Es leid sein

[…]

„Als ich noch klein war – “ sagte Norah „keine Ahnung – vielleicht 10 oder so – es war irgendein Geburtstag – vielleicht der von meiner Mutter? Oder meine Großeltern – auf jeden Fall waren ganz viele Verwandte da – alle – wir waren eine riesengroße Gesellschaft in einem Restaurant und es war laut und belebt an unserem Tisch – irgendwann fällt mein Blick auf den Tisch neben an.“ Während sie sprach, umspielten ihre Finger unentwegt die Rillen des schmalen Tisches, ihr Blick lag tief, ihre Worten kamen nur langsam, etwas träge. „Am Tisch neben uns sitzt eine Frau, alt – 50 vielleicht – keine Ahnung und sie war dick, nein fett, wirklich richtig fett aber vor allem war sie allein und noch im selben Moment gab mir ihre Wahrnehmung Tränen ein – verstehst du? Ich weinte – es machte mich traurig, sie zu sehen – allein! Sie war allein und vor ihr ein Berg an Essen. Es machte mich traurig, einen Menschen zu sehen, der alleine war, der alleine essen musste, wo ich, wo wir doch in dieser Gesellschaft waren.“ Sie hatte im Laufe ihrer Worte die Finger immer tiefer in die Rillen gebohrt. Nach einem kurzen Moment der Stille hob sie den Kopf, ihr Blick taste nach meinem, krampfig zog ein Lächeln auf ihre Lippen. „Naja – egal.“ und wieder lag ihr Blick auf der Tischplatte, auf ihren Fingern schon ganz weiß die Rillen umklammernd. Das sagte sie oft – Naja egal. „Und dann bin ich plötzlich 20 Jahre älter, sitze in Berlin und all meine Freunde sind in Beziehungen, glücklich oder weniger glücklich – egal – und ich habe immer vom Mitsein gelabert aber für jemand anderen Dasein ist nicht möglich, vielleicht geht ein bisschen Mitsein aber auch das ist nie genug – ich sehne mich nach dieser unmöglichen Auflösung in einem anderen Menschen – in dieses tiefe Nichts fallen – aber jede weitere Begegnung nimmt nur ein Stück meiner Seele mit und für mich bleibt diese Kerbe.“ Noch immer gingen ihre Finger durch die Rillen – fuhren langsam über die Lücken. „Und dann sagen sie – du auch – ich sei zu sensibel – ja, vielleicht – aber was ändert das an meinem Gefühl? Was ändert das an diesem Loch? An dieser Einsamkeit – und dann frage ich mich, ist nicht jeder einsam – immer? Aber es funktioniert nicht – egal wie, wir können uns unsere Einsamkeit auch nicht nehmen, nicht gegenseitig – und wie viele habe ich selbst abgewiesen und doch auch mit diesem Wissen – weißt du Henry, manchmal habe ich einfach genug davon. Ich bin es leid, es nicht wert zu sein.“

[…]

aus Kapitel 5
Es leid sein

…im Garten. Im verschlossenen Garten.

[…]

[…] und dann mit Heinrich gegen Norden, sah ich sie, abends erst kamen sie an, übermüdet – sie lagen beide nur lose auf dem Bett und wollten einen Film schauen oder Norah lächelte – etwas Verrücktes aber dann ihr Lächeln und ihr Gesicht verlor all das Knabenhafte – ja bitte, dünne Lippen kaum sichtbar aber etwas so rein Lebendiges in diesem Lächeln, in diesen hungrigen grünen Augen, trotz der Müdigkeit, trotz alledem – „Komm, setzt dich zu uns.“ sagte sie leise, ganz leise und während wir den Bildschirm anstarrten und Heinrich irgendwann eindöste, spürte ich nur ihren Atem die Brust heben in verlangsamtem Rhythmus und in mir wurde es immer langsamer, immer langsamer bis hin zum Stillstand, der nur ihre Augen war, nur ihre Augen unter Spalten Haar, nur ihre Augen und ihre warmen Worte: „Komm, setzt dich zu uns.“

 […]

Heinrich lachte dann doch ein wenig über mich – wenn ich in meinem Zimmer blieb wie nicht zuhause, nicht anwesend – aber gegen die Wand lauschte ich auf ihre Schritte und manchmal zog es mich doch hinüber und sie lachte dann immer und machmal zog sie mich vom Bett und sagte, wir würden jetzt tanzen müssen und sie bewegte sich durch den schmalen Raum mit wippender Hüfte und den Armen irgendwie krampfig in der Luft. Dabei nahm sie für einen kurzen Augenblick meine Hand in die ihre und – es machte mich flüchten, es machte mich bleiben in meinem Zimmer und hinter Wand nur Schritte lauschen und Heinrich lachte. Aber er lachte nicht über mich, er lachte einfach – irgendetwas daran fand er schön.

[…]

[…] und diese Abende endeten immer verschwitzt unten im Cave zwischen warmen Menschenresten auf der Tanzfläche betrunken sich hin und her schwingend und nur manchmal öffnete ich die Augen und sah sie, die Menschen in diesem banalen Vergnügen und irgendwie wurde mir übel davon auch wenn ich Heinrich sah oder Norah, sich in dieser Masse bewegen und mich zog es gegen die Wand, schloss die Augen – was war das? Dieses ganze Zeug sich betrinken und tanzen und Mensch gegen Mensch und Es könnte sein, daß das Wer des alltäglichen Daseins gerade nicht je ich selbst bin. Und Norah schrieb mir auf einen kleinen Zettel: Der Andere begegnet in seinem Mitdasein in der Welt. Und während ich gegen die Wand lehnte mit verschlossenen Augen stand Norah mit einem Mal unter mir, gab mir einen leichten Stoß mit ihrem dünnen Ellenbogen: „Was ist los Noel?“ rief sie mir durch den Lärm ins Ohr – sie hatte sich ganz zu strecken, um mir so nahe zu sein und ich zuckte nur mit den Schultern. „Dann lass uns gehen!“ sagte sie und vielleicht nahm sie meine Hand aber nur wenige Minuten später standen wir auf der Straße und irgendwie war es als würde ich ihr hinter her laufen, sie nach Hause bringen – sie hüpfte nur ganz beschwingt und verdammt dachte ich, so frei war sie noch hüpfen zu können bei all dem Elend – ich wollte ihre Freiheit inhalieren, ganz ihre Freiheit sein, ganz sie sein. Mittlerweile war sie umgezogen, wohnte auf der anderen Flussseite nah am Neckar in einer kleinen Dachkammer ohne Badezimmer, ohne Dusche mit vorgelagerter Küchenzeile und einem Raum, der so vollgestellt war mit Möbel, dass man sich nur über eben jene bewegen konnte. Sie stand am Dachfenster und rauchte langsam durch die warme Frühjahrsluft, fragte mich, ob wir noch einen Film schauen wollten und ich nickte nur aber es war mir egal, ich wollte nur diese Freiheit, ich wollte nur dieses unbeschwerte Gefühl noch einen Moment länger ertragen müssen. Ihr schmales Knabengesicht lag in einem blauen Schimmer an meiner Schulter und in mir alles so steif, ganz verkrampft und welchen Film sahen wir? Ich erinnere mich nicht, denn alles in mir galt ganz diesen etwas zu großen Augenbrauen und diesem weiß-blauen Marmorgesicht bis sie ganz entschlief – ich stand noch eine Weile am Dachfenster im Zwielicht des aufgehenden Morgens – sie hatte Südseite und in der hintersten Ecke des Daches sah ich den schmalen Streifen Rot und die verglimmten Tabakreste über das Dach gestreut und ihr Marmorgesicht auf der Kautsch ganz ruhig und vor Wahnsinn verließ ich ihr Zimmer, konnte ja von Außen nicht abschließen und lief am Neckar entlang, Schritt für Schritt über die klamme Wiese nah am Wasser und durch die Heerscharen Gänsefedern.

[…]

Und immer wenn wir alleine waren, immer wenn ich es schaffte mit Norah alleine zu sein, sagte sie: „Henry!“ und als wir alleine waren, auf den Stufen im Romanischen Garten und sie sprach, sie sprach irgendwas von Einsamkeit und warum achtetest du mich mehr// Da ich stolzer und wilder war und ich fragte, ich fragte die einzigen Worte die ich noch herausbringen konnte: „Was machen wir jetzt mit uns?“ und an das Göttliche glauben// Die allein, die es selber sind und sie nur: „Rufen wir Henry an?“ und ich konnte sie nicht ansehen, konnte sie nicht sehen – ein Schatten neben mir auf den Stufen im dunklen Garten, im Garten – wie einfach war es – im Garten und was alles erblühte, verblich im Garten, im dunklen Garten – im Eden wo sich noch vor der Zeit alles entschied, entscheiden musste und sie laberte irgendwas, nur um nicht still sein zu müssen. Irgendwann dann wieder dieses sie sagte etwas – etwas über Nichts. Nichts ertragen können. Nichts ertragen müssen. Nichts halten können. Nichts als Bewegung. Nichts als Bewegtheit des Sein. Sein. Sein ertragen können. Sein ertragen müssen. Sein halten können. Sein als Bewegung. Sein als Bewegtheit des Nichts. „Und daher frage ich wieder: Was machen wir nun mit uns?“ Dann war sie diese Stille – wenn sie verstand – aber diesmal war es eine Stille, in die man Küsse legen wollte – ich schob mich dazwischen, alles in mir schob sich dazwischen – Weltlichkeit. Dieser Moment musste verlassen werden, schnell aber sie schob sich dazwischen, alles in ihr schob sich dazwischen und ihre Lippen schoben sich über mein Gesicht aber das Gefühl war – „Lass uns Henry anrufen.“ – und dann Wärme, unerträgliche Wärme – unerträglich. Und etwas schob mich zurück in den Moment, etwas machte mich, ihn nicht verlassen zu wollen, sie nicht verlassen zu wollen und durch den Regen schloss ich uns ein – ins Philosophische Seminar – in die dunkle Bibliothek auf den rauen Teppich den sie hasste, dessen Fasern sie verabscheute – ich schloss uns ein. 

Auszug aus Kapitel 4
…im Garten. Im verschlossenen Garten.

Es ist wie es ist – mir ist es gut.

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Ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Es ist wie es ist – mir ist es gut. Henry am Telephon sagt nur, geh verlass das Haus, geh in ein Antiquariat, beweg dich – wie sich bewegen – ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Versuch einen Schlussstrich zu ziehen, sagte Henry am Telephon. Schlussstrich ins Nichts. Dann habe ich mich in den Ring gesetzt, bin die ganze Runde gefahren – zwei Mal, drei Mal. „Versuch einen Schlussstrich zu ziehen Norah, endlich – endgültig.“ Nach der zweiten oder dritten Runde im Ring dann ausgestiegen – irgendwo durch die Straßen, fünf Stockwerke Häuser und kein Himmel in Sicht.

[…]

 Ich hänge in den Seilen, wo ich doch tanzen sollte. Was macht ihr nur ohne Himmel? – wollte ich diese große Stadt fragen und Henry am Telephon, ich solle mich beruhigen, spazieren gehen – es sei doch nun endlich vorbei, sagte er. Endlich, sagte er. Sie sprachen ja nicht mit mir, beide, monatelang. Erst im Frühjahr dann mit Henry im Romanischen Garten – endlich, sagt er jetzt. Ja – endgültig jetzt. Angeblich hatte Noel am Küchentisch geweint, aber das glaube ich nicht – ich wünschte es mir aber er weint ja nur um sich. Und was waren seine Tränen gegen – ich ging dann hier die Straße entlang und erinnerte mich wage – irgendwo hier, hier waren wir auch schon mal. Ein Sturm und graue Wortgestalten – Zeit, es braucht nur Zeit, sagt Henry. Zeit – ich will das nicht. Und er zieht an mir vorbei – in Gedanken, alles. Wird auch jetzt noch angehimmelt – von unten, immer. Nehmen wir es von der Geraden her und seien verzweifelt oder blind und taub und stumm. Dein Bild hat sich in mir festgebrannt – hat sich auf meine Seele gelegt, mein Bild und wie es in deinen Augen fällt – dieses Konstrukt in mir – angelegtes Du und Du – so und nicht weniger für diesen Moment, für diesen kleinen Augenblick Erinnerung an deine Züge, an dein Lächeln, an deine zurückgezogenen Lippen, Hände, alles wehrte sich ja gegen mein Eindringen, gegen diesen meinen Moment dich festzuhalten, wollte belassen bleiben – doch schon der erste Augenaufschlag, das erste Eindringen in diesen Moment hervorquellende Seele – es ist verloren an die Installation, vermengt sich nach Außen, ja veräussert sich – „Bleib ruhig!“ sagt Henry. Und wenn die Psyche ein Schmetterling ist dann ist in mir sein Gefängnis – denn hier bist du nach meinen Möglichkeiten, nur so und jeder Versuch es zu wenden bleibt zwecklos – an diesen dunklen Ort rührt nichts. Und darin soll man sich dann erkennen? In diesem Umschlag allein – „Du redest wirres Zeug!“ sagt Henry am Telephon und ich steige aus der S-Bahn und laufe durch Straßen ohne Himmel. Dann irgendwann, hier war ich schon mal, mit Noel, vor ein paar Wochen – ein kleines Antiquariat, klein und dunkel mit unfreundlichem Verkäufer und Büchern bis unter die Decke, das Übliche. „Mach irgendwas, geh schwimmen, spazieren – beweg dich einfach!“ sagte Henry. Hörte ihn durch das Handy den Rauch ausblasen. Angeblich hatte Noel geweint oder Henry sagte es nur, um mir die dunklen Gedanken aus dem Kopf zu wischen. Meine Augen blieben hängen an einem Gedichtband Gedichte für einen Sommertag und darin, auf der ersten Seite noch eine Widmung aus 1989 – Es ist wie es ist – mir ist es gut.

Aus Kapitel 9
Es ist wie es ist – mir ist es gut.

was ist mit den ganzen Verrückten

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Wenn eine Wolke kommt – // Sterbe ich. Noch waren es die ersten Tage – Norah saß in dieser Bar, hinter dem Marktplatz – Eckkneipe mit verschlossenen Fenstern ab 22 Uhr. Sie saß vorne an der Tür – am ersten Tisch. Als sie den abgedunkelten Raum betrat, hatte er schon lange Platz genommen, ein paar Tische weiter, in der Mitte, mit Jemandem, den sie nicht kannte. Als er sie sah, lag ihr Blick schon auf dem Boden – sie ließ sich in den weichen Sessel fallen. „Ich las Else an diesem Abend unserer ersten Begegnung.“ Vielleicht war es befremdlich alleine in einer Bar zu sitzen und zu lesen – irgendwann tat es jeder in Heidelberg, irgendwann war es Mode. Ihr Blick ging gelegentlich über die Seiten zur Mitte hin – wild seine Hände in der Luft, unterstreichend – laute Musik. Aber dein Antlitz wärmt meine Welt, // Von dir geht alles Blühen aus. Norah nahm nur kleine Schlücke aus ihrem Glas – die letzte Bahn im Blick. Vielleicht hätte sie sich zu ihm an den Tisch setzen sollen – in die Mitte ihres Gesprächs – manchmal dann sein Blick und dieses dumme Gefühl – dieses falsche Sitzen und überhaupt hier sitzen, allein, mit einem Buch – mit Blick in die Mitte. Irgendwann ging Jemand – eine Umarmung zum Abschied und mit diesem Windstoß erhob sich auch Noel aus der Mitte des Raumes zum Ausgang hin. „Darf ich?“ er deutete auf den Stuhl ihr gegenüber. Norah nickte nur und legte das Buch auf den Tisch. „Jetzt bieder ich mich so an – auch peinlich. Hab dich ja schon gesehen, als du rein gekommen bist aber wir waren so am diskutieren.“ Norah nickte nur. „Else Lasker-Schüler?“ fragte er und zog das Buch näher ran. „Etwas kitschig oder?“ Er blätterte durch die Seiten. Norahs Wangen glühten über seine Worte. „Ich finde sie sehr ehrlich.“ – „Kennst du Gottfried Benn – das ist Ehrlichkeit – Zersprengtes Ich – wegen Kokain sitze ich wohl hier.“ – „Kokain?“ – „Das Gedicht von Gottfried Benn – hier schau mal.“ er zog aus seiner Manteltasche in kleines schwarzes Büchlein und suchte nach dem letzten Eintrag. „Das habe ich heute geschrieben.“ Norah konnte seine enge, in alle Richtungen verzogene Schrift kaum entziffern – über ihr Stirnrunzeln zog er ihr das Büchlein unter den Augen weg und begann vorzulesen. Es waren ein paar Zeilen in einem sehr expressionistischen Stil – mit vielen Worten wies er sie auf die Zeilenumbrüche und die dadurch entstehenden diversen Lesarten hin. Alles strahlend – leichte Bewegung über das Schriftstück. „Was willst du trinken?“ – sie zuckte mit den Schultern – „Gin Tonic? Ich lade dich ein.“ und sein krummer Körper ging an die Bar. „Du bist immer so ruhig!“ sagte er und grinste. „Naja, ich höre gerne zu.“ sie lächelte. „Meine letzte Bahn geht bald.“ – „Oh, schade – in…“ er zog seine Armbanduhr aus der Tasche – „in 20 Minuten ist mein Geburtstag.“ – „Wie?“ – „Ja, ja – ich mag meinen Geburtstag nicht – ich war auch eigentlich hier verabredet mit einer Freundin aber sie hatte dann doch keine Zeit.“ Norah schluckte. „Na dann werde ich wohl bleiben müssen.“

[…]

Norah fühlte seinen Blick auf sich ruhen. „Ich bin so erbärmlich Norah, so erbärmlich – so klein mit Hut.“ Daumen und Zeigefinger umspielten einen Raum von wenigen Zentimetern direkt vor ihren Augen – Worte, die bebten zwischen ihren Rippen, in ihren Händen, ihn jetzt ergreifen – Norah blieb ruhig. Er hatte aus seiner Zerrüttung gesprochen – vom Land und seiner schizophrenen Mutter – von einer Flucht in die Bücher – die ersten Zeilen Hölderlin und plötzlich etwas verstanden zu haben. Norahs Lippen waren dünn vom Druck – seine Worte ließen keine Zwischenzeilen, keinen Moment des Dazwischenkommens – kleine Wände und ihre langsamen Sollbruchstellen. „Ich rede ganz schön Blödsinn – laber dich hier mit meinem Scheiß voll.“ ein leichtes Säuseln umspielte seine Lippen. Lange suchten seine Augen Tabakreste über den Tisch – nur ein kleines Huschen über ihr marmornes Gesicht – feste Züge und ein Moment Halten. Etwas zu große Augenbrauen womöglich und mit einem Lächeln zog er sich aus diesem Augenblick. Sie liefen dann durch die schmalen Gassen – Norah würde laufen müssen, den ganzen Weg weit bis in die hinterste Ecke Heidelbergs – sie hatten die gleiche Richtung. In ihrem Kopf schon einige Ideen – am Kunstverein vorbei mit den großen Tonfiguren – Noel musste lachen. „Mein Mitbewohner hat letzte Woche betrunken einen dieser weißen Stühle mit genommen – wir haben einen Stuhl zuwenig in der Küche – jetzt steht dieser Plastikstuhl bei uns rum.“ Vor seiner Wohnung dann keine Umarmung – nichts von all der Offenheit von vor ein paar Stunden. Aber du kamst nie mit dem Abend – // …Ich stand in goldenen Schuhen.

[…]

Sie liefen durch die nassen Straßen – Norah ihm immer einen halben Schritt hinterher, spürte er ihren Blick in seinem Nacken. Erst später hatte er begriffen, dass sie den ganzen Weg alleine nach Hause gegangen war, dass sie nur seinetwegen sitzen geblieben war, mit seinen alkoholdurchträngten Gedankensprüngen. Sie war dieses warme Gesicht in der Ecke, eine Stille mit der man sich umhüllen wollte, in die man Worte legen musste. Dann saß sie plötzlich in seinem Zimmer – unvermittelt mit einer Flasche Rotwein – ein paar Wochen später und er zog das alte Büchlein aus dem Regal mit dem ganzen Quatsch – aber es sollte kein Quatsch sein und sie hatte mit einem Mal diesen Blick der alles zu verstehen schien. Sie hatte die Haare ganz kurz, etwas knabenhaft verstrubbelt mit leichtem Pony über die Brillengläser. Ja – das war die Bewegung – sie saßen am Tisch und er sah ihren Blick fallen. „Warum senkst du immer den Blick?“ fragte er und es sollte frech sein und irgendwie sollte sie lächeln und sie lächelte irgendwie unten, unterhalb ihres Kinns, welches sich immer tiefer in den Schal bohrte. Er lag breit in den Holzstuhl gelehnt und diese Bewegung, ihre Bewegung – alles in sich hineinziehend, als würde gleich ihr ganzes Sein in ihr verschwinden, ließ ihn fast etwas heraus fahren – später wollte er sie immer schütteln. Nur sehr langsam hob sie den Kopf, vielleicht nahm sie ein Schluck Rotwein – „Um mich aus der Welt zunehmen.“ sagte sie ganz ernsthaft. Ein kurzer Moment schwankte etwas herüber, eine Druckwelle, ein kurzer Impuls auch hätten sich für einen schmalen Augenblick alle Farben umkehren können – zum ersten Mal spürte er sie. Dann irgendwann begann sie, sich zusammen zusetzten, langsam, aus meinen Versatzstücken – aus Namen wie Benn und Heidegger aus langen Blicken, die alles wollten, alles inhalieren, der Kiefer über Unterlippe ganz langsam, nachdenklich. Sie liefen über die nasse Straße und irgendwie war sie an diesem Abend ja nur Zufall am runden Tisch neben der Tür. Durch die Zeit hoffte er noch auf die Andere, die weniger Spiegel war – drehte sich zu Tür, sah ihre schmalen Lippen Worte nachlesen – fand sich traurig, sie traurig. Sie liefen über die nasse Straße und Noel schwankte etwas. „Weißt du was mich an dieser Frage am meistens stört?“ fragte Norah mit einem Mal und Noel musste sich fast umdrehen um sie zu hören. „Welche Frage?“ Er wollte nach Hause, betrunken, aus ihrem Blick – Geburtstage waren ihm verhasst. „Na worüber wir vorhin sprachen – was als Geisteskrankheit gilt und so.“ Noel erinnerte sich – irgendwann zwischen dem zweiten Glas Gin und seiner Stoßbeichte hatte er, wahrscheinlich als Ankündigung für alles Kommende, zu dieser Frage ein paar Gedanken verloren. „Was ist eigentlich mit den ganzen Verrückten, die noch niemals ein Einhorn gesehen haben?“

aus Kapitel 2 und 4
was ist mit den ganzen Verrückten