Irgendwie Utopie – die Sache zwischen uns.

Ich denke, du hast ein sehr verbrauchtes Kinn. Es läuft spitz zu und immer, wenn du besoffen in meiner Küche sitzt, stütz du die Hände aufs Kinn und bohrst deine langen Finger in die Furche, die deine ganze Gestallt schön symmetrisch in der Mitte teilt. Du hast gerade noch ein Plädoyer an deine Trunkenheit gehalten – ein bisschen schön sieht es aus, wie dein langer Körper sich zwischen Stuhl und Küchentisch in den wenigen Raum sortiert und dann langsam auf dem Kinn zum Erliegen kommt. Jetzt bist du ruhig und wahrscheinlich schläfst du gleich ein.

Die Tür ist in meinen Schoß gefallen, laut und deutlich. Ich habe Angst vor Neonlesern und vor der langvokaligen Aussprache des Wortes Kaffee – wie man in Österreich sagt, nämlich Kaffeeeeee. Da liegt das Gewicht auf dem Ende. Als ich den Kopf hebe, starrt mir der Typ von der Seite auf den Handydisplay – ich schaue ihn an – ich schaue direkt auf sein Gesicht und warte, ob er meinen Blick bemerkt. Er bemerkt meinen Blick, schaut dann aber nicht beschämt weg. Heute vor acht Tagen war noch alles okay, denke ich. Oder? Ich weiß es nicht. Ich denke, ja cool – mich hat schon wieder jemand verlassen.

Ich würde jetzt lieber hier im schmalen Gang zwischen Spüle und Küchentisch mit dir vögeln – es ist ja so, dass die männliche Potenz in Richtung dreißigstes Lebensjahr schon stark abnimmt aber bei Trunkenheit geht sie gleich Null. Ich unterstehe mich, Levi das zu sagen – als ich sagte, wir könnten ruhig Analsex haben, sein Schwanz sei nicht groß genug, um mich zu erschrecken, ist er wütend gegangen und stand erst zwei Tage später wieder vor der Tür, besoffen und reumütig, weil er wahrscheinlich mit einer Anderen gevögelt hat.

Ein bisschen gelangweilt redet er von geschlossenen Intervallen von minus 1 bis unendlich und eindeutig lösbar nur für 0 und minus 1. Noch eine Sache, von der ich keine Ahnung habe, wie hysterisch lachen. Ich verstehe auch die Leute nicht, die ihren Handyklingelton immer an haben – das ist doch peinlich. Was mich wütend und traurig macht, ist Levis lächerlich-kindisches Gelaber, wenn er z.B. sagt, dass ich geistfeindlich sei, weil ich gerade keine Lust habe über fucking Werner Herzog und Hegel zu diskutieren oder wenn ihn meine Nähe stresst, aber ich bin erstaunt darüber, wie egal mir das gerade ist. Viel mehr starre ich den Neonleser an – er sitzt mir gegenüber.

Wenn Levi morgens aufsteht um zu den anonymen Alkoholikern zu gehen, steht er lange vor dem Spiegel. Ich schaue ihm dabei zu, wie er sich die Haare immer wieder von der einen Seite zur anderen Seite legt, wie er sich dabei selbst beobachtet und das Gesicht lange untersucht, die Falten des Hemdes, des Jacketts. All das legt er sich immer wieder zurecht, zupft, zieht. Der Spiegel kann dich gar nicht ganz erfassen, er ist viel zu niedrig angebracht und du bist zu groß. Ich tippe in mein Handy: Selbst die narzisstischen Arschlöcher fühlen sich dann und wann nutzlos – dann darfst du sie trösten.

Ich denke nicht, dass du weinen kannst. Ich habe dich noch niemals weinen sehen. Ich stelle mir vor, du sitzt in der Kneipe und weinst. Ich stelle mir vor, du weinst und alles, was dich von mir trennt, ist dein Stolz, nicht dein Desinteresse. Ich stelle mir vor, dass du viele Male eine Nachricht in dein Handy tippst, sie dann aber nicht absendest und allein das ist die Zeitspanne deines Nicht-antwortens. Ich stelle mir vor, du weinst nicht mal am Grab deiner Mutter. Dann schüttle ich den Kopf – ich weiß es ja, du hast geweint.

Levi hat versucht, mich umzubringen. Er hat so lange nichts von sich hören lassen, dass ich fast aus dem Fenster gesprungen wäre. Es waren mindestens zwei oder drei Tage. Jetzt sitzt er besoffen in meiner Küche auf seinem Kinn. Sein ganzer Körper ist still. Er ist diese Stille – und für einen Moment kann ich mich ganz in ihn hineinlegen – ganz ich sein. In der Stille sind wir uns einig. Ich fange an, diese Melodie zu summen – aus der Werbung – vollgepackt mit guten Sachen, die das Leben schöner machen …

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Irgendwie Utopie – die Sache zwischen uns.

das gleiche das gleiche aber anders

There’s a gap in between// There’s a gap where we meet// Where I end and you begin …. Ich kenne dich nicht. Du bist Vorstellung. Ich kann dich mir vorstellen – ich kann das, was mir an dir gefällt, dieses sensitive Moment in mir ganz hervorrufen und deine Person damit ausfüllen. Ich kann sagen: du bist schön. Und jedes dieser Momente hat Bedeutung. Ich rufe dich in meine Erinnerung – meine Gedanken hängen an deinen Worten, an den kleinen Vorstellungen, die du in mich pflanzt. Also ja – was ist mit dem Leben, dass wir nicht weg werfen – was ist mit der Zeit, die wir nicht vergeuden. Aber es sind meine Vorstellungen – das bin ich, in deinen Augen. Ich suche beharrlich nach mir in deinen Worten – in diesem sensitiven Blick aus der Welt heraus in was – wen schaust du an? Mir bleibt der Atem weg. Nach und nach entbehre ich Momente – dann schreibst du von deiner Unsicherheit. Ich mag diese kleinen Beharrlichkeiten, diese kleinen Sicherheiten in deiner Sprache – aber all das sind kleine Wände, an denen du dich fest hältst, um dich selbst nicht zu verlieren – auf diese Reise Selbstverlust – wie sich alles von Außen auf dich geworfen hat, dich verändern wollte. Aber der Kopf ist geblieben – der Kopf verbreitet sich ins diffuse Draussen und wartet auf Antwort. Was dir von Außen widerfahren ist, ist mir von innen widerfahren – und beide warten wir nur auf den Moment, welcher uns stürmen lässt – das alles hinter sich lassen können. Wir schmeißen unser Leben nicht weg. Warum weinst du? Du könntest doch auch lachen. Wir können zusammen diese Freiheit sein, nach der wir suchen. Dieses Gefühl sich aufzulösen – und Beziehungen enden nach vier Jahren – die Ichs haben sich verbraucht. Nach Innen – nach Außen – ich weiß es nicht. Diffus in alle Richtungen. Und alle sieben Jahre sind wir ein komplett neuer Mensch. Manche Worte sind dann so klar. Handlung einfügen – aber es gibt keine. Es gibt sich drehen in diesem Raum von Worthüllen – wir werfen unser Leben nicht weg. Mir gefällt das Ich, welches du in mir hervor bringst. Vor dem Computer zwei Lesende – sie schauen sich an. Und manchmal ist es, als würden sie durch sich hindurch blicken – der eine durch den anderen und durch sich selbst. Nichts von dem, was wir denken und dichten, wir wortverliebten Idioten, nichts von dem wird je eingehen in die Ordnung des Universums. In der U-Bahn zwei Lesende – sie schauen sich an. Ich kann so tun, als wäre jeder Moment Vorhersehung – oder Zufall. Ich kann mich gegen diese Grenzen halten – aber ich sage nichts mehr. Und in meiner Vorstellung sind es alles große Menschen. Aber wann fühlt es sich richtig an? Sind wir nicht längst außerhalb dieses Raumes – sind wir nicht weit entfernt von richtig oder falsch? Natürlich läuft es auf nichts hinaus – denn du läufst auf nichts hinaus. Eine gewisse Unnahbarkeit ohne Kalkül – die reizbarste Form. Und ich bin ja geblieben.

aus Kapitel 5
das gleiche das gleiche aber anders