist das, habe ich gefragt, erinnerst du dich, wie hat es sich angefühlt, nichts zu sein, nicht ich zu sein, nicht zu sein und all diese anderen Dinge, die noch so m i t s c h w i n g e n, ja, du hast mich schon richtig verstanden, ich weiß, das nächste du steht schon im Anschlag, sie sind ja auch nicht schwer zu finden, sie laufen ja gerade so auf der Straße einem über die Beine, also vor die Füße, vor die Flinte, vor die Linse und KLICK und gut ja, dann sitzt du eben in meinem Rücken, also auf dem Lesesessel neben meinem Schreibtisch und klickst Dinge in dein Smartphone, Worte auch, Sprache, also Sprechen, meine Worte meine Fiktion, hörst du, ein Soziopath ist ein Mensch, der ein völliges Fehlen von Empathie mit einem tiefgehenden Anspruchsdenken verbindet, er fühlt keinen Schmerz außer dem eigenen, also meinen, also deinen Schmerz in diesem Wirrwarr, du ich wir, hast du das gesagt oder ich oder du und ich, da ist immer eine Konjunktion zwischen uns, schon wieder alles so nah, so nah an der Sprache, an den Worten, unaussprechlich, du oder ich oder wir, also nicht ausgesprochen, nicht buchstabiert oder wenigstens Wort für Wort, also gestillt, nicht befriedigt, gewogen in Stille, aufgewogen die Worte, verbannt in Sprache dieses Gefühl, du in meinem Rücken auf dem Sessel neben meinem Schreibtisch blätterst in den alten Ausgaben der Philosophischen Rundschau, suchst verzweifelt nach meinem Namen darin, suchst überhaupt nur nach Namen, jaja, ich verstehe schon, einen Namen hat man nur, weil andere in rufen, suchst also nicht nach mir, hast du jemals gesucht, etwas gesucht in unseren Worten, im Auseinandersprechen der Phoneme, im Auseinanderbrechen. Einsam rollt eine Traube durch die S-Bahn.

Ein Soziopath ist ein

Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt