jede sekunde

Hallo. Ich bin der hermeneutische Zirkel, die Tautologie jeder Wahrheit, die sich selbst erzählende Geschichte, das Punctum jeder Idiosynkrasie, das Ende einer jeden Sprache, Babylon 3.0, die Verwirrung, das Schweigen, das Gestammel, der Heidegger-Bindestrich (bringt dich hier nicht weiter, es gibt kein Sezieren mehr, es gibt nur noch die totale Formlosigkeit), ich bin das Denken über meine Gegenwart hinaus gefangen in der Gegenwart, Herr Hegel, damit haben Sie nicht gerechnet, mit dieser Kaskade an sich selbst generierenden Zuschreibungs-Generationen, als Sie die Gegenwart zur Vernunft riefen, ich bin all diese Identifikationen, diese Nullsummenspiele der Zeit, diese lächerlichen Gefühle, nein, Befindlichkeiten, keine Gefühle, Befindlichkeiten, die zur Moral gerufen werden, die der Ursprung einer jeden dieser einen Moral sind, also das Ich aber nicht als Allgemeines sondern als Spezielles, als Eigenartiges, als Spezifikum, eine Kreatur der Kontravalenz, der Ekel, das Individuum, eine Schablone, ein Schattenbild, die Individualität ist Copy&Paste, das bin ich, die sich selbst beißende Schlange in einem Meer aus sich selbst beißenden Schlangen – zuerst war es nur ein Knabbern, also ein zartes, nein zärtliches Knabbern wie unter Liebhabern, wie jedes Kind, das noch nicht der Sinnlosigkeit des Daseins anheim gefallen ist, noch wunderbare Fragen stellt: Warum ist der Himmel blau, warum fliegen Libellen, warum sagt die Frau so komische Dinge, warum bin ich einsam – dann wurde aus dem Knabbern, also aus der Liebe, die Liebe selbst gebar die Angst, auch vor der Kindheit, also vor der Geburt an sich, vor dem Geworfensein, vor dem Verlust dieser Verbindung, eiskalt durchgeschnitten das Kabel zum Muttermund, für immer in die Suche geworfen, ich bin das Trauma, der Traum aus dem Dunkeln des Ursprungs, aus dieser einen letzten Frage, ein biochemischer Vorgang, ein rot aufflammendes Areal im Gehirn, Synapsen beim Starren auf die Screens, während wir Innenleben in die unterschiedlichsten Gefäße kippen, ist aus dem Knabbern schon lange ein Verschlingen geworden, ich bin die Schlange, die sich selbst verschlingt, homo fere individuationis ad placitum institutas, das bin ich, das einzige wahre pepetuum mobile, ich fange immer und immer wieder von vorne an, obgleich ich verstanden habe, ich habe verstanden, dass der Sinn im Sinnlosen besteht, dass ich die Wiederholung bin, jeder wähnt sich selbst am Ende der Geschichte, denn wie bitte soll die Welt weiter gehen ohne mich, wo ich doch das Einzige bin, also das Einzige, worauf ich mich beziehen kann, ohne mich kann es nicht weiter gehen, das bin ich, die letzte Frage, also 7,5 Milliarden Fragen bin ich, ich bin die Durchlässigkeit, die Sollbruchstelle, die Öffnung, der Versuch nach Nähe in der Negation, wir nennen das Kommunikation statt Selbstgespräch, wir nennen das Gesellschaft statt Monaden, wir nennen das sozial statt immanent, ich bin das Zweck-verfehlte-Denken, gefangen im repetierenden Akt der Selbstidentifikation, ich bin die Mise-en-abyme meiner selbst, immer und immer wieder und wieder und wieder, ich bin am Ende.

Entschuldigung, Herr Pfleger, da ist eine Fliege in meinen Multivitaminsaft geflogen.

Monolog aus Das Ende, Drama
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2 Gedanken zu “jede sekunde

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