langer regen

Ich erinnere mich nicht. Einer von Beiden war immer da – Norah oder Henry. Aber an vieles davon, kann ich mich kaum erinnern. Norah sagt, weil es mir nichts bedeutet hat. Wahrscheinlich hat sie recht. Aber Bedeutsamkeit verschwindet – sie ist nur im Moment. Norah lag in der Wiese…immer… vor dem Seminar im Innenhof – Sonne – sie liegt da, immer – mit dem Buch auf dem Bauch und geschossenen Augen zum Himmel und dann plötzlich durch die Stille ihre raue Stimme: „Weißt du, was ich glaube? Dinge passieren gar nicht chronologisch. Sie passieren dir erst wirklich, wenn sie in dir wirken.“ Norah sagt, ich trauere nicht. Aber sie sagt nichts. Sie sagt, ich trauere nicht, weil ich an meinem Exposé arbeite. Aber sie sagt nichts. Sie sagt gar nichts mehr. Nächte beginnen mit kaltem Schweiß. Ihr Körper saugt alles auf – in die Kautsch gedrückt und irgendwie leblos…streift durch die Wohnung, zwei Zimmer, Küche,Bad und schön Altbau mit hohen Decken und Flügeltür – das twittert sie dann, hängt mit dem Gesicht über dem Smartphone und es saugt sie ein. Aber sie sagt nichts. Ostern – vier Tage in der Wohnung – Karfreitag. Irgendwann gehen wir dann doch ins Museum aber da ist nichts, nichts in ihr – aber ich bleibe ruhig. Ich traure nicht. Die Arbeit zerfällt – Wir spielen gerne mit der Einbildungskraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns. Sie und schweres Atmen und sie und immer schwerer werdend, es zieht, es zieht vom Boden und in die Kautsch gedrückt und sie und sie überall also verlasse ich das Haus, raus um sie, sie geht und Schritte schwer und dieses braune Kleid hat etwas vom Morgenmantel meiner Mutter und alles schwer, wenn ihre Schritte durch die Wohnung schleichen – also verlasse ich das Haus, versuche, laufe durch den Stadtteil, Häuserschluchten, keine Sonne, nichts. Norah liegt auf dem Rücken und die Wiese legt sich um ihren zarten Körper als wäre dazwischen immer noch ein Moment Nichts, mit dem Buch auf dem Bauch immer und durch die Stille ihre dunkle Stimme Worte und ich denke – du bist eine Woge. Sie redet vom Kugelmensch und von der Seele, unendliche Seele sagt sie und sie schwingt – Resonanzkörper und das Spiel der Erkenntniskräfte, sagt sie. Dann springt sie mit eine mal auf, läuft mit blanken Zehen über die Wiese aber sie ist eine Woge und ihr Körper bebt, gehe ich mit den Fingerspitzen dagegen und dann lächelt sie, schwingt ihre dünnen Arme um meinen Hals, greift mir ins Haar – sie schreibt: Aber im dunklen Intervall versöhnen// sich beide zitternd. // Und das Lied bleibt schön. Noch tänzelt sie über die Wiese, noch sanfte Schritte mit dem Buch auf dem Bauch und Blick in den Himmel. Mein Finger graben sie in die Erde, immer tiefer – zwischen mir und der Erde kein sanfter Schimmer aber sie berührt es und berührt doch nicht den Boden – mit beiden Füßen auf festem Grund fliegen – sagt sie dann. Ihre Finger malen die Seele in die Luft – ernste Einsamkeit – rezitiert sie, immer mit leichtem Schimmer auf den Lippen, mit oberer Zahnreihe über Unterlippen und schnell zuckenden Wimpern, immer leicht tippelnd oder mit wippendem Oberkörper. „Hörst du mir zu?“ fragt sie. „Wofür sonst braucht der Mensch die Kunst? Er braucht sie nicht – aber es passiert etwas, irgendwo – wenn man die Zeilen liest, mein ganzer Körper zittert – das ist die Seele und die Kunst ist für die Seele.“ Die Einsamkeit ist wie ein Regen – legt sie mir unters Kopfkissen und Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, // ohne Grund weint in der Welt, // weint über mich.

aus Kapitel 11
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