WISH YOU WERE HERE

Aber ich weiß, dass mich keiner mehr will. Ich weiß es – ich weiß nur nicht, warum. Ich weiß, dass ich alleine bin, das weiß ich – jeden Tag weiß ich das. Ich weiß das, es ist Wahrheit – du sagst immer: WAHRHEIT. Ja, es ist wahr, ich bin allein – jeden Tag – ich bin so allein, dass mich mittlerweile das Geräusch der Lüftung stört und ich habe sie schon komplett runter gedreht, weiter runter geht es nicht, ich kann sie nicht ausschalten, es geht nicht weiter runter, sie ist eigentlich schon nahezu lautlos, quasi nichts aber ich bin so allein, dass mich selbst dieses Nichts an Geräusch, dieses Nichts an Anwesenheit stört und ich weiß, wenn ich den Lüftungskasten öffne, oder wenn ich einfach den Strom kappe, ist sie aus – dann ist auch das weg, ich kappe den Strom, alles ist ruhig. Das weiß ich natürlich. Das bin ich. Aber was ich nicht weiß, warum – warum sammle ich diese ganzen Dinge, Worte, Handschriften, Screenshots von netten Worten oder irgendwas – warum sammle ich das. Ich schaue es mir z.b. nie an – ich weiß nicht, wie viele von diesen Screenshots ich habe, besitze – also die halt da sind auf irgendwelchen Festplatten oder in irgendwelchen Clouds von irgendwelchen Menschen die mir irgendwann mal irgendwas Nettes, Freundliches, irgendwas geschrieben haben – das weiß ich nicht mal, also warum b e s i t z e ich das dann – was besitze ich da, was ist das, Datenmüllschwachsinn aber er ist da und egal, jedes Mal drücke ich: Screenshot und wieder und wieder und wieder und wieder. Und ich würde das noch nicht mal irgendjemandem zeigen, ich würde nicht mal zeigen: Schau mal, voll nett … nichts davon, nein – das ist doch peinlich. Mir ist das peinlich aber wenn ich niemandem meine Sammlung an netten, freundlichen Screenshots zeigen kann, also wenn niemand all das jemals zu Gesicht bekommt, ist es dann überhaupt da – ich schaue es mir ja nicht an, ich weiß nicht mal, wo die alle sind, die ganzen Screenshots und wenn ich mir die nicht anschaue und ich die niemandem zeige, ich dieses ganze gute Zeug niemandem zeige, existiert es dann überhaupt, b e s i t z e ich es dann und was b e s i t z e ich da – was ist das. Wer sind diese Menschen, sind das Menschen, können sie sich daran erinnern, wie sie mir das geschrieben haben und wissen sie, dass ich einen Screenshot gemacht habe, soll ich jetzt immer „Screenshot“ schreiben, wenn mir irgendwas gefällt, ist es das – ist das das neue danke, danke aber das ist mir unangenehm aber ich drück es schnell weg, ich mache schnell einen Screenshot und dann verschwindet es in irgendeinem Ordner irgendwo auf irgendeiner Festplatte. Das ist die Wahrheit. Also genau das und warum will mich keiner mehr – also ich bin nicht hässlich, oder vielleicht doch. Wahrscheinlich. Und dumm, und habe keinen Humor, und kann nicht tanzen – ich kann mich nicht bewegen, ja. Ich liege nur rum. Ich kann nicht lachen – ich lache nie. Ich habe noch nie gelacht und ich heule immer aber am meisten Nachts, ich bin sehr frigide, reserviert und zurückgezogen – keine Leidenschaft, keine Zärtlichkeit und so. … Schau … und das ist ein unmöglicher Mensch – so einen Menschen kann es nicht geben. SO BIN ICH NICHT – ich bin irgendwas, irgendwas dazwischen, irgendwas ohne Attribute, ohne Hashtag, ohne Inhalt einfügen. Aber ICH BIN. Ich bin da. Ich bin da für dich. Und dann das – diese SMS, nachts, Worte – WISH YOU WERE HERE – aber die Radioheadversion … immer wieder schickst du mir diesen Song oder eine Textzeile oder ein Zitat aus dem Zauberberg und so ein kleiner Drei. Aber du bleibst nie stehen. Du gehst immer an mir vorbei – da ist immer noch ein Leben neben mir, etwas anderes – also ich, ich bin der Ausschnitt, das Fenster, das Andere. Das wo du mal eben schnell reinschaust, wenn du dein Eigenes nicht mehr tragen kannst, ertragen kannst, wenn du mal Abwechslung brauchst, was anderes – dann schreibst du mir WISH YOU WERE HERE. Aber du sagst nie: Ja. Du rufst nach dem ersten Date nie an. Du küsst mich niemals zum Abschied. Du schreibst nur WISH YOU WERE HERE – aber du hast kein Verlangen nach mir. Warum hast du kein Verlangen nach mir. Warum willst du nie mehr. Ich meine mehr – mehr als dieses WISH YOU WERE HERE aber die Radioheadversion – mehr, mehr, mehr als einfach alles irgendwie so ein bisschen und eigentlich gar nichts. Schwebe. Ich will dich. Ich will dich – mit dir zusammen sein, dich sehen, dich anfassen – ich will, dass du hier bist. Ich will, dass du ein paar Tage bleibst, bleiben willst, dass du mir vorschlägst, ein paar Tage zu bleiben, ohne Diskussion, ohne aushandeln zu müssen, wann wir uns wieder sehen und dann dieses beschissene Gefühl, immer dieses beschissene Gefühl, viel zu viel zu sein, immer für alle viel zu viel zu sein, dass einfach mein reines Dasein und dich wollen, dass das schon viel zu viel ist. Wie kann das zu viel sein – ich tu doch nichts, ich bin doch NUR DA. Aber das ist schon alles zu viel für dich – was weiß ich, ich verstehe es nicht – was daran verunsichert dich. Was für eine Krankheit bin – was für eine Krankheit ist das, statt Ja immer nur vielleicht zu sagen oder gar nichts, einfach gar nichts mehr zu sagen, nicht mehr zu antworten, tagelang, wochenlang – nicht mehr zu antworten immer dann, wenn ich wieder zu viel bin, immer dann, Stille. Nichts, nichts davon verstehe ich. Dann ist monatelang Stille und irgendwann habe ich mich daran gewöhnt, ich habe mich daran gewöhnt, dass du ruhig bist, still bist, dass da nichts passieren wird, dass ich eine Krankheit bin, das „ja, aber Mädchen“ – okay, ich habe es verstanden, ehrlich. Ich verstehe es nicht aber ich habe verstanden. Ich lasse dich in Ruhe. Echt. Ich lasse dich in Ruhe, ich will nichts mehr von dir, ich verschwinde einfach, ich ziehe mich komplett zurück und ich kann mich so weit zurückziehen, bis ich nicht mehr existiere. Ich existiere nicht mehr. Okay. … Ruhe. Endlich Ruhe. Endlich Stille. Die Lüftung ist aus – ich habe die Sicherung rausgehauen und jetzt ist Ruhe. Endlich. Alles. Ruhig. Endlich. Tage. Monate. Ich bin verschwunden. Ich existiere nicht mehr. Alles okay, ich bin weg – aber dann vibriert mein Handy: WISH YOU WERE HERE.

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WISH YOU WERE HERE

3 Gedanken zu “WISH YOU WERE HERE

  1. rumborak schreibt:

    Es kommt der Tag, an dem du merkst, dass das Zuschnüren anderer Hälse auch dir Kraft kostet und dich von deinem eigenen Hals ablenkt. Achja, Einsamkeit hört nicht dann auf weh zu tun, wenn man sie los wird oder übertönt, sondern erst dann, wenn man sie aushalten und lieben kann.

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