Wo ich ende und du beginnst

Da ist eine Kluft dazwischen. Da ist eine Lücke – dort. Dort, wo wir uns begegnen. Dort, wo ich ende und du beginnst. Und es tut mir leid um uns. Die Dinosaurier durchstreifen die Erde. Der Himmel färbt sich grün – dort, wo ich ende und du beginnst. Ich bin oben in den Wolken und ich kann, ich kann einfach nicht herab. Ich kann es sehen, ich bin Teil davon – von alledem, wo ich ende und du beginnst. Dort, wo du mich alleine gelassen hast. Du hast mich alleine gelassen. Ein X markiert den Ort – wie das auseinander driften der Wellen, wie ein Haus ins Meer brechend. Ins Meer … Ich werde dich bei lebendigem Leibe verschlingen. Es wird dann keine Lügen mehr geben. Ich werde dich bei lebendigem Leibe verschlingen. Es wird dann keine Lügen mehr geben – dort, wo ich ende und du beginnst.

Wo ich ende und du beginnst

Eden war von Anfang an das Ende

Eden war von Anfang an das Ende.

Und blaue Augen.
Und ein Blick ins Meer.

Manchmal fehlen mir alle
Menschen
gleichzeitig.

Und zugleich
ist manchmal Krieg alles.

Was bleibt
ist die lange Einsamkeit
aller Anderen.

Auf mir.

Eden war von Anfang an das Ende

empathie (5/12)

Sie lacht. Nein. Sie grinst. Ich mag es, wenn sie grinst. Ich stelle mir ihr Grinsen vor, wenn ich ein paar nette Sachen tippe – dann grinst sie nur für mich. Sie tippt auch ein paar nette Sachen – nett ist scheiße, denke ich und wir sind alle Klischees – wir sind diese Klischees und immer wenn ich sage, alle Männer seien scheiße, schüttelt sie den Kopf. Nur diejenigen, die mir begegnen. Und wenn ich sage, alle Frauen seien kompliziert, wird sie richtig laut. Aber ich bin weich. Ich bin formbar. Ich stelle mir vor, wie das wäre – einfach das Geschlecht zu wechseln – nicht mehr über all die Dinge nach denken zu müssen. Vielleicht ist es nur in mir. Vielleicht ist es meine Angst, die sich langsam darüber legt – die jedes Wort anders verstehen will – gegen mich selbst gerichtet – darum geht es. Ich will Worte anders verstehen. Sie grinst. Easy peasy lemon squeezy und So quick bright things come to confusion. Mitten im Satz springe ich auf – möchte dem ganzen ein Bild geben aber nach ein paar Sekunden merke ich schon, dass mir kein pfiffiger Spruch einfällt. Also tue ich so, als wollte ich mir nur ein Glas Wasser holen – halb voll. Vor ein paar Stunden saß ich noch mit dem Italiener im Café – sein letzter Abend – davon wusste ich nichts und ich greife automatisch nach seiner Hand. Er ist verwirrt – er sagt, bei dem Wort Milchkaffee müsste er immer an mich denken. Nur bei dem Wort Milchkaffee. Manches leere Blatt stresst mich. Dieses hier. Manche Worte stressen mich – deine. Ich weiß nicht, was es ist – aber da ist etwas Distanziertes in die Worte gerutscht. Er hat die Hand schon lange los gelassen – oder ich. Sie grinst. Du kannst niemanden zwingen, dich schön zu finden. Sagt sie. Man kann nur dasein und schauen, was dann so passiert. Nichts. Nichts. Nichts. Man stellt sein Sein in den Raum und nichts passiert. Ich hasse es, wenn meine Gedanken so abstrakt sind. Keine Fühlung. Ich will nicht immer zu darauf warten – ich muss mich jetzt los machen. Ich muss vergessen. Es gab viele Momente, in denen es hätte passieren können – es ist nicht passiert…also lass los. Stell dich nicht in den Raum. Mach dich nicht wichtig. Ich bin nicht wichtig. Ich bin irgendwas…eine nette Ablenkung, ein Moment jemand anderes sein können – mehr nicht. Stell dich nicht in den Raum – mach dich nicht wichtig. Intensität heraus nehmen. Begegnungen stressen mich. Menschen stressen mich. Ich bin immer am rotieren – eigentlich sollte ich alleine sein – ich muss alleine sein, weil ich nicht mit anderen zusammen sein kann – weil sie mich stressen, weil ich mir immer Gedanken machen muss…weil mich einfache Worte fertig machen. Sie grinst. Sie weiß es nicht, aber sie tut es. Der Italiener erzählt mir von seinem Haus auf Sizilien – wir machen Witze, ich würde ihn besuchen kommen…alle drei Monate….für drei Monate. Man bringt sich immer nur selbst zum weinen, denke ich…und die Tränen sind also wertlos. Wenn er redet, spielen seine Lippen katzenartig und ich behaupte, der Kellner würde ihm gehören – er darf ihn haben. Und der Kellner sagt, meine Liebe…hier ist dein Milchkaffee, meine Liebe. Es gefällt mir, wie er von der Beziehung zwischen Autor und Figuren spricht – wie er von dem Verhältnis des Autors zu seinen Figuren spricht – als wären die Figuren kleine Liebesbeziehungen. Meine große Leistung besteht darin, aus allem einen Traum machen zu können – einen Traum oder einen Drogenrausch – am Ende bleiben die Figuren abstrakt, als hätte es sie nie gegeben. Du hast eben nur aus einem Moment gehandelt, der geprägt war durch verletzten Stolz, sagt er. Heute keinen Kuchen. Sie zuckt mit den Schultern, wenn dich ein Mensch traurig macht, dann geh einfach. In meiner Vorstellung fällt das Glas auf den Boden…viele Scherben aber kein Tropfen mehr und ich denke an die Libelle – an den letzten Versuch, dem kleinen toten Wesen zurück ins Leben zu verhelfen. Aber es gibt kein Zurück. Also da bin ich…ich…also ich…und egal, wie ich es anstelle, egal auf welche Art ich mich bewege…aber das ist kindisch. Da sind viele kindische Gedanken in meinem Kopf und sie grinst – du schüchterst andere eben ein. Sagt sie. Und der Italiener lacht, als ich ihm von den vielen geteilten Seelen erzähle, aus dem Film – als ich sage, selbst die Kugelmenschenseelen seien eben vielfach geteilt und so gäbe es viele…eben viele Menschen, die sich gegenseitig suchen. Er lacht – ein schöner Gedanke. Ein kindischer Gedanke. Ich kann nicht gehen, bei diesem durchdringenden Blick ein wenig über den Rand der Brille hinaus und es gibt kein Zurück. Ich habe verloren.

empathie (5/12)

selbstportrait #0

Heute Nacht habe ich das erste Mal von ihm geträumt. Mein Lyrisches-Ich war auch da – wir liefen lange. Ihr Blick war ein wenig kritischer als der Meine. Irgendwann musste ich sie weg schicken – ein Mal – nur ein einziges Mal will ich alleine entscheiden. Wir liefen zwischen Korn und ich konnte von ihm immer nur eine Seite sehen – entweder die eine, oder die andere – aber immer nur Seiten. Wie liefen von Mitte bis zum Treptower Park und er meinte dann, so viel war er schon lange nicht mehr gelaufen.

Es geht immer um den Anderen. Der Andere ist die Subjektivierung der eigenen Unzulänglichkeit. Du lachst. Ja – immer. Du lachst – wirklich? Du lachst? Ernsthaft – hör auf mich zu nerven. Also nah sein? Komm mir nahe, aber bleib da drüben, also bleib da aber komm her, komm zu mir, aber nicht so, nicht so nah, also bleib da, dass ich dich sehen kann aber nicht zu nah – also komm her, komm zu mir, bleib bei mir, komm mir nahe aber – aber nicht so, nicht so, also bleib so, bleib so – also geh, aber nicht zu weit, bleib so, dass ich dich nicht sehen muss aber weiß, dass du da bist….nimm mich in den Arm aber fass mich nicht an – also fass mich nicht an – wirklich jetzt – und jede Berührung ist, einfach alles spüren und plötzlich wird der Andere ganz real – also als Anderes, als Fremdes, Nicht-ich. Fremd. Fremder – es ist seltsam, dass alles einer fremden Person zu erzählen.

Irgendwo dazwischen sind Menschen – ich stelle mir Menschen vor. Ich spüre das Rauschen – das Gehäuf. Aber irgendwo dazwischen sind Menschen – echte Menschen. Irgendwo dazwischen sind Sätze – und in mir sind es alles Linien – kreuz und quer – auch Grenzen. Nur die Stille – die Stille ist wie kleine Nadelstiche. Und alle sagen, sie fänden die Stille am Besten. Ich sehe nur Linien. Und es ist, wie ganz nahe ran gehen – als wäre ich nahe ran gegangen – einen Augenblick sezieren, auseinander nehmen – einen Menschen sezieren – sich selbst auseinander nehmen, beobachten in Worten. Worte in Linien auflösen. Auflösung des Subjekts in seine pulsierende Körperlichkeit. Irgendwo ist da dann ein Ich – und ich will es streicheln, ich will es in den Arm nehmen. Ich streichle dann meinen Arm, drücke ihn gegen meine Schulter – ich bin ja noch da.

Sie sagt, ich werde alleine bleiben. Einsamkeit sind viele Linien – und der Schrei. Irgendwas ist immer alleine – ein Teil. Dieser angenehme Ekel um die eigene Existenz. Mehr Körper sein also – es ist eben auch nur eine Hülle, die oberste Schicht. Und ich will es betäuben – ich will diese obere Schicht betäuben – weg damit, weg mit der Hülle und mir ganz nah sein – so innen drin ganz nah sein, also innere Werte und der innerste Wert ist irgendwo da unten. Also innerer Wert – Habitat – Raum – mein Raum – zu Hause sein, zu Hause bleiben – die Türe – verschlossen. Für immer verschwinden – du bist nicht unsichtbar – du existierst einfach nicht.

Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten. Es ist immer die selbe Bewegung. Fenster. Zigarette. Du bist immer die selbe Bewegung, denkt ich. Du bist immer die selbe Bewegung zwischen Fenster und Du – von den Fingerspitzen an die Lippen wie Worte. Ich kann mir einbilden, dass Distanz Nähe bedeutet. Ich kann mir einbilden, dass Schweigen ein Zuspruch ist. Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten.

Ich bin eine Floskel – ein Zeichen – eine Schublade. Ich bin ein Gegenstand. In bin eine Form gepresst auf Fläche. Ich bin Zeit. Ich bin diese Linie gezogen durch Zeit und ausgefranst. Ich bin vergangen.

Das Geräusch von Haut – ein Gleiten am Zerfall – immer am Zerbrechen. Ich höre Haut gegen Luft, gegen Atem – gegen Holzdielen. Ich höre Haut sich langsam heben, mit jeder Berührung langsam heben – ein Abblättern, erodierte Partikel. Ich höre das Echo in den Kuhlen das Schlüsselbein entlang und am Rand der Schluchten – irgendwo zwischen Achselhöhle und Brustbein – alles ist beharrliches Vergehen an die Welt. Ich höre den flüchtigen Spann, Schultern und ihr Zusammenfahren. Ich höre Haut gegen Haut – es rauscht.

Zittern – das Sein vibriert an seine oberste Schicht – im Losgelösten begriffen – und die Sphären driften auseinander. Zwanzig Blicke mustern mich – zwanzig oder hundert oder einer – zusammengekniffene Augen und viel Nichtwissen. Worte sind dann, sich entkleiden und Jahre blättern von mir ab – Jahre und ein Zittern – aber da ist auch nichts mehr, was ich noch verbergen könnte – da ist auch nichts mehr in mir.

[Geräusche ploppen auf – ein Gesprächsfetzen – ein Gesicht – Gefühl – Stimmung – Zukunft – Geschichte – innere Verfassung – Spiegel – Selbstwahrnehmung – Summe – der Sound der Straße – U-Bahn – laut – es wird unheimlich laut – es ist nur die U-Bahn – der Puls geht hoch – Zittern – sie beobachten mich – krank – sie denken, ich sei krank – Zukunft – da ist eine Zukunft – ein Bedürfnis – ein Verlangen – eine Geschichte – laut – es sind nur die Reifen auf dem Kopfsteinpflaster – laut – laut – und das Licht ist grell – blendet – es ist nur die Straßenlaterne aber meine Augen schmerzen – Schritte – Hast – Nervosität – irgendwas ist aufgewühlt – da war ein Streit – Blut – ich spüre das Blut in meinen Fingern – ich höre das Rauschen – es rauscht durch den Körper – ich spüre die Sehnen – Konzentration auf Text aber da ist wieder ein Gespräch – Stimme – nur Klang – Problem – da ist irgendwo ein Problem – irgendwas liegt in der Luft – Schwingung – gelb ist immer irgendwas schlechtes – gleich passiert etwas schlechtes – irgendwas wie Streit – kalt – selbst in der U-Bahn noch eisige Kälte – die Handschuhe sind nutzlos – für einen kurzen Moment die Vorstellung, sich nicht bewegen zu können – Herzrasen]

Das Fremde – dann nehme ich einen Löffel in die Hand oder irgendetwas anderes und unendlich lange bleibt die Bewegung wie sie ist – aber sie ist nicht mehr. Das Dasein pocht gegen den Körper – und jeder dieser Orte ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und jedes Du ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und sie sagt, der Körper sei nur eine obere Hülle aber was meint nur – was meint sie, wenn jedes darunter einer Oberfläche bedarf – wenn jedes Rühren an diese Fläche alles durcheinander wirft – wirft, werfen, geworfen und wir, ich, du – wir sind ins Dasein geworfen – man. Wir sind in Körper geworfen und Seele – in ein zitterndes Etwas geworfen und Vorgeführte – der Welt Vorgeführte.

Die Grenze zwischen Menschen ist das Mensch-sein. Manche Menschen sind nur in Worten greifbar. Langes Schweigen.

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.

selbstportrait #0