Dinge für sich behalten – wie Erinnerungen

Richtig gute Bücher riechen nach mir selbst. Ich nehme sie häufig zwischen die Hände, trage sie in meiner Tasche … das bedeutet: Sie riechen nicht. Ich kann mich selbst nicht riechen. „Was riechst du?“ frage ich Aviv. Seine Nase gleitet mein Schlüsselbein entlang. „Gut.“ sagt er. „Aber wie gut, was für ein Gut.“ Ich kann mir darunter nichts vorstellen. Aviv riecht dunkelgrün und irgendwie nach Nadelwald, erdig, harzig, wie Tannennadeln zwischen den Fingerspitzen. „Einfach gut, angenehm.“

Ich sitze im Glaskasten. Ich bin allein. Ich kann mich nicht riechen, hebe den Arm üben den Kopf und spüre den milchig-säuerlichen Geruch meiner Achseln im beißenden Kampf mit feuchtem Baumwollpulli – so rieche ich: Schweiß. Ich nehme noch einen tiefen Zug – es riecht weiß und ich muss an hart gewordene Milch denken. Und Ekel. Allein im Glaskasten ekle ich mich. Schon seit einer Stunde ist die Bibliothek leer – niemand ist da, ich bin allein. Ich wünschte die Eisentür würde gehen – die Feuerschutztür – einfach aufgehen, das Geräusch Stahl auf Stahl, ich würde hochschrecken – gerade noch hatte ich an meinen Achseln geschnuppert, hat er es gesehen? Ich würde hochschrecken, es gäbe einen kurzes Rauschen, ein kurzer Rausch Mensch.

Vielleicht mache ich früher zu, schon um neun oder eben jetzt. Seit bestimmt einer Stunde oder zwei rauscht es nicht mehr – ich sitze allein im Glaskasten, allein im Foyer der Bibliothek, Samstag 20 Uhr. Auch die Philosophen sind auf dem Heidelberger Herbst und die Jurastudenten und die Medizinstudenten – alle. Aviv ist zuhause. … Heute kommt keiner mehr lesen und über mir Hausmeisters Schlagerparade. Ich habe noch nie früher Schluss gemacht.

Wo sind die Jurastudenten, die Medizinstudenten – wo sind sie alle mit ihren Kaffeetassen und Moleskinkladden? Irgendwer ist doch immer bis zum Schluss da und ich muss sie richtig rauswerfen mit Deckenfluter einschalten und bösem Blick in die Räume werfen. Der chinesische Austauschdoktorand, der über Heidegger promoviert und in seinen kleinen Übersetzungscomputer Sein und Zeit eintippt. Vor ein paar Tagen kam er zum Glaskasten und wollte wissen, was Jemeinigkeit bedeutet … Du, ich verstehe den auch nicht, hätte ich ihm sagen sollen.

Ich schnuppere ein weites Mal an meiner Achsel, dann stehe ich auf. Ich muss die Bücher aufräumen und Fenster schließen. Alles zerfällt, das vergessen wir … oder denken nicht daran aber alles zerfällt. Die Dinge, mit denen wir uns umgeben, das meiste davon – zerfällt dauerhaft. Bücher zerfallen, dauerhaft. Das ist der Geruch von Bibliotheken: Zerfallende Bücher, Terrakotta, die Kombination von braunem Zucker und leichtem Schimmel. Und Kaffee – dank der Kaffeemaschine gegenüber Descartes riecht es immer ein wenig nach frischem Kaffee. Unten bei Hegel saß heute die Rothaarige, helles Orange, dieser Moment, wenn die Sonne ganz tief steht, feuchter Sand in die Zehenzwischenräume gegraben. Ein Raum weiter, zwischen Marx und Nietzsche saß dieser Sartre-Typ, ich bin mir sicher – Gras unter seinen blanken Füßen und auch sonst lindgrün, Tau, ein Morgen im Garten, Komposthaufen. Bei den Engländern saß Ilja, immer – ein kindliches Hellblau, süßlich und frisches Popcorn, Gummibärchen, auch etwas künstlich. Ich habe Hunger. Im letzten Raum saß Yibin mit seinem Sprachcomputer – ein Sonntag im Bett, dunkelblau und ohne Lust, die Fenster zu öffnen, ein Raum voller Wärme unter der Bettdecke.

Zerfallen. All das. Ich schrecke hoch. Die Eisentür ist gegangen. Vor mir steht der Wittgenstein-Typ, grau, vergehend, ein Hefeteig, der langsam in sich zusammen fällt, eine Küche voller Backwaren und warme Hände, die den Teig kneten. Er gibt mir seinen Ausweis, ich gebe ihm den Schlüssel von Fach 23. Wir sind quitt. 21:05 – ich bleibe.

Bücher zerfallen, permanent. Dieser Geruch des Zerfallenen, vergammelte Buchseite, alt

Aber in all den Jahren, die ich nun hier sitze – es sind nur vier – in den letzten vier Jahren war mindestens einer noch bis zum Schluss da. Und oft kommen ja auch die Medizinstudenten und Jurastudenten, weil es hier im Philosophischen Seminar so ruhig und gemütlich ist und weil es in ihrer Bibliothek keine Kaffeemaschine gibt und weil die Aufsichtsperson oft weg schaut, wenn man Essen mit reinnehmen will. Ich schaue meistens weg.

Ich muss die Bücher aufräumen und sortieren und die einzelnen Räume kontrollieren, ob die Fenster zu sind und die Heizung aus ist.

Um des Rauschens wegen, um des Rauschens eines Menschen wegen – seit bestimmt einer Stunde allein im Glaskasten, im Foyer der Bibliothek – Samstag, 20 Uhr.

Vielleicht habe ich jemanden übersehen

Ich sitze im Glaskasten. Ich bin allein.

Ich sitze im Glaskasten, ich bin allein. Niemand schaut hin. Ich hebe den Arm über den Knopf und stecke meine Nase in Achsel und lasse mich anekeln

Niemand ist da. Schon seit zwei Stunden ist die Bibliothek leer aber ich bin trotzdem hier, vorne im Glaskasten. Ich habe ein paar Mal überlegt, vielleicht doch zu schließen – einfach früher schließen, es ist Samstag 20 Uhr, ich sitze im Glaskasten. Vielleicht habe ich jemanden übersehen (aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich niemanden übersehen habe) – ich stehe auf, verlasse den Glaskasten …

Manchmal bitte ich jemanden, mir meinen Geruch zu beschreiben und der sagt dann meistens nur gut.

Riechen stelle ich mir immer als Weiten der Nüstern vor wie bei Pferden. Ich weiß nicht, was mein Körper genau tut – ich atme nur.

Ich suche immer nach diesem Geruch.

 

Veröffentlicht in: CASINI DIVISION • KRISE UND KRITIK • DOSSIER 01 • BIBLIOTHEKEN • 2015, Juli 2015, Seite 12/13

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