das kind schreit

Ich stelle mich in die Mitte der Dinge – als ihr Ausgangspunkt. Am Anfang der Dinge bin ich. Über mir schreit das Kind und es ist verständlich – endlich hat es begriffen, auf der Welt zu sein. Diese kleine Grausamkeit geht durch seine Schreie in mich über. Du sitzt am Schreibtisch und schreibst. Unbekümmert. Das gefällt mir so an dir – dich kümmert nichts. Ich schaue dich lange an, weil ich nicht weiß, wie ich dich berühren soll. Weil ich nicht weiß, ob ich da sein soll. Wenn ich so mit meinen Fingerkuppen deinen Hals entlangfahre, fühlt sich jede meiner Berührungen viel zu klein an, um dich zu erfassen – um dich überhaupt greifen zu können – ich denke nicht, dass ich bei dir ankomme. Und berühren bedeutet, zu rühren – an zu rühren – etwas in Bewegung zu bringen. Ich denke nicht, dass ich dich bewege. Ich bin kein bewegender Mensch. Ich schaue dich lange an. Das Kind schreit. Wenn tatsächlich niemand darum bittet, auf der Welt zu sein, irritiert mich dieser Zustand des auf-der-Welt-seins zunehmend. Ich reflektiere die Gegebenheit, dass nichts gegeben ist. Das Kind schreit. Niemand hat dich darum gebeten, auf der Welt zu sein. Ich drehe mich auf die Seite und sehe – dich. Also nur die Spitze deiner Armbeuge und wie du sie behutsam – könnte man sagen – über die Augen gelegt hast – obwohl du behautet hattest, es würde dir nichts ausmachen, mit den offenen Vorhängen zu schlafen, weil ich kann nicht ohne Welt schlafen oder immer sind diese Räume dann viel zu klein werdend, sobald man die Fenster schließt – ich will diese Ruhe nicht. Das Kind schreit. Ich sehe die Spitze deiner Armbeuge und wie du sie dir behutsam, könnte man sagen – aber das ist ja nur mein Eindruck – in Wahrheit hast du es einfach getan und in diesem reinen Tun liegt keine Behutsamkeit – nicht mal ein Gefühl – in tuen – das ist nämlich das älteste Wort Deutscher Sprache – in tuen liegt keine Behutsamkeit. Wenn wir einfach all diese Dinge tuen, weil wir sie tuen. Wir tuen nur so. Es ist also nur mein Blick auf die Spitze deiner Armbeuge über die Augen gelegt, der eine gewisse Behutsamkeit in dich hinein tut. Das bin also ich. Ich stehe am Anfang der Dinge. Mein Eindruck – und Eindruck bedeutet, das eigene Sein in die Welt einzudrücken – der Welt das eigene Sein aufzudrücken und darum hat nun wirklich niemand gebeten. Das Kind schreit. Dir also mein Sein aufzudrücken – ich dränge mich dir auf, während deine Armbeuge dich schützen soll. Als würde das reine Schließen der Augen irgendetwas daran ändern, dass das Kind schreit.

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das kind schreit

Ein Gedanke zu “das kind schreit

  1. „Eindruck bedeutet, das eigene Sein in die Welt einzudrücken – der Welt das eigene Sein aufzudrücken und darum hat nun wirklich niemand gebeten.“
    Welch ein (schöner) Satz. Darum bittet niemand, darum kämpft man selbst. Täglich von neuem.

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