Romananfang (1)

Warum ist alles, was ich tue, ein Klischee? Ich kann mich gerade so von Günther fortreißen mit den Worten: „Ich muss echt dringend pissen.“ Endlich lässt er mein Ohr los. Er findet es witzig oder es liegt am Joint, den er wie einen Dozierstab hin und her schwenkt beim Reden. Was tut Günther? Er sitzt im Keller dieser kleinen aber ambitionierten Film-Animationsproduktionsfirma – Quatsch! Alles ist im Keller – die ganze Firma oder Community oder Künstlerkollektiv sitzt im Keller und was tun die? Es ist nicht mal eine Firma sondern eine handvoll Künstler, die sich ein Büro teilen oder einen Arbeitsraum oder ein Studio – und einen Kicker. Ob in jedem kleinen aber ambitionierten Animationsstudio ein Kicker steht? Es ist zwar ein Gartenfest aber je nach Bekifftheitsgrad gehe ich davon aus, dass früher oder später einer auf die Idee kommen wird, den Kicker heraus zu tragen und dann wird gekickert. Das ist dann Spaß-haben. Zuerst wurde gegrillt – ich habe mich nicht getraut, etwas von dem Essen zu nehmen. Alles hier ist so familiär, und ich gehöre nicht dazu. Ich kenne niemanden außer Günther. Ich weiß nicht, welcher Kinderwagen zu wem gehört, ob man sich selbst etwas auf den Grill legen muss oder alles für alle ist – auch nicht, wie das mit dem Bier ist. Also gehe ich erst noch Mal zum Späti und hole mir eine Club-Mate und ein Eis zur Beruhigung. Als ich wieder komme, hat sich nichts geändert – alle sitzen rum, essen Zeug vom Grill und quatschen. Dann werden die Filme gezeigt – die letzten Produktionen und was man so rumliegen hat. Gleich beim ersten Film rufen die Nachbar von gegenüber um Ruhe, alle lachen, alle schütteln den Kopf. Das Screening wird fortgesetzt – nicht ohne dass Günther permanent am Ton rumfummelt. Einige Werbeclips sind dabei, Auftragsarbeiten, Spielereien. Ein Film ist gut – zwei ungleiche Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten werden Freunde oder eben dann nicht. Dann steigt der süßliche Duft auf und immer wenn Schriftsteller von Gras sprechen, schreiben sie: Es steigt ein süßlicher Duft auf oder ähnlich unsubtiles – also die coolen Filmemacherkids over 35 zünden sich halt Joints an, weil man das als Joungceative eben so lässig macht – das ist wie Pissen-gehen oder die Windeln des Kindes wechseln – das macht man halt, weil es dazugehört. Günther doziert mit der Hashkippe und erzählt, wie sie die eine oder andere Animation gemacht haben – wobei ich immer noch nicht verstehe, was er eigentlich tut: „Riecht gut.“ sage ich. Erst jetzt kommt er auf die Idee, mir einen Zug anzubieten. „Nein, danke.“

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Romananfang (1)

4 Gedanken zu “Romananfang (1)

  1. Der Anfangssatz ist klasse, könnte sich aber direkt anschließend noch mehr im Inhalt wiederfinden, denn da werden eher die klischeehaften Handlungen der anderen beschrieben. Das mit Joint und Dozierstab ist ’n schönes Bild.

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  2. Der erste Satz ist wirklich gelungen. Ich muss jedoch latent.de zustimmen. Zum Folgetext würde besser passen: Warum ist alles, was ich erlebe, ein Klischee? Aber es ist nur der Anfang. Zu kurz um es genau beurteilen zu können. Doch muss ich sagen, dass ich sofort in der Geschichte bin. Ein guter Einstieg.

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