Berührungsangst

ENDLICH ÜBERALL AUF DIESER WELT ZUHAUSE, hallt es von den Reklame-Screens in jeder glatten Fläche: DER ÖFFENTLICHE RAUM IST PRIVAT! Das Versprechen an eine neue Gesellschaftsordnung ist ihnen eingeschrieben, diesen seltsamen bunten Kapseln. Eigentlich sind sie nicht bunt, sondern erhältlich in vielen verschiedenen Farben, vermutlich sogar in allen Farben. Erhältlich in allen Farben, in matt oder glänzend, mit weicher, gummiartiger Oberfläche, die zum Erstaunen der ersten Testpersonen in Instagram-Stories immer wieder als „bemerkenswert stabil“ oder „seltsam weich und hart zugleich“ beschrieben wird. Die Kapseln, getauft auf den Namen Ime, sind aus einem speziellen, polymorphen synthetischen Material und ausgestattet mit smarter Biotechnologie. Immer wenn die Werbefigur Biotechnologie sagt, lacht eine*r de*r vorbeilaufenden Passant*innen – zu sehr erinnert der Begriff an andere, längst ausgestorbene Begriffe wie Biofood oder Biodeutsch, die nur noch aus dem Geschichtsunterricht überhaupt bekannt waren und die menschliche Vergangenheit als etwas ausserordentlich Lächerliches entlarvten.

Es ging dann alles recht schnell. Nachdem die ersten Influencer*innen über Ime berichteten (wie aus Zufall tauchten plötzlich Bilder und Videos auf von Handelsmessen und Computerspielmesse und Entwicklermessen), gab es schon die ersten Testläufe im Livestream.

Ime wird Freihaus geliefert: ein schmal eingerollter, 1,5 cm dicker Zylinder mit einem Durchmesser von ca. 30 cm, einem angenehm weichen Griff und glatter Oberfläche mit leichtem Schimmer. Es bedarf keiner Voreinstellungen, Ime kann der Verpackung ent- und augenblicklich in Betrieb genommen werden. Zur Erstbetriebnahme wird Ime ausgerollt auf der Brust de*r zukünftigen Nutzer*in glattgestrichen (dies kann im Stehen oder Liegen erfolgen). Sobald Ime den Körper in Gänze berührt, verbindet es sich mit der Nutzer*in und startet augenblicklich das Programm. In der Standardeinstellung nimmt Ime eine leicht ovale oder runde Form an, die den Körper mit einem Abstand von ca. 20 cm komplett umgibt. Die Transparenz und Durchsicht beträgt nach außen 80 %, nach innen ist keine Einsicht möglich. Di*e Nutzer*in kann sich frei bewegen, denn Ime bewegt sich automatisch mit und schafft Raum in der Umgebung. Von hier aus kann die Nutzer*in eigene Einstellung vornehmen. Ime kann ganz nah am Körper getragen werden oder den eigenen Raum um bis zu einem Meter erweitern. Aus dem Inneren heraus steuert di*e Nutzer*in, wie viel von der Außenwelt eindringen darf und wie viel von Innen nach Außen dringen kann. Im Inneren von Ime kann Musik gehört werden, Ime liest Bücher oder Onlineartikel vor und bei ruhendem Körper können die inneren Screens für ziemlich alles genutzt werden.

ENDLICH ÜBERALL AUF DIESER WELT ZUHAUSE, hallt es eindringlich von den spiegelglatten Reklame-Screens: DER ÖFFENTLICHE RAUM IST PRIVAT! Das Versprechen an eine neue Gesellschaftsordnung ist ihnen eingeschrieben, diesen seltsamen bunten Kapseln. Die ganz eigene Bubble nennen wir es und lachen über uns. Wir tippen Nachrichten an unsere Freunde in die Screens, wir klicken uns durch Artikel und neue Videos, wir basteln Gifs aus alten Filmen, wir lesen uns gegenseitig vor und schicken Sticker, die Umarmungen andeuten, wir klicken uns durch Fotos und Blogtexte, wir verfolgen gegenseitig unsere Leben, während wir in der U-Bahn sitzen auf dem Weg zur Arbeit. Wir liegen im Park und lesen Bücher und simulieren Sonnenschein, denn Ime schütz effektiv vor Umwelteinflüssen. Es spielt keine Rolle mehr, ob es draußen zu laut, zu hell, zu kalt oder zu hektisch ist, ob viele Menschen einen Platz beleben oder man ganz alleine unterwegs ist – mit Ime entscheidest du zu jeder Situation, ob du partizipierst oder nicht. Du bist nie wieder in der unangenehmen Lage, dich preisgeben zu müssen an den öffentlichen Raum.

Es ist schön, immer einen eigenen Raum zu haben. Es ist schön, in seiner eigenen Welt zu leben.

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Berührungsangst

empathie (5/12)

Sie lacht. Nein. Sie grinst. Ich mag es, wenn sie grinst. Ich stelle mir ihr Grinsen vor, wenn ich ein paar nette Sachen tippe – dann grinst sie nur für mich. Sie tippt auch ein paar nette Sachen – nett ist scheiße, denke ich und wir sind alle Klischees – wir sind diese Klischees und immer wenn ich sage, alle Männer seien scheiße, schüttelt sie den Kopf. Nur diejenigen, die mir begegnen. Und wenn ich sage, alle Frauen seien kompliziert, wird sie richtig laut. Aber ich bin weich. Ich bin formbar. Ich stelle mir vor, wie das wäre – einfach das Geschlecht zu wechseln – nicht mehr über all die Dinge nach denken zu müssen. Vielleicht ist es nur in mir. Vielleicht ist es meine Angst, die sich langsam darüber legt – die jedes Wort anders verstehen will – gegen mich selbst gerichtet – darum geht es. Ich will Worte anders verstehen. Sie grinst. Easy peasy lemon squeezy und So quick bright things come to confusion. Mitten im Satz springe ich auf – möchte dem ganzen ein Bild geben aber nach ein paar Sekunden merke ich schon, dass mir kein pfiffiger Spruch einfällt. Also tue ich so, als wollte ich mir nur ein Glas Wasser holen – halb voll. Vor ein paar Stunden saß ich noch mit dem Italiener im Café – sein letzter Abend – davon wusste ich nichts und ich greife automatisch nach seiner Hand. Er ist verwirrt – er sagt, bei dem Wort Milchkaffee müsste er immer an mich denken. Nur bei dem Wort Milchkaffee. Manches leere Blatt stresst mich. Dieses hier. Manche Worte stressen mich – deine. Ich weiß nicht, was es ist – aber da ist etwas Distanziertes in die Worte gerutscht. Er hat die Hand schon lange los gelassen – oder ich. Sie grinst. Du kannst niemanden zwingen, dich schön zu finden. Sagt sie. Man kann nur dasein und schauen, was dann so passiert. Nichts. Nichts. Nichts. Man stellt sein Sein in den Raum und nichts passiert. Ich hasse es, wenn meine Gedanken so abstrakt sind. Keine Fühlung. Ich will nicht immer zu darauf warten – ich muss mich jetzt los machen. Ich muss vergessen. Es gab viele Momente, in denen es hätte passieren können – es ist nicht passiert…also lass los. Stell dich nicht in den Raum. Mach dich nicht wichtig. Ich bin nicht wichtig. Ich bin irgendwas…eine nette Ablenkung, ein Moment jemand anderes sein können – mehr nicht. Stell dich nicht in den Raum – mach dich nicht wichtig. Intensität heraus nehmen. Begegnungen stressen mich. Menschen stressen mich. Ich bin immer am rotieren – eigentlich sollte ich alleine sein – ich muss alleine sein, weil ich nicht mit anderen zusammen sein kann – weil sie mich stressen, weil ich mir immer Gedanken machen muss…weil mich einfache Worte fertig machen. Sie grinst. Sie weiß es nicht, aber sie tut es. Der Italiener erzählt mir von seinem Haus auf Sizilien – wir machen Witze, ich würde ihn besuchen kommen…alle drei Monate….für drei Monate. Man bringt sich immer nur selbst zum weinen, denke ich…und die Tränen sind also wertlos. Wenn er redet, spielen seine Lippen katzenartig und ich behaupte, der Kellner würde ihm gehören – er darf ihn haben. Und der Kellner sagt, meine Liebe…hier ist dein Milchkaffee, meine Liebe. Es gefällt mir, wie er von der Beziehung zwischen Autor und Figuren spricht – wie er von dem Verhältnis des Autors zu seinen Figuren spricht – als wären die Figuren kleine Liebesbeziehungen. Meine große Leistung besteht darin, aus allem einen Traum machen zu können – einen Traum oder einen Drogenrausch – am Ende bleiben die Figuren abstrakt, als hätte es sie nie gegeben. Du hast eben nur aus einem Moment gehandelt, der geprägt war durch verletzten Stolz, sagt er. Heute keinen Kuchen. Sie zuckt mit den Schultern, wenn dich ein Mensch traurig macht, dann geh einfach. In meiner Vorstellung fällt das Glas auf den Boden…viele Scherben aber kein Tropfen mehr und ich denke an die Libelle – an den letzten Versuch, dem kleinen toten Wesen zurück ins Leben zu verhelfen. Aber es gibt kein Zurück. Also da bin ich…ich…also ich…und egal, wie ich es anstelle, egal auf welche Art ich mich bewege…aber das ist kindisch. Da sind viele kindische Gedanken in meinem Kopf und sie grinst – du schüchterst andere eben ein. Sagt sie. Und der Italiener lacht, als ich ihm von den vielen geteilten Seelen erzähle, aus dem Film – als ich sage, selbst die Kugelmenschenseelen seien eben vielfach geteilt und so gäbe es viele…eben viele Menschen, die sich gegenseitig suchen. Er lacht – ein schöner Gedanke. Ein kindischer Gedanke. Ich kann nicht gehen, bei diesem durchdringenden Blick ein wenig über den Rand der Brille hinaus und es gibt kein Zurück. Ich habe verloren.

empathie (5/12)

selbstportrait #0

Heute Nacht habe ich das erste Mal von ihm geträumt. Mein Lyrisches-Ich war auch da – wir liefen lange. Ihr Blick war ein wenig kritischer als der Meine. Irgendwann musste ich sie weg schicken – ein Mal – nur ein einziges Mal will ich alleine entscheiden. Wir liefen zwischen Korn und ich konnte von ihm immer nur eine Seite sehen – entweder die eine, oder die andere – aber immer nur Seiten. Wie liefen von Mitte bis zum Treptower Park und er meinte dann, so viel war er schon lange nicht mehr gelaufen.

Es geht immer um den Anderen. Der Andere ist die Subjektivierung der eigenen Unzulänglichkeit. Du lachst. Ja – immer. Du lachst – wirklich? Du lachst? Ernsthaft – hör auf mich zu nerven. Also nah sein? Komm mir nahe, aber bleib da drüben, also bleib da aber komm her, komm zu mir, aber nicht so, nicht so nah, also bleib da, dass ich dich sehen kann aber nicht zu nah – also komm her, komm zu mir, bleib bei mir, komm mir nahe aber – aber nicht so, nicht so, also bleib so, bleib so – also geh, aber nicht zu weit, bleib so, dass ich dich nicht sehen muss aber weiß, dass du da bist….nimm mich in den Arm aber fass mich nicht an – also fass mich nicht an – wirklich jetzt – und jede Berührung ist, einfach alles spüren und plötzlich wird der Andere ganz real – also als Anderes, als Fremdes, Nicht-ich. Fremd. Fremder – es ist seltsam, dass alles einer fremden Person zu erzählen.

Irgendwo dazwischen sind Menschen – ich stelle mir Menschen vor. Ich spüre das Rauschen – das Gehäuf. Aber irgendwo dazwischen sind Menschen – echte Menschen. Irgendwo dazwischen sind Sätze – und in mir sind es alles Linien – kreuz und quer – auch Grenzen. Nur die Stille – die Stille ist wie kleine Nadelstiche. Und alle sagen, sie fänden die Stille am Besten. Ich sehe nur Linien. Und es ist, wie ganz nahe ran gehen – als wäre ich nahe ran gegangen – einen Augenblick sezieren, auseinander nehmen – einen Menschen sezieren – sich selbst auseinander nehmen, beobachten in Worten. Worte in Linien auflösen. Auflösung des Subjekts in seine pulsierende Körperlichkeit. Irgendwo ist da dann ein Ich – und ich will es streicheln, ich will es in den Arm nehmen. Ich streichle dann meinen Arm, drücke ihn gegen meine Schulter – ich bin ja noch da.

Sie sagt, ich werde alleine bleiben. Einsamkeit sind viele Linien – und der Schrei. Irgendwas ist immer alleine – ein Teil. Dieser angenehme Ekel um die eigene Existenz. Mehr Körper sein also – es ist eben auch nur eine Hülle, die oberste Schicht. Und ich will es betäuben – ich will diese obere Schicht betäuben – weg damit, weg mit der Hülle und mir ganz nah sein – so innen drin ganz nah sein, also innere Werte und der innerste Wert ist irgendwo da unten. Also innerer Wert – Habitat – Raum – mein Raum – zu Hause sein, zu Hause bleiben – die Türe – verschlossen. Für immer verschwinden – du bist nicht unsichtbar – du existierst einfach nicht.

Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten. Es ist immer die selbe Bewegung. Fenster. Zigarette. Du bist immer die selbe Bewegung, denkt ich. Du bist immer die selbe Bewegung zwischen Fenster und Du – von den Fingerspitzen an die Lippen wie Worte. Ich kann mir einbilden, dass Distanz Nähe bedeutet. Ich kann mir einbilden, dass Schweigen ein Zuspruch ist. Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten.

Ich bin eine Floskel – ein Zeichen – eine Schublade. Ich bin ein Gegenstand. In bin eine Form gepresst auf Fläche. Ich bin Zeit. Ich bin diese Linie gezogen durch Zeit und ausgefranst. Ich bin vergangen.

Das Geräusch von Haut – ein Gleiten am Zerfall – immer am Zerbrechen. Ich höre Haut gegen Luft, gegen Atem – gegen Holzdielen. Ich höre Haut sich langsam heben, mit jeder Berührung langsam heben – ein Abblättern, erodierte Partikel. Ich höre das Echo in den Kuhlen das Schlüsselbein entlang und am Rand der Schluchten – irgendwo zwischen Achselhöhle und Brustbein – alles ist beharrliches Vergehen an die Welt. Ich höre den flüchtigen Spann, Schultern und ihr Zusammenfahren. Ich höre Haut gegen Haut – es rauscht.

Zittern – das Sein vibriert an seine oberste Schicht – im Losgelösten begriffen – und die Sphären driften auseinander. Zwanzig Blicke mustern mich – zwanzig oder hundert oder einer – zusammengekniffene Augen und viel Nichtwissen. Worte sind dann, sich entkleiden und Jahre blättern von mir ab – Jahre und ein Zittern – aber da ist auch nichts mehr, was ich noch verbergen könnte – da ist auch nichts mehr in mir.

[Geräusche ploppen auf – ein Gesprächsfetzen – ein Gesicht – Gefühl – Stimmung – Zukunft – Geschichte – innere Verfassung – Spiegel – Selbstwahrnehmung – Summe – der Sound der Straße – U-Bahn – laut – es wird unheimlich laut – es ist nur die U-Bahn – der Puls geht hoch – Zittern – sie beobachten mich – krank – sie denken, ich sei krank – Zukunft – da ist eine Zukunft – ein Bedürfnis – ein Verlangen – eine Geschichte – laut – es sind nur die Reifen auf dem Kopfsteinpflaster – laut – laut – und das Licht ist grell – blendet – es ist nur die Straßenlaterne aber meine Augen schmerzen – Schritte – Hast – Nervosität – irgendwas ist aufgewühlt – da war ein Streit – Blut – ich spüre das Blut in meinen Fingern – ich höre das Rauschen – es rauscht durch den Körper – ich spüre die Sehnen – Konzentration auf Text aber da ist wieder ein Gespräch – Stimme – nur Klang – Problem – da ist irgendwo ein Problem – irgendwas liegt in der Luft – Schwingung – gelb ist immer irgendwas schlechtes – gleich passiert etwas schlechtes – irgendwas wie Streit – kalt – selbst in der U-Bahn noch eisige Kälte – die Handschuhe sind nutzlos – für einen kurzen Moment die Vorstellung, sich nicht bewegen zu können – Herzrasen]

Das Fremde – dann nehme ich einen Löffel in die Hand oder irgendetwas anderes und unendlich lange bleibt die Bewegung wie sie ist – aber sie ist nicht mehr. Das Dasein pocht gegen den Körper – und jeder dieser Orte ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und jedes Du ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und sie sagt, der Körper sei nur eine obere Hülle aber was meint nur – was meint sie, wenn jedes darunter einer Oberfläche bedarf – wenn jedes Rühren an diese Fläche alles durcheinander wirft – wirft, werfen, geworfen und wir, ich, du – wir sind ins Dasein geworfen – man. Wir sind in Körper geworfen und Seele – in ein zitterndes Etwas geworfen und Vorgeführte – der Welt Vorgeführte.

Die Grenze zwischen Menschen ist das Mensch-sein. Manche Menschen sind nur in Worten greifbar. Langes Schweigen.

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.

selbstportrait #0

experiment I

Ich – Ich – Ich – Ich – Also ich – Ich. Ich kann mich nicht sehen.

Chaotisch – in meinem Kopf ist prinzipiell Chaos, ich bin selten mit mir zufrieden.

Meine Unzufriedenheit wird nicht wahrgenommen, die meistens Menschen mögen mich schnell, vertrauen mir schnell, weil ich sehr offen und herzlich bin.

Wärme strahlt aus meinem Gesicht – dachte ich immer.

Ich lasse mich gern fallen – wenn der Moment dann kommt – Kleidung ist für mich, sich auszudrücken – sie zeigt auch meine momentane Stimmung.

Man hält mich oft für oberflächlich, verwöhnte, reiche Modegöre. Das empfinde ich dann als Demütigung – ich empfinde genau das Gegenteil.

Manchmal stelle ich mir vor, jemand zerkratzt mir das Gesicht – ich werde zu erst geschminkt, alles wird schön zu recht gemacht – ich trage ein weit schwingendes, ausgefallenes Kleid und wenn dann alles fertig ist, wenn ich fertig präpariert bin, kommt einer und zerkratzt mir das Gesicht, reißt mir die Kleider vom Leib, reißt alles herunter und ich bleibe nackt und zerkratzt und blutend auf dem Boden liegen.

Also Ich.

Ich kann oft nicht los lassen – ich will es aber ich kann nicht. Ich hatte noch niemals einen Orgasmus. Ich brauche lange, bis ich mich in einer Situation oder mit einem Menschen wirklich wohl fühle – meistens ist, als würde ich die ganze Zeit neben mir stehen – mir dabei zu schauen, wie ich da sitze, wie alles um mich herum passiert – ohne mein zutun – ohne mich. Auch beim Sex – da sehe ich mir oft von oben zu – dann komme ich mir lächerlich vor.

Ich. Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin ein Mensch der sehr zurückhaltend ist, vorsichtig, nach außen wirke ich sehr extrovertiert und quirrlich aber eigentlich bin ich recht kontakt scheu. Ich bin er geizig und habe einen starken Trieb in mir, meine ziele zu erreichen. Moment jedoch entdecke ich einen Menschen in mir, der sich sehr nach Entschleunigung sehnt.

Das sind dann immer Situationen oder Momente, in denen ich stolpere, unbeholfen bin – eigentlich müsste alles sitzen, alles gut sein und dann stolpere ich oder ich lasse alles fallen und der ganze Raum dreht sich nachmir um und hinter den Fenstern sind mit einem Mal Mauern und die Tür ist abgesperrt und der ganze Raum starrt mich an – starrt mich einfach an.

Ich.

Ich bin spontan, wirke sehr selbstbewusst. Manchmal fehlt mir die innere Ruhe – obwohl ich sehr ruhig bin aber manchmal merke ich, wie mir das fehlt, einfach mal ruhig zu sein – sich nicht nach Draußen zu vermitteln – einfach mal nicht erreichbar zu sein. Ich versuche durch körperliche Nähe, Intimität auf zu bauen – ich brauche die Berührung – ich muss berührt werden und ich muss berühren um einen Menschen richtig wahr nehmen zu können. Fühlung – alles – mit einem Mensch tanzen – dann habe ich das Gefühl, ihn verstehen zu können – oder es ist eben wie Kommunikation – es ist ein Gespräch – eben ein Gespräch durch Bewegung.

Also ich.

Ich denke nicht viel darüber nach, wie ich nach Außen wirke – das spürt man ja auch einfach, ob jemand einen annimmt, wahr nimmt oder eben nicht – aber ich mache mir keine Gedanken darüber, aus welchem Grund ich jetzt nicht angenommen wurde. Das ist dann halt so.

Ich bin voller Wiedersprüche – konfus. Verschlossen und offen zu gleich und vielleicht auch ein wenig lustig. Doch – sehr lustig.

Oft werde ich für arrogant gehalten oder einfach introvertiert – aber auch für cool. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe Angst vor Berührung. Ich habe Angst. Ich schließe meine Türen ab – ich schalte mein Handy aus – ich bete, dass mich niemand anruft – ich will alleine sein. Aber wenn dann wirklich niemand klingelt, wenn niemand anruft, frage ich mich, warum ich so alleine bin – warum niemand da ist, der anruft, der klingelt. Ich bin allein. Es klingelt nicht. Niemand ruft an. Die Vorhänge sind zugezogen, kein Licht kommt in den Raum – ich weiß nicht, ob es Tag ist oder Nacht – es ist einfach – es ist Zeit und niemand ruft an, niemand klingelt, niemand weiß, wo ich wohne, niemand sieht, dass ich zuhause bin. Ich bin niemand.

Ich.

Ich glaube, ich bin ein netter Mensch. Seltsame Frage – der erste Eindruck ist wahrscheinlich reserviert – Reserviertheit – mit der Zeit wird es dann wärmer – ich komme eigentlich mit fast jedem gut klar.

Ich werde häufig falsch eingeschätzt – ich bin dann eher erstaunt, verdutzt aber weniger gekränkt.

Ich habe dieses Bild von mir, dass ich gut alleine klar komme, dass ich gut alleine sein kann, dass ich gerne alleine bin – und eigentlich ist das auch so. Ich bin allein – ich lebe allein, mit meiner Einrichtung, nach meinem Sauberkeitsempfinden und mit schönen Möbeln – ich habe dieses Bild von mir, dass es gut so ist, dass es super so ist – dass es so ist, dass ich gerne alleine bin. Aber manchmal weiß ich nicht, ob dieses Bild wirklich von Innen kommt. Manchmal weiß ich nicht, ob ich das bin – ob ich dieser Mensch bin, der alleine ist oder ob ich einfach alleine bin – ob eben niemand mit mir zusammen sein will, zusammen leben will – mich in seinem Leben haben will. Ob mein Leben dann nicht doch von Außen bestimmt ist.

Also ich. Ich kann mich nicht sehen.

Ich bin eher ein ruhiger Mensch, zurückhaltend – introvertiert vielleicht – aber eigentlich nicht, brauche Zeit.

Äußerungen, Bewegungen – darüber denke ich oft nach – wie wirkt das, welche Reaktionen bekomme ich darauf – es passiert oft, dass sich eine Schublade öffnet – das sind vielleicht auch nicht die Menschen, mit denen ich befreundet bin aber man will auch so nicht in irgendwelchen Schubladen oder Kategorien stecken – nur weil man eine bestimmte Handbewegung vollzogen hat oder die Stimme ein Stück zu hoch war.

Es gibt immer ein Außen, es gibt Erwartungen – es gibt bestimmte Kategorien und ich weiß, wenn ich mich selbst darin bewege, ändere ich nichts daran – es führt nur dazu, dass diese Kategorien aufrecht erhalten bleiben – also sie bleiben und sie sind mir wie Grenzen, an denen ich mich orientieren kann – aber es sind auch Grenzen und Teile meines Ichs bleiben daran hängen, kommen irgendwie zum erliegen. Es immer so ein Drahtseilakt zwischen mir und dem, was erwartet wird – oder eben dem, wie es ist – wie es normal ist.

Also ich.

Ich bin ein junger Mensch. Ein glücklicher Mensch. Ein kleiner Mensch. Ein Mensch in Berlin.

Meine Außenwahrnehmung schwankt so zwischen abweisend und herzlich.Ich habe Angst davor, mit meiner Sprache an eine Grenze zu kommen – nicht mehr weiter zu kommen – mich nicht vermitteln zu können. Ich habe Angst davor, zu verschwinden, wenn meine Sprache zum erliegen kommt. Was ich nicht vermitteln kann, das ist auch nicht denkbar. Ich habe Angst vor diesem undenkbaren Moment – weil es irgendwie auch bedeutet, dass Teile meines Seins in diese Unvermittelbarkeit über gehen.

Ich.

Ich glaube ich bin schöner, wenn ich mich nicht bewege. Auch nehme ich oft statische Positionen ein – verharre in einem Moment mit nur minimalistischen Verschiebungen meiner Gesichtszüge. Ich will nicht, dass man mich sieht – also, dass man irgendetwas in mir sieht oder eben auf mir – das Innen auf mir sieht oder durch mich hin durch sehen. Manchmal fühle ich mich wie so eine Marmorstatue und ich versuche so zu bleiben – in einer Haltung.

Ich. Ich sehe mich nicht.

Ich bin ein Leser. Ich bin ein Mensch der schwierige Entscheidungen vermeidet

Keine Ahnung, wie ich nach Außen wirke, aber es ist bestimmt falsch.

Ich sehe oft Leere, die meine Begegnung in anderen hinterlässt. Das Ich ist eine Konstruktion – man ist eine Konstruktion. Man ist eine diffuse Masse aus dem, was man ist, was man sein will, was man glaubt zu sein, was man glaubt in Anderen auszulösen – aber das sind viele Schritte zur Selbstinszenierung – wir inszenieren uns den ganzen Tag – ich bin eine Inszenierung dessen, was ich gerne wäre. Also bin ich es nicht. Aber wir sind es nie.

Also ich.

Ich denke ich bin ein vielseitiger Mensch, der kontinuierlich an sich arbeitet. Ich werde als angenehme, ruhige, lockere Person wahrgenommen und komme generell gut mit Menschen klar.

Ich habe Angst davor, meine Ängste nicht besiegen zu können und auch davor, ein Versager zu sein.

Es ist mir unangenehm, andere Menschen zu enttäuschen – oder dieses Gefühl eben der Enttäuschung, wenn man etwas nicht geschafft hat – ein Ziel nicht erreicht hat und dann steht man vor seinen Freunden als Versager da. Wenn man Träume hat oder ein Ziel und man erreicht es nicht – wenn meine Freunde dass dann mit bekommen und auf mich herunter schauen und genau wissen, ich habs nicht geschafft, ich habs nicht hin bekommen – ich bin ein totaler Looser.

Ich sehe mich nicht – ich kann mich in mir nicht sehen. Meine Abbildungen bleiben mir leer – da kommt keine Geschichte, da spielt nichts – da erzählt nichts.

Wen schaue ich an? Also wen schaue ich an?

Sich in die Haare greifen, den Blick senken – wohin mit dem Blick – es ist anstrengend, sich selbst ausgesetzt, es fehlt Nähe, es fehlt die Stimmung – keine Fühlung.

Ich. Also ich. Ich sehe mich nicht.

experiment I