Dieser Hunger Hunger

Plötzlich war da dieser Druck – innen, ganz tief innen. Ich denke, es hatte schon viel früher begonnen aber weil ich meine Eingeweide kaum spüren kann, habe ich diesen Druck zuerst nicht wahrgenommen und irgendwann war da so ein leichtes Ziepen, so ein leichte Verstimmung im Inneren und das wurde immer stärker, immer lauter drückte es von Innen an die äußere Schicht – an die Muskulatur, an die Haut. Ich denke, es hat in der Mitte begonnen – in der Mitte des Rumpfes dort, wo alle Gefühle sind. Dann hat es sich in alle Richtungen ausgebreitet – in manchen Richtungen kam es nicht weit, eben nur bis zum Bauchnabel oder nur bis zur Wirbelsäule aber runter ging es bis in die Zehen und hoch – ja hoch, hoch geht es bis in die Kehle und dann bis in den Mund und irgendwann ist es auf den Lippen angekommen und dann – dann bin ich in den Bus gestiegen. Dann bin ich einfach weggefahren. Immer. Ich meine diesen Ekel. Ich will von diesem Ekel sprechen – kennen den nicht alle, frage ich mich. Kennen den nicht alle oder ist das allein meines, bin ich damit alleine. Manchmal kommt es mir so vor, als würde niemand ihn kennen – als wären die Menschen um mich herum, eben alle anderen – als wären alle anderen Facebookprofile. Da steht nichts von den schlechten Tagen, da sind keine Bilder von Fressflashes und wie ich vier alte Laugenstangen, vier sehr alte, harte Laugenstangen panisch vor Hunger – aber es ist kein echter Hunger, es ist nur dieses Gefühl von Hunger, dieser Hunger Hunger, dieser Hunger, der eh immer da ist – wie ich also panisch vor Hunger die Haut abpule von diesen harten Laugenstangen, erst mit den Fingern, dann mit den Zähnen und ernsthaft darüber nachdenke, einfach die harten Laugenstangen ganz zu essen, also erst zaghaft daran zu knabbern aber dann immer fester und immer mehr davon abbeiße, abreiße , also runterwürge und im Hals fühlt es sich schon so, als würde irgendwas feststecken aber ich weiß, das ist nur so ein Gefühl, da steckt nicht wirklich etwas fest, das ist nur so ein falsches Gefühl und ich kann einfach weiter alles runterwürgen, ich muss nicht mal richtig kauen – bis die Laugenstangen weg sind und dann würge ich die vier harten Brezeln auch noch runter und weil ich dann immer noch Hunger habe und das Gefühl im Hals einfach falsch ist, reiße ich die Kühlschranktür auf und stopfe den Käse hinter her – der ist wenigstens weich und Karotten, den anderen Käse und die rohen Zucchini und ja, alles – bis nichts mehr da ist – bis nichts mehr da ist von mir, bis ich mich ganz und gar taub gefressen habe, taub und aufgefressen und bis ich endlich verschwunden bin. Ich bin nicht mehr da. Ruhe. Kurze Ruhe. Aber dann ist da dieser Druck, langsam – ich verschwinde nicht, nein – statt dessen werde ich immer größer, immer mehr, immer mehr Menschenmasse und dann, wenn ich so richtig richtig viel geworden bin weil ich so richtig richtig viel gefressen habe, bin ich endlich so richtig ekelhaft, so richtig angeekelt von mir selbst und der Kühlschranktür und den alten, vergammelten Laugenstangen und dem rohen Ei und Fleisch und alles, alles und ich – angeekelt. Ekel. Dann kann ich mich endlich hassen. Hassenwerte Menschenmasse.

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Dieser Hunger Hunger

5 Gedanken zu “Dieser Hunger Hunger

  1. Ich weiß nicht wie nah der Text an der Wahrheit ist, aber was ich weiß ist, dass es ziemlich genial ist. Ich hege den Verdacht, dass das nur so zu schreiben ist, wenn man öfter vor Verzweiflung an der Kühlschranktür gerissen hat. Es ist für den Leser aber auch unwichtig.

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