ver-haftet

Wie ist das mit Bedürfnissen? Ich strauchle noch. Manchmal stelle ich mir vor, es wäre so einfach – einfach neben Menschen liegen, vielleicht eine leichte Berührung – nur der Geruch und kurz durch die Haare streichen vielleicht, mehr nicht. Mein Blick liegt lange auf dem leicht Gekräuseltem über Scheitel. Ich sehe mich dann – eine kurze Bewegung, mehr nicht. Aber ich bleibe still sitzen, Hände in den Schoß gefaltet – ein wenig einfältig. So richtig wahr fühlt es sich erst an, wenn man es anfassen kann. Manchmal verwirrt mich an mir diese Bewegung – wofür braucht es die Berührung?Ich denke, jeder Mensch ist eine Grenze und vielleicht stellen wir uns vor – oder ich – vielleicht stelle ich mir vor, man könnte diese Grenzen einreißen, sich einreißen – sich in die Welt reißen – immer zwischen zu eilig und schnell weg laufen. Dann denke ich, wir sind die Generation, die immer alles verpasst – die sich für Ideale aufspart und an der Kreatur verbraucht. Und wir wägen lange ab: wer ist wann und wie auf welche Art und Weise geeignet. Sie läuft ein paar Schritte durch den Raum. Im nur spärlich bestückten Bücherregal, entdeckt sie einen kleinen Igel aus Glas. Ihr Finger deutet in seine Richtung: „Wie heißt der?“ An meinem Handgelenk zieht die Zeit lange Schliere – mein Blick fällt mehrmals auf das Ziffernblatt aber sehen kann ich nichts. Er spricht von irrationalen Grenzen – und wenn die Begründung einer Grenze irrational ist, dann kann man sie nicht ziehen. Ein etwas nervöses Gemüt. Sie stellt meinen Sitz hoch. Er bezahlt das Essen nicht. Als würde man das nicht merken. Manchmal stelle ich mir den Menschen als eine Schabe vor – ein wenig wie bei Kafka – aber jeder trägt seine eigene Schabe im Leib. Ich würde dann gerne meinen Körper einklappen, den ganzen Körper einklappen – sich einfach mal wie eine Ziehharmonika fühlen. Ich kann mich noch ein wenig daran erinnern, an diesen Moment – es war nur Euphorie – und ich dachte, es wäre schön, wenn ich mich auf den Begriff bringen könnte – auf Begriffe wie Melancholie oder Euphorie – aber wenn ich mich auf einen Begriff bringen müsste, wäre es wohl Angst. Und ich kann mich noch ein wenig an diesen Moment erinnern – auch im Garten, auch zwischen roten Sandsteinbauten – aber gibt es in dieser Stadt überhaupt andere Gebäude? Ich sehe nur Rot, wenn ich versuche, mich zu erinnern und deine dünnen, dunklen Haare und dein langer, schräger Körper – es war immer so still um uns, so still mit blauem Schimmer auf dem Gesicht und du erinnerst dich…ich saß auf dem Teppich gedrückt zwischen Bettkante und Regalboden – eingeklappt wie eine Katze mit zuckenden Augenliedern und wippenden Knien. Und du hast gesagt, ich bräuchte keine Angst haben, du würdest nicht lachen aber ein wenig gelächelt, hast du dann doch – aus den Augenwinkeln konnte ich es sehen. Heute sehe ich nur noch die Lichter und jedes Fahrzeug bewegt sich von mir weg. Ich sammle die Bilder wie Spielkarten – jedes einzelne, was auch immer mir zurück geworfen wird – irgendwann will ich daraus etwas bauen – irgendwo dort bin ich, ganz bestimmt. Ich erinnere mich an das wilde Haar in alle Richtungen geworfen, hinter ihm die Treppe rauf und schnell eingeatmet, um nie wieder auszuatmen – ein Gefühl zwischen Spannung und Anspannung – aber ein wenig gelächelt, hast du dann doch. Wie ist das jetzt mit den Bedürfnissen? Ich strauchle noch. Aber langsam gerät es in Vergessenheit – in mir geraten sie langsam in Vergessenheit. Ich kenne sie nicht mehr. Sie sind mir irgendwie entglitten, die kleinen Phantasien eines unerträglichen Kummers. In spiegelndem Glas sehe ich mich unwirklich, leicht verschwommen. Ein Schmerz mehr oder weniger, sagt sie und zuckt ein wenig mit der Schulter, spielt am Ende eines Lebens auch keine Rolle.

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