Die abgeschnittene Frau (Roman/Auszug)

Ich will mich nicht hineinbegeben in diese Fragen, also zum Beispiel, warum ich hier aufgewacht bin, statt in meinem eigenen Bett oder warum in Wohnungen mit Durchgangszimmer das Schlafzimmer immer erst am Ende der Wohnung ist, warum erst die ganze Wohnung durchquert werden muss oder warum nur Männer allein am Tresen einer Bar sitzen können, ohne allein zu sein. Aber ich glaube, Tom ist glücklich Irgendwie sind sie alle glücklich. Es ist so ein seltsames Glück – dieses Glück, jetzt. Dieses Glück, einfältige Dinge zu tun – das ist gemein. Ich tippe einfältig in die Googlesuche: so, dass man sehr unkritisch ist und alles bedenkenlos glaubt oder ernst nimmt. Gut, dann nicht einfältig, das passt nicht. Ich meine eben dieses JETZT, JETZT, JEZT. Vielleicht passt einfältig doch – ich meine, was ist dieses Rumsitzen und Trinken. Das ist doch unkritisch, bedenkenlos. Das ist da sein – jetzt sein, nicht denken, tun. Ich habe das Iphone noch in der Hand, also klappere ich die Apps ab, ein paar neue Nachrichten gibt es schon, Glückwünsche und so. Warum habe ich überhaupt angefangen, die zu retweeten – es nervt und wirkt arrogant – also es ist arrogant. Ich weiß nicht, was mir unangenehmer ist: Arrogant zu sein oder arrogant zu wirken. Ich tippe arrogant in die Googlesuche: mit einer sehr eingebildeten und überheblichen Art, die auf andere oft verletzend wirkt. Auch falsch. Vielleicht besser selbstverliebt oder nur auf sich selbst bezogen oder egozentrisch oder egomanisch oder narzisstisch oder freut sich nicht JEDER über Glückwünsche. Ich tippe die alle nacheinander in die Googlesuche. Egozentrisch ist spannend: so, dass man die eigene Person als Mittelpunkt betrachtet und alles auf das eigene Ich bezieht. Aber das passt alles nicht – es gibt kein Wort, dass zum Ausdruck bringt, dass ich mich eine Sekunde lang freue, den Retweetbutton drücke und mich danach ob meiner Selbstverliebtheit und ja doch, Arroganz – es fühlt sich nach Arroganz an, in Grund und Boden schäme. Dafür gibt es kein Wort in der Deutschen Sprache. Und überhaupt: Ich. Mir ist das auch peinlich, dass die mich irgendwie mögen – oder sich zumindest verpflichtet fühlen. Ja, es ist eher dieses Gefühl der Verpflichtung, was fremde Menschen dazu bewegt, fremden Menschen zu gratulieren. Und bei mir ist es Arroganz, weil jeder Retweet suggeriert: Schau mal, schon wieder jemand, der mir zum Geburtstag gratuliert, schau dir all diese Glückwünsche an. Very easy. Aufmerksamkeit. Mein Name in jeder Timeline – mein Gesicht, mein Name, alles. Ich. Alles voll mit meinem Ich. Irgendwie ist das geil und irgendwie ist das peinlich – aber ich weiß nicht, vielleicht ist es – es ist nur peinlich, weil ich es geil finde. Und dann wache ich in dieser fremden Wohnung auf und das erste, was ich mache, ist die Bücher aus dem Regal zu ziehen, nicht weil mich die Bücher interessieren, sondern weil ich wissen will, was der Typ hinter seinen Büchern versteckt.

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