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„Kennst du Unglücklichsein von Kafka.“ – „Nein.“ – „Das ist eine Kurzgeschichte, ich glaube, er hat sie nicht veröffentlich. Ich glaube, das ist nicht mal der richtige Titel. Darf ich sie dir vorlesen. Sie ist wirklich gut.“ Es ist der dritte Abend mit Georg, oder der vierte. Ich weiß es nicht mehr, aber ich wollte es ihm erzählen. Ich könnte ihm das Buch auch mitgeben, aber ich will nicht – ich will, dass dieser Text für immer mit mir in Verbindung steht. „Warum lesen immer alle Kafka. Warum ist Kafka immer der Referenzpunkt.“ – „Wie meinst du das.“ – „Naja, immer sagen alle Kafka, wenn es darum geht, was man als erstes gelesen hat oder wie man überhaupt zur Literatur gefunden hat – Kafka ist so der Ausgangspunkt jeder Literatur oder so. Der Woody Allen der Literatur. Oder der Gerhard Richter der Literatur oder so.“ – „Was liest du gerne.“ – „Hm. Ich weiß nicht. Ich lese nicht so viel. Ich mochte das mit dem Känguru, weißt du, was ich meine? Ich habe vergessen wie der Autor heißt. Und ich habe mir Unter Eis von Falk Richter gekauft, das hat mir auch gefallen. Und Douglas Adams. Der ist depressiv. Der hat mal in einem Interview gesagt, dass er seine lustigsten Texte immer in seinen depressivsten Phasen geschrieben hat. Hast du das gelesen.“ Ich nicke. Aber es ist eine Lüge. „Ja. Die Bücher lese ich immer wieder.“ behaupte ich. Sie stehen auch im Regal. „Cool.“ sagt Georg. Unsere Drinks sind schon wieder leer. Ich stelle den Kafkaband zurück ins Regal. Spring doch einfach von der Brücke, Georg.

Auszug aus dem Roman Die abgeschnittene Frau
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