Sein Zimmer für mich allein

„Dann wache ich in dieser fremden Wohnung auf und das Erste, was ich tue, ist, die Bücher aus dem Regal zu ziehen, nicht weil mich die Bücher interessieren, sondern weil ich wissen will, was der Typ dahinter versteckt. „Ich stehe nicht so auf One-Night-Stands“, hat er gesagt und „Schon okay, bleib.“ Auf dem Küchentisch, der zugleich Schreib- und Esstisch ist, liegt freundlich drapiert ein Handtuch – es ist frisch, ich habe daran gerochen –, daneben stehen die French Press und die Kaffeedose. „Du kannst meine Zahnbürste benutzen, wenn dir das nicht unangenehm ist, aber wir haben uns ja auch geküsst“, hat er gesagt. Drängend strömt der Geruch von abgestandenem Sex aus dem Schlafzimmer, Reste abgetragener Hautpartikel … Riecht es so oder ich? Ist das mein Geruch? Sie ähneln sich sehr, die Gerüche, egal wo ich aufwache. Ich lehne am französischen Balkon. Wer gießt die Pflanzen, wenn er verreist ist? Die Asche meiner Zigarette landet die neun oder zehn Stockwerke tiefer – ich stelle mir das Ganze als Kamerafahrt vor und vielleicht mit Musik.“

Auszug aus: Sarah Berger: Sein Zimmer für mich allein (Shortstory, erhältlich im FROHMANN Verlag)

Zimmer4

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Sein Zimmer für mich allein