only perception

Ich bin in dem Café vorne an der Ecke, wo ich öfter mal bin und habe Lust auf eine Unterhaltung. Er hat gesagt, er möchte nicht mehr mit Ich anfangen aber ich frage mich, wo sollte man sonst beginnen als bei sich? „Hey – warte mal!“ – „Ja?“ – „Oh gut – ich hatte die Befürchtung, du siehst mich gar nicht.“ – „Und?“ – „Naja – das wäre schade gewesen. I want to see you. I want you to see me.“ – „—“ – „Das ist ein Zitat…aus einem Film.“ – „Klingt irgendwie kitschig.“ – „Kennst du Sartre?“ – „Ein wenig…fand ihn nicht so…“ – „Ja…ich auch nicht, aber es gibt da eine Stelle, da fragt sich der Protagonist, was ein Abenteuer ist und er kommt dann zu dem Schluss, dass der Mensch immer ein Geschichtenerzähler ist – es gibt nur zwei Modi: leben oder erzählen. Und wenn man lebt, dann passiert nichts – Die Szenerie wechselt, Leute kommen und gehen, das ist alles. Es gibt nie Anfänge. Ein Tag folgt dem anderen, ohne Sinn, ein unaufhörliches, eintöniges Aneinanderreihen. Wenn man aber erzählt, ändert sich die Richtung des Erlebens – plötzlich hat das Erlebte ein Ziel. Also frage ich mich, ist das wirklich kitschig? Ist es nicht so, dass wir uns unbedingt verstehen wollen?“ – „Wahrscheinlich schon.“ – „Heute morgen bin ich mit einem Film aufgewacht – mit einem Film im Kopf – oder vielleicht war es mein Traum – in jedem Fall bin ich mit Bildern aufgewacht, ganz plastischen Bildern. Bildern von Dingen, die ich nie erlebt habe – Bilder von einem Mann, Anfang dreißig, kurze Haare, der aufwacht, zuhause, aufsteht – die Vorhänge aufzieht. Eigentlich waren es meine Bewegungen. Direkt vor dem Schlafzimmer ist ein Stativ aufgebaut und eine Kamera – er steht davor, sein Blick geht kurz aus dem Fenster dahinter – dann macht er ein Bild von sich selbst. Er sitzt mit einer Schüssel Müsli vor dem Computer – zwei Bildschirme und eine Stimme aus dem Off liest, was er liest. Irgendetwas verärgert ihn. Eigentlich sind das meine Bewegungen – aber in einem unbekannten Raum an einem unbekannten Mann. Ich kenne dich nicht. Du bist Vorstellung. Ich kann dich mir vorstellen – ich kann das, was mir an dir gefällt, dieses sensitive Moment, in mir ganz hervorrufen und deine Person damit ausfüllen. Ich kann sagen: Du bist schön. Verstehst du?“ – „…nicht wirklich.“ – „Es geht um die Vorstellung – ich erzähle dir die Geschichte eines Menschen, den es nicht gibt. Aber während ich dir davon erzähle, generiere ich die Identität einer Phantasie – durch meine Worte existiert er.“ – „Und was ist jetzt mit ihm?“ – „Vergiss ihn – es geht nur um die Vorstellung – der Mann ist nur in meiner Phantasie – außerhalb meiner selbst existiert er nicht. Aber gerade habe ich dir von ihm erzählt.“ – „Ja?“ – „Ich hätte dir weiter erzählen können, dass er in der U-Bahn sitzt mit einem umgeschlagenen Buch in der Hand. Sein Blick geht durch die Gesichter – ein paar Sitze weiter eine Frau, sie liest – ich könnte dir jetzt erzählen, dass sie sich anlächeln, oder ignorieren – was wahrscheinlicher ist oder er denkt über sie nach – dann käme wieder eine Stimme aus dem Off – vielleicht steigt er aus, ohne sie zu bemerken. Ihn beschäftigt etwas.“ – „Aber er ist nur eine Vorstellung.“ – „Genau – Identität ist doch nichts anderes, als sich selbst eine Geschichte geben zu können. Nehmen wir diesen Mann – siehst du ihn, wie er aus der U-Bahn aussteigt ohne die Frau zu bemerken – siehst du das?“ – „Hm – du meinst, ob ich mir das vorstellen kann?“ – „Ja – und dann stell dir vor, wie er ein zwei Jahre später auf einer total langweiligen Party ist – irgend so eine Party einer Firma, für die er gearbeitet hat und er steht da rum und ist schon halb gegangen…“ – „Worauf willst du eigentlich hinaus?“ – „Naja – ich frage mich einfach, wie das ist, wenn man sich all das vorstellen kann, wenn man eine Geschichte erzählen kann – wenn die Vorstellung die gleiche Qualität hat, wie die Realität – welchen Unterschied gibt es dann noch? Wenn ich mir vorstellen kann, dass der Mann gerade gehen will, als ihm eine Frau – und es ist die selbe Frau, die ihm ein zwei Jahre zuvor in der U-Bahn nicht aufgefallen war – am Arm packt und sagt: »Hey – warte mal!« – ist das also kitschig?“

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3 Gedanken zu “only perception

  1. Liebe Milchhonig: Falls der Roman stockt, wird es höchste Zeit, diese außerordentlichen „Kurzgeschichten“ zu veröffentlichen. Am besten in einem guten Verlag, denn das hätten sie verdient.
    Grüße, Crooklynpippo

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