Abschiedsbrief 29.05.2000

(TW rape)

Ich sehe die Sache wie folgt: Ich bin 14 und ich habe keine Ahnung vom Leben. Wie auch – das meiste meines Lebens leben meine Eltern für mich. Ich bin 14 und mein Lieblingsalbum ist Incesticide von Nirvana. Der Junge von nebenan, der auch in meiner Klasse ist, hat mir die CD geschenkt. Nachts teilen wir uns das Dachfenster und ich bin ein bisschen verliebt in ihn. Ich hoffe, er mag mich, wenn er aus meinem Fenster Nirvana hört. Manchmal wirft er Münzen auf mein Glas, es klirrt, ich stecke den Kopf durch das Dachfenster und wir reden über irgendetwas – meistens über Musik. Er raucht und dann rauche ich mit, obgleich es mir weh tut – aber das ist okay. D. will wissen, warum ich glaube, in ihn verliebt zu sein und ich sage ihr, dass ich jeden Abend hoffe, es klirrt an meiner Scheibe und wenn es dann wirklich klirrt, bin ich sehr glücklich. Ich glaube, das ist verliebt sein.

Ich bin 14 und froh, endlich ein Handy zu haben. Ich kann jetzt SMS schreiben und meine Eltern bekommen nicht mit, mit wem ich rede – ich kann im Bett liegen und SMS schreiben. Seit ein paar Tagen schreibt mir A. – er ist 18 und nicht auf unserer Schule. Er ist erwachsen. Er schreibt, dass er mich schön findet, was mich irritiert, denn er ist mit L. zusammen. Ich mag sein Lächeln und dass er die Hosen sehr tief trägt, das sieht beim Gehen immer sehr schön aus. L. ist in meiner Klasse und ich frage mich, ob sie weiß, dass A. mir nachts schreibt. Ich traue mich nicht, es ihr zu sagen – es ist mein Geheimnis.

Wir sind bei D.. Ihre Eltern sind selten zuhause und wir können machen, was wir wollen. A. schreibt mir nette Dinge, sitzt dann aber neben L. und sie küssen sich. Er schreibt mir, dass er lieber mit mir zusammen wäre. Wir trinken Bier und Schnaps – A. und sein Zwillingsbruder waren einkaufen. Irgendwann sitzt A. neben mir. Er hat sich von L. getrennt. Er will mit mir zusammen sein. Ich war noch nie mit einem Jungen zusammen.

Wir sitzen auf dem Bett im Schlafzimmer von D.s Eltern. Ich weiß nicht, was wir hier sollen aber A. will mit mir alleine sein und ich mag sein Lächeln sehr. Seine erste Berührung erschreckt mich, ich hatte nicht damit gerechnet. Er streichelt mir den Rücken und ich muss lachen – es kitzelt. Er küsst mich. Es ist ein heftiges Gefühl irgendwo in der Mitte meines Körpers, starke Hitze pulsiert bis hin an den Rand meine Oberfläche, müsste sie sprengen … aber es bleibt ganz in mir und ich sage auch nichts. Ich sage auch nichts, als er meinen Pulli auszieht – mir ist sehr warm aber ich bin irritiert. Es geht sehr schnell, ich habe auch keine Jeans mehr an und ich schäme mich, nackt zu sein – ich will nicht nackt sein. Er sagt, er fände mich schön. Ich will trotzdem nicht nackt sein. Aus dem heftigen Gefühl in der Mitte meines Körpers dringt die Bitte, wieder rüber zu gehen – zu den anderen. Ich höre die Musik von drüben. Warum denn, will er wissen – ich weiß nicht, es irritiert mich und seine Küsse werden heftiger und seine Hände sind irgendwie überall und ich sehe die Decke des Schlafzimmers – warum? Mir ist auch übel vom Alkohol und allem – ich will rüber gehen und sage, ich will rüber gehen – ich will aufstehen aber er reagiert auf diese Bitte nicht und obgleich er sehr dünn ist, liegt sein Körper schwer auf meinem und ich weiß gar nicht, was er jetzt will – warum ich nackt bin und er nicht und seine Berührungen sind hart und alles riecht nach Schweiß und Alkohol. Das Gefühl aus der Mitte meines Körpers ist verschwunden. Ich will, dass er von mir runter geht aber er reagiert nicht und mein Herz schlägt schnell. Er sagt gar nichts mehr, er hält mich nur fest, wenn ich versuche aufzustehen. Ich versuche aufzustehen, er drückt mich runter und er drückt seinen Unterarm so fest gegen meinen Hals, dass mir schwindelig wird. Ich verstehe es nicht aber alles, was er jetzt tut, tut mir weh. Mir tut alles weh.

Meine Augen sind geschlossen, schon seit einer ganzen Weile. Ich denke, er hat den Raum verlassen – ich weiß es nicht mit Sicherheit, ich habe nur die Tür gehört. Ich spüre gar nichts mehr aber ich denke, mir müsste kalt sein, also wickle ich mich in die Decke.

Später ist meine Freundin sauer auf mich, weil auf dem Laken im Bett ihrer Eltern Blut ist. A. und L. sind wieder zusammen.

Mir tut alles weh.

Mir tut alles weh. Seit Jahren.

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Abschiedsbrief 29.05.2000

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