Schnittstellen, Atem

Die meisten Menschen können sich gegenseitig sexuell nicht erfüllen. Dein leicht verderblicher Atem säuselt in mein Ohr, in mein Ohr – oder deine Stimme ist so leise, so leise – ich muss mit meinem Ohr so nahe an deinen Mund herantreten, dass ich weinen will – du beißt mich. Ich sehe die Szenerie von Außen, wie sie dieser Typ vorne an der Bar sehen müsste, wenn er rüber schauen würde, das leichte Podest hoch mit den zierlichen Tischen, die dem Festhalten dienlich sind – kleine Anker im Raum, damit sich die Grüppchen sortieren können aber dieser lang gestreckte Typ mit aufgestelltem Kragen schaut nicht rüber. Ich sehe mich im Verlauf der letzten zehn, zwanzig Minuten – ich weiß es nicht, Zeit fühlt sich nicht – immer näher kommen – wir – Elias und ich sitzen nebeneinander, ich muss den Kopf in die Seite legen, obgleich ich dir lieber in die Augen schauen würde, weil ich wissen will, ob all diese Worte, die deinen Mund in mein Ohr verlassen, ob all das wahr ist – aber mein Kopf liegt in die Seite gelegt und dein Mund ist so nahe an meinem Ohr, dass du mich beißt, oder küsst und ich stelle mir vor, Elias würde jetzt jegliches Sprechen unterlassen und die Fläche unterhalb meines Ohres küssen – nicht mein Ohr – auf keinen Fall mein Ohr. Aber er sagt in seiner sehr leisen Art: Die meisten Menschen können sich gegenseitig sexuell nicht erfüllen.

Ich hatte den bitteren Geschmack von purem Gin schon längst vergessen – selbst wenn ich ihn mit viel Eis trinke, bekomme ich den bitteren Geschmack kaum runter, wie auch die Worte nicht über die Lippen – Elias hat das Tonic an der Bar stehen gelassen. Ich trinke den Gin pur in zierlichen Schlücken und lasse mir nichts anmerken – mein Gesicht verzieht keine Miene – eigentlich nur, weil ich auch solch einen bitteren Atem will. Es ist ja die Genealogie deines Namens, will ich ihm zuflüstern oder zumindest darauf hinweisen, dass wir immer die Spuren vergessen, die wir in anderen zurücklassen – mal eben schnell ins Ohr flüstern aber Elias redet unentwegt. Er sagt, er könnte sich in mich verlieben. Toll denke ich, was muss ich dafür tun?

Ich will, dass du dich meinetwegen in mir ergießen willst. Du sagst: Ich verstehe. Ich will Ich sagen. Aber du bist sehr traumatisiert davon, dass ich nicht mit dir schlafen will – weil das so normal wäre. Sexy ist das Subjekt, das sich als Objekt präsentiert und dabei Subjekt bleibt. Und langsam verstehe ich seine Stimme in diesem Leise-sein – beharrlich mein Ohr zu dir hinüber zwingend – hör auf da zu sein – so als eigenständiger Mensch mit Freiheit und so – willst du mir sagen. Setzt dich auf meinen Schoß. Ich will es. Lutsch einfach meinen Schwanz oder wir vögeln auf der Toilette, damit wir diese Normalität endlich hinter uns gebracht haben und als ich Elias frage, wie es ihm gehe – so morgens im Zwielicht, irgendwie müde, antwortet er: Ich will dich ficken aber sonst geht es mir gut.

Sie küssen sich, die Menschen, lange und halten sich gegeneinander die Gesichter zwischen den Händen. Halten sich die Gesichter weg, wenn sie sich mit den Zähnen gegenseitig die Lippen wund beißen – immer wieder. Und ich sage: Beiß mich nicht. Und du tust es wieder. Wieder und wieder. Ich will mich nicht in dieses Gefühl legen, wenn es nur die Normalität ist – Elias nickt. Ich will mich nicht in dieses Gefühl legen, wenn du nur darauf wartest, dass noch etwas besseres kommt. Ich will, dass du mich bedingungslos liebst – das ist die Genealogie meines Namens. Elias. Und ich wäre mit meinem Ohr fast in seinem Atem hängen geblieben – du hast schon wieder zugebissen. Und wenn all deine Worte auf meinem Körper malen könnten, wie sie sich in meiner Seele festbeißen, wären es alles kleine blutige Rinnsale, wie ich mir manchmal vorstelle, du sitzt auch nur so rum und wirfst dein Sein in die Welt und willst geliebt werden.

Wir hauchen, wir hauchen – so von einem Ohr ins andere, so lässig daran vorbei. Wir hauchen so und spielen Verletzte und Wütender. Die meisten Menschen können sich gegenseitig nicht erfüllen. Das ist die Genealogie deines Namens. Ich weiß nicht, was du von mir willst. Erhol dich von deiner letzten Liebe. Ihr alle. Ich kenne dich nicht und es gibt diese lange Welt meines Nichtdaseins. Und es gibt diese lange Spalte zwischen dir und mir. Schließ die Augen – konzentrier dich. Atempause. Schnitt.

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