Vom Ende her (Ruhrgebiet 1/10)

Ich würde dir gerne schreiben, was mich an diesem Ort hier oder sagen wie an diesen Orten hier fasziniert. Dann würde ich dir etwas von dem Verlassen-werden erzählen oder von dem Verlassen-sein – alles hier ist verlassen. Ich würde dir vom Verfall erzählen, dass alles verfallen ist oder zumindest im Begriff ist, zu verfallen. Ich würde dir von der Natur erzählen, denn überall dort, wo keine Menschen mehr sind, überall dort sind auf ein mal Pflanzen aufgetaucht und bahnen sich ihren Weg durch die Sollbruchstellen im Stahl und Beton – ich würde dir also nichts über den Tod erzählen, denn Tod gibt es hier nicht oder wenn, muss man etwas länger nach ihm suchen und bisher konnte ich ihn nicht finden. Ich würde dir schreiben, dass die Zeit gerade lang genug war, für mich, das alles hier zu ertragen, weil ich Stille einfach nicht lange ertrage, aber zu kurz, um wirklich etwas zu verstehen und du weißt selbst am besten, dass man wirklich lange hinhören muss, wenn es still ist. Ich würde dir auch von den Idyllen schreiben, die gibt es, also intagramgefiltertes Wasser zum Beispiel, blau oder instagramgestoriete Industriebrachen, schwarzweiß. Ich würde dir von all dem Übriggebliebenem schreiben, also dass viele Dinge einfach übriggeblieben sind, dass es entweder keine Verwendung für sie gibt oder dass ihre Verwendbarkeit hinfällig geworden ist, weil eine Story auf Instagram steht gerade mal 24h und dann ist sie vorbei und vielleicht würde ich dir davon erzählen, dass ich mich auch so fühle, vorbei gegangen, vorbei gefahren an all diesen Dingen aber wieder mal nirgends stehen geblieben und ich würde so gerne endlich mal wieder stehen bleiben.

Etwas in diese Richtung würde ich dir gerne schreiben, aber ich kann nicht. Also schreibe ich einfach nur: Fin. Der beste erste Satz.

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Vom Ende her (Ruhrgebiet 1/10)

5 Gedanken zu “Vom Ende her (Ruhrgebiet 1/10)

  1. Wirklich toll geschrieben, hat mich sehr gefesselt. Ich wohne selbst im Ruhrgebiet, und kann dem Ruhrgebiet nichts Schönes abgewinnen, aber deine Worte, ihre Anordnung, sie bekleiden den Ort mit etwas Schönem, auch wenn sie selbst nicht von etwas Schönem schreiben… :)

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