one night love

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one night love

Etwas, das Julia heißt

Wenn ich mich nicht mit Fernsehserien ausknocke, dann mit Drogen und Julia lacht ein wenig, während sie die Worte eintippt, aber nur im Kopf – es ist kein lautes Lachen, keines welches die Schwelle der Lippen überschreitet und im Rachenraum Resonanz erfährt, sondern nur der Gedanke an ein Lachen, der Gedanke daran, dass ihre Worte amüsant waren, frech, witzig, dass er vielleicht lachen würde, wenn sie ihm schrieb, dass sie heute Morgen um 11 den ersten Joint geraucht hatte und ihm nur deshalb überhaupt jetzt schreiben könne, dass sie ihm nur schreiben könne, weil sie noch high war und sie hoffte sehr, er würde lachen oder lächeln, vielleicht auch einfach aus Freude, lächeln aus Freude darüber, dass sie ihm geschrieben hatte.

Heute genau ist es eine Woche her. Und ich weiß einfach nicht, was normal ist – ich habe den normalen Verlauf der Zeit vergessen, tippt sie weiter in das Chatfenster, oder vielleicht habe ich auch nur die Reihenfolge vergessen, die Abfolge der Dinge oder Ereignisse – ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, was die richtige Reihenfolge ist, welche Parameter ich in diesem Spiel, oder Moment – ich will es nicht Spiel nennen, sagen wir: Begegnung; also welche Parameter ich bei dieser Begegnung einzuhalten habe, wer ich sein soll zwischen uns, in uns, oder eben als uns. Hier hält sie inne. Ihr normaler Impuls war, solch eine Aussage mit einem Verstehst du mich? zu versehen. Oder eher einem Verstehst du das? oder noch besser Verstehst du Punkt – ohne Fragezeichen. Aber für eine Sekunde lang begriff sie, dass das albern war, dass diese Frage oder Aussage viel zu simpel ist für all das, was dem vorangegangen war und dass diese Frage oder Aussage ganz zum Schluss nur darin eine Funktion fand, alles Vorangegangene gänzlich in Frage zu stellen, sie sollte eine gewisse Sicherheit bringen, die Sicherheit, nicht ganz wahnsinnig zu sein oder sich in diesem sanften Wahnsinn wie hinter einem Schutzwall verstecken zu können. Also verzichtete sie auf diese Frage.

Dann dachte sie an die Fernsehserien und dass viel zu wenige davon produziert wurden und dass die Produktion insgesamt viel zu langsam voranging, wenn Julia zumeist bis zu einem Jahr warten musste, bis eine neue Staffel ausgestrahlt werden konnte und dass das Leben so eben nicht funktioniere, jenes wartet nicht ein Jahr, bis es endlich weiter gehen konnte und was machen die ganzen Figuren in dieser entsetzlich langen Zeit, was erleben sie, welche Probleme und Erfahrungen treiben sie um – ich will das doch wissen, ich muss es wissen, ich bin doch jetzt ein Teil davon, ich gehöre dazu, das sind meine Freunde, meine Familie, meine Leiden, meine Erfahrungen, meine Sprache, mein Denken, mein Leben. Das ist mein Leben. Das kann nicht ein ganzes Jahr auf die nächste Staffel warten.

Und ich weiß doch auch nicht, warum mir das schon wieder so viel bedeutet, obwohl kaum etwas passiert ist – wir haben uns ja nur ineinander verschlungen und du hast ein paar mal meinen Hals gewürgt, bevor du ihn geküsst hast und wir haben unsere Körper so fest gedrückt, dass es den Anschein hatte, wir würden jeweils im Anderen verschwinden wollen. Mehr war da nicht. Und wir haben ja letztlich beide auch wieder losgelassen. Verstehst du. Und loslassen bedeutet, dass es vorbei ist. Fin. Mein Körper ist zurückgeschnellt in seine Ausgangsposition, auch wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ihn zu entrücken, mit deinem ganzen Körper hast du dagegen gehalten, auch wenn sich das ganz leicht angefühlt hat, wenn es leicht war, mich auszuweichen, wenn sich alle meine Poren geöffnet haben, auch wenn es einfach war, uns zu vermischen – so bin ich jetzt doch ganz geblieben, letztlich, so bin ich jetzt doch hier und du dort und die einzige Verbindung ist die Nachricht, die ich gerade in das Chatfenster tippe mit der Frage, warum du dazu nichts zu sagen hast.

Aber Julia schrieb das alles nicht auf. Sie verzichtete auch auf das Verstehst du und auf den Punkt. Das reicht, dachte sie. Das ist genug von mir. Es reicht ja, wenn er lächelt, z.B. wenn er jetzt nur eben meinen Namen über den Display huschen sieht. Ein zartes Lächeln würde mir genügen, so dieser Moment: Schön, dass sie da ist. Aber Julia schüttelte den Kopf. Ich wollte ja niemals die Frau von irgendwem sein. Ich wollte immer Ich sein und manchmal spüre ich mich mehr, wenn da noch ein Anderer ist, einer, der sich so dagegen lehnt, hinein lehnt und die Grenzen absucht, die Wände absucht, kontrolliert, wo die Widerstände sind. Dann spüre ich mich mehr. Dann realisiere ich plötzlich, dass ich ja da bin – dass es mich wirklich gibt, dass da etwas ist, etwas das Raum einnimmt, das Sauerstoff verdrängt, um das man Möbel platzieren kann, Bücher und eine Wohnung, um das man ein Leben anordnen kann. Dann atme ich einmal tief durch. Also etwas, das Julia heißt.

Etwas, das Julia heißt

Performatives Sein

Teil 1
Ich war schon lange nicht mehr am Meer. Ich bin eher am Fluss. Ich werfe die Füße ins Wasser und vermisse Menschen.

Teil 2

Hier ist meine Haut — sie ist angeblich die Grenze zwischen mir und der Welt. Es ist leicht, diese Grenze zu sprengen. Ich kann ein Messer nehmen und rein schneiden — das ist einfach. Aber dannkommt nur Blut heraus — und es ist keine Welt, die hinein kommt.

Ich verstehe das einfach nicht. Ich verstehe nicht, wie man in ganz tiefer Verbundenheit — verstehen Sie das? Es ist ja schon fast eine Einheit! Ich verstehe nicht, wie man in dieser tiefen Einheit zu einem anderen Menschen auf die Welt kommen kann, um dann isoliert zu sein. Entschuldigen Sie,
aber das verstehe ich nicht. Können Sie mir das erklären? Nein? Wollen Sie nicht? Sie wissen es selbst nicht!

Ich habe mir Ihnen zu liebe auf die Lippe gebissen und in die Finger — hier: Ich blute.

ICH BLUTE!

Das muss dich doch berühren. Wieso berührt dich das nicht. Wieso rührst du dich nicht?

Teil 3

Ich glaube, ich bin verliebt. Ich habe mich in deine Vergangenheit verliebt als Sartre schrieb: Es gibt nur leben oder erzählen. Leck meine Gedanken ab und gegen deine Mauer. Ich möchte sehr selbstbestimmt und feministisch gegen die Wand gedrückt werden.

DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD.

Ich meine, ist Ich jetzt ein Begriff, eine Vorstellung oder eine Handlung.

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab — so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die
ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert — in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo — wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Teil 4

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. ICH BIN DA.

Es muss etwas passieren.
07:07 Uhr: Körperlicher Zerfall setzt ein. Ich bekomme den Geschmack nicht von den Lippen. Ich habe keinen Durst. Ich habe keinen Hunger.

Die Nacht zur Nacht machen. Dann schlägt der Körper mit voller Wucht auf mich ein — ich bin wieder da. Alles ist wieder da. Dieses ganze Ich ist wieder da. Dann merke ich erst, wie berauscht ich von diesem Moment war. Als da noch kein Ich war. Als da nur Gegenwart war und Gegenwart bedeutet: kein Ich. Wer sagt: Wir sind der Normalzustand — der Mensch in seiner Reinheit — das wissen wir nicht. Wir wissen nichts.

Ist Weiblichkeit jetzt eine Fessel, ein Korsette, eine Strafe? Meine Muschi, meine Strafe! Sie will andere Dinge als ich. Sie will dich partout nicht los lassen. Und meine Lippen, meine Lippen, meineLippen wollen dich nicht loslassen.

Ich pflege lange Sprachlosigkeit — sind zwei zu viel oder brauche ich dich, um ich zu sein  — ich will schon wieder Liebeslieder schreien aber du sagt, ich könne nicht lieben. Du sagst, ich sei arrogant, weil ich so viel mehr liebe, als alle anderen. Vielleicht kann ja keiner lieben. Verstehst du denn meine Liebe nicht? Ich brauche jemanden, jemanden um mich zu ersetzen. Um hier Draußen zu liegen, hier Draußen zu liegen bedeckt mit Blättern. Wenn ihr sie seht, lasst sie wissen, dass ich es geschafft habe. Ich habe es geschafft. Wenn ihr sie gefangen habt, sagt ihr, dass ich hier bin. Wir sitzen hier und fragen uns, ob dein, dein, dein spezielles Licht glüht. Ich brauche jemanden, jemanden um mich zu ersetzen. Um hier zu bleiben, hier zu bleiben und zu brennen in diesen Flammen. Und wenn ihr sie seht, lasst sie wissen, dass ich es geschafft habe. Ich habe es geschafft. Und wenn ihr sie gefangen habt, sagt
ihr, dass ich hier bin. Ich bin hier.

Aber was mir niemand verraten hat:
Das Licht, das Licht, das Licht verheimlicht das Sterben vor dem Leben.

Performatives Sein

Eins

Alles beginnt damit, dass ich vorbei gehe. Die Haut perlt langsam von mir ab – so stelle ich mir ihre Berührung mit dem Wasser vor. Es kann nur ein Kampf sein. Jeder Tropfen nimmt ein Stück von ihr mit und wenn ich nur lange genug unter der Dusche bleibe, bin ich endlich verschwunden. Nur die ganzen Dinge, die sind dann noch da. Die ganzen Dinge können dann meine Geschichte erzählen, wie dieses viel zu heiße Duschen hier. Ich könnte jetzt behaupten, ich dusche nur so heiß, um endlich etwas zu spüren: Wärme. Um Wärme zu spüren und meinen Körper und meine Hautpartikel, die langsam anfangen zu brennen. Weil das romantisch ist. Weil es ein sehr romantisches Bild ist, Frauen die unter der Dusche brennen. Weil das bedeutet, dass etwas passiert – in mir. Duschszenen sind dafür vorgesehen, den Protagonisten zu einem inneren Monolog anzuregen, seine Entwicklung zu reflektieren oder den Status quo – wo er/sie/es gerade steht. Ich stehe unter der Dusche und ich will verschwinden und das Wasser ist sehr heiß und ich spüre meinen Körper.

Plötzliches Aufflackern von Erinnerungen – eine Stadt, ein Platz, ein Café. Nur wo. Und mit wem. Ich erinnere mich nicht. Ich sehe nur den Platz, ich sehe mich den Platz überqueren und in ein Café gehen und sitzen mit Blick auf den Platz. Vielleicht ist es Prag oder Wien. Gegenstand der Geschichte ist eine Erinnerung, an die ich mich nicht erinnern kann und Gegenstand ist ein interessantes Wort – etwas, dass in der Gegend steht. Hier sind sehr viele Gegenstände. Ich bin umgezogen aber schon vor einer ganzen Weile. Das warme Wasser ist vergangen. Ich bin noch da. Am Morgen danach trage ich mir noch schnell einen Spritzer seines Parfums auf, bevor ich dann für immer verschwinde. Ich mag den Gedanken, dass er mich durch den Tag begleitet und M. abends fragt, ob ich ein neues Parfum habe. „Fickst du jetzt dein Date?“ fragt M. „Ja, gib mir die Bistümer. Damals! Vor der Säkularisation! War! Das! So! Geil.“ und dann „Es würde mich nicht stören, wenn du mit ihm schläfst. Stören würde mich nur, wenn du irgendjemanden besser findest als mich.“

Ich bin noch da! Ich bin noch da, ich bin noch da, ich bin noch da. Also muss ich mich beeilen. Wenn ich dann wirklich mal verschlafe, habe ich die Entschuldigung „Verschlafen“ schon bei den letzten 356 Mal Zuspätkommen verbraucht. Ich weiß gar nicht, wann die alle angefangen haben, auszuflippen – wann die sich plötzlich um einen Job gekümmert haben und der Schlaf vor 24 Uhr so unglaublich erholsam geworden ist und plötzlich sind alle zusammen gezogen und gründen Familien und selbst Edna schaut sich Bilder von Hochzeiten an, ohne zu kotzen. 8,50 die Stunde motivieren mich auf jeden Fall nicht zu einer besonders hohen Arbeitsmoral und ich bin eine Stunde zu spät und hoffe, niemand merkt es.

Es ist der 23. Oktober und das einzige, woran ich denken kann, ist die Zahl 23 und Primzahlen – ich denke an die Ästhetik von Primzahlen. Es ist unlogisch. Es fehlt der Antagonist oder zumindest diese andere Person, an der man seine eigene Erzählung abarbeiten kann. Es reden immer zwei miteinander, es kommt zu absurden Begegnungen und Dialogen und jedes dieser Ichs entwickelt sich. DU IST EINE MAUER, DIE ICH NIE DURCHDRINGEN WIRD. Ich sitze in der U-Bahn. Ich schau ihn lange an. Er trägt so eine ganz typische Hipsterbrille mit sehr dickem Rahmen auf einer großen, spitzen Nase und ich entdecke gerade meine Leidenschaft für große, spitze Nasen und seinen klaren Blick, während er so ein bisschen mit dem Kopf wippt. Ich tippe ihm ans Bein, er nimmt die Kopfhörer ab: „Fahren wir heute Abend zusammen zu dieser Ausstellung?“ er zuckt mit der Schulter: „Ich muss auf jeden Fall bis 18 oder 19 Uhr arbeiten – willst du dann zum Essen kommen, dann fahren wir zusammen.“ Ich nicke. Wir haben uns vor ein zwei Jahren kennen gelernt – er ist Freelancer im Graphikbereich und hat ein zwei Wochen bei mir in der Firma mitgearbeitet. Wir haben zusammen im Innenhof geraucht und über Kunst gequatscht und uns dann auch privat getroffen. Zuerst dachte ich, er sei schwul, weil ich so ein bisschen in ihn verliebt war, wir haben rumgemacht auf einer Party, ziemlich betrunken, fanden dann aber beide, dass es eher so ein Freundschaftsding ist. Wir wohnen nicht weit von einander und treffen uns ab und an in der U-Bahn und gehen zusammen zu Vernissagen und Ausstellungen. Frank. Frank scheint mir ein guter Name zu sein und Frank wippt sehr hübsch zu der Musik in seinem Kopf. Als Frank dann aussteigt (dabei positioniere ich meine Beine genau so, dass er sie beim Vorbeigehen berühren muss) – als Frank dann aussteigt, bin ich ein bisschen traurig, dass wir uns nie wieder sehen werden.

Eins

Abschiedsbrief 22.06.2015

Ich würde mich gerne umbringen. Ich kann es nicht aber ich will es so unbedingt. Ich will einfach nicht mehr leben. Ich verstehe dieses Leben nicht. Ich verstehe mich nicht. Ich kotze jede scheiß Nacht meine Seele aus dem Leib, weil ich dieses grausame Leben nicht verstehe. Ich weiß nicht, warum ich mich selbst so sehr hasse. Es ist einfach da. Es kommt von ganz tief drinnen und es macht mir dieses starke Bedürfnis, mich ein Mal komplett umstülpen zu müsse, nur um zu wissen, ob da irgendwo vielleicht doch ein Mensch ist. Es ist einfach da und dann versuche ich, es auszukotzen aber dann in der nächsten Nacht ist es wieder da und dann wieder und dann wieder und dann wieder. Und mein Leben ist nur Schein. Es ist ein Abbild dessen, wie ich mir ein Leben vorstelle – Dinge tun, Menschen treffen, sich beschäftigen so lange es hell ist. Aber ich lebe nicht. Ich bin das nicht. Das ist eine Vorstellung, ein Abbild von mir, eine Rolle, die ich nach Außen spiele. Damit niemand sieht, wer ich wirklich bin. Denn ich bin dieses kotzende Mädchen und mehr nicht. Ich bin dieser Mensch, der kein Mensch ist, weil mein Wesen ist einzig und allein Selbsthass und das ist kein Mensch, das ist kein Leben. Und ich bin so krank, dass ich diese Worte, die ich gerade geschrieben habe, jetzt nicht so stehen lassen kann – sondern ich muss sie nehmen und daraus Literatur machen. Das ist mein erster Impuls. Damit sie ihre Macht über mich verlieren. Damit ich zurück kann hinter die Maske und tagsüber so tun kann, als wäre alles okay und als wäre ich ein Mensch, der ein Leben hat.

Abschiedsbrief 22.06.2015

selbstportrait #0

Heute Nacht habe ich das erste Mal von ihm geträumt. Mein Lyrisches-Ich war auch da – wir liefen lange. Ihr Blick war ein wenig kritischer als der Meine. Irgendwann musste ich sie weg schicken – ein Mal – nur ein einziges Mal will ich alleine entscheiden. Wir liefen zwischen Korn und ich konnte von ihm immer nur eine Seite sehen – entweder die eine, oder die andere – aber immer nur Seiten. Wie liefen von Mitte bis zum Treptower Park und er meinte dann, so viel war er schon lange nicht mehr gelaufen.

Es geht immer um den Anderen. Der Andere ist die Subjektivierung der eigenen Unzulänglichkeit. Du lachst. Ja – immer. Du lachst – wirklich? Du lachst? Ernsthaft – hör auf mich zu nerven. Also nah sein? Komm mir nahe, aber bleib da drüben, also bleib da aber komm her, komm zu mir, aber nicht so, nicht so nah, also bleib da, dass ich dich sehen kann aber nicht zu nah – also komm her, komm zu mir, bleib bei mir, komm mir nahe aber – aber nicht so, nicht so, also bleib so, bleib so – also geh, aber nicht zu weit, bleib so, dass ich dich nicht sehen muss aber weiß, dass du da bist….nimm mich in den Arm aber fass mich nicht an – also fass mich nicht an – wirklich jetzt – und jede Berührung ist, einfach alles spüren und plötzlich wird der Andere ganz real – also als Anderes, als Fremdes, Nicht-ich. Fremd. Fremder – es ist seltsam, dass alles einer fremden Person zu erzählen.

Irgendwo dazwischen sind Menschen – ich stelle mir Menschen vor. Ich spüre das Rauschen – das Gehäuf. Aber irgendwo dazwischen sind Menschen – echte Menschen. Irgendwo dazwischen sind Sätze – und in mir sind es alles Linien – kreuz und quer – auch Grenzen. Nur die Stille – die Stille ist wie kleine Nadelstiche. Und alle sagen, sie fänden die Stille am Besten. Ich sehe nur Linien. Und es ist, wie ganz nahe ran gehen – als wäre ich nahe ran gegangen – einen Augenblick sezieren, auseinander nehmen – einen Menschen sezieren – sich selbst auseinander nehmen, beobachten in Worten. Worte in Linien auflösen. Auflösung des Subjekts in seine pulsierende Körperlichkeit. Irgendwo ist da dann ein Ich – und ich will es streicheln, ich will es in den Arm nehmen. Ich streichle dann meinen Arm, drücke ihn gegen meine Schulter – ich bin ja noch da.

Sie sagt, ich werde alleine bleiben. Einsamkeit sind viele Linien – und der Schrei. Irgendwas ist immer alleine – ein Teil. Dieser angenehme Ekel um die eigene Existenz. Mehr Körper sein also – es ist eben auch nur eine Hülle, die oberste Schicht. Und ich will es betäuben – ich will diese obere Schicht betäuben – weg damit, weg mit der Hülle und mir ganz nah sein – so innen drin ganz nah sein, also innere Werte und der innerste Wert ist irgendwo da unten. Also innerer Wert – Habitat – Raum – mein Raum – zu Hause sein, zu Hause bleiben – die Türe – verschlossen. Für immer verschwinden – du bist nicht unsichtbar – du existierst einfach nicht.

Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten. Es ist immer die selbe Bewegung. Fenster. Zigarette. Du bist immer die selbe Bewegung, denkt ich. Du bist immer die selbe Bewegung zwischen Fenster und Du – von den Fingerspitzen an die Lippen wie Worte. Ich kann mir einbilden, dass Distanz Nähe bedeutet. Ich kann mir einbilden, dass Schweigen ein Zuspruch ist. Ich sitze hier – all das spielt in einem anderen Zimmer. Er steht am Fenster – dreht sich Zigaretten.

Ich bin eine Floskel – ein Zeichen – eine Schublade. Ich bin ein Gegenstand. In bin eine Form gepresst auf Fläche. Ich bin Zeit. Ich bin diese Linie gezogen durch Zeit und ausgefranst. Ich bin vergangen.

Das Geräusch von Haut – ein Gleiten am Zerfall – immer am Zerbrechen. Ich höre Haut gegen Luft, gegen Atem – gegen Holzdielen. Ich höre Haut sich langsam heben, mit jeder Berührung langsam heben – ein Abblättern, erodierte Partikel. Ich höre das Echo in den Kuhlen das Schlüsselbein entlang und am Rand der Schluchten – irgendwo zwischen Achselhöhle und Brustbein – alles ist beharrliches Vergehen an die Welt. Ich höre den flüchtigen Spann, Schultern und ihr Zusammenfahren. Ich höre Haut gegen Haut – es rauscht.

Zittern – das Sein vibriert an seine oberste Schicht – im Losgelösten begriffen – und die Sphären driften auseinander. Zwanzig Blicke mustern mich – zwanzig oder hundert oder einer – zusammengekniffene Augen und viel Nichtwissen. Worte sind dann, sich entkleiden und Jahre blättern von mir ab – Jahre und ein Zittern – aber da ist auch nichts mehr, was ich noch verbergen könnte – da ist auch nichts mehr in mir.

[Geräusche ploppen auf – ein Gesprächsfetzen – ein Gesicht – Gefühl – Stimmung – Zukunft – Geschichte – innere Verfassung – Spiegel – Selbstwahrnehmung – Summe – der Sound der Straße – U-Bahn – laut – es wird unheimlich laut – es ist nur die U-Bahn – der Puls geht hoch – Zittern – sie beobachten mich – krank – sie denken, ich sei krank – Zukunft – da ist eine Zukunft – ein Bedürfnis – ein Verlangen – eine Geschichte – laut – es sind nur die Reifen auf dem Kopfsteinpflaster – laut – laut – und das Licht ist grell – blendet – es ist nur die Straßenlaterne aber meine Augen schmerzen – Schritte – Hast – Nervosität – irgendwas ist aufgewühlt – da war ein Streit – Blut – ich spüre das Blut in meinen Fingern – ich höre das Rauschen – es rauscht durch den Körper – ich spüre die Sehnen – Konzentration auf Text aber da ist wieder ein Gespräch – Stimme – nur Klang – Problem – da ist irgendwo ein Problem – irgendwas liegt in der Luft – Schwingung – gelb ist immer irgendwas schlechtes – gleich passiert etwas schlechtes – irgendwas wie Streit – kalt – selbst in der U-Bahn noch eisige Kälte – die Handschuhe sind nutzlos – für einen kurzen Moment die Vorstellung, sich nicht bewegen zu können – Herzrasen]

Das Fremde – dann nehme ich einen Löffel in die Hand oder irgendetwas anderes und unendlich lange bleibt die Bewegung wie sie ist – aber sie ist nicht mehr. Das Dasein pocht gegen den Körper – und jeder dieser Orte ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und jedes Du ist irgendwo da Draußen, langsam verschoben, weit weg. Und sie sagt, der Körper sei nur eine obere Hülle aber was meint nur – was meint sie, wenn jedes darunter einer Oberfläche bedarf – wenn jedes Rühren an diese Fläche alles durcheinander wirft – wirft, werfen, geworfen und wir, ich, du – wir sind ins Dasein geworfen – man. Wir sind in Körper geworfen und Seele – in ein zitterndes Etwas geworfen und Vorgeführte – der Welt Vorgeführte.

Die Grenze zwischen Menschen ist das Mensch-sein. Manche Menschen sind nur in Worten greifbar. Langes Schweigen.

Ich wollte niemals Mensch sein. Figur reicht völlig.

selbstportrait #0