…erzähl mir vom Morgen (4/12)

Ich drehe den Kopf. Ich sehe das Dach – einen Balkon irgendwo aber es ist verschwommenes Gelb gegen Braun und Weiß…ich bleibe noch einen Moment liegen – ich versuche die Schärfe auf den Fensterrahmen zu richten aber es funktioniert nicht. Nichts funktioniert ohne Brille. „Und du?“ – „Hm?“ er schaut auf. „Was siehst du morgens als erstes?“ ich stochere in meinem veganen Kuchenstück. Vegane Kuchen fallen immer irgendwie auseinander. Er zuckt kurz mit den Schultern. Später dann stehe ich vor dem Fenster – die Scheiben sind fleckig. Er sagt, er will sich nicht festlegen – in einem Leben passiert so viel. Und Beziehungen entwickeln sich um die Menschen herum. Ich stochere in den Kuchenbrocken. Er schaut kurz auf. „Du bist ganz schön kompliziert.“ sagt er. Das Mädchen mit den kurzen Haaren ist ganz schön kompliziert – denke ich. Das Mädchen mit den kurzen Haaren schaut zurück auf die Flecken. „Wir teilen nichts – verstehst du? Wir teilen nichts – wir teilen weder Wahrnehmung noch Kommunikation – wir gehen immer nur aneinander vorbei – wir sind ins Sein geworfene, aneinander passierende Subjekte.“ Uns er meint alle. Kuchen zum Frühstück, denke ich, veganer Kuchen zum Frühstück passiert auch einfach so und trockene Krümel an meinen Fingern. „Man verliebt sich so schnell in vermeintliche Gemeinsamkeiten – aber eigentlich haben wir nichts gemeinsam – wir suchen nur danach und hören letztlich nicht genug zu. Ich verliebe mich nicht.“ Ich blicke auf. Jeder liebt wir er liebt, denke ich. Mein Herz knackt – Diotima kommt mir in den Sinn. Aber wir begreifen es nicht. Wir sprechen von Wissen – aber nein, wenn man wirklich etwas weiß, ändert sich dann nicht auch – alles andere. „Die ganze Menschheit basiert auf einem naturalistischen Fehlschluss.“ und die Krümel an den Fingern…man sucht nach der Verbindung – nach dem Verbundenen – nach allem. Man greift nach kleinen Strohhalmen. Man greift und hält sich fest – in die Haare greifen, sich festhalten. Und die Verbindung ist noch ein letzter Griff in Locken – Erinnerung. Nein. Nein…nein. „Vielleicht verliebt man sich auch in das, was der andere in einem auslöst.“ wollte ich sagen mit trockenen Brocken im Hals – mit alten Krümeln an den Fingern – mit Flecken auf der Scheibe, Verschwommenes. Ich ziehe die Zehen zusammen. Ich schaue dich an. Wenn man in dem Anderen sich selbst nicht mehr sehen muss, denke ich – wenn man den Anderen ohne sich sehen kann – durch sich aber…Flecken…Glas. Aber so wirklich, ist nichts passiert. Berlin. 

…erzähl mir vom Morgen (4/12)