Ein Soziopath ist ein

Als du mich geschrieben hast, wie hat es sich angefühlt, jedes Wort für sich meine ich, das Sezieren meiner Sprache, meines Sprechens, wie hat es sich an ge fühlt, als wir, erinnerst du dich, unsere Hände hielten im Schlaf ohne uns zu berühren, wohl, das habe ich jetzt ver-standen; im Stegreif ich zu sein, wie hat es sich angefühlt, mich zu öffnen, den Ver-schluss – uns bleibt ja immer noch Prag hast du gesagt oder eine andere Stadt mit P, uns, habe ich gesagt, was ist das, habe ich gefragt, erinnerst du dich, wie hat es sich angefühlt, nichts zu sein, nicht ich zu sein, nicht zu sein und all diese anderen Dinge, die noch so m i t s c h w i n g e n, ja, du hast mich schon richtig verstanden, ich weiß, das nächste du steht schon im Anschlag, sie sind ja auch nicht schwer zu finden, sie laufen ja gerade so auf der Straße einem über die Beine, also vor die Füße, vor die Flinte, vor die Linse und KLICK und gut ja, dann sitzt du eben in meinem Rücken, also auf dem Lesesessel neben meinem Schreibtisch und klickst Dinge in dein Smartphone, Worte auch, Sprache, also Sprechen, meine Worte meine Fiktion, hörst du, ein Soziopath ist ein Mensch, der ein völliges Fehlen von Empathie mit einem tiefgehenden Anspruchsdenken verbindet, er fühlt keinen Schmerz außer dem eigenen, also meinen, also deinen Schmerz in diesem Wirrwarr, du ich wir, hast du das gesagt oder ich oder du und ich, da ist immer eine Konjunktion zwischen uns, schon wieder alles so nah, so nah an der Sprache, an den Worten, unaussprechlich, du oder ich oder wir, also nicht ausgesprochen, nicht buchstabiert oder wenigstens Wort für Wort, also gestillt, nicht befriedigt, gewogen in Stille, aufgewogen die Worte, verbannt in Sprache dieses Gefühl, du in meinem Rücken auf dem Sessel neben meinem Schreibtisch blätterst in den alten Ausgaben der Philosophischen Rundschau, suchst verzweifelt nach meinem Namen darin, suchst überhaupt nur nach Namen, jaja, ich verstehe schon, einen Namen hat man nur, weil andere in rufen, suchst also nicht nach mir, hast du jemals gesucht, etwas gesucht in unseren Worten, im Auseinandersprechen der Phoneme, im Auseinanderbrechen. Einsam rollt eine Traube durch die S-Bahn.

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