follow me into the hole to enter dystopia wonderland

plötzlich sprang Pauline auf & sagte:

wir sind nicht nur in der zeit stehengeblieben, Jeanne, wir sind auch z u r üc k g e g a n g e n, wir sind in diese hütte abgestiegen wie in eine zeitkapsel, haben uns vom festland getrennt, sind in diese einsame insel gezogen, in uns Jeanne, wir sind einfach in uns e i n g e z o g e n, im zenit der individualität begriffen, & haben der restlichen welt den rücken gekehrt, wir haben sie verlassen, wir tun so, als würde sie nicht existieren, als wäre die scheiße nicht ein weiteres mal passiert, nein, uns ist ja gar nichts passiert, uns ging es irgendwie gut, wir hatten geld, nicht unbedingt viel aber ausreichend um im restaurant zu essen, um drinks zu trinken, um uns gras zu kaufen, ab und zu koks und mdma, um in clubs zu gehen und tagsüber ins café, um uns bücher zu kaufen & streamingdienste zu abonnieren, wir hatten auch zeit, zeit ins kino zu gehen, im sommer mit dem tretboot über den kanal zu fahren, auf den balkonen unserer freunde zu sitzen, bier zu trinken & über die heikle politische lage zu diskutieren, wir diskutierten ja wirklich viel, wir sprachen darüber, wir schrieben auf der suche nach verbündeten gesellschaftskritische tweets & ausführliche facebook-kommentare über unsere politischen positionen, über unsere wahrnehmungen der gegenwart, äusserten unsere meinungen zum geschehen, unsere ängste und hoffnungen, wir stritten uns auch, mit freunden genauso wie mit fremden, im internet, überall aber all das, das sein auf der einen seite und das wollen auf der anderen, diese seltsame verständnislosigkeit: wie kann es sein, dass uns das wieder & wieder passiert, dass wir keine solidargemeinschaft sind, dass wir, uns selbst ins neoliberale korsette gezwängt, in das äußerste menschliche grauen blicken, ins totale versagen des miteinanders, wie können wir da nicht als wahnsinnige durch die straßen rennend uns die seele aus dem leib schreien, nein, wir halten es nicht aus, wir halten uns nicht aus, also träumen wir vom inneren exil, wir träumen vom wahren einer facette zur tarnung der inneren rebellion, wir lassen unseren widerstand nur partiell entweichen, kontrolliert auf friedlichen demonstrationen, mit der ankündigung, im öffentlichen raum aufmerksamer zu sein für solidarische akte, im bemühen um mehr umsichtigkeit, aber nichts von alle dem heilte die wunde, die frühen anzeichen nicht gesehen zu haben, längst zu spät zu sein, die maschinerie war am laufen, alles wiederholte sich, wir haben versagt, Jeanne, wir haben versagt, wir sind teil dieser zivilisierten menschheit, die sich selbst so sehr hasst, dass sie sich immer und immer wieder zerfrisst & an den gebeinen, die im hals stecken bleiben, elendig erstickt, das sind wir Jeanne, widerlich & erbärmlich, wie wir sind, haben wir uns in dieses domizil versteckt, unsere kleine zeitmaschine, in der wir sitzen & bücher lesen, unsere gedanken aufschreiben, unsere philosophien austauschen & unsere künste, es ist hübsch & gemütlich, niemand stört uns in unserem verdrängen, endlich haben wir unsere ruhe von all dem, endlich sind wir frei davon, frei, Jeanne, endlich sind wir frei.

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…erzähl mir vom Morgen (4/12)

Ich drehe den Kopf. Ich sehe das Dach – einen Balkon irgendwo aber es ist verschwommenes Gelb gegen Braun und Weiß…ich bleibe noch einen Moment liegen – ich versuche die Schärfe auf den Fensterrahmen zu richten aber es funktioniert nicht. Nichts funktioniert ohne Brille. „Und du?“ – „Hm?“ er schaut auf. „Was siehst du morgens als erstes?“ ich stochere in meinem veganen Kuchenstück. Vegane Kuchen fallen immer irgendwie auseinander. Er zuckt kurz mit den Schultern. Später dann stehe ich vor dem Fenster – die Scheiben sind fleckig. Er sagt, er will sich nicht festlegen – in einem Leben passiert so viel. Und Beziehungen entwickeln sich um die Menschen herum. Ich stochere in den Kuchenbrocken. Er schaut kurz auf. „Du bist ganz schön kompliziert.“ sagt er. Das Mädchen mit den kurzen Haaren ist ganz schön kompliziert – denke ich. Das Mädchen mit den kurzen Haaren schaut zurück auf die Flecken. „Wir teilen nichts – verstehst du? Wir teilen nichts – wir teilen weder Wahrnehmung noch Kommunikation – wir gehen immer nur aneinander vorbei – wir sind ins Sein geworfene, aneinander passierende Subjekte.“ Uns er meint alle. Kuchen zum Frühstück, denke ich, veganer Kuchen zum Frühstück passiert auch einfach so und trockene Krümel an meinen Fingern. „Man verliebt sich so schnell in vermeintliche Gemeinsamkeiten – aber eigentlich haben wir nichts gemeinsam – wir suchen nur danach und hören letztlich nicht genug zu. Ich verliebe mich nicht.“ Ich blicke auf. Jeder liebt wir er liebt, denke ich. Mein Herz knackt – Diotima kommt mir in den Sinn. Aber wir begreifen es nicht. Wir sprechen von Wissen – aber nein, wenn man wirklich etwas weiß, ändert sich dann nicht auch – alles andere. „Die ganze Menschheit basiert auf einem naturalistischen Fehlschluss.“ und die Krümel an den Fingern…man sucht nach der Verbindung – nach dem Verbundenen – nach allem. Man greift nach kleinen Strohhalmen. Man greift und hält sich fest – in die Haare greifen, sich festhalten. Und die Verbindung ist noch ein letzter Griff in Locken – Erinnerung. Nein. Nein…nein. „Vielleicht verliebt man sich auch in das, was der andere in einem auslöst.“ wollte ich sagen mit trockenen Brocken im Hals – mit alten Krümeln an den Fingern – mit Flecken auf der Scheibe, Verschwommenes. Ich ziehe die Zehen zusammen. Ich schaue dich an. Wenn man in dem Anderen sich selbst nicht mehr sehen muss, denke ich – wenn man den Anderen ohne sich sehen kann – durch sich aber…Flecken…Glas. Aber so wirklich, ist nichts passiert. Berlin. 

…erzähl mir vom Morgen (4/12)