fallhöhe

Fallhöhe z.B., ist ein schönes Wort. Irgendwie. Es bedeutet die Distanz zwischen Menschen, wenn man sich vertut. Wenn ich aus Versehen vergesse, dass ich nicht Du bin. Und manchmal stürzt es auf mich ein – dieses Vergessen. Dann machst du große Augen und relativierst alles und mich. Letztens hat so ein Typ gesagt, meine Texte seien zu intellektuell – er sieht da bebrillte Studenten mit Reclamheftchen im Café sitzen und sich Notizen machen. Mir war Reclam schon immer zu klein. Und ich zähle die Tage, bis du mir endlich langweilig wirst und ich dich vergessen kann. Ich kann nicht anders, als immer alles zu erwarten. Ich kann auch nicht anders, als mir immer alles in Geschichten zu erzählen – ich kann nicht darauf warten, was du tun wirst. Du tust nichts. Fallhöhe sind diese Geschichten, die ich mir selbst erstammle immer wieder, weil ich den Text nicht kann. Ich kann den Text nicht. Ich kann nichts sagen – weil Stille bedeutet, dass ich unbedingt ganz viel sprechen muss. Ich muss ich sagen – immer wieder. Ich, ich, ich. Ich. Ich. Ich will es so häufig sagen, bis es seine Bedeutung verliert – es ergibt schon keinen Sinn mehr – ich. Aber die meisten Ich-Sager finde ich sehr hübsch – ich erzähle mir dann ihre Ich-Geschichten – ihre Nicht-Lyrischen-Ich-Geschichten. Ihre ganz banalen Ich-Geschichten. Ich. Ich. Ich denke an die Menschen, die weinen. Und Menschen, die ich sagen, weinen immer – ich kann es mir anders nicht vorstellen. Ich erzähle mir Geschichten von weinenden Menschen. Das beruhigt mich. Dann denke ich an mich. Und ich. Ich. Ich. Ich bin so wild nach deinem Ich. Ich – das ist diese Fallhöhe zwischen ich und ich. Subjekt-ich und Objekt-ich – sagt Hölderlin. Die Franzosen haben es leichter – die haben wenigstens je und moi. Jetzt bin ich schon wieder so intellektuell und intellektuell bedeutet distanziert. Weil mir zu jedem ich gleich ein Zitat einfällt – ich will dich zitieren. Ich will dich in Stücke reißen und alles neu zusammensetzten – so nach meiner ganz eigenen Geschichte neu zusammensetzten. Damit du mir nichts mehr erzählen kannst von den Dingen, die so sind und so. Ich weiß das doch alles. Ich – das ist diese Fallhöhe zwischen dir und mir. Das sind diese Geschichten. Immer wieder.

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fallhöhe

emmas monolog

Ich weiß die richtige Antwort. Immer. Ich weiß, was die Menschen von mir hören wollen – die Umgebung – die Fragenden. Ich weiß, wie ich reagieren muss – egal, wie es in mir aussieht – was die richtige Antwort wäre. Ich weiß die richtige Antwort – immer. Die richtige Antwort für dich, oder für dich. Ich kenne sie. Ich kann behauptet, ich liebe Kafka, weil ich weiß, dass du Kafka liebst obwohl ich vielleicht noch keinen Satz von ihm gelesen habe – obwohl ich vielleicht mal angefangen hatte Das Schloß zu lesen und dann festgestellt habe, dass mir das alles zu kryptisch ist. Aber ich kann sagen: Ich liebe Kafka – wenn du mich fragst, wer mein Lieblingsautor ist. Du musst nichts sagen – kein Wort – ich weiß die richtige Antwort. Ich kann sagen, dass ich jede Jahreszeit mag, obwohl mir der Winter am liebsten ist – ich kann viele Dinge sagen und es ist immer die richtige Antwort. Ich kann mich sehen – in all diesen Rollen und Bewegungen – ich kann mich sehen, von Weitem – von weit entfernt kann ich mir zu schauen, wie ich richtige Antworten habe für dich und dich und dich. Ich kann mich sehen – die Straße rauf und und runter tigern und warten, bis mich mal jemand fragt, wer mein Lieblingsautor ist oder ob ich das Wetter mag – dieses verhangene, diesige Wetter großer Städte. Ich weiß, was ich sagen muss, wenn der Narziss mir gegenüber sitzt und sich reden hören will – und sich sehen will – ich nicke dann und bin brav. Ich weiß, wie es um die Menschenfeinde steht und was sie wollen – die kleinen Streicheleinheiten meiner Augen. Ich weiß das. Und ich kann nichts dagegen tun. Es ist egal, was die richtige Antwort ist – wie es in mir ist – das spielt keine Rolle. Ich kann es nicht greifen, wenn ich nicht alleine bin – ich kann es nicht mehr begreifen und bevor ich weiß, was ich sage, hat mein Mund schon geantwortet – hat die richtige Antwort ausgesprochen ohne es wirklich zu wissen und da bin ich und bin nicht ich. Das ist nicht tragisch. Ich muss es nur sortieren – ich muss mir merken, wer ich zu wem bin – was meine Träume sind und all die Kleinigkeiten, welche eine Figur perfekt machen – die kleinen Unregelmäßigkeiten – die kleinen Verwirrungen. Aber es ist leicht, sich all das zu merken. Es ist leicht, die richtigen Antworten zu wissen – sie kommen mir gerade so – ich muss nicht lange danach suchen – ich kenne mich. Und dich, und dich.

emmas monolog

selbstportrait #0

Heute Nacht habe ich das erste Mal von ihm geträumt. Mein Lyrisches-Ich war auch da – wir liefen lange. Ihr Blick war ein wenig kritischer als der Meine. Irgendwann musste ich sie weg schicken – ein Mal – nur ein einziges Mal will ich alleine entscheiden. Wir liefen zwischen Korn und ich konnte von ihm immer nur eine Seite sehen – entweder die eine, oder die andere – aber immer nur Seiten. Wie liefen von Mitte bis zum Treptower Park und er meinte dann, so viel war er schon lange nicht mehr gelaufen.

Es geht immer um den Anderen. Der Andere ist die Subjektivierung der eigenen Unzulänglichkeit. Du lachst. Ja – immer. Du lachst – wirklich? Du lachst? Ernsthaft – hör auf mich zu nerven. Also nah sein? Komm mir nahe, aber bleib da drüben, also bleib da aber komm her, komm zu mir, aber nicht so, nicht so nah, also bleib da, dass ich dich sehen kann aber nicht zu nah – also komm her, komm zu mir, bleib bei mir, komm mir nahe aber – aber nicht so, nicht so, also bleib so, bleib so – also geh, aber nicht zu weit, bleib so, dass ich dich nicht sehen muss aber weiß, dass du da bist….nimm mich in den Arm aber fass mich nicht an – also fass mich nicht an – wirklich jetzt – und jede Berührung ist, einfach alles spüren und plötzlich wird der Andere ganz real – also als Anderes, als Fremdes, Nicht-ich. Fremd. Fremder – es ist seltsam, dass alles einer fremden Person zu erzählen.

Irgendwo dazwischen sind Menschen – ich stelle mir Menschen vor. Ich spüre das Rauschen – das Gehäuf. Aber irgendwo dazwischen sind Menschen – echte Menschen. Irgendwo dazwischen sind Sätze – und in mir sind es alles Linien – kreuz und quer – auch Grenzen. Nur die Stille – die Stille ist wie kleine Nadelstiche. Und alle sagen, sie fänden die Stille am Besten. Ich sehe nur Linien. Und es ist, wie ganz nahe ran gehen – als wäre ich nahe ran gegangen – einen Augenblick sezieren, auseinander nehmen – einen Menschen sezieren – sich selbst auseinander nehmen, beobachten in Worten. Worte in Linien auflösen. Auflösung des Subjekts in seine pulsierende Körperlichkeit. Irgendwo ist da dann ein Ich – und ich will es streicheln, ich will es in den Arm nehmen. Ich streichle dann meinen Arm, drücke ihn gegen meine Schulter – ich bin ja noch da.

Sie sagt, ich werde alleine bleiben. Einsamkeit sind viele Linien – und der Schrei. Irgendwas ist immer alleine – ein Teil. Dieser angenehme Ekel um die eigene Existenz. Mehr Körper sein also – es ist eben auch nur eine Hülle, die oberste Schicht. Und ich will es betäuben – ich will diese obere Schicht betäuben – weg damit, weg mit der Hülle und mir ganz nah sein – so innen drin ganz nah sein, also innere Werte und der innerste Wert ist irgendwo da unten. Also innerer Wert – Habitat – Raum – mein Raum – zu Hause sein, zu Hause bleiben – die Türe – verschlossen. Für immer verschwinden – du bist nicht unsichtbar – du existierst einfach nicht.

Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten. Es ist immer die selbe Bewegung. Fenster. Zigarette. Du bist immer die selbe Bewegung, denkt ich. Du bist immer die selbe Bewegung zwischen Fenster und Du – von den Fingerspitzen an die Lippen wie Worte. Ich kann mir einbilden, dass Distanz Nähe bedeutet. Ich kann mir einbilden, dass Schweigen ein Zuspruch ist. Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten.

Ich bin eine Floskel – ein Zeichen – eine Schublade. Ich bin ein Gegenstand. In bin eine Form gepresst auf Fläche. Ich bin Zeit. Ich bin diese Linie gezogen durch Zeit und ausgefranst. Ich bin vergangen.

Das Geräusch von Haut – ein Gleiten am Zerfall – immer am Zerbrechen. Ich höre Haut gegen Luft, gegen Atem – gegen Holzdielen. Ich höre Haut sich langsam heben, mit jeder Berührung langsam heben – ein Abblättern, erodierte Partikel. Ich höre das Echo in den Kuhlen das Schlüsselbein entlang und am Rand der Schluchten – irgendwo zwischen Achselhöhle und Brustbein – alles ist beharrliches Vergehen an die Welt. Ich höre den flüchtigen Spann, Schultern und ihr Zusammenfahren. Ich höre Haut gegen Haut – es rauscht.

Zittern – das Sein vibriert an seine oberste Schicht – im Losgelösten begriffen – und die Sphären driften auseinander. Zwanzig Blicke mustern mich – zwanzig oder hundert oder einer – zusammengekniffene Augen und viel Nichtwissen. Worte sind dann, sich entkleiden und Jahre blättern von mir ab – Jahre und ein Zittern – aber da ist auch nichts mehr, was ich noch verbergen könnte – da ist auch nichts mehr in mir.

[Geräusche ploppen auf – ein Gesprächsfetzen – ein Gesicht – Gefühl – Stimmung – Zukunft – Geschichte – innere Verfassung – Spiegel – Selbstwahrnehmung – Summe – der Sound der Straße – U-Bahn – laut – es wird unheimlich laut – es ist nur die U-Bahn – der Puls geht hoch – Zittern – sie beobachten mich – krank – sie denken, ich sei krank – Zukunft – da ist eine Zukunft – ein Bedürfnis – ein Verlangen – eine Geschichte – laut – es sind nur die Reifen auf dem Kopfsteinpflaster – laut – laut – und das Licht ist grell – blendet – es ist nur die Straßenlaterne aber meine Augen schmerzen – Schritte – Hast – Nervosität – irgendwas ist aufgewühlt – da war ein Streit – Blut – ich spüre das Blut in meinen Fingern – ich höre das Rauschen – es rauscht durch den Körper – ich spüre die Sehnen – Konzentration auf Text aber da ist wieder ein Gespräch – Stimme – nur Klang – Problem – da ist irgendwo ein Problem – irgendwas liegt in der Luft – Schwingung – gelb ist immer irgendwas schlechtes – gleich passiert etwas schlechtes – irgendwas wie Streit – kalt – selbst in der U-Bahn noch eisige Kälte – die Handschuhe sind nutzlos – für einen kurzen Moment die Vorstellung, sich nicht bewegen zu können – Herzrasen]

Das Fremde – dann nehme ich einen Löffel in die Hand oder irgendetwas anderes und unendlich lange bleibt die Bewegung wie sie ist – aber sie ist nicht mehr. Das Dasein pocht gegen den Körper – und jeder dieser Orte ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und jedes Du ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und sie sagt, der Körper sei nur eine obere Hülle aber was meint nur – was meint sie, wenn jedes darunter einer Oberfläche bedarf – wenn jedes Rühren an diese Fläche alles durcheinander wirft – wirft, werfen, geworfen und wir, ich, du – wir sind ins Dasein geworfen – man. Wir sind in Körper geworfen und Seele – in ein zitterndes Etwas geworfen und Vorgeführte – der Welt Vorgeführte.

Die Grenze zwischen Menschen ist das Mensch-sein. Manche Menschen sind nur in Worten greifbar. Langes Schweigen.

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.

selbstportrait #0