Es ist anstrengend

Ich bin keine schöne Frau. Das Handy vibriert. Markus so called meine Hobbys sind klettern und ausgedehnte Spaziergänge über das Tempelhofer Feld schreibt, er möchte gerne Spaß haben und dann mal sehen, was sich entwickelt. Ich kann dir sagen, was sich entwickelt: Wir werden echt Spaß haben, weil ich eine ziemlich intelligente und witzige Frau bin – wir werden uns gut verstehen, wir werden Essen gehen und ins Kino, wir werden im Bett frühstücken und Quatsch reden, ich werde dir vorlesen, du wirst meine Stimme lieben und meine verrückte, chaotische Art. Du wirst Dinge sagen wie: Du bist toll, es ist schön, mit dir zusammen zu sein. Aber dann, nach ein paar Monaten mal sehen, was sich entwickelt – wirst du einer anderen Frau begegnen, in die du dich unsterblich verliebst und wir werden Freunde bleiben. Ich schreibe: Okay. Fakt ist: Ich bin fett. Jetzt denkst du: Nein, sag doch nicht so was – aber es ist die Wahrheit. Das war das Geschenk meiner Adoleszenz: Breite Hüften, einen breiten Arsch und jedes noch so kleine Zuckermolekül verwandelt sich augenblicklich in Fett. Um einigermaßen das Gewicht zu haben, mit dem ich mich irgendwie arrangieren kann, müsste ich drei bis vier Mal in der Woche Sport machen – ich hasse Sport. Und ich muss einen strengen Ernährungsplan einhalten (Kein Zucker, kein Brot und nur Vollkornprodukte etc.) … das ist anstrengend. Es ist so anstrengend, dass ich Zucker gegen Zigaretten tausche und Pizza gegen Würgen über der Toilette. Es ist so anstrengend, dass mein Kleiderschrank Klamotten für etwa drei, vier Ichs bereithält – von 50 bis 80 Kilo. Es ist so anstrengend, denn obwohl ich die Enttäuschung über mein Erscheinungsbild schon in Markus Gesicht sehe, er sagen wird: Nein, du siehst gut aus – du bist nicht fett. Aber das ist eine Lüge. Ich weiß nicht, ob er sie mir erzählt oder sich selbst. Es ist anstrengend, weil egal wer ich bin und egal, welche Eigenschaften ich mitbringe – niemand verliebt sich in eine fette Frau.

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Es ist anstrengend

2 Gedanken zu “Es ist anstrengend

  1. Sarah schreibt:

    Das denkst du wirklich? Ernsthaft?
    Mein Bekanntenkreis ist sehr durchmischt, was das Gewicht angeht, vielleicht 50:50 was Normal- und was Übergewichtige angeht. Und dann sitze ich als blondes, schlankes Model – die keinen findet, weil die Männer die ich kennenlerne ausschließlich aufs Äußere gucken und ficken statt eine Beziehung wollen – neben den seit Jahren glücklichen übergewichtigen Paaren und kann vor Neid kaum hinsehen, wenn sie sich küssen. Ich habe gerade nachgezählt: Die mit mehr Gewicht haben in meinem Umkreis zu 80% Beziehungen, die Normalgewichtigen zu 30%. An einer Studie dazu, die bei den Prozentzahlen Fakten schafft wäre ich aber sehr interessiert, das ist natürlich nur ein subjektiver Eindruck der fünf dutzend Menschen, die ich kenne.

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    1. Vielen Dank Sarah für deinen Kommentar. An dieser Stelle ganz kurz: Das hier ist ein literarischer Blog und der Text ein literarischer Text. Ob ich das wirklich denke, ist irrelevant. Der Text reflektiert die selbstkritischen, vielleicht sogar selbstzerstörischen Gedanken eines Lyrischen Ichs, die man in jedem Fall kritisieren kann. Solch eine Studie fände ich auch interessant – allerdings muss man sich auch die Frage stellen, wie sich persönliches Glück überhaupt messen lässt. Liebe Grüße, Sarah

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